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Wird bald der letzte Arzt den Kosovo verlassen?

So alarmierend sind die Auswirkungen der Auswanderung.

26. Februar 2020
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Shkumbin Ahmetxhekaj deckt die alarmierenden Auswirkungen der Abwanderung auf das Gesundheitssystem des Kosovo auf. Verschärft wird die Situation durch eine nicht reglementierte Privatwirtschaft, die massenweise medizinische Fachkräfte für den deutschen Markt hervorbringt.

Schlussendlich war es die Pendelei, die den Ausschlag gab. Blerim Berisha war Assistenzarzt für Kardiologie im Universitätsklinikum der Republik Kosovo in der Hauptstadt Pristina, wo er tagsüber EKGs und Ultraschalluntersuchungen durchführte. Nach einem Acht-Stunden-Dienst sprang er in seine alte Karre und bretterte die Autobahn M9 bis ins 60 Kilometer westlich von Pristina gelegene Klina, wo er mit seiner Frau, seiner Tochter und seinem Sohn lebte. Nicht, dass er viel Zeit mit ihnen verbrachte. Die einzige Möglichkeit, über die Runden zu kommen, bestand darin, Nachtdienste in einem 30 Kilometer entfernten Gefängnis zu übernehmen. Dann ruhte er sich zu Hause kurz aus, bevor es wieder nach Pristina ging und alles von vorne begann. „Manchmal fühlte es sich so an, als würde ich überhaupt nicht zum Schlafen kommen“, erinnerte er sich an diese Zeit. „Ganz zu schweigen davon, Zeit für meine Familie zu haben.“

Heute fährt Berisha (42) auf seinem Weg zur Arbeit an deutschen Fachwerkhäusern im malerischen Pegnitz in der Nähe von Nürnberg vorbei, wo er als Kardiologe im größten Krankenhaus der Stadt arbeitet. Er verdient das Zehnfache seines alten Gehalts und besucht an den Wochenenden mit seiner Frau und seinen Kindern gerne historische Stätten. Fünf Jahre sind vergangen, seit er sein Stethoskop eingepackt und nach Deutschland gezogen ist. Berisha bereut es bis heute nicht. „Die Entscheidung hierher zu kommen fiel mir wirklich sehr schwer, aber es ging nicht anders“, meinte er in einem Gespräch bei sich zuhause in Nürnberg, an einem Apfelsaft nippend. Wenn es auch die strapaziösen Dienste und langen Anfahrtszeiten waren, die ihm am meisten abverlangten, so änderte auch seine Diagnose des kränkelnden Gesundheitssystems des Kosovo seine Sichtweise. „Korruption, eine begrenzte Denkweise und Vetternwirtschaft in staatlich finanzierten Institutionen zerstören die Zukunft des Landes“, lautet sein Fazit.

© Shkumbin Ahmetxhekaj
Blerim Syla, Direktor des Verbands der Gesundheitsgewerkschaften, ist besorgt über die Auswirkungen der Abwanderung von medizinischen Fachkräften. Foto: © Shkumbin Ahmetxhekaj

Berisha ist einer von Hunderten von Ärztinnen und Ärzten im Kosovo, die niedrige Gehälter und enorme Belastungen gegen ein lohnenderes Leben im Ausland ausgetauscht haben. Die meisten gehen nach Deutschland, wo im Kosovo erworbene medizinische Qualifikationen anerkannt werden. Eine Karriere im Ausland wird für kosovarische Ärzte, Pflege- und anderes Gesundheitspersonal immer einfacher. BIRN zeigt das volle Ausmaß der Abwanderung medizinischer Fachkräfte in Europas jüngstem Staat auf. Wie aus den Zahlen der Ärztekammer und der Kammer für Krankenpflegeberufe hervorgeht, wandern in einem Land mit einer der niedrigsten Ärztedichten des Kontinents alle zwei Tage eine Ärztin oder ein Arzt und jeden Tag zwei Pflegekräfte aus.

