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Interview

„Wir waren nur Kinder!“

Rainer Gries, Eva Asboth, Michaela Griesbeck und Christina Krakovsky über die Kinder der Balkankriege.

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Überall in Europa gibt es sie noch, die Angehörigen jener Generation, die in die Agonie und Ausweglosigkeit der sozialistischen Gesellschaften der 1980er-Jahre hineingeboren wurden. Wer im von Konflikten und Krisen geschüttelten Jugoslawien der 1980er- und frühen 1990er-Jahre aufwuchs, hat die Schrecken der Balkankriege hautnah miterlebt. Bei diesen Kindern und Jugendlichen überlagerten die Erfahrungen von kriegerischer Gewalt die Erfahrungen des gesellschaftlichen und politischen Umbruches in existenzieller Weise. Sie lernten, Tag für Tag im Ausnahmezustand jener Jahre zu leben – und im Ausnahmezustand physisch wie psychisch zu überleben.

Die Einstellungen, die Haltungen und die Handlungen dieser jungen Erwachsenen werden im Laufe des kommenden Jahrzehntes entscheidende soziale und politische Wirkungen entfalten. Denn mittlerweile sind die damaligen Kinder und Jugendlichen zu jungen Leuten um die 30 herangewachsen. Sie werden bald vor elementaren Herausforderungen stehen, die sie in besonderer Weise bewältigen müssen und die uns überall in Europa unmittelbar politisch betreffen.

Generation In-Between

Die Kinder der Balkankriege: Annäherungen an eine europäische Schlüsselgeneration
AutorInnen: Eva T. Asboth, Michaela Griesbeck, Christina Krakovsky | Franz Vranitzky Chair for European Studies, Universität Wien 2016

In den kommenden Jahren wird es die Aufgabe der Angehörigen ebendieser Generation sein, die europäische Integration ihrer Länder fortzusetzen, zu vertiefen und weiter auszugestalten – oder womöglich erst in Gang zu setzen. Und das, obschon viele junge Erwachsene gerade in Ost- und Südosteuropa der europäischen Idee mittlerweile mit Skepsis und Desinteresse gegenüberstehen.

Aus diesem Grund hat es sich der Franz Vranitzky Chair for European Studies an der Universität Wien mit Partnern aus Österreich, Deutschland und Südosteuropa zur Aufgabe gemacht, diese künftige Trägergeneration Europas langfristig wissenschaftlich zu beobachten und zu begleiten. Generation In-Between über die Generation dazwischen versteht sich als eine einführende Bestandsaufnahme zur Geschichte, Psychologie und Politik dieser Schlüsselgeneration.

Die Ergebnisse der Studie bestätigen: Wer als Kind oder Jugendliche/r die Kriege der 1990er-Jahre auf dem Balkan erlebt hat, leidet bis heute massiv unter diesen prägenden Erfahrungen militärischer Gewalt. Andererseits zeigen die Ergebnisse aber auch, dass die Angehörigen dieser Generation In-Between ein großes Bedürfnis nach Öffentlichkeit haben: Sie möchten ihre Erfahrungen und Erwartungen nach außen tragen, persönlich wie gesellschaftlich thematisieren.

Dieses Bedürfnis der Generation In-Between, über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sprechen, war der Ausgangspunkt der weiterführenden Studie „Generation In-Between. Die Kinder der Balkankriege: Prävention durch Kommunikation“, über die sich Jovana Trifunović mit Rainer Gries und seinem Team, Eva Asboth, Michaela Griesbeck und Christina Krakovsky, unterhielt.

Es gibt nur wenige Studien, die sich mit der Analyse zivilgesellschaftlichen Engagements junger Menschen im postsozialistischen Kontext der Nachkriegszeit in Südosteuropa befasst haben. Was hat Sie bewogen, diese Studie zu initiieren?

Mit der Generation In-Between untersuchen wir eine Schlüsselgeneration für die Zukunft Europas. Die jungen Erwachsenen um die 30 stehen im nächsten Jahrzehnt vor der großen Aufgabe, nach den aktuellen Krisen „Europa“ neu zu formulieren und neu zu definieren. Wenn „Europa“ nicht scheitern soll, müssen sie diese Herkulesaufgabe schultern – doch werden sie diese Herausforderung annehmen? Werden sie sich politisch engagieren? Unsere Grundfragen lauten daher: Wie positionieren sich die Angehörigen dieser Alterskohorten in den Nachfolgegesellschaften Jugoslawiens zwischen Orient und Okzident, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Nation und Europa? Sind sie dafür zu begeistern, sich für ihr Gemeinwesen, für ihre Gesellschaft, für ihr Land, für Europa einzusetzen? Und wenn ja: Wie können wir diese jungen Erwachsenen auf ihrem Weg begleiten und beraten?

