Das Fellowship-Programm Facing the Future (Nachfolger von Europe’s Futures) bringt etablierte und aufstrebende Denker:innen zusammen, um die Zukunft der liberalen Demokratie neu zu denken. In einer Zeit, in der die Versprechen der liberalen Ordnung zunehmend infrage gestellt werden, verbindet das Programm unabhängige Forschung, kritischen Austausch und öffentliche Debatten. Ziel ist es, neue Perspektiven auf zentrale Begriffe wie Freiheit, Solidarität, Souveränität und Zugehörigkeit zu entwickeln.
Die Krise der liberalen Demokratie ist nicht nur eine Krise der Institutionen, sondern vor allem eine Krise der Ideen. Weltweit haben die grundlegenden Versprechen der liberalen Ordnung für viele Menschen an Überzeugungskraft und Glaubwürdigkeit verloren. Der Aufstieg illiberaler Bewegungen ist dabei keine Ausnahmeerscheinung, sondern Ausdruck tieferliegender gesellschaftlicher Spannungen und Umbrüche, auf die die Politik noch nach Antworten sucht.
Gerade in Europa stellen sich diese Fragen mit besonderer Dringlichkeit. Die Europäische Union ist ihrem Wesen nach ein liberales Projekt. Ihre Legitimität, ihre Erweiterung, ihre institutionelle Architektur und ihre Vision politischer Zusammenarbeit jenseits des Zeitalters der Imperien beruhen auf Grundlagen, die heute sowohl von innen als auch von außen herausgefordert werden. In diesem Sinne sind die Zukunft der EU und die Zukunft des Liberalismus untrennbar miteinander verbunden.
Inspiriert von Persönlichkeiten wie Jan Patočka und Václav Havel fördert Facing the Future Denker, die bereit sind, unbequeme Fragen zu stellen, die Schwächen des Liberalismus kritisch zu analysieren, sich ernsthaft mit seinen Kritiker:innen auseinanderzusetzen und neue Denkansätze für das Europa der Gegenwart zu entwickeln. Ihre Arbeit findet nicht im Elfenbeinturm statt, sondern im öffentlichen Raum: Sie schafft Orte für Reflexion und bringt Ideen zu denjenigen, die politische und gesellschaftliche Verantwortung tragen.
Im akademischen Jahr 2026/27 gehören Gazela Pudar Draško, Thomas Gomart, Kristijan Fidanovski, Laura K. Field, Jan-Werner Müller, Sergey Radchenko, Sophia Rosenfeld, Moritz Schularick und Anna Wojciuk zum Kreis der Fellows. Sie verfolgen jeweils eigene Forschungsprojekte, treffen sich mehrmals im Jahr als Jahrgang und beteiligen sich über Publikationen, Veranstaltungen und Medienbeiträge an öffentlichen und politischen Debatten.
Die Fellows 2026/27
Fellow
Kristijan Fidanovski
Ökonom, Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw)
Kristijan Fidanovski ist Ökonom und forscht zu den Themen Demografiepolitik, Wohlfahrtsstaatsgestaltung und politische Ökonomie Osteuropas. Am wiiw erforscht er die diskursive Darstellung, politische Ausprägungen, Treiber und auswirkungen auf Geburtenraten des Pronatalismus in Osteuropa. Seine Forschung verbindet damit die Wirtschaftssoziologie der Familienpolitik mit der politischen Soziologie natalistischer und nationalistischer Bewegungen.
Fellow
Laura K. Field
Politikwissenschaftlerin und nonresident fellow, Brookings Institution
Laura K. Field zählt zu den wichtigsten Forscherinnen zum American New Right. Ihr Buch Furious Minds: The Making of the MAGA New Right (Princeton University Press, 2025) liefert den ersten fundierten Insiderbericht über das Netzwerk von Wissenschaftlern, öffentlichen Intellektuellen und Meinungsführern, die die ideologischen Grundlagen der Trump-Bewegung geprägt und vorangetrieben haben.
Fellow
Thomas Gomart
Historiker und Stratege; Direktor, Institut francais des relations internationales (IFRI)
Thomas Gomart ist seit 2015 Direktor des IFRI (Institut français des relations internationales), einer der einflussreichsten Thinktanks Europas. Als Historiker der internationalen Beziehungen verbindet er wissenschaftliche Tiefe mit unmittelbarer Erfahrung in der Politikgestaltung.
Seine jüngsten Bücher, L’Affolement du monde (2019), Guerres invisibles (2021), Les Ambitions inavouées (2023) und L’Accélération de l’histoire (2024), bilden zusammen eine fortlaufende analytische Auseinandersetzung mit einer Welt, die sich zunehmend von den etablierten Rahmenbedingungen der internationalen, liberal geprägten Ordnung entfernt.
Fellow
Jan-Werner Müller
Politikwissenschaftler; Roger Williams Straus Professor of Social Sciences, Princeton University
Jan-Werner Müller zählt zu den meistzitierten Politikwissenschaftlern der Gegenwart im Bereich Demokratie- und Populismusforschung. Seine Arbeit verbindet die US-amerikanische und die europäische Perspektive und beleuchtet die transatlantischen Dimensionen der Krise des Liberalismus.