Situation in Kroatien

Der Kosovo ist nicht das einzige Land in Südosteuropa, das mit der Abwanderung von medizinischen Fachkräften zu kämpfen hat. Das Phänomen betrifft die ganze Region, darunter auch das jüngste EU-Mitglied Kroatien. Nach Angaben der kroatischen Ärztekammer wurde die für die Arbeitssuche im Ausland erforderliche Bescheinigung von mehr als zehn Prozent aller kroatischen Ärztinnen und Ärzte – rund 1.700 – angefordert. „Ich sage immer, dass das kroatische Gesundheitssystem ein schwieriges Terrain für Ärzte und Patienten ist, wobei die Situation jeden Tag schlechter wird“, meinte Ljiljana Cenan, eine praktische Ärztin in Ivankovo, einer Ortschaft im Osten des Landes. Zwanzig Jahre arbeitete Cenan dort, bevor sie einen Job in Schweden annahm. Es sei schwierig, einen Ersatz für sie zu finden, meinte sie.

Wie ihre Kolleginnen und Kollegen im Kosovo klagen viele kroatische Ärztinnen und Ärzte über begrenzte Möglichkeiten in der Facharztausbildung. Um den Exodus zu stoppen, werden Ärztinnen und Ärzte in Kroatien angehalten, nach Beendigung ihrer Assistenzzeit an der betreffenden Klinik zu bleiben – oder sie müssen eine Strafe von bis zu 135.000 Euro zahlen.

Ivan Bekavac, Leiter des Büros für medizinische und internationale Angelegenheiten der Ärztekammer, ist der Ansicht, dass das Land vor einem ernsten Problem stehe, auch wenn er nicht viel davon hält, junge Ärztinnen und Ärzte auf diese Weise an die Kandare zu nehmen. Er nannte das Beispiel eines Krankenhauses in Slavonski Brod, das 32 offene Stellen ausgeschrieben hatte, aber nur sieben Bewerbungen erhielt. „Anhand unseres neuen [Online-] Systems ist ersichtlich, wie viele Ärzte in den kommenden Jahren in jeder Gespanschaft in Pension gehen werden und wie viele Ärzte je nach Fachgebiet sich alle Papiere geholt haben, um ins Ausland zu gehen“, sagte er. In Kroatien gibt es rund 470 Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand, die aufgrund des Mangels an Nachwuchskräften weiterhin in Teilzeit arbeiten.

Die Abwanderung hat ihren Preis: Stationen sind personell unterbesetzt, Patientinnen und Patienten sich selbst überlassen, institutionelles Wissen ist vergeudet. Hinzu kommt der Preis für den Steuerzahler – rund 100.000 Euro kostet die Ausbildung jedes neuen Arztes. „Da braut sich was zusammen“, meinte Afrim Blyta, Professor für Neuropsychiatrie an der Medizinischen Fakultät der Universität Pristina. „Ich sehe, dass 95 Prozent der Studierenden Deutsch lernen und nach Deutschland gehen wollen. Bald wird es im Kosovo zu akuten Engpässen im Gesundheitswesen kommen.“ Gesundheitsexperten führen die Krise auf niedrige Löhne und düstere Jobaussichten im Kosovo sowie auf die unersättliche Nachfrage nach medizinischen Fachkräften in Deutschland zurück, wo Europas größte Volkswirtschaft mit dem Problem einer alternden Gesellschaft kämpft.

Aber auch ein weniger bekanntes Phänomen treibt die Massenflucht an: die florierende Privatwirtschaft, deren einziger Zweck darin besteht, fertig ausgebildete Gesundheitskräfte hervorzubringen, die nach Deutschland geschickt werden. Von Fließband-Hochschulen und gierigen Headhuntern bis hin zu einem blühenden Handel mit gefälschten Abschlüssen – BIRN bringt diesen weitgehend unregulierten Export-Markt für medizinische Fachkräfte ans Licht. Laut Kritikern hat dies zur Folge, dass dem Land Talente genommen werden und gleichzeitig Quantität vor Qualität geht. Die Folgen dessen für die öffentliche Gesundheit sind gravierend.

Ärzte ohne Grenzen

In Gorancë, einer Ortschaft in den Hügeln im Süden des Kosovo, ist man daran gewöhnt, dass die hiesigen Ärztinnen und Ärzte nach Deutschland verschwinden. Der letzte ist vor einigen Monaten weggegangen und die wenigsten machen sich Hoffnungen, dass ihm jemand nachfolgt. Im Ärztezentrum tut Schwester Sevime Shkreta ihr Möglichstes, um die Kranken und Verletzten zu versorgen. Sie ist geschickt im Umgang mit dem Thermometer und legt einen erstklassigen Verband an. Häufig muss sie ihre Patientinnen und Patienten jedoch in das im Osten gelegene städtische Gesundheitszentrum in Hani i Elezit/Elez Han schicken.

