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Fakten

„Zu spät“

Demografische Katastrophe in Serbien nicht mehr aufzuhalten

9. Juni 2020
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Serbien wird aufgrund der Abwanderung arbeitssuchender junger und gut ausgebildeter Menschen bis 2050 beinah ein Viertel seiner Bevölkerung verlieren.

Vladimir Nikitović, ein Demograf am Belgrader Institut für Sozialwissenschaften, hält sich für einen optimistischen Menschen – jedoch nicht in Bezug auf die Bevölkerungsprognosen Serbiens. „Es ist zu spät!“, ist er überzeugt. „Es ist nicht jetzt zu spät. Es war vor 20 Jahren schon zu spät!“

Nikitović hat sich die Bevölkerungszahlen für Serbien angesehen, und sie sind besorgniserregend. Seine Vorgänger, die im selben Gebäude ihrer Arbeit nachgingen, in dem auch er heute tätig ist, hatten bereits Josip Broz Tito, den 1980 verstorbenen Machthaber Jugoslawiens, gewarnt. Über den Bevölkerungsschwund in Serbien sind sich die Demografen spätestens seit den 1970er-Jahren im Klaren. Dann kamen der Zerfall Jugoslawiens und die Kriege der 1990er-Jahre, „und alles wurde nur noch schlimmer“, so Nikitović.

Serbiens Bevölkerung betrug Anfang 2019 nach Angaben des serbischen Statistikamts 6,96 Millionen Menschen, der Kosovo nicht miteingerechnet, obwohl Serbien dessen Unabhängigkeit nicht anerkennt. Im Jahr 2018 wurden 63.975 Lebendgeburten und 101.655 Sterbefälle verzeichnet, was bedeutet, dass die Bevölkerung Serbiens um 37.680 Personen abnahm, wenn man jene, die das Land in diesem Zeitraum verlassen haben, außer Acht lässt. Das war der stärkste Rückgang in den vergangenen zehn Jahren, in denen die Bevölkerungszahl im Durchschnitt um 35.125 pro Jahr sank. In der nüchternen Sprache des Statistikamts betrug die „natürliche Zuwachsrate“ der serbischen Bevölkerung in diesem Jahrzehnt -5,4 Prozent. Im Klartext: Die Bevölkerung ist geschrumpft.

© Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Bevölkerungsveränderung in Serbien (ohne Kosovo). Quelle: Statistisches Amt der Republik Serbien. Die Volkszählungen und Schätzungen zwischen 1961 und 2002 erfassten auch im Ausland arbeitende und lebende Bürgerinnen und Bürger. Quelle für die Prognose 2050: Weltbank. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Zu Zeiten der Republik Jugoslawien war das, was in Serbien demografisch vor sich ging, für Laien kaum nachvollziehbar. Das lag daran, dass es innerhalb des Landes enorme regionale Unterschiede gab. Heute bringen serbische Frauen durchschnittlich 1,48 Kinder zur Welt, weit weniger als die 2,1, die allein zum Erhalt der Bevölkerung eines Landes erforderlich sind. Eine niedrige Geburtenziffer ist in Serbien allerdings nicht neu. In Serbien (ohne Kosovo) sank diese bereits 1956 unter die Reproduktionsrate.

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Serbien – Demografische Kennzahlen. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

„Wir zählen zu jenen Regionen Europas, die als erste mit dem Ende des Babybooms konfrontiert waren, und das hat uns in den 1990er-Jahren schwer zugesetzt“, meinte Nikitović. Vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens waren die Geburtenraten in den ärmeren Regionen jedoch unverändert hoch, was dazu diente, die Lage in Serbien schönzureden, wo die Kinderzahlen auch unter Einbeziehung des Kosovo ganz anders aussahen und Frauen 1950 noch durchschnittlich 7,6 und 1972 5,6 Kinder bekamen. Es lag jedoch nicht allein an der Geburtenrate, warum die mittlerweile dramatische Situation in Serbien den meisten Menschen nicht klar war.

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Ein weiterer Grund war der Tatsache geschuldet, dass man sich bei den drei Volkszählungen aus den Jahren 1971, 1981 und 1991 in Zahlenkosmetik versuchte, um die große Zahl derer zu verschleiern, die aufgrund fehlender Jobs im eigenen Land im Ausland arbeiteten. Offiziell lebten 1991 in Serbien (ohne den Kosovo) 7,82 Millionen Menschen.

