Journal
2. April 2026
Lesezeit: 15'
Igor Zabel neu gelesen von Charles Esche
Zwanzig Jahre sind vergangen, seit wir den Kunsthistoriker, Kurator und vielseitigen Intellektuellen Igor Zabel auf tragische Weise verloren haben. Wir können nur mutmaßen, welchen Beitrag er noch geleistet hätte, hätte er länger gelebt. Seine Arbeit, von der sowohl Ausstellungen als auch die Beiträge in dieser Publikation zeugen, eröffnete einen Raum für die Reflexion über Kunst und Gesellschaft, der für das Verständnis des heutigen Kulturbetriebs nach wie vor von entscheidender Bedeutung ist. Angesichts der sich verschärfenden Konflikte in Europa und im Nahen Osten gewinnt Zabels Verständnis dessen, was an die Stelle des Kalten Krieges und seiner Ideologien getreten ist, sogar noch mehr an Relevanz. Wer seine Schriften liest, begegnet einem nachdenklichen, kritischen Chronisten des Endes des Sozialismus, des schmerzlichen Zerfalls Jugoslawiens im ersten nationalistischen Krieg in Europa seit 1945 und der Entstehung einer einheitlichen europäischen Ordnung im Rahmen der globalen Nachkriegsarchitektur, in der kulturelle und politische Trennlinien dennoch fest verankert blieben.
Eloquent schreibt Zabel über seine Erfahrungen als Mitteleuropäer, dessen Herkunft häufig mit dem »ehemaligen Osten« assoziiert wurde. Er blieb einer impliziten, von der Essentialisierung des »Ostens« geprägten Identitätspolitik gegenüber skeptisch, eine Sicht, die nichts an Aktualität eingebüßt hat. Zugleich verspürte er wenig überraschend das Bedürfnis, der Arroganz des Westens die Stirn zu bieten, der sich nicht die Mühe machte, zwischen den alten sozialistischen Staaten zu differenzieren oder sich mit der Geschichte des innereuropäischen Imperialismus zu befassen, der ihnen vorausging. Bemerkenswert ist jedoch, dass sich diese Kritik weniger gegen die Ignoranz des Westens richtete, als sich vielmehr auf die Notwendigkeit neuer und vielfältiger Narrative bezog, die in den Ländern von der Adria bis zum Ural und darüber hinaus entstehen sollten. Diesem Appell wurde in den Jahren nach seinem Tod nur selten nachgekommen, er wurde jedoch in der Arbeit des Museums für Moderne Kunst/Museums für Gegenwartskunst Metelkova in Ljubljana unter der Leitung seiner Kollegin Zdenka Badovinac aufgegriffen. Sein Einfluss ist auch in einigen wenigen Institutionen spürbar, wie dem Warschauer Museum für Moderne Kunst und der Wiener ERSTE Stiftung, die beide in ihrer heutigen Form ohne Zabels Überlegungen mehr oder minder undenkbar wären. Zabel hinterlässt somit ein äußerst konkretes Vermächtnis, auch wenn es für einen in Nordwesteuropa tätigen Kurator wie mich nach wie vor nicht die ihm gebührende Wertschätzung erfährt. Das gilt insbesondere dann, wenn Zabel über die Sphären des »Ostens« hinausgeht, die ihm von der hegemonialen Kunstwelt zumindest teilweise zugestanden wurden, um nach dem größeren Kontext zu fragen, in dem die Werke slowenischer und anderer Künstlerinnen und Künstler erörtert und präsentiert werden. Als er danach fragte, ob auch über »den ehemaligen Westen«1 gesprochen werde, wollte er wissen, welche Auswirkungen das Ende des Sozialismus auf den alten kapitalistischen Teil Europas und seinen nordamerikanischen Förderer hatte. Diese beiläufige Bemerkung hatte eine derartige Wirkung, dass sie Maria Hlavajova zu einem mehrjährigen Projekt inspirierte, das sich von 2009 bis 2017 über den gesamten Kontinent von Utrecht bis Istanbul erstreckte.2
