In Erinnerung an Boris

Mit großer Trauer geben wir den Tod von Boris Marte bekannt, der uns viel zu früh verlassen hat.

Er war maßgeblich am Aufbau der ERSTE Stiftung sowie zahlreicher Initiativen beteiligt, die die Zivilgesellschaft in Österreich und Zentral- und Osteuropa geprägt haben. Über 10 Jahre lang war er der CEO der ERSTE Stiftung, und in dieser wie auch in all seinen anderen Funktionen setzte er sich für etwas Größeres ein: für eine starke Zivilgesellschaft und ein freies und vereintes Europa.

Die Impulse, die Boris uns gegeben hat, sind unzählbar, die Netzwerke, die er aufgebaut hat, sind auf Dauer angelegt, und der Impact, den er hinterlässt, wird nicht verblassen. Er war eine Inspiration für alle, die mit ihm zusammengearbeitet haben. Boris glaubte an große Ideen, aber noch mehr an die Menschen: Mit den richtigen Menschen am richtigen Ort IST Veränderung möglich.

Wir haben einen Visionär, einen Kollegen und einen Freund verloren. Wir haben einen Kämpfer für das Allgemeinwohl verloren. Unsere Gedanken sind bei seiner Familie und allen, die ihm nahestanden. Gemeinsam werden wir sein Andenken in Ehren halten.

In Erinnerung an Boris

von Andreas Treichl

Der 13. Mai war dieses Jahr ein schöner und recht warmer Frühlingstag. Hunderte Menschen waren bereits seit mehr als einer Stunde am Judenplatz und begannen zu tuscheln, als Anne Applebaum ihre »Rede an Europa« beendet hatte. Da betrat Boris nochmals die Bühne, er hatte sie anfangs begrüßt und vorgestellt. Er nahm Bezug auf Applebaums Rede, nur mit ein paar Sätzen, und dann atmete er tief und hörbar ein und aus, er tat es ein zweites und ein drittes Mal und seine Hände deuteten: Macht mit, macht es mir nach, atmet mit mir.

Es folgten ihm nicht viele und er stieg ein wenig traurig wieder von der Bühne.

Er wusste an diesem Tag, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit sein letzter Auftritt bei einer »Rede an Europa« am Judenplatz sein würde, dass er seinen Tumor zwar bekämpfen, aber nicht besiegen kann.

Seine »Rede an Europa« konzipierte Boris im Jahr 2018 und begann sie am Europatag 2019, Timothy Snyder war der erste Redner. Boris gestaltete sie speziell für den Judenplatz und das Mahnmal, das es in dieser Form ohne Boris nicht geben würde. Es war Boris Marte, der das von Simon Wiesenthal initiierte und von Rachel Whiteread gestaltete Mahnmal in der entscheidenden Phase von 1998 bis 2000 umsetzte. Boris bestand darauf, die Erinnerung an die Shoa mit der Geschichte der Judenverfolgung in Wien zu verknüpfen, ohne die Singularität der Shoa damit herabzuwürdigen. Daher die Verbindung des Mahnmals mit den Ausgrabungen.

Boris hatte sich schon viele Jahre zuvor intensiv mit Erinnerungspolitik und der österreichischen NS-Vergangenheit beschäftigt. Er wollte nicht noch einen Ort der verordneten Erinnerung schaffen, sondern einen Platz für die Erinnerung von unten und von innen, aus den Menschen heraus. Es gelang ihm, trotz großer Widerstände, das Projekt umzusetzen. 18 Jahre später schaffte er es, durch die »Rede an Europa« die Erinnerung an den Holocaust mit der Verantwortung jetziger Generationen für die Zukunft Europas und seiner Werte zu verbinden.

Und heuer, als er nach Anne Applebaum am Judenplatz auf der Bühne stand, wollte er uns daran erinnern. Sein tiefes Atmen war für ihn wie eine Erlösung: Wenn wir aus der Geschichte lernen, können wir ein wunderbares, friedliches Europa schaffen.