Das ist keine Option für die Familie der 65-jährigen Arife Berisha (nicht verwandt mit Blerim Berisha). Sie leidet an Bluthochdruck, ihr Mann hat Herzprobleme und ihre Schwiegermutter Diabetes. „Wir können es uns nicht leisten, nach Hani i Elezit zu fahren, weil wir kein Auto haben und meine Söhne arbeitslos sind“, erklärte sie, während Schwester Shkreta ihren Blutdruck maß.

Überall im 1,8 Millionen Einwohner zählenden Land haben sich einst betriebsame Ärztezentren in Geisterkliniken verwandelt. Selbst regionale Krankenhäuser in Pejë/Peć und Gjakovë/Ðakovica im Westen des Landes mussten einige Abteilungen schließen. Laut Ärztekammer praktizieren landesweit 4.100 Ärztinnen und Ärzte. Das sind 2,3 Ärztinnen und Ärzte pro 1.000 Einwohner, eine der niedrigsten Ärztedichten in den 47 Mitgliedsstaaten des Europarats. Nur in Albanien (1,2), der Türkei (1,8) und in Bosnien-Herzegowina (2,0) ist die Ärztedichte laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation noch niedriger. In Deutschland kommen dagegen 4,2 Ärztinnen und Ärzte auf 1.000 Einwohner, in Schweden sind es 5,4.

Ärztedichte am Balkan. So viele Ärzte kommen auf 1.000 Einwohner. Quelle: WHO. Die einzelnen Vergleichswerte stammen von den zuletzt verfügbaren Daten

Pleurat Sejdiu, Präsident der kosovarischen Ärztekammer, ist der Ansicht, dass das Land mindestens 5.000 Ärztinnen und Ärzte braucht, um die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Standards zu erfüllen. Das bedeutet, dass derzeit 900 Medizinerinnen und Mediziner fehlen. Indes geht aus den Statistiken hervor, dass die Fluktuation ein alarmierendes Ausmaß erreicht hat. Auf 150 neue Ärztinnen und Ärzte, die jedes Jahr ihren Abschluss machen, kommen mindestens 180, die das Land verlassen, so Sejdiu. „Die meisten haben vor, den Kosovo zu verlassen, obwohl sie im Gastland eine zusätzliche Ausbildung und Praktika durchlaufen müssen“, erklärte Sejdiu. Im vergangenen Jahr erhielt er 176 Anfragen von medizinischen Fachkräften für eine Unbescholtenheitsbescheinigung, die für die Arbeitssuche im Ausland gesetzlich vorgeschrieben ist.

Auch Suzana Manxhuka Kerliu, Dekanin der Medizinischen Fakultät an der Universität Pristina, wird mit Anfragen nach Bescheinigungen von auswanderungswilligen Absolventen und Studierenden bombardiert. „Das Negative daran ist, dass wir unsere klügsten Köpfe verlieren“, meinte sie. „Auf der anderen Seite wird unser Angebot vom Markt positiv aufgenommen, aber für uns ist das schlecht, weil wir mit Engpässen rechnen müssen.“ Beinah alle Medizinstudierenden an der Universität Pristina würden als Vorbereitung auf die Jobsuche private Sprachschulen besuchen, um Deutsch zu lernen, fügte sie hinzu. „Man kann von niemandem verlangen, aus Gründen des Patriotismus zu bleiben“, sagte sie. „Nicht, wenn wir den jungen Leuten keine angemessenen Arbeits- und Studienbedingungen bieten können.“

„Man kann von niemandem verlangen, aus Gründen des Patriotismus zu bleiben. Nicht, wenn wir den jungen Leuten keine angemessenen Arbeits- und Studienbedingungen bieten können.“

– Suzana Manxhuka Kerliu, Dekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Pristina

