Journal
10. September 2026
Lesezeit: 8'
Sieben Erkenntnisse aus Alpbach 2026 für ein florierendes Europa
Unter dem diesjährigen Motto des Europäischen Forums Alpbach, »How Europe Wins«, kamen politische Entscheidungsträger:innen, Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Vertreter:innen der Zivilgesellschaft zusammen, um zu ergründen, was Erfolg für Europa im 21. Jahrhundert eigentlich bedeutet. In einer Welt, die von geopolitischen Spannungen, demokratischen Herausforderungen sowie technologischen und ökologischen Umbrüchen geprägt ist, hängt Europas Zukunft nicht nur davon ab, wie es auf die Krisen von heute reagiert, sondern auch davon, ob es die Kraft hat, sich ein demokratischeres und wohlhabenderes Morgen vorzustellen und aktiv zu gestalten.
Die ERSTE Stiftung brachte sich mit Expertengesprächen und Workshops in diese Debatte ein und stellte dabei durchaus unbequeme Fragen: Wie kann Europa das Thema Wohnen gewinnen? Wie wird aus einer in Europa erfundenen Idee tatsächlich ein »Made in Europe«? Und wie lässt sich die Erweiterungsperspektive für den Westbalkan neu beleben?
So unterschiedlich die Antworten ausfielen, eine Überzeugung zog sich durch alle Gespräche. Anders als es das Motto vermuten lässt, gewinnt Europa nicht durch Wettbewerb allein, sondern indem es das stärkt, was seit jeher seinen Kern ausmacht: starke Netzwerke, vertrauensvolle Partnerschaften und den beständigen Antrieb, es besser zu machen.
Die folgenden sieben Erkenntnisse fassen zusammen, welche Ideen und Einsichten besonders im Gedächtnis geblieben sind.
1 Sich um jene kümmern, die sich kümmern
Junge pflegende Angehörige gehören nach wie vor zu den am meisten übersehenen Gruppen unserer Gesellschaft, obwohl sie erhebliche Verantwortung tragen, die sich auf ihre Gesundheit, ihre Bildung und ihre Kindheit auswirken kann. In beinahe jeder Schulklasse sitzt mindestens ein Kind, das innerhalb der eigenen Familie Pflege leistet, oft ohne dass dies überhaupt als solches erkannt wird, weder von den Kindern selbst noch von ihrem Umfeld. Österreich verfügt zwar über Unterstützungsangebote, doch braucht es mehr Bewusstsein und eine engere Zusammenarbeit zwischen Schulen, dem Gesundheitssystem und bestehenden Initiativen, damit junge Pflegende die Unterstützung erhalten, die ihnen zusteht. Bundesministerin für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz Korinna Schumann betonte sowohl das Ausmaß familiärer Pflege als auch die Dringlichkeit dieser Herausforderung und hielt fest, dass »80 % aller Menschen in Österreich zu Hause von Familienangehörigen gepflegt werden«. Junge Pflegende, so Schumann weiter, würden noch immer »ein Stück weit im Schatten leben«, weshalb es Aufgabe der Gesellschaft sei, »ihre Situation zu erkennen, ans Licht zu bringen und sie bestmöglich zu unterstützen«.
Ergänzend dazu sorgte eine Filmvorführung von »Im Sturm« für zusätzliche Aufmerksamkeit für das Thema. Der Film ist hier zu sehen.

