Journal
30. Oktober 2026
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Drei Fragen an Ivan Krastev
Ivan Krastev ist Vorsitzender des Centre for Liberal Strategies in Sofia und Albert-Hirschman-Permanent-Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) in Wien. Im Jahr 2019 wurde er mit einem Mercator Senior Fellowship ausgezeichnet. 2020 erhielt er sowohl den Jean-Améry-Preis für europäische Essayistik als auch den Lionel Gelber Prize für sein Buch Das Licht, das erlosch: Eine Abrechnung. Darüber hinaus ist er Gründungsmitglied des Vorstands des European Council on Foreign Relations (ECFR).
Anlässlich der Lancierung des Facing the Future Fellowship-Programms sprachen wir mit Ivan Krastev über die aktuelle Krise der liberalen Demokratie und weshalb tiefgreifende gesellschaftliche Transformationen nach neuen Fragen und frischen Ideen verlangen.
ERSTE Stiftung Die gegenwärtige Krise der liberalen Demokratie wird oft als Krise der Institutionen beschrieben. Dahinter verbirgt sich jedoch eine tiefere Krise der Ideen. Wenn wir auf die europäische Geschichte blicken: Erleben wir lediglich eine vorübergehende Phase der Anpassung oder die Erschöpfung eines politischen und intellektuellen Modells, das den Kontinent seit 1989 geprägt hat?
Ivan Krastev Eine bestimmte Epoche der europäischen Geschichte ist zu Ende gegangen. Und jetzt müssen wir nicht nur unsere Vorstellungen von demokratischer Politik und demokratischen Institutionen anpassen, sondern sie auch neu erfinden. Für viele klingt das beunruhigend. Das sollte es nicht. Demokratie ist eine experimentelle Regierungsform, und musste sich schon mehrmals neu erfinden.
Die Demokratie, die nach 1945 in Europa entstand, war nicht wie jene der 1920er Jahre. Sie wurde von Menschen gestaltet, die erlebt hatten wie Demokratien sich selbst aus dem Amt wählten. Deshalb wurden bewusst Absicherungen eingeführt: Verfassungsgerichte, unabhängige Zentralbanken, die europäische Integration selbst. Institutionen, die die Demokratie vor ihren eigenen Mehrheiten schützen sollten. Das war eine große Umstellung, und eine radikale noch dazu.
Das Modell von 1989 hingegen, zumindest in meinem Teil Europas, wurde nicht neu entwickelt. Es wurde übernommen. Wir entwarfen keine neuen Institutionen, sondern importierten sie unter der Annahme, dass sie anderswo bereits funktionierten und dass unsere Aufgabe darin bestand, sie zu kopieren. Was heute erschöpft ist, ist weniger der Liberalismus als vielmehr dieser Imperativ der Nachahmung: die Annahme, politische Vorstellungskraft sei überflüssig, weil die Antwort bereits irgendwo im Westen existiert.
Wir erleben also die Erschöpfung eines Modells, nicht die Erschöpfung der Demokratie. Die eigentliche Frage lautet daher, ob wir auch so erfinderisch sein können wie die Generation von 1945 oder 1989, ohne dass uns eine Katastrophe dazu zwingt.
EF Verblasst gerade das Leitbild der liberalen Demokratie in Europa und den USA, das auf rationaler Entscheidungsfindung beruht?
IK Was schwindet, ist die Gesellschaft der Leserinnen und Leser. Die Demokratien des 20. Jahrhunderts funktionierten in Gesellschaften, die von hoher Alphabetisierung und dem kritischen Individuum geprägt waren: Menschen, die sich Informationen beschaffen, die sie benötigen, und sich ein eigenes Urteil über die Welt bilden. Wir behandeln diesen Typus oft, als wäre er eine natürliche Gegebenheit. In Wahrheit war er das Produkt einer Technologie, nämlich des gedruckten Wortes, und der Institutionen, die sich darum herum entwickelten: Schulen, Zeitungen, Massenparteien und öffentlich-rechtliche Medien.
Heute erleben wir eine Rückkehr zu einer emotional wirkungsvolleren visuellen und mündlichen Informationsaufnahme, zu dem, was Walter Ong als »sekundäre Mündlichkeit« bezeichnete. Diese Entwicklung wird oft unterschätzt. Mündliche Kulturen organisieren Wahrheit anders. Dort gilt als glaubwürdig, was von einer vertrauenswürdigen Person vermittelt wird, nicht das, was sich in einem Text überprüfen lässt. Es überrascht daher nicht, dass Vertrauen in Institutionen zunehmend durch Vertrauen in Gesichter ersetzt wird.
Die zweite wichtige Entwicklung ist die Beschleunigung des gesellschaftlichen Lebens. Ein Mensch, der heute nahezu alles innerhalb einer Woche kaufen kann, wird kaum bereit sein, vier Jahre zu warten, bevor er ein Urteil über eine Regierung fällt. Wahlen sind eine langsame Technologie, die für eine langsamere Welt erfunden wurden.
Gleichzeitig dürfen wir nicht der Nostalgie verfallen. Der rationale, gut informierte Bürger war immer eher Ideal als Realität. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, den Leser «wiederzubeleben», sondern demokratische Institutionen für eine Gesellschaft von Zuschauern und Zuhörern zu gestalten. Das ist eine Frage der politischen Gestaltung, und kein Anlass zum Trübsinn.
