Journal
30. Oktober 2026
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Die Bedeutung der Zivilgesellschaft: Lehren aus Serbien
Die jüngsten Wahlen in Serbien markieren einen historischen demokratischen Durchbruch. Hinter diesem Ergebnis steht eine eindrucksvolle Mobilisierung der Zivilgesellschaft, die die politische Zukunft des Landes grundlegend verändert hat.
Was als von Studierenden angeführte Mobilisierung nach dem tragischen Einsturz des Vordachs des neu renovierten Bahnhofs von Novi Sad am 1. November 2024 begann, entwickelte sich zu einer breiten Bürgerbewegung, die Rechenschaftspflicht, Transparenz, Rechtsstaatlichkeit und vor allem politischen Wandel einforderte. Im Laufe der Zeit wurde sie zur bedeutendsten Oppositionskraft des Landes. Als der Wahltag näher rückte, waren viele ihrer zentralen Forderungen nach wie vor unerfüllt, wodurch die Wahl zu einem umfassenderen Test demokratischer Reaktionsfähigkeit wurde.
Der Wahlkampf fand vor dem Hintergrund anhaltenden zivilgesellschaftlichen Engagements statt: Fast zwei Jahre lang organisierten Studierende, unterstützt von jungen Menschen und Bürger:innen unterschiedlichster sozialer und politischer Herkunft, friedliche Demonstrationen, lokale Initiativen und öffentliche Aktionen. Kollektives Handeln trat an die Stelle politischer Apathie.
Als die Bevölkerung am 25. November 2026 an die Urnen ging, war das Wahlumfeld von Druck auf Aktivist:innen und Wahlbeobachter:innen, Vorwürfen von Einschüchterung und Überwachung sowie anhaltenden Fragen zur Fairness des Wahlprozesses geprägt. Unabhängige Medien sahen sich wachsendem Druck ausgesetzt, während die Fernsehlandschaft weiterhin überwiegend von regierungsnahen Narrativen dominiert wurde.
Und dennoch erneuerten die Entschlossenheit und der Mut der Bewegung die Hoffnung auf Wandel und eine demokratische Zukunft in der serbischen Gesellschaft. Die Wahlbeteiligung erreichte einen historischen Höchststand. Vorläufigen Ergebnissen zufolge erhielt die Studierendenliste 52.71 % der Stimmen gegenüber 39.17 % für die Serbische Fortschrittspartei und errang damit die Mehrheit im Parlament. Die 14-jährige Herrschaft von Aleksandar Vučić war damit beendet. Ein demokratische Durchbruch, dessen Bedeutung weit über die Grenzen Serbiens hinausreicht.
WO Demokratischer Wandel beginnt
Die Wahlen in Serbien haben eindrucksvoll vor Augen geführt, warum Demokratie wichtig ist und wie demokratische Erneuerung entstehen kann. Sie gehören zu den überzeugendsten Beispielen in Europa für die Kraft gesellschaftlicher Teilhabe und zeigen, wie demokratischer Wandel aus einer aktiven Zivilgesellschaft heraus entstehen kann.
Fast zwei Jahre lang vereinte eine breite, führungslose und gewaltfreie Bewegung, getragen von Studierenden, Bürger:innen über soziale und politische Grenzen hinweg. Gemeinsam traten sie Rechenschaftspflicht, Würde und demokratische Prinzipien ein. Indem die Bewegung Frustration in kollektives Handeln verwandelte, zeigte sie, dass Demokratie dann am stärksten ist, wenn Menschen daran glauben, dass Veränderung möglich ist, und bereit sind, sich zu organisieren, sich zu engagieren und gemeinsam für Veränderung einzutreten.