Die Ironie an der Sache ist, dass trotz des Ärztemangels viele Absolventinnen und Absolventen der Medizin im Kosovo nur schwer Arbeit finden. Der Ärztekammer zufolge gibt es im Kosovo 440 qualifizierte Ärztinnen und Ärzte, die keine Arbeitsstelle gefunden haben – zumindest nicht auf heimischem Boden. Experten machen dafür eine Kultur der Vetternwirtschaft in einem Land verantwortlich, das nach Angaben des Gesundheitsministeriums nur 220 Millionen Euro im Jahr für die öffentliche Gesundheit ausgibt. Das sind 122 Euro pro Person, im Vergleich zu rund 5.000 Euro in Deutschland. „Wenn man keine Beziehungen hat, ist es schwierig, einen Job oder einen Platz für eine Facharztausbildung zu bekommen“, erklärte Blerim Syla, Direktor des Verbands der Gesundheitsgewerkschaften im Kosovo. Aber selbst jene, die eine Anstellung bekommen, plagt das Fernweh. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage der Ärztekammer ergab, dass der Hauptgrund, warum sich medizinische Fachkräfte nach besseren Angeboten umsehen, die schlechten Arbeitsbedingungen sind, gefolgt von mangelnden Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung. Erst an dritter Stelle stehen die niedrigen Gehälter.

© Shkumbin Ahmetxhekaj
Studierende der Krankenpflege an der Universität für Wirtschaft und Technologie in Pristina während einer Vorlesung. Viele wollen nach Deutschland abwandern. Foto: © Shkumbin Ahmetxhekaj

Flamur Llabjani (34) ist einer von jenen, die mit der Situation unzufrieden sind. Der angehende Gastroenterologe schloss vor fünf Jahren sein Studium ab und steht kurz vor Ende seiner Facharztausbildung am Universitätsklinikum der Republik Kosovo in Pristina, wo er 18 Stunden am Tag arbeitet und täglich von seinem 40 Kilometer südlich gelegenen Wohnort Ferizaj/Uroševac nach Pristina pendelt. „Die älteren Ärzte, die uns eigentlich unterrichten und ihr Wissen weitergeben sollten, tun dies leider nicht, mit einer Ausnahme“, erzählte er. Llabjani befürchtet, dass er seine Facharztausbildung beenden wird, ohne gelernt zu haben, wie man einfache diagnostische Verfahren wie Gastroskopien und Koloskopien durchführt. Er glaubt, dass er in Deutschland mehr gefordert wäre. „Früher war ich sehr dagegen, dass die Leute weggehen“, sagte er. „Mittlerweile sehe ich, dass sogar meine engsten Freunde, die mich anflehten zu bleiben, es in Betracht ziehen.“

Das Geschäft floriert

Deutschland braucht zusätzlich zu den 500.000 derzeit Beschäftigten im Gesundheitswesen weitere 70.000 Ärzte und Pflegekräfte, heißt es aus dem deutschen Gesundheitsministerium. Rund ein Zehntel der Arbeitskräfte kommt aus dem Ausland. Sie zieht es in ein Land, das mehr für die öffentliche Gesundheit ausgibt als jedes andere in Europa – laut Eurostat, der Statistikagentur der EU, 351,7 Milliarden Euro im Jahr 2016. Nur ein Bruchteil der ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland stammt aus dem Kosovo. Die deutsche Bundesärztekammer beziffert die Zahl auf 292, doch der kosovarischen Ärztekammer zufolge sind es mehr als 450. So winzig diese Zahlen im Vergleich zu den 84 Millionen Einwohnern Deutschlands auch sein mögen, so machen sie doch einen beträchtlichen Anteil der Beschäftigten im Gesundheitswesen des Kosovo aus. Experten zufolge öffnet der Kosovo seine Schleusen – besonders wenn es um Pflegekräfte geht.

„Es ist unmöglich, mehr als 4.000 Studierenden eine adäquate Ausbildung zukommen zu lassen. Ich sehe sie jeden Tag durch die Gänge der Kliniken laufen, aber auf die Praxis vorbereitet werden sie nicht.“

– Pleurat Sejdiu, Präsident der kosovarischen Ärztekammer

Im Kosovo gibt es nach Angaben der Kammer für Krankenpflegeberufe rund 27.000 zertifizierte Krankenpflegerinnen und -pfleger, obwohl nur 21.000 im Land beschäftigt sind. Vermutlich arbeiten die meisten der verbleibenden 6.000 in Deutschland. Viele weitere werden folgen. Seit 2016 ist es privaten Hochschulen im Kosovo gestattet, Pflegekräfte und Hebammen en masse auszubilden. Neben zwei öffentlichen Universitäten, die ein Medizinstudium anbieten, gibt es mittlerweile sechs davon. Während private Hochschulen unbegrenzt Absolventinnen und Absolventen hervorbringen können, sind öffentliche Universitäten an eine Obergrenze von jeweils 50 Studierenden pro Jahr gebunden – eine Zahl, die von der Kosovo-Akkreditierungsagentur (KAA), die für die Einhaltung von Standards an Hochschulen Sorge trägt, festgelegt wurde.

