Im Gedenken an Slavenka Drakulić 

Es gibt Stimmen, die einer Region helfen, sich selbst zu verstehen. Slavenka Drakulić war eine von ihnen.

Als Schriftstellerin und Essayistin zählte sie zu den scharfsinnigsten Interpretinnen des späten 20. und frühen 21. Jahrhunderts in Südosteuropa. Ihr Werk schlug Brücken zwischen historischen Erfahrungen, Gesellschaften und Öffentlichkeiten, die oft durch Missverständnisse und Traumata voneinander getrennt waren.

Slavenka Drakulić wird als eine maßgebliche Stimme in Erinnerung bleiben, die dazu beigetragen hat, die Umbrüche und Erfahrungen der postjugoslawischen Zeit verständlich zu machen. In ihren Essays und Büchern machte sie die Komplexität des Alltags im Sozialismus und in der Zeit danach sichtbar, brachte feministische Perspektiven in den öffentlichen Diskurs ein und gab marginalisierten Stimmen Raum.

Sie gehörte einer Generation an, die Literatur als gesellschaftliche Verantwortung verstand. Von ihren frühen Texten im sozialistischen Jugoslawien bis zu ihrem Schreiben nach dessen gewaltsamem Zerfall stellte sie sich stets der Verantwortung anstatt zu schweigen. Ruhig, präzise und frei von Pathos widersetzte sie sich ideologischen Verhärtungen und vereinfachenden Erklärungen und machte die gelebten Realitäten hinter politischen Umbrüchen begreifbar.

Sie setzte sich früh und entschieden mit Nationalismus auseinander, zu einer Zeit, in der dies mit erheblichen persönlichen und beruflichen Risiken verbunden war. Ihr Schreiben prägte die feministische Bewegung in Jugoslawien ebenso wie die Entwicklung einer Kultur der Verantwortung in den Nachkriegsgesellschaften. Auch gegenüber dem internationalen Publikum vertrat sie mit derselben intellektuellen Redlichkeit jene Positionen, die sie zuhause einforderte.

Die Zusammenarbeit mit Slavenka war für uns ein Privileg.

Beim Symposium »Return to Europe – Talking Balkans« im Jahr 2008 im ORF RadioKulturhaus in Wien – einer Veranstaltung, die die postjugoslawische Transformation der Region mitprägte und in deren Rahmen die Dokumentarreihe »Balkan Express« initiiert wurde – formulierte sie in ihrem Vortrag »The Balkans – From Noun to Verb (and back)« ein präzises und differenziertes Verständnis von Identität, Verantwortung und der Sprache, mit der eine Region sich selbst definiert.

Ihre Stimme wird bleiben, in ihren Büchern, in den Debatten, die sie angestoßen hat, sowie im fortwährenden Bemühen, die Gesellschaften, in denen wir leben und arbeiten, besser zu verstehen und zu stärken.

Titelbild: Jutarnji List, Fotograf: Ivan Posavec