Angesichts des sich immer deutlicher abzeichnenden und durch den Begriff »ehemaliger Westen« implizierten Endes der jahrhundertelangen US-Hegemonie in Westeuropa beschäftigt die Frage zum Umgang des Westens mit dem Niedergang seiner Vormachtstellung die Kultur und Politik der Hauptstädte, die zu Zabels Zeiten noch ernsthaft gehofft hatten, das Ende der Geschichte zu dokumentieren. Die Lektüre der hier vorliegenden Texte erinnert uns an eine Zeit, in der andere Wege denkbar schienen und teilweise auch eingeschlagen wurden, in der noch nicht klar war, wohin Russland steuern würde, und in der die Fähigkeit Europas, einen Mittelweg zwischen den Dogmen des freien Marktes und des Sozialismus zu bieten, noch nicht ganz verlorengegangen war. Insofern war es zweifelsohne eine optimistischere Zeit, auch wenn in Zabels Schriften selbst damals stets ein ambivalenter Unterton mitschwang, der den Lesenden auffordert, einen Moment innezuhalten, bevor man sich von der Flut der Möglichkeiten mitreißen lässt. Was jedoch hervorsticht, ist sein Wunsch, eine andere Lesart der Kunst zu formulieren und durchzusetzen, die nicht durch ihr modernistisches Erbe eingeschränkt ist, dessen Einfluss jedoch offen anerkennt. Im Fokus Zabels standen auch immer alternative Narrative, die Kunstinstitutionen einer slowenischen Gesellschaft in einem politischen Übergangsprozess, der die Werte des Kapitalismus unkritisch und uneingeschränkt übernimmt, anbieten können. Wenn er sich also mit den Ideen eines anonymen osteuropäischen Kunstkritikers auseinandersetzt, der genug vom »Osten« hat, greift Zabel auf die russischen Theoretiker und Kuratoren Boris Groys und Josef Backstein zurück, um zu erklären, was dieser Begriff zu bieten vermag. Abschließend stellt er Vermutungen darüber an, wie eine breitere, weniger ausschließende kunsthistorische Erzählung, die neben dem autonomen Modernismus auch den sozialistischen Realismus einbezieht, die Vorstellung von Kunst im »Westen« ebenso verändern könnte wie im »Osten«.3 An dieser Stelle sei auch erwähnt, wie sehr dieser Dialog zwischen Slowenien und Russland Zabels Arbeit beeinflusst hat – ein Dialog, der recht vielversprechend war, heute jedoch völlig undenkbar ist.
In einem seiner wohl vorausschauendsten Texte lässt Zabel die Ost-West-Dichotomie hinter sich und sinniert darüber, wie ein anderes Verständnis des kolonialistischen und imperialistischen Erbes zu einem neuen Verhältnis zwischen (Ost-)Europa und dem Rest der Welt beitragen könnte. Im Gespräch mit Rasheed Araeen und Slavoj Žižek formuliert er ein Argument, das heute auf noch mehr Resonanz stößt und es verdient, hier noch einmal ausführlich zitiert zu werden:
Die Bekämpfung der Hegemonie hinsichtlich Rasse, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht usw. ist Ausdruck eines Konflikts zwischen einem älteren, patriarchalischen und kolonialen System, in dem diese Unterschiede eine Funktion hatten, und einem neueren System, in dem diese Unterschiede nutzlos geworden sind und sogar ein Hindernis darstellen können. Wir können ebenso davon ausgehen, dass dieser Wandel mit dem Übergang hin zu einem globalen, multinationalen Kapitalismus einhergeht … Aber selbst die globalen Machtstrukturen sind nicht vollständig deterritorialisiert, völlig »virtuell« … eine Auswirkung der Globalisierung ist die Zentralisierung … in Großstädten … Die globale Macht ist somit nicht nur mit dem Westen verknüpft, sondern … hat der Westen seine zentrale Rolle innerhalb des globalen Machtsystems neu definiert … Diese Vision eines unpersönlichen globalen Kapitals, das die ganze Welt kolonisiert und symbolische Werte in seinen »Kommandozentralen« sammelt, klingt sehr pessimistisch.4
Nach »pessimistisch« lässt sich ohne Weiteres noch »aber sehr einleuchtend und realistisch« hinzufügen, zumindest wenn man die Erfahrungen der vergangenen 20 Jahre betrachtet. Im Wesentlichen fasst dieser Auszug eine Geschichte zusammen, die gerade erst begonnen hatte, als Zabel den Text 1998 verfasste. Was als Ende kolonialer Machtverhältnisse postuliert wurde, setzte sich in der Logik des Kapitals ungebrochen fort. Heute, da Gesellschaften im ehemaligen Osten und Westen die Folgen der Zentralisierung und des Neokolonialismus in Form von Kulturkriegen und unüberbrückbarer gesellschaftlicher Spaltungen zu spüren bekommen, gewinnen diese Worte eine neue Dringlichkeit, um zu verstehen, wie die Hoffnungen nach dem Ende des realen Sozialismus der heutigen scheinbaren Alternativlosigkeit oligarchischer Machtstrukturen weichen konnten.