Boris dachte tief und breit, er forschte weit zurück und träumte und plante weit nach vorne. Manchmal verlor er seine Partner in der Komplexität, mit der er arbeitete. Sobald sie ihm wieder folgen konnten, gewann er sie aber wieder zurück. Er arbeitete eng und viel mit Politikern wie Erhard Busek und Peter Marboe und er wurde über die Jahre zu einer ganz wichtigen Persönlichkeit im Kulturleben.

Das war auch der Grund dafür, dass ich ihn vor 25 Jahren in unsere Gruppe holte. Wir hatten gerade die größten Banken in Tschechien und der Slowakei gekauft und ich suchte jemanden für unser Konzernsponsoring. Weil Boris eben Boris war, wurde sehr bald klar, dass viel mehr daraus werden würde – und so kam es.

2002 gründete Boris unser Netzwerk aus freien Galerien in Zentral- und Osteuropa, »tranzit«, 2003 gründeten wir die ERSTE Stiftung, 2004 die »Kontakt«-Sammlung, 2006 die Zweite Sparkasse. 2007 begannen wir ein wunderbares Projekt der Stadterneuerung auf den Gründen des Südbahnhofs, mit Museen, Markthallen und Konzertsälen, mit der Überbrückung des Gürtels vom Belvedere in den Schweizergarten hinein, und dem Erste Campus. Geschuldet der Finanzkrise und dem völligen Desinteresse der Gemeinde Wien blieb davon nur der Campus, aber auch der erfüllt uns heute mit großer Freude – und es gäbe ihn in dieser einzigartigen, offenen Form ohne Boris Marte nicht.

Nach den Zeiten der großen Akquisitionen und der Finanzkrise begann im Jahr 2012 die Zeit der Erneuerung. Viele unserer Konkurrenten kauften links und rechts FinTechs, um Know-how und Kapazitäten in der Digitalisierung aufzubauen. Wir entschieden uns dafür, es selber zu machen. Das war ein sehr mutiger Schritt, da die Nachwehen der Finanzkrise noch sehr auf uns lasteten. Daraus wurde George, die erfolgreichste digitale Plattform in Österreich und in der Zwischenzeit in ganz Mitteleuropa. Boris war ganz vorne und führend mit dabei. Dann kam noch das FLiP, undenkbar ohne Boris und inzwischen in vielen Ländern vertreten.

So gibt es praktisch nichts, was diese Gruppe so anders macht als alle anderen, das nicht auch die Handschrift von Boris trägt.

Boris arbeitete für die Bank und die Stiftung, manchmal hintereinander, aber meistens gleichzeitig und nebeneinander und dazwischen kümmerte er sich mit Marianne um ihre Kinder. Nur ganz selten gab es Momente, in denen man ihm Erschöpfung oder Müdigkeit ansah oder sie aus seinen Worten erspüren konnte. Er wischte sich selber mit neuen Ideen die Müdigkeit aus den Augen und er war immer für alle da. Und er hatte immer neue Ideen. Sie gingen ihm nie aus.

Das, was ihn so besonders machte, war, dass er nie nur für die Erste, sondern immer für die Gesellschaft, für eine freie, demokratische und starke Zivilgesellschaft, für Bildung und Inklusion, dachte und wirkte. Er hatte eine unbeugsame Haltung und kämpfte für eine Gesellschaft, von der wir leider weit entfernt sind.

Jetzt ist er nicht mehr da, für Marianne nicht, für die Kinder nicht, für seine Familie und seine Freunde nicht, für die ERSTE Stiftung nicht, für die Erste Group nicht und für mich nicht, mit dem Boris mehr als die Hälfte seines Erwachsenenlebens gearbeitet, gelacht, geflucht, gesponnen und gejubelt hat.

Er ist nicht mehr da, aber er hat uns so viel hinterlassen, dass er für immer unter uns bleiben wird.