Drei Fragen an Nicole Traxler

Nicole Traxler ist Executive Director Social and Digital Innovation bei der ERSTE Foundation. Der Bereich »Digitale und soziale Innovation» schafft Infrastrukturen, die Akteure der Zivilgesellschaft in die Lage versetzen, innovative (digitale) soziale Lösungen zu entwickeln und gemeinsam mit der Zivilgesellschaft konkrete Lösungen zu erarbeiten. Die Förderung transformativer Ideen und die Stärkung der sozialen Inklusion tragen zu einer widerstandsfähigeren und zukunftsorientierten Gesellschaft bei.

ERSTE Stiftung Pflege findet oft still und leise statt, zu Hause und unter wachsendem Druck. Alles Clara ist eine digitale Plattform, die Menschen unterstützt, die sich um ihre Angehörigen kümmern, sie betreuen oder pflegen. Was bedeutet das in der Praxis – und warum wird das gerade jetzt gebraucht?

Nicole Traxler Rund 80 % des Pflegebedarfs in Österreich werden von Familien gedeckt – neben Arbeit, Kindern und dem Alltag. Familienangehörige erledigen den Einkauf, kochen, helfen bei der Körperpflege, organisieren Arzttermine und Therapien und begleiten ihre Angehörigen dorthin – und manchmal sind sie einfach nur da, um zuzuhören. Sie sind es, die ihre pflegebedürftigen Angehörigen unterstützen oder Entscheidungen für sie treffen. Dabei übernehmen sie enorme Verantwortung, die viele allein tragen müssen. Wie in vielen anderen Ländern ist Pflege innerhalb der Familie nach wie vor ein Tabuthema. Hier setzt Alles Clara an: Alles Clara unterstützt informelle Pflegepersonen in ganz Österreich. Im Mittelpunkt des Angebots steht eine digitale Beratung, die kostenlos und leicht zugänglich ist und die Menschen genau dort unterstützt, wo die Belastung entsteht – in ihrem Alltag.

Das Besondere an Alles Clara ist, dass es die Digitalisierung nutzt, um bestehende Angebote und Wissen auf neue Weise miteinander zu verknüpfen. Es entsteht ein landesweiter Dienst, der durch die Beraterinnen und Berater lokal verankert ist und sich an den Bedürfnissen heutiger Familien orientiert. Darüber hinaus baut Alles Clara auf einer sektorübergreifenden Zusammenarbeit zwischen dem Pflegesektor, der Wissenschaft, der öffentlichen Hand, Multiplikatoren im Gesundheits- und Sozialwesen sowie Arbeitgebern in ganz Österreich auf. Diese Allianz zeigt, dass Digitalisierung zu einer systemischen Lösung beitragen kann, wobei die Bedürfnisse der Nutzer und ihres Umfelds im Mittelpunkt stehen und eine kosteneffiziente Ergänzung zu bestehenden Angeboten geschaffen wird. Gerade angesichts der aktuellen demografischen Entwicklungen und knapper öffentlicher Haushalte stehen unsere Gesundheits- und Sozialsysteme unter Druck. Während Familien dort einspringen, wo unseren Systemen die Ressourcen fehlen, steigen ihre Verantwortlichkeiten und Belastungen entsprechend. Sie zu unterstützen ist unerlässlich – für sie selbst, für ihre Familien und für unser Gesundheitssystem. 

ES In Österreich übernehmen mehr als 42.000 Kinder und Jugendliche regelmäßig Pflegeaufgaben. Wenn junge Menschen schon früh im Leben Pflegeaufgaben übernehmen, hat dies oft Auswirkungen auf ihre Bildung, ihre Gesundheit und ihre Zukunftsentscheidungen. Warum sind junge Pflegekräfte immer noch so unsichtbar und welche Art von Unterstützung benötigen sie am dringendsten?