Dies lässt Zabels Worte zwar beinah prophetisch erscheinen, doch sollte nicht vergessen werden, dass sein eigenes Verständnis seiner Zeit weitgehend von Künstlerinnen und Künstlern (aus Slowenien und anderen Ländern) geprägt war, deren Werke sich mit genau jenen Veränderungen befassten, die er hier so scharfsinnig beobachtet. Die Arbeiten von Kunstschaffenden wie Ilya Kabakov, IRWIN, Laibach, Marjetica Potrč und Rasheed Araeen liegen seiner Denkweise zugrunde. In manchen seiner Texte lässt sich sein Austausch mit Künstlerinnen und Künstlern gut nachvollziehen, und die von ihm gewählten Themen ergaben sich häufig aus den direkt durch Ljubljana verlaufenden Netzwerken, wie beispielsweise den Beziehungen zu russischen Künstlerinnen und Kritikern, die insbesondere von IRWIN in den 1990er-Jahren gepflegt wurden, oder der Präsenz von Josef Dabernig, einem der wenigen österreichischen Künstler, die sich für die Gebiete östlich von Wien interessierten. In einem wunderbar prägnanten und dennoch umfassenden Text über den Künstler Mladen Stilinović beleuchtet Zabel dessen Verständnis der alltäglichen Zeichen und Gesten der sozialistischen Gesellschaft in den 1970er- und 1980er-Jahren, um daraus Rückschlüsse auf die entfremdeten sozialen Beziehungen und leeren Versprechungen des dysfunktionalen kapitalistischen Systems seiner Zeit und erst recht der heutigen Zeit zu ziehen.5 In seinen Ausführungen über IRWIN zieht er deren ikonische Serie Was ist Kunst heran, um aufzuzeigen, wie sehr Kontextualisierung und Machtverhältnisse eine Arbeit beeinflussen und dass keine »Figur, kein Bild und kein Zeichen für sich genommen Bedeutung hat.«6
Diese kürzeren, monografischen Texte sind eine sehr wichtige Ergänzung dieser Sammlung, da sie zeigen, wie sehr Kunstwerke die Sichtweise des Autors auf weiter gefasste gesellschaftspolitische Themen geprägt haben.
Wenn Zabels Verhältnis zur projizierten Trennung zwischen ost- und westeuropäischer Kunst, die er mit seiner Generation geerbt hat, durch eine skeptische Ambivalenz geprägt ist, dann liegt das ebenso sehr an seinem eigenen aufmerksamen Hinterfragen binärer Kategorisierungen im Allgemeinen wie an dem Bestreben, die konservative westliche Position zu untergraben. Deshalb wirkte er über die Haltung der Kritikerinnen und Kritiker aus dem ehemaligen Westen, die ihn besuchten, nie verärgert oder aufgebracht. Vereinfachte Zuschreibungen von Definitionen und Gegensätzen zu durchbrechen oder zumindest zu relativieren, bestimmte seine Denkweise, wie aus seiner Auseinandersetzung mit Fragen der Autonomie und des Engagements bzw. der Unabhängigkeit und des Kontexts hervorgeht, die sich durch seine Schriften ziehen. Ein Text in diesem Band mit dem Titel Commitment (2002) ist hier besonders relevant. Er verortet die Frage nach der Autonomie bzw. dem Engagement der Kunst vor dem Hintergrund des Bosnienkriegs und Völkermords Mitte der 1990er-Jahre. In Anbetracht des Bedürfnisses seines Umfelds, sich mit den Schrecken auseinanderzusetzen, die sich wenige hundert Kilometer südlich von Ljubljana ereigneten, weist er auf das Unvermögen der Kunst hin, etwas zu bewirken. Eine Gruppe um IRWIN und Zdenka Badovinac beschloss gemeinsam, Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt zu bitten, Werke für eine neue Sammlung für Sarajevo zu spenden. So wurde künstlerisches Engagement nicht durch die Werke selbst zum Ausdruck gebracht, sondern durch eine Geste der Solidarität und Großzügigkeit gegenüber einem anderen, zukünftigen Bosnien und Herzegowina, wo diese Arbeiten einer Öffentlichkeit präsentiert werden konnten. Auf dieser Grundlage argumentiert Zabel, dass Autonomie und Engagement keine Gegensätze sind und dieses Spannungsverhältnis auch nicht aufgelöst werden muss. Sie können einander vielmehr stärken – Autonomie ermöglicht wirksame politische Kunst, genauso wie politische Kunst auf eine gewisse Distanz zu direktem Handeln angewiesen ist, um als Kunst wahrgenommen zu werden. In einem faszinierendem Schlussabsatz lobt er den Greenbergschen Begriff der Opazität in der Kunst als Mittel, sich der Vereinnahmung durch Machtstrukturen zu widersetzen. Sodann stellt er Transparenz und Opazität einander gegenüber und kommt zu dem Schluss: »Heute, so glaube ich, hat sich dieser Gegensatz weitgehend in die zeitliche Dimension des Werks verschoben. Es ist die spezifische Erfahrung der ‚noch nicht kolonisierten‘ Zeit, die als das ‚Reale‘ fungiert – als das Widerstandsmoment, das vom System nicht assimiliert und vereinnahmt werden kann.«7