2. Eine hoffnungsvolle Vision für den Westbalkan entwickeln
Eine positive und zukunftsgerichtete Vision für den Westbalkan setzt voraus, dass eine neue Generation die Möglichkeit erhält, demokratische, wohlhabende und europäische Zukunftsperspektiven für ihre Länder aufzubauen. Dazu gehört, Vertrauen in Institutionen wiederherzustellen, in Wohlergehen zu investieren und Chancen zu schaffen, die Braindrain in Braingain verwandeln können. Für Lenka Živanović ist es gerade in Zeiten wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Unsicherheit besonders wichtig, »über positive Narrative rund um die Region nachzudenken«. Ihre Vision eines »starken, geeinten Westbalkans« bedeutet, dass 2040 die Außenminister:innen aller unabhängigen, freien Länder des Westbalkans im Rat der EU sitzen. Zugleich machte sie deutlich, dass junge Menschen sich eine Region wünschen, die frei ist von »korrupten Politiker:innen und autoritären Regierungen«, in der sie sicher und in Wohlstand leben können. Der Weg zum EU-Beitritt führt also nicht nur über politische Reformen, sondern ebenso über den Aufbau von Hoffnung, Zugehörigkeit und einem gemeinsamen Sinn für Zusammenhalt innerhalb Europas.
3. Partnerschaften für leistbares Wohnen aufbauen
Europas Wohnungsproblem lässt sich nur durch eine engere Zusammenarbeit zwischen öffentlichen, privaten und philanthropischen Akteuren lösen. Da die Wohnkosten in weiten Teilen Europas schneller steigen als die Einkommen, ist leistbares Wohnen längst nicht mehr nur eine soziale Frage, sondern auch eine Frage wirtschaftlicher Resilienz, Arbeitsmobilität und gesellschaftlichen Zusammenhalts. Zwar widmet die Europäische Union dem Thema Wohnen zunehmend politische Aufmerksamkeit, eine Lösung, die für alle unterschiedlichen nationalen Kontexte passt, gibt es jedoch nicht. Sergio Urbani, CEO der Cariplo-Stiftung in Mailand, argumentierte, dass Inklusion damit beginnt, dass Menschen ihre Grundbedürfnisse durch anständige Arbeit decken können, wozu auch der Zugang zu »Wohnraum, Gesundheitsversorgung, sicherer und guter Ernährung sowie Bildung und Kultur« zählt. Er hob außerdem die besondere Rolle hervor, die Stiftungen in einem Sektor spielen können, der »sehr kapitalintensiv« ist, und betonte, dass philanthropische Organisationen die öffentliche Wohnungspolitik ergänzen, nicht ersetzen sollten. Um leistbaren Wohnraum für kommende Generationen zu sichern, wird es entscheidend sein, bewährte Ansätze zu skalieren und sektorübergreifende Partnerschaften zu fördern.

4. Europas Stärke liegt im gemeinsamen Handeln
Wie wettbewerbsfähig Europa künftig sein wird, hängt davon ab, ob es gelingt, Ideen in gemeinsames Handeln zu übersetzen. Die Teilnehmer:innen betonten, dass Europa über viele der Zutaten verfügt, die für Erfolg nötig sind, darunter erstklassige Universitäten, starke Forschungseinrichtungen, außergewöhnliche Talente und ein lebendiges Start-up-Ökosystem. Fragmentierte Kapitalmärkte und national geprägte Ansätze verhindern jedoch häufig, dass innovative Unternehmen wachsen und global mithalten können. Die Diskussion machte zudem deutlich, dass Europas Stärken über technologische Innovation hinausreichen. Der Kontinent blickt auf eine lange Tradition sozialer und institutioneller Innovation zurück, die demokratische Regierungsführung, Kooperation und gesellschaftlichen Zusammenhalt geprägt hat. Die zentrale Frage lautet daher nicht, ob Europa das Potenzial zum Erfolg hat, sondern ob es die eigene Fragmentierung überwinden und die Bürger:innen in den Mittelpunkt eines koordinierteren, ambitionierteren europäischen Projekts stellen kann.