EF Bei vielen gemeinsamen Initiativen des IWM und der ERSTE Foundation geht es darum Umfelder und Räume zu schaffen, in denen Menschen mit neuen Ideen in Kontakt kommen, Annahmen hinterfragen und reflektierte Entscheidungen treffen können. Was können wir als Akteure der Zivilgesellschaft in diesem Zusammenhang realistischerweise erreichen?
IK In einem Moment wie diesem sind es nicht mehr Informationen, die wir brauchen, sondern Ideen. Und Menschen mit Ideen. Menschen, die Chancen erkennen, wo andere nur Risiken sehen. Nach solchen Menschen suchen wir. Und ich würde offen sagen: Sie zu finden ist schwieriger, als sie zu finanzieren.
Was wir realistischerweise erreichen können? Nicht die öffentliche Meinung zu verändern. Das können wir nicht, und Institutionen, die ihren Erfolg nach Reichweite messen, ähneln dann oft genau den Medien, zu denen sie eigentlich ein Gegengewicht bilden wollten.
Drei Dinge können wir jedoch sehr wohl beeinflussen. Wir können Orte schützen, an denen Menschen mit den unterschiedlichsten Erfahrungen einander begegnen und miteinander streiten können. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass solche Orte jemals so selten waren wie heute. Wir können neu Begrifflichkeiten entwickeln, denn politischer Wandel beginnt häufig dann, wenn etwas, das Menschen bereits spüren, einen Namen erhält. Und wir können in Individuen statt in Kampagnen investieren, denn Ideen verbreiten sich durch Menschen, nicht durch Formate.
Es wurde einmal gesagt, dass Krisen keine neuen Ideen hervorbringen; sie wählen vielmehr aus den Ideen aus, die bereits vorliegen. Das ist die ehrlichste Beschreibung unserer Arbeit, die ich kenne. Unser Ziel ist nicht, die Debatte des nächsten Nachrichtenzyklus zu gewinnen. Unser Ziel ist es sicherzustellen, dass, wenn der entscheidende Moment kommt, etwas Besseres bereitliegt als die Vorschläge jener, die das demokratische Experiment beenden möchten.
EF Dürfen wir noch eine zusätzliche Frage stellen? Francis Fukuyama vertritt bekanntlich die Auffassung, dass die liberale Demokratie die überlegene Form gesellschaftlicher Organisation sei, während Lea Ypi als Antwort auf die gegenwärtige Krise eine demokratische Form des Sozialismus vorschlägt. Beide waren im vergangenen Jahr Facing the Future Fellows. Was geschieht, wenn solch gegensätzliche Perspektiven auf einander stoßen? Und wie können Denkerinnen und Denker heute überhaupt noch eine öffentliche Meinung beeinflussen, die zunehmend von kürzeren Aufmerksamkeitsspannen und weniger anspruchsvollen Inhalten geprägt wird? Reichen Bücher noch aus, oder brauchen Ideen neue Formate, um Menschen zu erreichen?
IK Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wir in Zeiten radikalen Wandels nicht einfach neue Antworten auf alte Fragen haben. Wir stellen neue Fragen. Deshalb ist es so wichtig, dass unterschiedliche Erfahrungen, generationelle wie geografische, und unterschiedliche Intuitionen über die Welt aufeinandertreffen und miteinander sprechen.
Francis Fukuyama und Lea Ypi sind in vielem unterschiedlicher Meinung. Doch in zwei Punkten stimmen sie überein, und diese Übereinstimmung ist aufschlussreicher als ihre Meinungsverschiedenheiten. Erstens: Die Verteidigung des Status quo ist keine Option. Zweitens: Sowohl in Europa als auch in den Vereinigten Staaten erleben wir eine oligarchische Entwicklung innerhalb unserer Demokratien, die den Charakter des politischen Systems selbst bedroht. Wenn ein Liberaler und eine Sozialistin in ihrer Diagnose übereinstimmen, sich aber über die Therapie uneinig sind, dann deutet das darauf hin, dass der zentrale Konflikt unserer Zeit nicht länger Liberalismus gegen Sozialismus ist. Er lautet vielmehr: Demokratie gegen Oligarchie.
Was Bücher betrifft, bin ich weniger pessimistisch, als die Frage vermuten lässt, denn ich glaube, wir missverstehen ihren Zweck. Ein Buch war nie das Format, um die Massen zu erreichen. Es ist ein Werkzeug, das der schreibenden Person dabei hilft, ihre Gedanken zu entwickeln, und die einiger Tausend Leserinnen und Leser, die es intensiv lesen und die wiederum lehren, beraten, publizieren und debattieren. Der Einfluss des Buches war immer indirekt. Was sich heute auflöst, ist nicht das Buch, sondern die Kette der Vermittler, die seine Ideen weitergetragen hat: Feuilletons, parteinahe Intellektuelle, öffentlich-rechtliche Medien, Wochenzeitungen.
Also ja, Ideen brauchen neue Formate, und wir sollten bereit sein, diese zu nutzen – ohne Sentimentalität. Gleichzeitig müssen wir uns ihrer Eigenlogik bewusst sein. Podcasts und Video-Essays eignen sich hervorragend dazu, bestehende Überzeugungen zu vertiefen. Weniger geeignet sind sie jedoch, um Überzeugungen zu erschüttern. Es mangelt nicht an Formaten, sondern an Argumenten, die Menschen überraschen können. Der Maßstab für den Erfolg unserer Diskussionen sollte nicht sein, ob das Publikum am Ende zustimmt. Entscheidend ist vielmehr, ob jemand mit einer anderen Frage den Raum verlässt, als jener mit der sie oder er gekommen ist.
Foto: Wolfgang Voglhuber – VOGUS