Kunst, Erinnerung und Imagination auf der Venedig Biennale 2026

Die Biennale di Venezia gilt als die bedeutendste Ausstellung für zeitgenössische Kunst weltweit. Mit zuletzt rund 700.000 Besuchenden und 86 nationalen Beteiligungen ist sie eine zentrale Plattform für globalen Austausch und kulturelle Repräsentation. Doch ihre Struktur ist bis heute national organisiert: Jedes Land zeigt seinen Beitrag in einem eigenen Pavillon. Genau darin werden Fragen von Macht, Identität und geopolitischen Spannungen sichtbar, die weit über die Kunst hinausreichen.

Wie aktuell diese Spannungsfelder sind, zeigt die Ausgabe 2026 besonders deutlich. Debatten über die Teilnahme Russlands und Israels, Proteste während der Eröffnungstage sowie der Rücktritt der gesamten internationalen Jury rückten die Biennale selbst ins Zentrum politischer Auseinandersetzungen. Damit wurde einmal mehr sichtbar: die Biennale bildet nicht nur aktuelle Konflikte ab, sie ist auch ein Ort, an dem Fragen von Repräsentation, Verantwortung und kultureller Diplomatie verhandelt werden.

Vor diesem Hintergrund haben wir drei Künstler:innen und Kurator:innen aus unserem Netzwerk in Zentral-, Ost- und Südosteuropa gefördert, die heuer in Venedig vertreten sind: Für Moldau und Rumänien unterstützte die Stiftung die künstlerische Recherche zu den jeweiligen Arbeiten, für Slowenien die begleitende Publikation. Die Arbeiten befassen sich mit zentralen aktuellen Herausforderungen, von Krieg und Erinnerung über ökologische Transformation bis hin zu Fragen des Zusammenlebens. In kurzen Videogesprächen sprechen die beteiligten Künstler:innen und Kurator:innen über die Entstehung ihrer Projekte, ihre inhaltlichen Anliegen und die gesellschaftlichen Fragestellungen, die diese verhandeln.

Moldau: Wenn fliegende Teppiche zu Drohnen werden

In seiner erstmaligen offiziellen Teilnahme an der Biennale di Venezia präsentiert der moldauische Pavillon eine Arbeit des Künstlers Pavel Brăila, kuratiert von Adelina Luft, die ein vertrautes Motiv der Folklore in die Realität der Gegenwart überführt.

In On the Thousand and Second Night schweben Teppiche mithilfe von Drohnentechnologie durch den Ausstellungsraum. Was zunächst verspielt und märchenhaft erscheint, entwickelt sich zu einer Reflexion über Überwachung, Konflikt und Freiheit. Die Installation zeigt, wie sich der Luftraum von einem einstigen Ort der Imagination zu einem geopolitisch umkämpften Raum gewandelt hat. Zugleich verweisen die Teppiche auf überlieferte Vorstellungen von Schutz, Zugehörigkeit und einer Verbindung zwischen Mensch und Umwelt. Anstatt eine nationale Erzählung in den Mittelpunkt zu stellen, verortet die Arbeit Moldau innerhalb größerer Debatten über Krieg, Vertreibung und Resilienz, ohne dabei den Horizont der Vorstellungskraft aufzugeben.

Im Videogespräch sprechen Pavel Brăila und Adelina Luft über die Spannungen einer Gegenwart, die von Unsicherheit, Zerstörung und Widerstand geprägt ist. Ausgehend von der Symbolik der Teppiche reflektieren sie, wie Kunst Gewalt sichtbar machen, Formen der Solidarität stärken und alternative Vorstellungen des Zusammenlebens entwerfen kann.

Rumänien: Den Geschichten des Schwarzen Meeres lauschen

Im rumänischen Pavillon untersucht das Künstlerduo Anca Benera und Arnold Estefán, kuratiert von Corina Oprea und Diana Marincu, das Schwarze Meer als lebendiges Archiv.

