Neustart schaffen: 20 Jahre Zweite Sparkasse

»Wir füllen mit der Zweiten Sparkasse den fast 200 Jahre alten Sparkassengedanken mit neuem Leben.«

Als die erste Geschäftsstelle der Zweiten Sparkasse im November 2006 ihre Türen öffnete, war es für Andreas Treichl, damals Vorstandsvorsitzender der ERSTE Stiftung und Generaldirektor der Erste Bank, eine logische und natürliche Kontinuität. »Die Sparkassen wurden genau hier im 2. Bezirk in Wien als Institutionen im Interesse des Gemeinwohls gegründet. Die ERSTE Stiftung überträgt damit den Gründungsgedanken der Sparkassen in die gesellschaftliche Realität des modernen Lebens. Damals wie heute geht es darum, Menschen durch einfache Finanzdienstleistungen in ihrer Eigenverantwortung und Entwicklung zu stärken,« sagte Treichl anlässlich der Eröffnung.

Eröffnung der Zweiten Sparkasse 2006: v. l. n. r. Evelyn Hayden – Gründungsvorstand der Zweiten Sparkasse, Andreas Treichl – Vorstandsvorsitzender der ERSTE Stiftung und Generaldirektor der Erste Bank, Gerhard Ruprecht – Gründungsvorstand der Zweiten Sparkass, Franz Küberl – Präsident der Caritas. Foto – ERSTE Stiftung Archiv

Manchmal braucht es eine zweite Chance

Aus schwierigen wirtschaftlichen Situationen herauszukommen, dauert oft Jahre und ist mit Angst, Schamgefühl und Hoffnungslosigkeit verbunden. Die Zweite Sparkasse wurde 2006 gegründet, um genau diesen Menschen zur Seite zu stehen.

Es braucht manchmal nicht viel, um in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten. So wie bei Sabine O., die im Zug ihrer Scheidung auf den Schulden ihres Mannes sitzen blieb und nicht mehr wusste, wie sie über die Runden kommen sollte. Als sie schlussendlich doch zur Schuldnerberatung ging, war es der direkte Kontakt zu den Mitarbeitern der Zweiten Sparkasse, der ihr wieder Hoffnung gab: „…die nehmen dir ein bisschen die Angst vor der Zukunft. Die sagen: »Das kriegen wir wieder hin.«

In den ersten 10 Jahren ihres Bestehens, ging es vor allem darum, neben individueller Beratung, Menschen ohne Bank ein Girokonto zur Verfügung zu stellen. Eine »Bank für Menschen ohne Bank« zu sein war besonders wichtig, da damals viele Menschen einfach kein Konto bekommen konnten. In einer prekären Lage erschwerte das dann zusätzlich den Zugang zum Arbeitsmarkt, das Bezahlen von Rechnungen und die generelle Teilnahme am modernen Geldleben. In dieser Hinsicht war die Zweit Sparkasse eine Vorreiterin. Als 2016 dann das Recht auf ein Basiskonto eingeführt wurde, machte das die Zweite kein bisschen weniger relevant. Im Gegenteil: Sie spezialisierte sich darauf Kontomodelle zu entwickeln, die die Rückkehr zur finanziellen Selbstständigkeit noch besser ermöglichen.

Erstklassiger Erfolg

Schon rund 28.000 Menschen wurden in einer der acht Filialen der Zweiten Sparkasse über die letzten 20 Jahre von ehrenamtlichen Mitarbeiter:innen der Erste Bank bundesländerweit betreut. Ziel ist es, einen dauerhaften Wiedereinstieg in ein selbstständiges finanzielles Leben zu begleiten. Damit ist die Zweite Sparkasse wohl die einzige Bank, die sich darüber freut, wenn sie Kunden verliert.