Würden Sie sagen, dass sich die Situation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Südosteuropa von jener im Rest Europas unterscheidet?

Natürlich, ganz und gar. Diejenigen, die Kinder und Jugendliche waren, als die Kriege auf dem Balkan tobten, haben nicht nur eine politische und gesellschaftliche Revolution und Transformation mitgemacht, sondern sie müssen bis heute die Folgen der Kriege tragen – persönlich, gesellschaftlich und politisch. Sie sind „Kriegskinder“ in Europa!

Die Situation von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Südosteuropa ist besonders, weil sie zwischen zwei Welten leben. Zwischen der erlebten Unsicherheit und der Erwartung, ihre Heimatländer und sich selbst näher an gut funktionierende Teile Europas heranzuführen. Es gilt, eine Generation im Rahmen des politischen Systems, in dem sie aufgewachsen ist, zu verorten, mitsamt ihren Möglichkeiten, Privilegien und Optionen, die sie hatte oder eben nicht. In unserem Fall bedeutet das: eine Kindheit während des Krieges sowie während der politischen Instabilitäten der 1990er-Jahre, die bis heute anhalten. Die Nachkriegsgesellschaften Südosteuropas werden zu Recht als Gesellschaften der Transformation bezeichnet. Dies bedeutet, dass sie von einem westlichen Verständnis heraus zu den demokratischen Standards aufschließen müssen. Doch haben sie ihre ureigenste Geschichte, ihre ureigensten Erfahrungen und daher besondere Kompetenzen, die nicht zuletzt auch für die europäische Idee in Dienst gestellt werden sollten.

Sie nennen sie die Generation In-Between. Ihr wird häufig ein besonders geringes Interesse an Politik und sozialem Engagement nachgesagt. Wird diese Annahme durch Ihre Studie bestätigt?

Sie haben recht. Gewöhnlich heißt es: Angehörige dieser Generation misstrauen PolitikerInnen, staatlichen Institutionen und sozialen Gemeinschaften. Wir wollten herausfinden, ob das so stimmt.

Die Ergebnisse unserer Studie zeigen diese jungen Leute jedoch in einem positiveren Licht. Um einen Einblick in ihr ziviles Engagement zu bekommen, waren wir vor allem daran interessiert, ihre hidden politics zu erkunden. Aus dieser Perspektive ist es eine wichtige Erkenntnis unserer Studie, dass wir die Generation In-Between nicht leichthin als „unpolitisch“ abstempeln sollten, wie das gewöhnlich geschieht. Freilich lehnen sie das aktuelle politische System in ihren Ländern ab, das sie in weiten Teilen für korrupt halten. Es besteht jedoch andererseits kein Zweifel daran, dass sie in der Tat sehr am aktuellen politischen Geschehen und an einer Zusammenarbeit mit NGOs und BürgerrechtsaktivistInnen interessiert sind. Solche versteckt politischen Aktionen eröffnen vielversprechende Möglichkeiten für die europäische Integration dieser Generation.

„Die Kinder der 1990er-Jahre waren Kinder des Krieges. Sie lernten, sich bei Luftalarm in Kellern und Bunkern zu verkriechen, und sie befanden sich mittendrin, wenn Bomben binnen weniger Sekunden ihr zerstörerisches Werk vollbrachten.“

Wer war die Kernzielgruppe Ihrer Untersuchung?

Wir interessierten uns für junge Menschen in Bosnien-Herzegowina, Serbien und dem Kosovo, die aus eigenem Antrieb aktiv geworden sind – sei es, dass sie ein eigenes kleines Projekt begonnen haben, sei es, dass sie ehrenamtlich tätig sind oder für eine NGO arbeiten. Unsere Studie setzt also bei denjenigen an, die sich gesellschaftlich oder politisch engagieren, und fragt nach deren Wegen und Umwegen. Denn: Eine engagierte Jugend, die Interesse an der Zivilgesellschaft zeigt, ist für einen langfristigen und nachhaltigen Prozess der Demokratisierung wesentlich.

Wir stellten fest, dass ebendiese zahlreichen und mannigfaltigen Grassroot-Initiativen und privaten Projekte bis heute von den wissenschaftlichen Disziplinen übersehen und daher kaum untersucht worden sind. Überhaupt haben sich nur wenige Studien mit der Analyse dieser Art zivilen Engagements junger Menschen in Südosteuropa befasst. Das war der Ausgangspunkt für unsere Untersuchung.