Tatsächlich wurden 283.000 Personen statistisch erhoben, die gar nicht im Land waren. Damals lebte etwa eine Million jugoslawischer Staatsbürgerinnen und Staatsbürger (bzw. deren Familien) als sogenannte Gastarbeiter im Ausland, was bedeutete, dass die Bevölkerungszahlen in der Volkszählung für Jugoslawien und seine Teilrepubliken zu hoch angegeben waren.

Im Jahr 2002 wurden die Berechnungen in Serbien wieder gemäß internationalen Standards durchgeführt und erfassten nur die Personen, die tatsächlich im Land lebten. Unter Berücksichtigung all dieser Aspekte ist die Bevölkerung Serbiens seit dem Zerfall Jugoslawiens um 8,42 Prozent geschrumpft. Laut Prognosen der Weltbank werden es bis 2050 nach derzeitigem Trend 5,79 Millionen Menschen sein, was einen Rückgang um 23,81 Prozent im selben Zeitraum bedeuten würde. Serbien hat nicht nur eine niedrige Geburtenrate, auch seine Bevölkerung ist überaltert.

Das Medianalter liegt in Serbien bei 43 Jahren, der EU-Durchschnitt bei 42,6 Jahren. Anders als in den meisten westlichen Ländern gibt es in Serbien jedoch keine Einwanderung, um die verlorenen Arbeitskräfte zu ersetzen. Das heißt aber nicht, dass überhaupt niemand ins Land kommt, um dort zu leben. Die Nettoabwanderung liegt bei 15.000 bis 20.000 pro Jahr. Das bedeutet, dass während 40.000 bis 50.000 Menschen jedes Jahr das Land verlassen, etwa 30.000 zurückkommen, erklärte Nikitović.

Zu den Rückkehrern zählen zwar auch diejenigen, die nur für eine kurze Zeit im Ausland lebten, aber auch durchschnittlich 10.000 bis 15.000 Pensionistinnen und Pensionisten pro Jahr – ehemalige Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter, die jetzt in Pension gehen, deren Nachkommen aber nur selten mit ihnen zurückkehren. Auch die Kriege der 1990er-Jahre haben die Zahlen verzerrt. Serbinnen und Serben, die aus dem Kosovo kamen, scheinen in den Statistiken nicht auf, da sie bereits über eine serbische Staatsbürgerschaft verfügten, wohl aber etwa 600.000 Flüchtlinge aus Bosnien und Kroatien.

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Größte demografische Verlierer. Prognostizierte Bevölkerungsveränderung in den Ländern Mittel- und Südosteuropas (1989-2050). Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Allerdings blieben nur 375.000 bis 400.000 der Flüchtlinge im Land, andere kehrten in ihre Heimatländer zurück oder zogen weiter, erklärte Nikitović. Etwa die gleiche Zahl von Menschen hat Serbien jedoch während des Kriegs auch verlassen. Das wirkte sich negativ auf die demografische Entwicklung aus, da vor allem jüngere Menschen auswanderten, während Familien und ältere Menschen nach Serbien kamen. Dies hatte zur Folge, dass „wenn man sich die Altersstruktur ansieht, diese schlechter ist als vor der Auflösung des Landes“, so Nikitović.

Solange Serbien für potenzielle Zuwanderer ein unattraktives Land bleibt, wird seine Bevölkerung weiter altern und abnehmen.

Die serbischen Behörden sind sich der demografischen Krise, des Arbeitskräftemangels, der sich daraus abzuleiten beginnt, und des anhaltenden Problems, das eine immer älter werdende Bevölkerung für das Pensionssystem darstellt, wohl bewusst. Nach Angaben des Statistikamts werden in Serbien im Jahr 2021 mehr Pensionistinnen und Pensionisten als Menschen im erwerbsfähigen Alter leben. Auch die Abwanderung junger, qualifizierter und arbeitswilliger Menschen wird sich nur noch verschlimmern.

In der Vergangenheit war es der EU-Beitritt, der der Abwanderung von Personen im erwerbsfähigen Alter Tür und Tor öffnete. Jetzt haben Deutschland und andere Länder die Regeln gelockert, sodass es für Serbinnen und Serben einfacher denn je ist, legal im Ausland zu arbeiten. Solange Serbien für potenzielle Zuwanderer ein unattraktives Land bleibt, wird seine Bevölkerung weiter altern und abnehmen, was auch bedeutet, dass es immer schwieriger wird, in Bezug auf Wohlstand und Lebensstandard zu den westlichen Ländern aufzuschließen. Dies hat wiederum zur Folge, dass der Westen auf Zuwanderer aus Serbien weiterhin eine magnetische Anziehungskraft ausübt.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.


Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 24. Oktober 2020 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Tim Judah. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Illustration © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy