Drei Fragen an Márton Gergely

Márton Gergely ist seit 2021 Chefredakteur des Heti Világgazdaság (HVG), eines der letzten großen unabhängigen Medien Ungarns. Das gleichnamige Online-Portal erreicht täglich mehr als 400.000 Leser:innen. Gergely studierte Geschichte und Journalismus in Budapest und Hamburg und begann nach einem Praktikum in der Berliner Redaktion der taz (die tageszeitung) im Jahr 2003 bei der Tageszeitung Népszabadság, zu deren stellvertretendem Chefredakteur er 2014 wurde. Er blieb in dieser Position, bis die Produktion infolge einer politisch motivierten Übernahme im Oktober 2016 eingestellt wurde. Gergely wurde 2021 zum Mitglied des Vorstands des International Press Institute (IPI) gewählt; dessen Vorsitz er seit 2024 führt.

ERSTE Stiftung Peter Magyar hat einen Systemwechsel und Korruptionsaufklärung angekündigt – was denken Sie sind die größten Hürden in der Aufarbeitung der Orbán-Strukturen? In welchen Bereichen muss er besonders abliefern?


Márton Gergely Péter Magyar ist einerseits in der bequemen Situation, mit seiner Partei alles im Parlament allein erledigen zu können. Die Regierungspartei hat die verfassunggebende Mehrheit, rechtlich kann man sie nicht aufhalten. Politisch ist es komplizierter. Magyar muss darauf achten, seine Beliebtheitswerte nicht zu verlieren, dies könnte nämlich die Legitimität dessen antasten, was er alles noch tun will. Die ungarische Wirtschaft ist in einer sehr schlechten Verfassung, und viele der Wähler erwarten schnelle und spürbare Verbesserungen. Wenn man Politik als ein Gleichgewicht von Brot und Spiele betrachtet, dann ist die Aufarbeitung der Orbán-Jahre der nötige Zirkus, um Zeit zu kaufen. Auf der anderen Seite, wenn darauf keine realen Veränderungen folgen, kann die Aufarbeitung schnell als politische Rache empfunden werden und zum Eigentor werden. Magyar ist im Parlament sehr mächtig, in der Politik ist er es aber nicht.

EF Seine erste Auslandsreise ging nach Polen. Wie wird sich Ungarns Rolle in der Visegrád-Gruppe oder generell in Mittel- und Osteuropa mit dem neuen Ministerpräsidenten verändern?

MG Es ist schon fast eine Parodie, wie geschichtsverrückt Péter Magyar ist. Für ihn ist Politik Geschichte in Echtzeit, und er referiert bei jedem Anlass gerne über große, historische Persönlichkeiten. Dies ist ein wichtiger Punkt, um seine Ambitionen in Ungarn und in der Region zu verstehen. Er will gestalten und sich in die Reihe der großen Politiker des Landes und der Region einordnen. Seine Vorbilder sind die selbstbewussten Reformer und die Demokraten, die zusammen Erfolge verbuchen konnten. Wir können mit einigem Optimismus erwarten, dass er an Zusammenarbeit und Dialog glaubt, auch wenn er nationale Interessen immer klar artikulieren wird. Im Wahlkampf versprach er Ungarn in ein lebenswertes Land zu verwandeln – frei von Streit, Wut und Paranoia. Dies würde auch der Region guttun. Nach Jahren, in denen Viktor Orbán sich in die Politik der Nachbarländer offen und exzessiv eingemischt hat, wird die ungarische Regierung künftig von solcher Einflussnahme Abstand nehmen.

EF Welche konkreten Entscheidungen werden zeigen, ob es sich bei Magyars EU-Politik um einen echten Kurswechsel handelt – und wo könnte Kontinuität zur Orbán-Politik bleiben?

MG Noch nicht einzuschätzen ist, wie weit Viktor Orbán und seine Politik ein Faktor in Ungarn bleiben. Der Ex-Premier verstand Regieren als permanenten Wahlkampf, alle Initiativen dienten den eigenen Narrativen, jede seiner Handlungen zielte auch auf Image-Kontrolle und Geschichtserzählung ab. So war es auch in seinem Kampf gegen die EU. Er hat verschiedene politische Themen über die Jahre gewissermaßen vermint. Bleibt Orbán in Ungarn weiterhin politisch einflussreich, so wird auch Magyar sich gezwungen sehen, sich in bestimmten Fragen in Brüssel querzulegen. Das betrifft das Verhältnis zur Ukraine und die Rechte von Migranten und von den sexuellen Minderheiten. Magyar will es vermeiden, Orbán Stoff für ein Comeback zu liefern. Je mehr aber diese Gefahr gebannt ist, wird er sich besser in Brüssel entfalten und konstruktiver sein können.

Foto: Gergely Tury