Drei Fragen an Lisa Bukreyeva

Die ukrainische Künstlerin und Dokumentarfotografin Lisa Bukreyeva wurde 1993 geboren und lebt und arbeitet seit jeher in Kiew. Sie begann 2019 mit der Fotografie, angetrieben von dem Wunsch, die Welt um sich herum und die Menschen, die von ihr geprägt sind, zu beobachten und zu dokumentieren. Vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine konzentrierte sie sich auf die ukrainische Jugend und beschäftigte sich mit Identität, Zugehörigkeit und den Umgebungen, die junge Menschen prägen.

Nach der Invasion am 24. Februar 2022 verlagerte sich ihr künstlerischer Fokus grundlegend. Bukreyeva wandte sich den emotionalen und psychologischen Realitäten des Kriegsalltags in der Ukraine zu. Sie dokumentiert die Lebenserfahrungen von Zivilisten, verwüstete Landschaften und die stillen, oft unsichtbaren Wunden, die von Gemeinschaften getragen werden, welche in den Überlebensmodus gezwungen wurden.

ERSTE Stiftung Wie hat die Erfahrung des Krieges in Ihrem Land Ihr Leben und Ihren Beruf als Fotografin verändert?

Lisa Bukreyeva Der Krieg stellte mein gesamtes Wertesystem in Frage und drehte es auf den Kopf gestellt. Seit Beginn des Angriffskrieges Russlands haben wir uns alle verändert. Ich betrachte nun alles mit anderen Augen: meine Lieblingsfilme, Musik, Bücher. Alles hat jetzt eine andere Bedeutung.

» Das Einzige, was die Fotografie in diesem Zusammenhang leisten kann, ist, unsere Existenz im Jetzt zu bestätigen,

den Widerstand meines Volkes zu bezeugen.«


ES Was ist Ihnen bei der Dokumentation dieses Konflikts besonders wichtig, und welche Rolle spielt die Fotografie für Sie, wenn Sie versuchen, die Geschehnisse zu verstehen oder zu vermitteln?

LB Ich habe einmal gesagt, dass kein Foto, kein Film, kein Buch und kein Lied das Grauen des Krieges vermitteln kann. Selbst Menschen, die diese Erfahrung gemacht haben, können sie nicht vollständig verstehen, weil es einfach unmöglich ist, damit zu leben. Krieg ist das Schlimmste, was einem Menschen widerfahren kann. Krieg erschöpft, tötet, nimmt Erinnerungen und Heimat weg und raubt einem die Fähigkeit, sich die Zukunft vorzustellen. Das Einzige, was die Fotografie in diesem Zusammenhang leisten kann, ist, unsere Existenz im Jetzt zu bestätigen, den Widerstand meines Volkes zu bezeugen. Für die Lebenden und die Ungeborenen.

ES Ihre Fotos heben sich im Kontext der Kriegsfotografie hervor. So beispielsweise das Foto einer Ziege, die aus einer Munitionskiste trinkt. Warum ist Ihnen diese Perspektive wichtig?

LB Ich möchte gerne glauben, dass meine Fotos etwas zeigen, was auf den ersten Blick nicht sichtbar ist. Sie vermitteln, wie der Krieg alles um uns herum verändert, in alle Lebensbereiche eindringt, und das Erschreckendste daran ist, dass wir als Beteiligte dies gar nicht mehr wahrnehmen. In meiner Fotografie geht es im Moment um das Leben trotz des Krieges, aber vor allem um das Leben an sich.