Die Unternehmer von morgen

Es ist 08:50 Uhr, es läutet, und für die Schülerinnen und Schüler der 3A beginnt die zweite Schulstunde an diesem Tag. Ein paar von ihnen spielen mit den Kulis in ihren Händen, andere holen Mappen und Hefte aus ihren Rucksäcken. »Wirtschaftsbildung« steht auf ihrem Stundenplan. So wie die Schüler:innen macht sich auch Heidelinde Auer bereit, um an diesem milden Frühlingstag bei jenem Thema fortzusetzen, das sie mit der Klasse seit ein paar Monaten erarbeitet: Unternehmertum. »Wer von euch mag seine Idee für ein eigenes Unternehmen mit der Klasse teilen?«, fragt die Lehrerin. In allen vier Reihen zeigen Schüler:innen auf. »Ich würde einen Getränkeautomaten entwickeln und dann verkaufen«, sagt ein Jugendlicher aus der Fensterreihe, der wie viele in der Klasse ein Fußballshirt trägt. Andere können sich vorstellen, sich mit einem Obst- und Gemüsegeschäft selbstständig zu machen, in den Autohandel einzusteigen oder ein Transportunternehmen aufzubauen.

Bei jedem Vorschlag hat Heidelinde Auer – Anfang 50, kurze Haare, Brille – eine freundliche Nachfrage, um besser zu verstehen, was hinter den Ideen ihrer Schüler:innen steckt. Es ist eine Aufwärmrunde, die Lehrerin schaut, dass die Klasse ins Reden kommt – und wieder in das Fach hinein. Mit einer Stunde Wirtschaftsbildung pro Woche ist diese dritte Klasse eine Ausnahme im österreichischen Schulsystem, das diese Grundlagen in der Regel noch als Teil des Fachs »Geografie« vermittelt.

Heidelinde Auer, Lehrerin an der WMS Kleine Sperlgasse, steht im Klassenzimmer und hört zwei Jungen aufmerksam zu.
ERSTE Stiftung für Wirtschaftsbildung (WMS Kleine Sperlgasse, 12.03.2026)

Die Mittelschule Kleine Sperlgasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk hat sich vor drei Jahren einen wirtschaftlichen Schwerpunkt gegeben. Sie ist auch eine von 60 Mittelschulen und AHS in Österreich, die am »Schulpilot Wirtschaftsbildung« teilnehmen. In diesem Programm unterstützt die Stiftung für Wirtschaftsbildung, hinter der eine breite zivilgesellschaftliche Allianz inklusive der ERSTE Stiftung steht, Schulen mit Lernmaterialien, Fortbildungen und auch finanziell dabei, Schüler:innen ein Basiswissen mitzugeben, mit dem sie wirtschaftliche Zusammenhänge gut vermitteln können. Lebensnah, relevant, interessant. In der Mittelschule Kleine Sperlgasse wird dieses Fach nun ab der ersten Klasse gelehrt, zunächst integriert, dann abwechselnd mit Geografie.

»Die Schüler:innen sind begeistert von diesem Fach, weil sie schnell bemerken, dass sie daraus viel Praktisches für ihr Leben mitnehmen können und das auch in ihre Familien hineintragen«, sagt Heidelinde Auer, während die Schüler:innen sich in sogenannten »Murmelgruppen« zusammenfinden, um jeweils zu viert die Fragen der Lehrerin zu beantworten. Zu Beginn des Schuljahres sei es zum Beispiel lange darum gegangen, welche Aufgaben der Staat habe und warum Unternehmen und Personen Steuern zahlen müssen, sagt Auer. Immer wieder lädt sie auch Menschen aus der Praxis ein, die aus ihrem beruflichen Alltag erzählen. »Das öffnet vielen Schüler:innen den Blick auf berufliche Möglichkeiten, die sie sonst oft nicht kennenlernen würden«, sagt Lehrerin. Die Schüler:innen sind mit ihren Ausarbeitungen fertig. »Welche Verantwortung hat ein Unternehmer?«, fragt Auer in die Klasse, die immer noch in Vierer-Gruppen aufgeteilt ist. »Er muss die Kosten der Produktion zahlen, seine Mitarbeiter und auch Steuern«, sagt ein Mädchen in schwarzer Jeans und schwarzem Hoodie. »Er muss alle Mitarbeiter gleich behandeln und auch aufpassen, dass sie sich nicht verletzen«, ergänzt ein anderer. »Wenn er nicht genug verdient, dann kann er das alles nicht bezahlen, also muss er klug und kreativ sein und gute Produkte machen«, sagt wieder ein anderer.

Für die Lehrerin ist das ein gutes Stichwort. Am hinteren Ende des Klassenraums hängt eine ganze Reihe bunter Plakate. Vor ein paar Wochen hat die 3a einen Pitch-Wettbewerb veranstaltet, für den die Schüler:innen Produkte erfinden sollten, die die Welt noch braucht. Ein Mädchen mit langen braunen Haaren steht auf, geht zu ihrem Plakat, sammelt sich kurz und stellt dann mit der Sicherheit einer Influencerin eine Creme vor, die nicht nur Falten und Pickel verschwinden lässt, sondern gleichzeitig auch für einen gesunden Glanz- und Rouge-Effekt sorgt. Auf sie folgt ein Bub, der einen House-cleaning-Roboter erfunden hat, der auch über Stiegen gehen kann. Einstiegspreis 1.000 Euro, ein Klacks für Häuslbauer. Die Klasse klatscht.

Man merkt den Schüler:innen der 3a an, dass sie das alles nicht zum ersten Mal machen. Selbstbewusst stellen sie ihre Ideen vor. Immer wieder nehmen sie mit ihrer Lehrerin auch außerhalb der Schule an Projekten teil. Heidelinde Auer hat etwas sehr Mitreißendes an sich, sie begeistert ihre Schüler:innen für ein Fach, für das sie sich selbst auch immer neu vorbereitet. »Wie wird ein Unternehmer erfolgreich?«, fragt sie zum Ende der Stunde noch einmal in die Runde. Viele Schüler:innen zeigen auf, ein Bub in der letzten Reihe kommt dran und sagt: »Wenn er seine Sache so gern macht wie ein Hobby.« Ein Satz, dem viele Unternehmer wahrscheinlich zustimmen würden.

Schüler in der WMS Kleine Sperlgasse sitzen im Unterricht in einem Klassenzimmer.
ERSTE Stiftung für Wirtschaftsbildung (WMS Kleine Sperlgasse, 12.03.2026)

Fotos: eSel.at / Joanna Pianka