Die Zivilgesellschaft spielte dabei eine zentrale Rolle. In Zeiten politischen Drucks, gesellschaftlicher Polarisierung und Unsicherheit werden zivilgesellschaftliche Organisationen, unabhängige Medien, lokale Aktivist:innen und engagierte Persönlichkeiten in den Gemeinden oft zu Hüter:innen demokratischer Freiräume. Sie helfen Menschen dabei, sich zu organisieren, informiert zu bleiben und Vertrauen in kollektives Handeln aufrechtzuerhalten. Die jüngsten Entwicklungen in Serbien zeigen, dass demokratische Resilienz lange vor dem Wahltag entsteht: durch jahrelanges Engagement, lokale Vernetzung und die Förderung neuer Führungspersönlichkeiten. Daraus ergeben sich wichtige Lehren für andere Länder mit verhärteten politischen Strukturen: Nachhaltiger Wandel entsteht aus breiten zivilgesellschaftlichen Ökosystemen und nicht durch einzelne Führungspersonen.

Seit vielen Jahren stärkt die ERSTE Stiftung genau jene Grundlagen demokratischer Resilienz in Serbien und der Region. Sie unterstützte Organisationen, die sich für gesellschaftliche Teilhabe, unabhängiges Denken, Gemeindeentwicklung, soziale Innovation und demokratische Kultur einsetzen.
Zu den ermutigendsten Entwicklungen zählen neue zivilgesellschaftliche Führungspersönlichkeiten, widerstandsfähige unabhängige Medieninitiativen, starke lokale Netzwerke sowie eine engere Zusammenarbeit über gesellschaftliche und institutionelle Grenzen hinweg. Unser Ansatz hat sich dabei von der Förderung einzelner Projekte hin zu Investitionen in langfristige Kapazitäten, Ökosysteme und Partnerschaften entwickelt, die zivilgesellschaftliche Akteur:innen befähigen, Druck standzuhalten und Chancen für Veränderung zu nutzen.
Beispiele für diesen Ansatz finden sich in einer Reihe von Initiativen, die demokratische Resilienz von der lokalen bis zur europäischen Ebene stärken: Der European Fund for the Balkans (EFB) bringt zivilgesellschaftliche Akteur:innen, Institutionen und aufstrebende Führungspersönlichkeiten zusammen, um demokratische Reformen voranzutreiben und die europäische Integration des Westbalkans zu fördern. CAS SEE UNIRI – Center for Advanced Studies stärkt kritisches Denken, grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Dialog in Südosteuropa. Das Zentrum schafft Räume, in denen Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und öffentliche Intellektuelle Fragen der Versöhnung, Demokratie und europäischen Integration diskutieren können. Reporting Democracy fördert unabhängigen Journalismus und eine informierte öffentliche Debatte durch hochwertige Berichterstattung in Mittel-, Ost- und Südosteuropa. Das Democracy Re:Boot Camp unterstützt eine neue Generation demokratischer Führungspersönlichkeiten mit Netzwerken, Kompetenzen und Solidarität, um demokratische Werte in gemeinsames Handeln zu übersetzen.
Mit tiefen regionalen Wurzeln, vertrauensvollen Partnerschaften und starken Netzwerken arbeitet die ERSTE Stiftung daran, Demokratie in Mittel-, Ost- und Südosteuropa zu stärken. Unsere Arbeit ist nicht parteipolitisch. Wir bauen Institutionen, Netzwerke und Initiativen auf, unterstützen und vernetzen sie, damit Gesellschaften offen, resilient und solidarisch bleiben.
Mit Blick auf die Zukunft wird es entscheidend sein, die aktuelle demokratische Dynamik in dauerhaft tragfähige Institutionen zu überführen. Stiftungen können dazu am meisten beitragen, indem sie langfristige Unterstützung leisten, lokale Eigenverantwortung respektieren und anerkennen, dass demokratische Transformation weder geradlinig noch unmittelbar erfolgt. Für die ERSTE Stiftung bedeutet dies, ihre Unterstützung kontinuierlich an lokale Bedürfnisse und Rahmenbedingungen anzupassen: weg von der bloßen Reaktion auf demokratische Herausforderungen hin zur Stärkung von Rechenschaftspflicht, Beteiligung und institutioneller Resilienz, damit demokratische Fortschritte Bestand haben und offene, widerstandsfähige Gesellschaften wachsen können.
Titelbild: Gavrilo Andrić / protesti.pics