Zwanzig Jahre später, angesichts eines weiteren Völkermords in Palästina und der Suche nach einem Ausweg aus der Kolonialzeit und ihrer Gewalt, auch innerhalb Westeuropas, bedarf diese letzte Bemerkung einer genaueren Betrachtung. Bezeichnet diese »noch nicht kolonisierte« Zeit einen Raum, in dem bestimmte osteuropäische Praktiken Allianzen mit indigenen Positionen und jenen des Globalen Südens eingehen könnten? Lässt sich Zeit so einsetzen, dass sie Abstand von einem allgegenwärtigen Kolonialsystem ermöglicht und Beziehungen hervorbringt, die nicht von Machtverhältnissen vorgezeichnet sind? Wie die Bezeichnung »ehemaliger Westen« verweist diese beiläufige Erwähnung auf Fragen der Macht und auch darauf, wer es vermag, die Bedingungen der Debatte zu definieren. Darin ist ein Leitmotiv von Zabels Schriften enthalten: sein Beharren auf der Auseinandersetzung mit der Frage, wie Kunst mit Macht umgeht, seien es gewaltsame Konflikte oder die Arroganz kritischen Ignorierens seitens des Westens. In seiner Fokussierung auf die Zeit legt er jedoch auch den Schluss nahe, dass es einen nicht-räumlichen Ausweg aus dem reduktiven Einfluss der Macht geben könnte, indem die Zeit selbst neu gedacht wird.
Zabel ist freilich ein Kind seiner Zeit, und beim Lesen seiner Texte beschleicht einen das Gefühl, dass es in einer pluralistischeren Kunstwelt mehr Spielraum gab als in der destruktiven Polarisierung, die wir heute vorfinden. Die Finanzialisierung der Kunst, ihre Reduzierung auf ein Luxusprodukt und die Kommerzialisierung zunächst der Außenseiterkunst und später indigener Kunstpraktiken haben einige der Wege teilweise versperrt, die Zabel zweifellos anders beschritten hätte, wenn er noch am Leben gewesen wäre. Seine Relevanz beruht jedoch vor allem darauf, dass viele seiner Vorschläge und Ideen vom Kunstestablishment bislang noch nicht konsequent aufgegriffen worden sind. Insbesondere in Europa (in seiner Gesamtheit) ist es dringend geboten, die tiefgreifenden Veränderungen anzuerkennen, die sich um 1989 mit dem Ende des Kommunismus vollzogen haben und den künstlerischen und politischen Diskurs bis heute prägen. Die anhaltende Weigerung, sich mit den Kunstformen aus dem sozialistischen Teil Europas auseinanderzusetzen bzw. den sozialistischen Internationalismus als gangbare Alternative zur Globalisierung zu betrachten, ist bedauerlich. Diese Versäumnisse wurden durch die Finanzkrise um 2008 noch verschärft, die den von Unternehmen geprägten freien Marktkapitalismus in ein noch dysfunktionaleres Finanzsystem aus Rentenökonomie und Vermögensverwaltung verwandelt hat. Diese bedeutenden politischen und wirtschaftlichen Ereignisse haben die Kunst tiefgreifend verändert, und doch hat Zabel in seinen Schriften vieles von dem, was geschehen ist, antizipiert, auch wenn ihn die Gewalt und Unangreifbarkeit der heutigen oligarchischen Strukturen vermutlich trotzdem schockiert hätte. Die extreme Polarisierung nicht nur in Europa ist zweifellos ein Zeichen dafür, dass wir im Jahr 2025 in einer anderen, härteren Zeit leben. Diese Schriften tragen jedoch zu einem besseren Verständnis einiger der entscheidenden Ursachen für die gegenwärtige Ausweglosigkeit bei. Dies ist einer der wesentlichen Gründe, warum Zabels Schriften auch heute noch, nach mehr als zwei Jahrzehnten und all den Veränderungen, die in der Zwischenzeit stattgefunden haben, so aktuell sind.