Studienrichtungen im Kosovo mit der größten Zahl an registrierten Studierenden 2017/2018. An erster Stelle sind Hebammen und Krankenpflege, Platz zwei nehmen die Wirtschaftswissenschaften ein und an dritter Stelle der Beliebtheit steht Jus.

Dadurch kam es zu einem explosionsartigen Anstieg der Einschreibungen zum Krankenpflegestudium, das schon bald Wirtschaft und Recht als beliebteste Studienrichtungen des Landes ablöste. Mehr als 5.700 Studierende wurden laut Bildungsministerium im Studienjahr 2017/18 zum Studium der Krankenpflege und Geburtshilfe zugelassen. Die erste Generation von Absolventinnen und Absolventen privater Hochschulen wird dieses Jahr ihren Abschluss machen – das bedeutet Tausende von neuen Pflegekräften, die sich auf Jobsuche begeben werden. Kritiker sind der Meinung, dass der Anstieg der Immatrikulationen zum Krankenpflegestudium Fragen der Qualitätskontrolle aufwirft (siehe Kasten: Eine Frage der Standards). „Es ist unmöglich, mehr als 4.000 Studierenden eine adäquate Ausbildung zukommen zu lassen“, meinte Ärztekammerchef Sejdiu. „Ich sehe sie jeden Tag durch die Gänge der Kliniken laufen, aber auf die Praxis vorbereitet werden sie nicht.“

Das Ökosystem der Abwanderung

Es ist kein Zufall, dass ein eigenes Ökosystem entstanden ist, mit dem Ziel, Fachkräfte im Gesundheitswesen auf den deutschen Markt zu bringen. Hunderte von Sprachzentren im gesamten Kosovo versprechen, auswanderungswilligen Menschen dabei zu helfen, die für die Beantragung eines Arbeitsvisums erforderlichen Deutschtests zu bestehen. Die meisten privaten Hochschulen haben Verträge mit Headhunting-Agenturen, die Krankenhauspersonal an Deutschland vermitteln. Michael Weiss-Gehring, Pflegedienstleiter der Haßberg-Kliniken im bayerischen Haßfurt, erzählte BIRN, dass deutsche Spitäler Headhuntern in der Regel rund 6.000 Euro für jede vermittelte Ärztin, jeden Arzt und jede Pflegekraft zahlen.

Eine Frage der Standards

Während sich Tausende Studierende für einen Pflegeberuf entscheiden, um in Deutschland arbeiten zu können, befürchten Gesundheitsexperten ein Absinken der Standards. Suzana Manxhuka Kerliu, Dekanin der Medizinischen Fakultät der Universität Pristina, verurteilte die Entscheidung der Kosovo-Akkreditierungsagentur (KAA) vor drei Jahren, privaten Hochschulen die Aufnahme einer unbegrenzten Zahl von Studierenden der Krankenpflege pro Jahr zu gestatten. „Warum darf unsere Fakultät nur 50 Studierende der Krankenpflege aufnehmen, während es bei privaten Schulen Tausende sind?“, fragte sie. „Wettbewerb ist gut, aber wir sollten auf Qualität und strenge Kontrollen achten.“ KAA-Chef Gazmend Luboteni meinte, die Entscheidung sei auf der Einschätzung basiert, dass „die Nachfrage des Markts höher ist als das Angebot der Medizinischen Fakultät“ – trotz der Tatsache, dass Hunderte von Absolventinnen und Absolventen der Medizin keine Arbeit im Kosovo finden.

Lul Raka, Professor für Mikrobiologie an der Universität Pristina und ehemaliges KAA-Vorstandsmitglied, war der Meinung, der Kosovo habe sowohl gegen die Richtlinien der Europäischen Kommission als auch gegen seine eigenen Hochschulgesetze verstoßen. „Basierend auf EU-Richtlinien können Titel wie Arzt, Zahnarzt, Apotheker, Krankenpfleger oder Physiotherapeut nur von einer Universität oder wissenschaftlichen Einrichtungen zugehörigen Hochschulen vergeben werden“, erklärte er. „Keine der privaten Hochschulen erfüllt diese Bedingung.“ Zu der Sorge um die Standards gesellen sich Berichte, wonach an einigen privaten Hochschulen an allen Ecken und Enden gespart wird. „Sie halten sich nicht an die Vorschriften … Es gibt viele Lehrende mit dem Titel Professor, die aber nicht promoviert sind“, so Manxhuka-Kerliu.

