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Parallax Views

Die kulturelle Logik von privaten Kunststiftungen im Spätkapitalismus

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Die Veranstaltung findet im Rahmen des Ausstellungs- und Performanceprojekts „Collective Exhibition for a Single Body – The Private Score – Vienna 2019“ statt und ist eine Kooperation von Kontakt Sammlung und Tanzquartier Wien.

In ihrem Aufsatz Die kulturelle Logik des spätkapitalistischen Museums versucht Rosalind Krauss auf die Privatisierungsstrategien des Guggenheim Museums und die Entwicklungen in den späten 1980er Jahren einzugehen, in denen das Museum in eine biopolitische Ära eintrat und ein Diskurswechsel stattfand, bzw. „eine Verschiebung vom Diachronischen zum Synchronischen. Das enzyklopädische Museum möchte eine Geschichte erzählen, indem es vor den Augen seiner Besucher eine ganz bestimmte Version der Kunstgeschichte ausbreitet. Das synchronische Museum (…) würde die Geschichte im Namen einer Art Erfahrungsintensität, einer ästhetischen Aufladung, die nicht so sehr eine zeitliche (historische), sondern vielmehr eine radikal räumliche ist, ausklammern“.

Programm

Dienstag, 25. Juni 2019, 14-19 Uhr

Begrüßung
Bettina Kogler und Kathrin Rhomberg

Einführung
Pierre Bal-Blanc und Manuel Pelmuş

Gespräch I
Transformation and Privatization of the City Centers
Christian Höller (Statement)
Jochen Becker im Gespräch mit Georg Schöllhammer

Gespräch II
Anatomy of a Transformation
Sabine Breitwieser (Statement)
András Pálffy im Gespräch mit Otto Kapfinger

Pause

Gespräch III
Portrait of a Woman with Institution
Silvia Eiblmayr (Statement)
Anna Daučíková im Gespräch mit Adam Szymczyk

Gespräch IV
From Private or Privacy to the Common and the Collective
Pierre Bal-Blanc (Statement)
Daniela Zyman im Gespräch mit Guillaume Maraud

Nach Giorgio Agamben ist ein Dispositiv eine heterogene Ansammlung aus Reden, Institutionen, Architekturarrangements, Verwaltungsmaßnahmen, aber auch aus Unausgesprochenem. Was Rosalind Krauss in ihrem Text über das neue Museumsmodell unter biopolitischer Vorherrschaft sagt, in dem private Stiftungen dominieren, ist, dass es sich hier nicht mehr um die Produktion des Subjektes handelt, sondern um ein Modell der Desubjektivierung, die das Subjekt als fragmentiert und technologisiert begreift.

Welche Strategien entwickeln wir in unseren täglichen Aktivitäten mit diesen Dispositiven? Die Frage, die sich Agamben und Krauss stellen, könnte mit der aktuellen Position von Suzanne Pagé (einst Direktorin eines öffentlichen französischen Museums) beantwortet werden, die der Autorin am Anfang ihres obenerwähnten Textes 1990 im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris eine Ausstellung mit minimalistischen Werken aus der Sammlung Panza zeigte, und die heute künstlerische Leiterin der Fondation Louis Vuitton ist. Krauss beschließt ihren Text mit der Prognose, dass sich Museen in einer biopolitischen Ära in Zukunft eher mit den Massenmärkten als den Kunstmärkten auseinander setzen müssen, sowie mit der Erfahrung von Simulacra als mit der Unmittelbarkeit von Ästhetik. Diese Analyse stellt sich als Prophezeiung heraus, wenn man die Position jener einstigen Kuratorin eines öffentlichen Museums und heutigen Leiterin der Kunststiftung eines der größten globalen Luxuskonsumgüterhersteller betrachtet. Denn was Tom Krens als Direktor des Guggenheim Museums in den 1990er Jahren initiierte, setzte sich vielerorts fort und 2003 auch in Frankreich aufgrund eines Gesetzes von Jean-Jacques Aillagon, dem damaligen Kulturminister, der aktuell die Sammlung Pinault leitet – eines anderen Luxusgütergiganten – und die in Kürze in der ehemaligen Börse im Zentrum von Paris Einzug halten wird.

Um den Wandel innerhalb einer offenen Regierung in einer biopolitischen Ära zu bekräftigen, ersetzen private Stiftungen für zeitgenössische Kunst das Modell eines öffentlichen enzyklopädischen Museums in einer geschlossenen Disziplinargesellschaft, die mittlerweile obsolet erscheint. Das Dispositiv in einer biopolitischen Zeit formuliert das Territorium jener Kategorien, die die vorangegangene Periode definierten, im Sinne des „Allgemeinen Interesses“ und „Gemeinwohls“ neu. Es gibt keine homogene politische Sphäre mehr, die Verteilungen auf einem freien Markt bedingen eine völlig unterschiedliche Logik des Territoriums. Die Fragen dieser Diskussion, die private und öffentliche Institutionen, Firmen oder Stiftungen aufwerfen, beziehen sich auf das Ausmaß wie jene Dispositive die Verwendung von Zeit, Raum, Ort, Mittel, Recherche, Erinnerung, Phantasie, Moral und Geschichte erlauben oder behindern.

Die Kontakt Sammlung ergreift die Initiative, sich dieser Debatte mit einer Diskussionsreihe zu widmen.

Bezugnehmend auf die privaten Wiener Sammlungen Kontakt, Generali und TBA21, in denen auch Werke von KünstlerInnen aus dem ehemaligen Osteuropa vertreten sind, die einer anderen Bewertung (Kommunismus), jedoch mit derselben Terminologie (privates und öffentliches Interesse) unterliegen, wirft die Gesprächsreihe die Frage auf, wie der Transformationsprozess von privat und Privatsphäre zu einer Öffentlichkeit bzw. Kollektivität in einer Polysemie dieser Begriffe in der performativ angelegten Ausstellung Collective Exhibition for a Single Body ein Echo finden, die im ehemaligen Ausstellungsraum der Generali Foundation stattfindet, in dem sich heute ein Lidl Lebensmittelmarkt befindet. Die kürzlich erfolgte Nutzungsänderung von Kunstraum zu kommerziellem Ort im Stadtzentrum kontrastiert, was die liberale Ära der 1990er Jahre mit ihren zu kulturellen Zentren umfunktionierten Fabriken in Vororten zelebrierte, und erlaubt es uns vielleicht besser zu verstehen, wie der neoliberale Plan von heute aussieht.

Titelbild: Boris Demur, Mladen Stilinovic, Sven Stilinovic, Zeljko Jerman und Vlado Martek (action in occasion of shooting of the TV film about the Group of Six Artists), Zoo Zagreb, 1999. Foto: © Boris Cvjetanovic, mit freundlicher Genehmigung: Boris Cvjetanovic