Black Seas – Scores for the Sonic Eye erzählt vom Schwarzen Meer, seiner geografischen Lage, geologischen Beschaffenheit sowie als Reservoir überlagerter Menschheits- und Erdgeschichten: In seinen Tiefen verlangsamen sich Zersetzungsprozesse erheblich. Der Meeresboden wird so zu einem Archiv von Schiffswracks, Sedimenten und Mikroorganismen. Anstatt die Vergangenheit auszulöschen, bewahrt das Schwarze Meer sie wie eine in Schichten abgelagerte Zeitkapsel.

Die künstlerische Arbeit von Benera und Estefán verbindet Klang, Bewegtbild und Skulptur zu einer vielschichtigen Erzählung über ökologische, historische und politische Prozesse. Migration, Ressourcengewinnung, Konflikte und Umweltveränderungen erscheinen hier als miteinander verflochtene Geschichten, die bis heute in die Region hineinwirken.

Slowenien: Eine vergessene Moschee und die Politik der Erinnerung

Im slowenischen Pavillon präsentiert die Kuratorin Nataša Petrešin-Bachelez die Arbeit Soundtrack for an Invisible House der Nonument Group. Ausgangspunkt ist die Geschichte einer heute weitgehend vergessenen Moschee, die während des Ersten Weltkriegs von der österreichisch-ungarischen Armee errichtet wurde.

Durch die Verbindung von Klang, Raum und historischer Recherche untersucht das Projekt die Beziehungen zwischen Religion, Macht und kollektivem Gedächtnis. Besucher:innen werden eingeladen, über Geschichten nachzudenken, die aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden sind, sowie über die Mechanismen, durch die Gesellschaften erinnern, vergessen oder bestimmte Narrative ausbilden. So entsteht ein Raum für die Auseinandersetzung mit Zugehörigkeit, kulturellem Erbe und sozialer Inklusion. Im Video spricht Nataša Petrešin-Bachelez über Kunst als Praxis des Erinnerns und darüber, wie verborgene Geschichten und gesellschaftliche Verbindungen sichtbar werden können. Ausgehend von der Geschichte der Moschee reflektiert sie Fragen von Zugehörigkeit, Zusammenleben und die Sichtbarkeit von Minderheiten.

Neue Perspektiven auf gemeinsame Herausforderungen

Die drei Arbeiten aus Moldau, Rumänien und Slowenien folgen unterschiedlichen künstlerischen Strategien, teilen aber eine gemeinsame Haltung: Sie richten den Blick auf verborgene Geschichten, fragile Erinnerungen, ökologische Verflechtungen und die Auswirkungen politischer Konflikte auf den Alltag von Menschen – Fragen, die weit über die Biennale hinausreichen.

Gerade in Zeiten gesellschaftlicher Polarisierung und zunehmender Unsicherheit schaffen Kunst und Kultur Räume für Austausch, kritische Reflexion und neue Perspektiven. Mit der Förderung von Künstler:innen, Kurator:innen und kulturellen Netzwerken in Zentral-, Ost- und Südosteuropa trägt die ERSTE Stiftung dazu bei, solche Räume zu stärken und Verbindungen über nationale Grenzen hinweg sichtbar zu machen. Die hier vorgestellten Projekte zeigen beispielhaft, wie Kunst komplexe Gegenwarten erfahrbar macht, unterschiedliche Erfahrungen miteinander ins Gespräch bringt und Vorstellungen davon eröffnet, wie gemeinsames Zusammenleben gestaltet werden kann.


Die 61. Internationale Kunstausstellung der Biennale di Venezia, In Minor Keys, läuft vom 9. Mai bis 22. November 2026 in den Giardini, im Arsenale und an weiteren Orten in Venedig.

Titelbild: Anca Benera & Arnold Estefán, Black Seas – Scores for the Sonic Eye, photo © Samuele Cherubini