Private Hochschulen, die von den Studierenden in der Regel 1.000 bis 2.000 Euro pro Jahr kassieren, entgegnen, dass die Universität Pristina kein Qualitätsmonopol hat. Fitim Alidemaj, Leiter des Instituts für Krankenpflege an der privaten Universität für Wirtschaft und Technologie, sagte, dass man an seiner Hochschule mehr in Personal und Infrastruktur investiere.
„Wir haben 102 Beschäftigte allein für die Krankenpflege“, meinte er. Eine BIRN-Analyse von online veröffentlichten Lebensläufen zeigt, dass es an allen öffentlichen Universitäten und privaten Hochschulen, die eine Ausbildung in der Krankenpflege anbieten, akademisches Personal gibt, das keinen gesetzlich vorgeschriebenen Doktortitel hat. In vielen Fällen sind die Dozenten Masterstudierende. Zu ihrer Verteidigung berufen sich tertiäre Bildungseinrichtungen auf eine Verwaltungsanordnung des Bildungsministeriums aus dem Jahr 2017, die ihnen eine fünfjährige „Schonfrist“ einräumt, um zu gewährleisten, dass das Personal über die erforderlichen Postgraduiertenabschlüsse verfügt. Die KAA hat die Aufgabe, Universitäten und Fachhochschulen zu kontrollieren, um sicherzustellen, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alle Kriterien erfüllen. Einige Experten bezweifeln jedoch, dass die KAA dazu fähig – oder bereit – ist.

Im September kündigte die Europäische Vereinigung für Qualitätssicherung in der Hochschulbildung (European Association for Quality Assurance in Higher Education, ENQA), eine in Brüssel ansässige Dachorganisation der Qualitätssicherungsagenturen, die Mitgliedschaft der KAA mit der Begründung, dass diese nicht genug für die Sicherung der Standards tue. „Es gibt keine Überwachung oder Weiterverfolgung der Empfehlungen früherer Überprüfungen“, schrieb die ENQA in einem Schreiben an die KAA, das online verfügbar ist. „Die Überwachung beschränkt sich auf formale Anforderungen, es geht dabei eher um Kontrollen als um Qualitätsverbesserungen.“ Laut Experten könnte der Schritt der ENQA die Anerkennung von Qualifikationen kosovarischer Studierender erschweren.

Eine der größten Sprachschulen im Kosovo ist in Pristina angesiedelt: InterPersonnel bietet rund 550 Studierenden pro Jahr kostenlose Deutschkurse und Pflegepraktika für die Dauer von 18 Monaten an – Ziel ist immer Deutschland. Die Schule verdient allein durch Vermittlungsgebühren. Die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer müssen einen Vertrag unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, sich von InterPersonnel, die mit der deutschen Headhunting-Firma Dekra zusammenarbeitet, einen Arbeitsplatz vermitteln zu lassen. „Auf 140 freie Plätze kommen rund 3.000 Bewerbungen“, so Musa Ahmeti, Geschäftsführer von InterPersonnel. „Wir tragen nicht zum Bevölkerungsschwund im Kosovo bei, sondern senken die Arbeitslosigkeit und bieten Pflegefachkräften die Chance auf ein besseres Leben.“

In ganz Deutschland schießen Headhunting-Agenturen, die Geschäftschancen wittern und sich auf den Kosovo und andere Balkan-Länder konzentrieren, aus dem Boden. „Die Nachfrage in Krankenhäusern ist hoch und steigt enorm“, meinte Sadik Shkreli, der 1991 den Kosovo verließ und jetzt eine Personalvermittlungsfirma in Landshut bei München betreibt. Er schätzt, dass er jährlich 50 bis 60 Pflegekräfte aus dem Kosovo, Albanien, Nordmazedonien und Serbien vermittelt.

Headhunter könnten jedoch bald weniger zu tun haben. Im Jänner wird Deutschland die Beschränkungen für arbeitssuchende Fachkräfte aus dem Ausland lockern und Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften die Einreise mit einem Sechsmonatsvisum ermöglichen, damit sie selbst auf Jobsuche gehen können. Arbeitssuchende werden weiterhin ausreichende Sprachkenntnisse nachweisen müssen, was für weniger Sprachbegabte ein erhebliches Hindernis darstellt. Manch einer hat jedoch einen einfachen, wenn auch unethischen schnelleren Weg gefunden.