Eine von derzeit 380 Freiwilligen ist Bianca Schwabl, Filialleiterin des Beratungszentrum am Erste Campus. Für sie bedeutet die Mitarbeit in der Zweiten Sparkasse »gesellschaftliche Verantwortung aktiv zu übernehmen und einen Beitrag für Menschen zu leisten, die sich in herausfordernden Lebenssituationen befinden«. Was die Zweite Sparkasse für sie so besonders macht ist das Engagement der Mitarbeiter:innen und die familiäre Atmosphäre:

»Vor allem unsere pensionierten Kolleg:innen bringen ihre Erfahrung, ihr Wissen und ihre Zeit mit großer Selbstverständlichkeit und einer Riesenportion Humor ein. (…) Jede und jeder packt mit an, gegenseitige Unterstützung wird gelebt und das gemeinsame Ziel steht im Vordergrund. Dieses Miteinander macht die Zusammenarbeit besonders und zeigt, was möglich ist, wenn Menschen mit Überzeugung und Herz an einer gemeinsamen Sache arbeiten.«

Mut zur Zukunft

Ein Jubiläum ist nicht nur eine Gelegenheit, das Erreichte zu feiern, sondern auch in die Zukunft zu blicken. »Mit ihrer neuen strategischen Ausrichtung geht die Zweite Sparkasse einen mutigen und zukunftsweisenden Schritt: Sie verbindet akute Hilfe mit präventiver Finanzbildung und schafft so nachhaltige Perspektiven für finanziell benachteiligte Menschen. (…) Meine Vision ist es, unser Angebot so skalierbar zu gestalten, dass wir allen Menschen, die unsere Unterstützung annehmen möchten, diese auch zukommen lassen können«, erklärt Rupert Rieder, Vorstandsvorsitzender der Zweiten Sparkasse.

Was sich jedoch auch in den kommenden 20 Jahren nicht ändern wird, ist der Kern der Idee: Die Zweite Sparkasse steht für das Versprechen, dass niemand dauerhaft ausgeschlossen wird. Für Boris Marte, damals Managing Director der ERSTE Stiftung ergibt sich die Bedeutsamkeit der Zweiten Sparkasse »nicht nur aus ihrer Bedeutung für ihre Kunden, sondern auch aus ihrer Bedeutung für jene, die die Zweite im Moment nicht brachen. Weil sie wissen, dass im Falle, dass etwas im Leben passiert, sie in diesem System… niemals rausfliegen können.«

Der gesellschaftliche Wert der Zweiten Sparkasse geht in diesem Sinne weit über finanzielle Unterstützung hinaus. Denn jeder Mensch, der durch die Zweite Sparkasse neue Perspektiven gewinnt und wieder Zuversicht schöpft, stärkt auch das Vertrauen in unsere Institutionen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Fünf Fragen an Annunziata Magis

Heute setzt sich Annunziata Magis im Financial Life Park, Österreichs bedeutendstem Projekt für Finanzbildung, dafür ein, mehr Menschen den Zugang zu finanzieller Teilhabe zu ermöglichen. Foto – privat.

Auch 20 Jahre nach ihrer Gründung steht die Zweite Sparkasse beispielhaft für die gesellschaftliche Verantwortung der ERSTE Stiftung. Sie zeigt, dass der ursprüngliche Sparkassengedanke nichts von seiner Aktualität verloren hat: Menschen Chancen zu eröffnen, Teilhabe zu ermöglichen und sie dabei zu unterstützen, ihre Zukunft aus eigener Kraft zu gestalten. Wie sich die Idee für die Zweite Sparkasse entwickelte, welche Rolle die ERSTE Stiftung dabei spielte und wie die Zweite andere Projekte im Bereich finanzielle Inklusion inspiriert, erzählt Annunziata Magis in einem Kurzinterview. Sie war 2006 Gründungsmitglieder der Zweiten Sparkasse und ist heute als Expansion Lead im Financial Life Park tätig.

ERSTE Stiftung Wie entstand die Idee einer »Bank für Menschen ohne Bank« innerhalb des Sparkassen- und Erste-Umfelds?

Annunziata Magis Ich habe damals bei der Caritas gearbeitet und täglich gesehen, wie schwer das Leben ohne eigenes Konto ist. Da es 2006 in Österreich noch kein Recht auf ein Basiskonto gab, haben die Gebühren für Bargeldauszahlungen das ohnehin knappe Geld unserer Klientinnen und Klienten zusätzlich belastet. Weil die Caritas und die Schuldnerberatung die ERSTE Stiftung genau auf diese Notlage aufmerksam gemacht haben, ist eine echte Lösung für ein reales Problem entstanden. Als Boris Marte das Konzept im Gründungsverein präsentiert hat, war ich sofort begeistert, weil die Zweite Sparkasse diese Lücke bei unseren Betreuten geschlossen hat.

ES Neben der Bereitstellung des Gründungskapitals, wie hat die ERSTE Stiftung das Konzept und die Struktur der Zweiten Sparkasse aktiv mitgestaltet?