5. Die Ukraine stellt Europas Zukunft schon heute auf die Probe
Die Ukraine ist längst nicht mehr nur ein Kandidat für die europäische Integration, sondern ein Land, das Europas Zukunft durch seine Reformen, seine Resilienz und seinen Erfindergeist aktiv mitgestaltet. Die Teilnehmer:innen betonten, dass die eigentliche Herausforderung für Europa nicht darin besteht, seine Werte und Ambitionen zu definieren, sondern darin, sie durch funktionierende Institutionen, Finanzierung und Entscheidungsfindung tatsächlich einzulösen. Dabei wurde deutlich, dass die Ukraine nicht nur von Europa lernt, sondern selbst wertvolle Lehren für den Kontinent liefert. Jahre des Krieges haben Innovationen in der digitalen Verwaltung, im zivilgesellschaftlichen Engagement, in dezentraler Regierungsführung und im Krisenmanagement vorangetrieben, von denen andere europäische Länder profitieren können. Am Ende ist die Ukraine zu jenem Ort geworden, an dem viele der zentralen Fragen Europas, zu Sicherheit, Erweiterung, Demokratie, Wettbewerbsfähigkeit und institutioneller Handlungsfähigkeit, in Echtzeit auf die Probe gestellt werden. Entscheidend wird sein, ob Europa das politische Engagement, die Mittel und die langfristige Aufmerksamkeit aufbringt, um die Ukraine zu einem festen Bestandteil seiner gemeinsamen Zukunft zu machen.
6. Fit werden für die Herausforderungen des digitalen Zeitalters
Künstliche Intelligenz, Digitalisierung und technologischer Fortschritt verändern die Zukunft der Bildung grundlegend, und die Institutionen müssen sich entsprechend darauf einstellen. Der österreichische Bundesminister für Bildung, Christoph Wiederkehr, sagte in Alpbach: »Künstliche Intelligenz wird unsere Schulen verändern, und sie tut es bereits. Unsere Aufgabe ist es aber nicht, KI so schnell wie möglich in jedes Klassenzimmer zu bringen. Unsere Aufgabe ist es, junge Menschen darauf vorzubereiten, kompetent, kritisch und verantwortungsvoll mit dieser Technologie umzugehen. Für mich umfasst das klar das Lernen ohne KI, das Lernen über KI und das Lernen mit KI. Denn wer KI wirklich sinnvoll nutzen will, muss zuerst selbstständig denken, Fragen stellen, Zusammenhänge erfassen und sich eine eigene Meinung bilden können.« Ein solches selbstgesteuertes Lernerlebnis fand in Alpbach übrigens selbst statt: Ein in Zusammenarbeit mit der MEGA Foundation organisierter Hackathon zeigte eindrucksvoll, wie unterschiedliche Akteure gemeinsam wirkungsvolle Lösungen entwickeln können, wenn sie an einem gemeinsamen Ziel arbeiten.

7. Medien und Demokratie – kommunizierende Systeme
Im Lab »Explaining vs. Changing the World: Can and Should Media and Activism Align to Strengthen Democracy?« kamen Vertreter:innen der Zivilgesellschaft, der Aktivismus-Szene und der Medien zusammen, um sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede in ihren jeweiligen Herangehensweisen auszuloten. Im Mittelpunkt stand, wie diese Bereiche voneinander lernen und miteinander zusammenarbeiten können, mit welchen Mitteln autoritäre Akteure versuchen, unabhängige Medien zu untergraben, und wie man solchen Bestrebungen wirksam begegnen kann. Diskutiert wurden zudem Wege, die Resilienz und wirtschaftliche Tragfähigkeit unabhängiger Medien zu stärken, unter anderem durch innovative Finanzierungsmodelle. Veronika Munk, Chefredakteurin des ungarischen Nachrichtenportals 444.hu, brachte eine Perspektive auf die neue Lage in ihrem Land ein: »Im April hatten wir einen Systemwechsel. Auch in der Medienlandschaft ist ein neues Ökosystem entstanden, der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist nun in der Lage, sich selbst zu reformieren. Gleichzeitig steht auch die verbliebene freie, unabhängige Medienlandschaft vor einer interessanten neuen Situation. Organisationen wie die, für die ich arbeite, müssen sich anpassen. Wir müssen Wege finden, kritisch zu sein und Menschen zu informieren, zurück zur Kernaufgabe von Qualitätsjournalismus: informieren, kritisch bleiben und der Öffentlichkeit die wichtigsten Themen fundiert und erklärend näherbringen.«