Es spricht daher vieles dafür, dass die Texte in diesem Buch gerade wegen dieses kollektiven Versagens des europäischen (Kunst-)Systems, die tiefgreifenden Veränderungen der letzten 35 Jahre hinreichend anzuerkennen, umso relevanter sind. Insbesondere im Westen bestand sowohl in den Kunstmedien als auch im öffentlichen Sektor lange Zeit der starke Wunsch, den modernistischen Plattitüden künstlerischer Autonomie und universeller Visualität treu zu bleiben. Dieser Konservatismus hat sich kaum verändert, und in der Zwischenzeit hatten die Sammler/Oligarchen freie Hand, ihre eigenen Schatzkammern für zeitgenössische Kunst zu errichten. Infolgedessen wurden öffentliche Kunsteinrichtungen in die Defensive gedrängt und sind nach wie vor nicht bereit oder in der Lage, auf moderne Ausstellungs- und Erzählmodelle zu verzichten, aus Angst davor, was an ihre Stelle treten könnte. Echte Ausnahmeerscheinungen dieser konservativen Schwerfälligkeit sind Museen und Kunsträume, die nicht nur stur ihre westliche Geschichte in aller Welt verbreiten, sondern auch bestrebt sind, ein neues Narrativ zu entwickeln. Derer gibt es wenige, aber sie sind umso bedeutender. Genau an diesen Orten lebt Zabels Vermächtnis am lebendigsten weiter. Seine zentralen Fragen – wie sich Wissen bewahren lässt, um einen neuen Kontext zu verstehen und darauf reagieren zu können, wie man lokale Strukturen an die Anforderungen der Globalisierung der Kunst und der Identitätspolitik anpassen kann, ohne sich dabei der Vormundschaft des Westens zu beugen, und wie man sich unabhängig mit der Vergangenheit auseinandersetzen kann, ohne die Hegemonialmacht alles bestimmen zu lassen – sind nach wie vor genauso klar und eindringlich wie zu der Zeit, als sie erstmals formuliert wurden. Letztendlich bieten die hier gesammelten Texte einen scharfsinnigen Leitfaden zum Verständnis der Ursachen der düsteren Gegenwart sowie wichtige Einsichten darüber, wie es anders sein könnte.
Sommer 2025
1 Igor Zabel in »Dialogue«, erstmals veröffentlicht in Art Press, Nr. 226, Juli–August 1997, Paris, S. 37–42..
2 Siehe Projektwebseite https://formerwest.org/Front und ihre Veröffentlichung https://formerwest.org/Publication (zuletzt abgerufen im November 2025).
3 Igor Zabel, »Haven’t We Had Enough«, erstmals erschienen in BAK, Basis voor actuele kunst newsletter, Nr. 3, Utrecht, 2004, S. 17, 19.
4 Igor Zabel, »‘We’ and the ‘Others’«, erstmals erschienen in Moscow Art Magazine, Nr. 22, Moskau, 1998, S. 27–35.
5 Igor Zabel, »A Short Walk Through Mladen’s Stilnović’s Four Rooms«, in Mladen Stilinović. Umetnik na delu: 1973–1983, Galerija Škuc, Ljubljana, 2005, S. 8–25.
6 Igor Zabel, »Icons by Irwin«, in IRWIN. Retroprincip 1983–2003, Künstlerhaus Bethanien, Berlin; Karl-Ernst-Osthaus-Museum, Hagen; Museum für zeitgenössische Kunst, Belgrad; Revolver – Archive für Aktuelle Kunst, Frankfurt am Main, 2003, S. 77–83..
7 Igor Zabel, »Commitment«, in Prostori umetnosti, Društvo inovatorjev, Ljubljana, 2002, S. 161–169.
Igor Zabels provisorisches Büro und der Ausstellungsraum für Igor Zabels Ausstellung »Nerazložljiva navzočnost (Kustosova delovna soba) / Inexplicable Presence (Curator’s Working Place)«, Moderna galerija, Ljubljana, 20.5.1997 – 31.5.1997. Foto: Lado Mlekuž, Matija Pavlovec / Mit freundlicher Genehmigung der Moderna galerija, Ljubljana