Fellow
Gazela Pudar Draško
Direktor und Senior Research Fellow, Institute for Philosophy and Social Theory, University of Belgrade
Gazela Pudar Draško ist Politische Soziologin und ist eine der profiliertesten jungen Intellektuellen Serbiens und des westlichen Balkans. Als Direktorin des Instituts für Philosophie und Gesellschaftstheorie der Universität Belgrad leitet sie Forschungsarbeiten zu sozialen Bewegungen, partizipativer Demokratie, sowie den Dynamiken hybrider Regime. Besonders ihre Untersuchungen zu den von Studentenprotesten in Serbien, in denen sie analysiert, wie zivilgesellschaftliche Mobilisierung unter den Bedingungen eines semiautoritären beziehungsweise kompetitiv-autoritären politischen Systems funktioniert, liefern wichtige Einblicke, wie demokratische Resilienz unter Druck tatsächlich gestärkt und gelebt wird.
Fellow
Sergey Radchenko
Historiker des Kalten Krieges; Wilson E. Schmidt Distinguished Professor, Johns Hopkins SAIS
Sergey Radchenko zählt zu den bedeutendsten Historikern des Kalten Krieges und der sowjetischen Außenpolitik. Dadurch verfügt er über einen besonders fundierten Zugang zum Verständnis von Russlands gegenwärtiger Außenpolitik und den Mechanismen von Großmachtrivalitäten. Sein Werk To Run the World: The Kremlin’s Cold War Bid for Global Power (Cambridge University Press, 2024), in dem er die These vertritt, dass die Außenpolitik des Kremls stets ebenso stark vom Streben nach Anerkennung und Legitimität wie von materiellen Interessen geprägt war, ist für das Verständnis der Ursachen von Russlands Krieg gegen die Ukraine und seines breiteren geopolitischen Kontexts von zentraler Bedeutung.
Fellow
Sophia Rosenfeld
Ideenhistorikerin; Walter H. Annenberg Professor of History, University of Pennsylvania
Sophia Rosenfeld zählt zu den führenden Historikerinnen der Aufklärung und des transatlantischen Zeitalters der Revolutionen. Ihre Arbeiten beleuchten die tiefen historischen Wurzeln jener Spannungen und Unzufriedenheiten, mit denen der Liberalismus heute konfrontiert ist. In ihrem jüngsten Buch The Age of Choice: A History of Freedom in the Modern World (Princeton University Press, 2025), das mit dem István-Hont-Preis für Ideengeschichte ausgezeichnet wurde, zeigt sie, wie die Wahlfreiheit zugleich zu einer der größten Errungenschaften des Liberalismus wurde und zu einem seiner folgenreichsten und potenziell destabilisierenden Versprechen.
Fellow
Moritz Schularick
Makroökonom; Professor, University of Bonn and Sciences Po Paris
Moritz Schularick zählt zu den international renommiertesten Makroökonomen Europas. Seine Forschung zu Kreditzyklen, Finanzkrisen, der politischen Ökonomie von Verschuldung sowie den politischen Folgen von Finanzkrisen liefert wichtige Erkenntnisse darüber, wie wirtschaftliche Verunsicherung und soziale Abstiegsängste den Aufstieg illiberaler Politik in vielen westlichen Demokratien begünstigt haben. Seine Arbeiten tragen maßgeblich zum Verständnis der Wechselwirkungen zwischen wirtschaftlicher Entwicklung, politischer Stabilität und demokratischer Resilienz bei.
Fellow
Anna Wojciuk
Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Internationale Beziehungen; Associate Professor, Universität Warschau
Anna Wojciuk ist eine interdisziplinäre Expertin für Internationale Beziehungen, deren Forschung von Theorien der Internationalen Beziehungen über die Außenpolitik populistischer Regierungen bis hin zu den internationalen Dimensionen von Bildung und Wissenschaft sowie der sich wandelnden Architektur europäischer Souveränität reicht. Aufgrund ihrer Kenntnisse der polnischen Politik und Gesellschaft sowie ihrer aktiven Rolle im intellektuellen und reformorientierten öffentlichen Leben Polens ist sie eine wichtige Stimme in Fragen der demokratischen Erneuerung nach autoritären oder illiberalen Entwicklungen.
Die Fellows 2026/27 untersuchen verschiedene Dimensionen der illiberalen Wende: ihre ideengeschichtlichen Ursprünge, ihre psychologischen und gesellschaftlichen Triebkräfte sowie historische Parallelen. Gleichzeitig entwickeln sie neue Denkansätze für liberale Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit.
Das Programm wird in strategischer Partnerschaft mit dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) durchgeführt. Es knüpft an das renommierte Programm Europe’s Futures an, das die beiden Partner von 2018 bis 2026 gemeinsam umgesetzt haben.