AM Die ERSTE Stiftung hat die Zweite Sparkasse von Anfang an nicht nur finanziell ermöglicht, sondern als eigenständige Sparkasse mit aufgebaut. Dass die Produkte, ob Konto oder Versicherungen so genau auf die tatsächlichen Bedürfnisse angepasst wurden, liegt daran, dass den NGOs wirklich zugehört wurde. Besonders Gerhard Ruprecht (einer der beiden ersten Vorstände der Zweite Sparkasse) ist ein großes Vorbild: Mit unglaublicher Geduld hat er diesen Prozess geprägt. Nur deshalb konnte etwas entstehen, das die Menschen nachhaltig unterstützt.

Bei der Gründungsversammlung vor 20 Jahren: Annunziata Magis in der ersten Reihe, vierte v. r. Foto – ERSTE Stiftung Archive

ES Inwiefern spiegelt die Zweite Sparkasse den historischen Auftrag der Sparkassenbewegung und die soziale Verantwortung der ERSTE Stiftung wider?

AM »Kein Alter, kein Geschlecht, kein Stand, keine Nation ist von den Vorteilen ausgeschlossen, welche die Spar-Casse jedem Einlegenden anbietet.« Genau diesen Gedanken der Erste österreichische Spar-Casse von 1819 setzt die Zweite Sparkasse um: Sie schafft einen genau auf die Bedürfnisse abgestimmten Zugang für jene, die sonst ausgeschlossen wären. Hier einfach das Richtige zu tun, zeigt sich im enormen Zuspruch der vielen Ehrenamtlichen. Die ersten Treffen und Feiern der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter fanden in der Pfarre St. Leopold statt, unter dem Bild des von Johann Baptist Weber. Die Zweite Sparkasse zeigt, dass die ERSTE Stiftung ihre soziale Verantwortung als konkreten Auftrag zur echten gesellschaftlichen Teilhabe versteht.

ES Hat die Zweite Sparkasse andere Projekte im Bereich der finanziellen Gesundheit und der wirtschaftlichen Inklusion inspiriert?

AM Ja, absolut! Ohne die Zweite Sparkasse gäbe es heute kein FLiP. Durch die Arbeit der vielen Ehrenamtlichen in der Filiale wurde klarer, dass finanzielle Gesundheit schon bei Jugendlichen ansetzen muss, so früh wie möglich. Das erste konkrete Finanzbildungsprojekt der Zweiten Sparkasse war das 2009 gestartete Finanzbildungsprogramm I €AN. Die Idee dahinter war, dass die Zweite Sparkasse durch Aufklärung weniger Kundinnen und Kunden gewinnen soll. Dieses Wissen und die Erfahrungen aus den Workshops flossen rund zehn Jahre nach der Gründung der Zweite Sparkasse direkt in die Entstehung des FLiP ein.

ES Was waren die wichtigsten Erkenntnisse im Bereich der finanziellen Inklusion, die in den letzten zwei Jahrzehnten gewonnen wurden?

AM Die wichtigste Erkenntnis ist, dass reine Finanzbildung allein oft nicht ausreicht. Wissen ist essenziell, aber Menschen in komplexen finanziellen Notlagen brauchen auch ganz praktische Werkzeuge. Ein großartiges Beispiel dafür ist das von Alexander Maly (eh. Leiter der Schuldnerberatung Wien) initiierte Betreute Konto der Zweite Sparkasse: Es bietet Betroffenen genau die Struktur, die sie benötigen, um ihre Finanzen in den Griff zu bekommen. Nachhaltige Inklusion gelingt nur, wenn Bildung, die passenden Produkte und verlässliche Begleitung ineinandergreifen.

Über Annunziata Magis

Annunziata Magis ist Expansion Lead im FLiP (Financial Life Park). Sie war als eine der Vertreterinnen der Caritas Mitglied im Gründungsverein der Zweite Sparkasse und wechselte zwei Jahre später in die Erste Group. Unter anderem begleitete sie dort zunächst den Aufbau eines Systems zur Messung des Social Impact für ein Mikrofinanzinstitut in Rumänien, bevor sie im Erste Hub die Projektleitung für die Entstehung des FLiP übernahm. 2022 kehrte sie zurück, um das Social Franchise System des FLiP aufzubauen und zu skalieren.

Titelbild – © Marlena König