Journal
24. Februar 2026
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Drei Fragen an Katia Denysova
Katia Denysova ist Kunsthistorikerin und Kuratorin mit Schwerpunkt auf moderner Kunst der Ukraine. Sie promovierte 2024 am Courtauld Institute of Art in London. Katia ist Co-Kuratorin der Wanderausstellung »In the Eye of the Storm: Modernism in Ukraine, 1900–1930s« (Gewinnerin des Apollo Exhibition of the Year Award 2023), die im Belvedere Wien gezeigt wurde und sie ist Mitherausgeberin des Begleitkatalogs, der 2022 bei Thames & Hudson erschienen ist. Sie ist Postdoktorandin an der Universität Tübingen in Deutschland, wo sie ein Forschungsprojekt über Abstraktion in Ostmitteleuropa mitleitet. Katia ist derzeit Lesia Ukraїnka Junior Visiting Fellow am Institut für Humanwissenschaften (IWM) in Wien.
ERSTE Stiftung Die Plünderung und Zerstörung von Kunstwerken in der Ukraine – nicht nur in Museen, sondern auch im öffentlichen Raum, einschließlich Denkmälern – bedrohen die kulturelle Identität und das institutionelle Gedächtnis. Wie können Kurator:innen und Kulturinstitutionen in Zeiten akuter Krisen verantwortungsbewusst handeln, ohne dass das Kulturerbe in Narrativen von Zerstörung, Opferrolle oder Nationalismus instrumentalisiert wird?
Katia Denysova Ich glaube, dass Verantwortung mit Handlungsfähigkeit zu tun hat. Trotz der Beschädigung, Zerstörung und gezielter Entfernung unseres kulturellen Erbes durch die Russische Föderation produzieren Ukrainer:innen weiterhin Kunstwerke von hoher Qualität und immenser Relevanz, sowohl für ein heimisches Publikum innerhalb der Ukraine als auch international. Mit zahlreichen Kunstausstellungen, Theateraufführungen, Dokumentar- und Spielfilmen, neuen Buchveröffentlichungen und Übersetzungen überlebt die ukrainische Kultur nicht nur, sondern besteht als lebendige und aktive Kraft des Widerstands weiter und widersetzt sich damit Narrativen von Verlust und Opferrolle.
»Ukrainische Kultur überlebt nicht nur, sondern sie besteht als lebendige und aktive Kraft des Widerstands weiter und widersetzt sich damit Narrativen von Verlust und Opferrolle.«
ES Wie kann der kulturelle Diskurs in Kriegszeiten kritische Distanz wahren und wo liegt für Sie die Grenze zwischen Interpretation und Aneignung?
KD Es ist schwierig, über kritische Distanz zu diskutieren, wenn so viel auf dem Spiel steht. Seit Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskrieges im Jahr 2022 hat die Russische Föderation mindestens 263 ukrainische Kulturschaffende getötet und mehr als 500 Kulturstätten beschädigt oder zerstört. Historisch betrachtet ist das nichts Neues: Verschiedene Iterationen des russischen imperialen Regimes haben unsere Künstler:innen und Schriftsteller:innen getötet, ihre Werke vernichtet und ihre Namen aus offiziellen Aufzeichnungen gelöscht. Ukrainer:innen sind sich jedoch bewusst, dass diese Strategie auch auf andere Nationen angewendet wurde und dass wir in diesem Kampf nicht allein sind. Aus diesem Grund geht es bei der Bewahrung unserer Kultur und der Rückgewinnung dessen, was über Jahrhunderte und in den letzten Jahren ausgelöscht und negiert wurde, ebenso sehr um die ukrainische Kultur wie um Solidarität, die Würdigung des Multikulturalismus der Ukraine und den gemeinsamen Kampf gegen den russischen Imperialismus.
ES Wie würden Sie die Bedingungen beschreiben, unter denen Künstler und Kulturschaffende derzeit arbeiten und produzieren müssen und wie verändern diese Bedingungen die Bedeutung oder Funktion der künstlerischen Praxis heute?
KD Dies war der bisher härteste Winter seit Beginn der Vollinvasion, mit unerbittlichen russischen Massenangriffen auf die Energieinfrastruktur, die zu extremen Strom- und Heizungsausfällen führten, welche die Menschen in der Ukraine bei Außentemperaturen von bis zu -20 °C erdulden mussten. Wenn man jedoch Kyjiw, Charkiw, Lemberg oder Odesa besucht, blüht das kulturelle Leben, angetrieben von allgegenwärtigen Generatoren und dem kreativen Tatendrang der Ukrainer:innen. Theater und Stand-up-Shows sind Nacht für Nacht ausverkauft, Hunderte besuchen Ausstellungseröffnungen und Lesungen, neue Filme kommen in die Kinos und Buchhandlungen öffnen ihre Türen. In der Ukraine ist Kultur kein Privileg oder Freizeitvergnügen, sondern ein Ausdruck der Resilienz und des Widerstands. Kultur ist aber auch zu einer Form der Dokumentation geworden: Sie zeugt von Verlust, Trauer und Wut, der »neuen Normalität«, die den Ukrainern aufgezwungen wurde, und der damit einhergehenden Erschöpfung, aber auch von der Wahrheit und unserer Würde.