NT Statistisch gesehen unterstützt in Österreich ein Kind pro Schulklasse regelmäßig ein Familienmitglied, das von einer chronischen körperlichen oder psychischen Erkrankung oder einer Sucht betroffen ist. In solchen Situationen übernehmen »Young Carers« dieselben Aufgaben wie Erwachsene und springen dort ein, wo ihre Familien Unterstützung brauchen, etwa beim Einkaufen, bei der Betreuung von Geschwistern, bei der Organisation von Medikamenten oder sogar bei der praktischen Pflege. Oft übernehmen sie diese Rolle ganz selbstverständlich und versuchen, Schule, Freundschaften und Pflegeaufgaben unter einen Hut zu bringen, in vielen Fällen ohne zusätzliche Unterstützung. Viele ehemalige »junge Pflegekräfte« berichten von Erschöpfung, Sorgen oder dem Gefühl, allein zu sein – und von ihrer Sehnsucht, einfach ein Kind sein zu dürfen.

Doch ihre Bedürfnisse finden im Gesundheitssystem kaum Beachtung, Fachkräfte wie Ärzte, Lehrer oder Sozialarbeiter sind sich der Rolle dieser Kinder oft nicht bewusst, und manchmal sind sogar die Krankheiten ihrer Eltern auf gesellschaftlicher Ebene unsichtbar – und so bleiben es ihre Kinder, die ihre Familien am Laufen halten. 

Daher haben Hilfsangebote für »Young Carers« Schwierigkeiten, diese zu erreichen. Genau aus diesem Grund haben wir ein Forschungs- und Innovationsprojekt ins Leben gerufen, um diese Herausforderung zu bewältigen. Daraus entstand die österreichweite »Young Carers Community« – ein offenes Netzwerk aus aktuellen und ehemaligen »Young Carers«, gemeinnützigen Organisationen mit Hilfsangeboten, Lehrkräften, Pflegekräften, Sozialfachkräften und engagierten Einzelpersonen. Die Community verbindet unterschiedliche Perspektiven, tauscht Wissen aus, fördert die Zusammenarbeit unter ihren Mitgliedern und versucht, ein Unterstützungsnetzwerk aufzubauen, das jungen Menschen hilft, nicht alles alleine tragen zu müssen. Darüber hinaus hinterfragt die Initiative die Kommunikation mit jungen Menschen. Jeder, der junge Menschen mit Betreuungsaufgaben unterstützen möchte, ist eingeladen, der Young Carers Community Austria beizutreten, indem er sich anmeldet und hier Teil des Netzwerks wird.

ES Die Ergebnisse einer aktuellen, von der ERSTE Stiftung unterstützten Studie von EcoAustria bestätigen die seit langem geäußerten Vermutungen, dass der Pflegebedarf nicht nur den Alltag verändert, sondern auch die gesamte berufliche Laufbahn beeinflusst. Wie wirkt sich das auf den Arbeitsmarkt aus?

NT EcoAustria hat die erste Studie auf Basis einer vollständigen Volkszählung durchgeführt und die Auswirkungen des Pflegebedarfs der Eltern auf die Erwerbstätigkeit ihrer (erwachsenen) Kinder analysiert. Die Ergebnisse sind frappierend. Die Pflege von Angehörigen ist ein wesentlicher Faktor für Teilzeitarbeit und den Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt, insbesondere für Frauen, mit langfristigen Folgen. In Zeiten des Fachkräftemangels sehen wir uns mit einem jährlichen Potenzial von 20.700 Personen im Alter zwischen 40 und 64 Jahren konfrontiert, die ihre Arbeitszeit reduziert haben oder aufgrund des steigenden Pflegebedarfs ihrer Eltern ganz aus dem Arbeitsmarkt ausgeschieden sind. Die Studie zeigt zudem nur die Spitze des Eisbergs und berücksichtigt nicht diejenigen, die eine andere Person als ihre Eltern pflegen (zum Beispiel ihre Kinder mit Behinderungen). Der vollständige Bericht ist hier abrufbar.