BIRN befragte vier Personen, die aus dem Kosovo ausgewandert sind, die behaupteten, andere dafür bezahlt zu haben, an ihrer Stelle Sprachprüfungen abzulegen. Unter ihnen war ein 39-jähriger Krankenpfleger aus dem Ostkosovo, der beschloss, nach Deutschland auszuwandern, nachdem seine Mutter an Brustkrebs gestorben war. Ein Problem in der Versorgungskette ihres Krankenhauses bedeutete, dass er ihre Medikamente aus eigener Tasche bezahlen musste, was ihn beinah in den Bankrott trieb.

„Stellen Sie sich vor, sie verdienen nur 400 Euro im Monat und müssen Medikamente um 5.000 Euro kaufen“, erzählte er. „Ich fühlte mich im Stich gelassen. Ich war selbst Mediziner und konnte meiner Mutter nicht mehr viel helfen.“ Um einen Termin für einen Visumsantrag bei der Botschaft zu bekommen, benötigte der Krankenpfleger ein Zertifikat, das Deutschkenntnisse auf B2-Niveau bescheinigte. Er meinte, er pflichte dem britischen Dramatiker Oscar Wilde bei, dass „das Leben zu kurz ist, um Deutsch zu lernen“. Für 2.000 Euro musste er das auch nicht.

Prüfungsanbieter wie das Österreichische Sprachdiplom Deutsch (ÖSD) und das Goethe-Institut bekräftigen, alles zu unternehmen, um einen solchen Betrug zu verhindern. „Prüfungsanbieter wie das ÖSD werden durch den geschilderten Betrug im Zusammenhang mit dem Ablegen von Sprachprüfungen massiv geschädigt“, schrieb Brigitte Mitteregger, Leiterin des Wiener ÖSD-Büros, in einer E-Mail. Berichte über Betrügereien haben die deutsche Botschaft in Pristina dazu veranlasst, die Liste der Prüfungsanbieter, deren Zertifikate anerkannt werden, auf das ÖSD und das Goethe-Zentrum im Kosovo, das ÖSD in Nordmazedonien und Österreich und das Goethe-Institut und TELC in Deutschland zu beschränken.

Neue Horizonte

Im Februar verabschiedete das kosovarische Parlament ein neues Gehaltsgesetz, wonach die Arztbezüge fast verdoppelt werden sollen. Es wurde jedoch bislang noch nicht umgesetzt. An öffentlichen Krankenhäusern verdienen Ärztinnen und Ärzte momentan zwischen 600 und 750 Euro im Monat. Auch die Gehälter von Pflegekräften sollen um rund 50 Prozent, von 400 Euro auf rund 600 Euro im Monat, angehoben werden.

„Auch im Hinblick auf verbesserte Arbeitsbedingungen sollten es sich junge Ärzte und Pflegekräfte zweimal überlegen, bevor sie weggehen“, meinte Basri Sejdiu, Direktor der Universitätsklinik Kosovo. Er fügte hinzu, dass die Klinik, die für die Verwaltung regionaler Krankenhäuser zuständig ist, daran arbeite, die Facharztausbildung im ganzen Land zu überprüfen, damit die Ausbildungsstellen gerecht verteilt werden.

Das Gesundheitsministerium will die Zahl der Medizinstudierenden an der Universität Pristina von derzeit 150 auf bis zu 250 erhöhen. Gleichzeitig erklärte Gazmend Luboteni, der Leiter der KAA zur Einhaltung akademischer Standards, dass er plane, ab diesem Jahr erneut Quoten für die Aufnahme von Studierenden an privaten Hochschulen einzuführen.

Solche Pläne, talentierte Nachwuchskräfte zu halten, könnten jedoch durch ein im Juli vom Kosovo und Deutschland unterzeichnetes Abkommen zur Eröffnung eines regionalen Zentrums für die Ausbildung und Akkreditierung von Pflegepersonal aus dem Kosovo speziell für den deutschen Markt durchkreuzt werden. Das Zentrum, das an einem noch nicht fixierten Standort im Kosovo eingerichtet werden soll, wird eine staatlich geförderte Ausbildung, Praktikumsplätze und Deutschkurse für angehendes Pflegepersonal anbieten. Im Gegenzug soll der Kosovo von Deutschland bei der Stärkung seines Gesundheitssystems unterstützt werden, einschließlich des Aufbaus einer staatlichen Krankenversicherung.

Internationale Integration

Expertenmeinungen zufolge gibt es viele Gründe für den Mangel an Gesundheitsfachkräften in Deutschland, wie etwa eine niedrige Geburtenrate und die ungebremste Abwanderung deutscher Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte, vor allem in die Schweiz, nach Großbritannien, in die Vereinigten Staaten und nach Österreich, wo die Gehälter höher sind. Behörden, die dem Mangel an 70.000 medizinischen Fachkräften entgegenwirken wollen, sagen, dass die Einstellung von Personal aus dem Ausland nicht einfach sei, da die Bewerberinnen und Bewerber Deutsch lernen, ihre Qualifikationen anerkennen und sich zertifizieren lassen müssen. All das dauere bestenfalls neun bis 12 Monate.

Laut Krankenhausmanagern kann auch die Integration von ausländischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern problematisch sein. „Auch nach der Einstellung kann es zwei Jahre dauern, bis ein neuer Mitarbeiter voll integriert ist“, gab Michael Weiss-Gehring zu bedenken. Er ist Pflegedienstleiter der Haßberg-Kliniken in Haßfurt, wo die Hälfte aller Ärztinnen und Ärzte nicht aus Deutschland stammt. Auf Initiative von Weiss-Gehring treffen sich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wöchentlich bei einem Bier, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und sich besser zu integrieren. „Die Sprache ist das größte Problem, das wir haben. Eine andere Sache ist die Kultur“, sagte er. „Die Menschen kommen aus völlig unterschiedlichen Gesundheitssystemen. Das gilt insbesondere für Pflegekräfte, denn die Arbeit, die sie hier leisten, ist eine völlig andere.“
„Viele Patienten glauben, dass die Ärzte ihre Probleme nicht verstehen“, fügte er hinzu.

Alfred Schmitt, ein 82-jähriger Patient der Haßberg-Klinik, meinte, es störe ihn nicht, dass das Personal oftmals nicht aus Deutschland stammt. „Sie verstehen, was ich brauche“, sagte er. Eine albanische Krankenschwester, die in München arbeitet, findet jedoch, dass andere weniger tolerant seien. „In einer Nachtschicht waren von zehn Mitarbeitern nur zwei gebürtige Deutsche“, erzählte die Krankenschwester, die anonym bleiben wollte. „Patienten haben sich darüber beklagt und geschimpft, dass sie von Ausländern behandelt wurden.“

Kritiker befürchten, dass die Initiative zu einem Freibrief für diejenigen werden könnte, die ein One-Way-Ticket aus dem Kosovo suchen. Auf die Frage seitens BIRN während einer Pressekonferenz, ob die Regierung versuche, die Abwanderung von medizinischen Fachkräften zu fördern, erklärte Gesundheitsminister Uran Ismaili: „Es liegt in ihrem Ermessen, ob sie zurückkehren wollen oder nicht.“

Indes könnte sich für Gesundheitspersonal aus dem Kosovo bald ein Vielfaches an Möglichkeiten eröffnen, da auch andere Länder ihre Türen öffnen. InterPersonell-Geschäftsführer Ahmeti bestätigte, dass sein Unternehmen Gespräche mit dem Schweizerischen Roten Kreuz führe, das zertifizierte Pflegehelferinnen und -helfer ausbildet, um „einen neuen Markt in der Schweiz zu erschließen“. „Die Gehälter sind äußerst gut und beginnen bei 8.000 Schweizer Franken (7.200 Euro) [im Monat]“, sagte er. „Aber man muss mindestens drei Jahre Berufserfahrung haben und über Deutschkenntnisse auf B2-Niveau verfügen.“

Für Ärzte wie Blerim Berisha in Pegnitz bei Nürnberg geht es nicht nur um Geld. Auf die Frage was, wenn überhaupt etwas, ihn zurück in den Kosovo locken könnte, dachte er einen Moment nach, bevor er antwortete. „Respekt und Integrität“, meinte er dann.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 4. Dezember 2019 auf Balkaninsight.com. Die deutsche Übersetzung ist erstmals am 31. Jänner 2020 auf derstandard.at erschienen.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Shkumbin Ahmetxhekaj, bearbeitet von Timothy Large. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Eine Krankenschwester misst in der kosovarischen Ortschaft Gorancë den Blutdruck bei Arife Berisha (65). Foto: © Shkumbin Ahmetxhekaj


Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.