Belgrad 2015, Protest im Stadtviertel am Fluß

Sie untersuchten nicht nur die Motive für ihr Engagement, sondern konzentrierten sich auch auf ihre individuellen Ziele?

Ja, so ist es. Wir wollten herausfinden: Welches sind die großen Fragen, die sie umtreiben? Wir haben fünf wesentliche Ziele für ein solches Engagement ermittelt, die die Generation In-Between mit unterschiedlichen Strategien zu erreichen versucht:

1. Versöhnung ist einer der wichtigsten Gründe für junge Menschen in Südosteuropa, sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Der fehlende Austausch mit Menschen aus anderen Ländern des ehemaligen Jugoslawien ist ihnen bewusst und sie sind neugierig zu erfahren, ob all die Geschichten wahr sind, die sie aus den Medien und von ihren Familien über andere Länder gehört haben. Sie bemühen sich um Versöhnung, indem sie Austauschprogramme oder Veranstaltungen organisieren oder ganz persönliche Erzählungen sammeln. Die Erfahrungen des Austausches ermöglichen Verständnis für die Horizonte des anderen; die TeilnehmerInnen können in einem geschützten Umfeld direkt auf Vorurteile oder andere Vorstellungen reagieren.

2. Im Zusammenhang mit dem Versöhnungsgedanken suchen junge Erwachsene auch nach einem vernünftigen und sinnvollen Umgang mit der Geschichte. Hier wird erneut offenkundig, dass entscheidende Details historischer Gegebenheiten in den Institutionen der Bildungssysteme weiterhin unerwähnt bleiben und daher nicht zum Allgemeinwissen zählen. Angehörige der Generation In-Between setzen sich jedoch unvermittelt mit der Vergangenheit auseinander und wollen vergangene Gräueltaten der Kriege aufarbeiten. So wird es einerseits möglich, die historischen Gegebenheiten im Allgemeinen zu begreifen und andererseits persönliche Biografien zu verstehen. Das Verlangen nach einer geteilten, gemeinsamen Geschichte wird so offensichtlich, die die vielfältigen Perspektiven der Länder des ehemaligen Jugoslawien in den Blick nimmt, ohne bewusst Fakten zu verzerren oder zu verschleiern.

3. Ein weiteres Anliegen dieser jungen Erwachsenen ist es, Themen oder Perspektiven öffentlich zu machen, die normalerweise von den Medien oder aus Mangel an sozialer Akzeptanz verschwiegen werden. In diesem Zusammenhang konnten wir eine lebhafte Unterstützung für die LGBTQ-Community sowie für sozial benachteiligte Menschen feststellen.

4. In einer Region, in der die Kriege und schlechte wirtschaftliche Bedingungen nach wie vor sichtbare Spuren zeitigen, ist es nicht verwunderlich, dass junge Menschen sich aktiv dafür einsetzen wollen, diese Lebensbedingungen zu verbessern. Dies geschieht etwa mit Mitteln der Kunst. Dabei möchten sie vor allem die Lebensqualität erhöhen und etwas Schönes für alle schaffen.

5. Schließlich ist ihnen karitative Tätigkeit wichtig: In ihrem Umfeld, in den Städten und Gemeinden und überall dort, wo es notwendig ist, sind sie bereit zu helfen. Sie sehen darin eine Möglichkeit für ihr soziales Engagement.

Was war das wichtigste Ergebnis Ihrer Studie?

Eines der wichtigsten Ergebnisse unserer Studie ist, dass sich diese jungen Menschen weiterhin engagieren wollen, um ihre Gesellschaften auf die eine oder andere Weise zu verbessern – zu diesem Zweck entscheiden sich manche von ihnen auch dazu, eine politische Karriere einzuschlagen. Sie glauben, dass Versöhnung ihren Einsatz wert ist, nicht zuletzt auch, um die Werte der Demokratie zu entwickeln. Und sie sind bereit, ihr Wissen und ihre Erfahrungen im Umgang mit Krisen weiterzugeben, die auch bei der Lösung aktueller Probleme der EU helfen könnten.

Wesentlich ist, dass wir künftig auch kleine und unabhängige Initiativen unterstützen sollten, weil gerade sie das Potenzial haben, weiteres ziviles Engagement zu fördern.

Wir dürfen nicht vergessen, dass diese jungen Menschen in der Region nicht zuletzt „Kinder der Balkankriege“ sind: Über den Verlauf der jüngsten Krisen und Konflikte Bescheid zu wissen, ist für sie existenziell. Initiativen sollten von ihnen selbst und nicht von „außen“ kommen, wie etwa von externen NGOs oder SponsorInnen. Dafür könnten unsere InterviewpartnerInnen wertvolle Erstkontakte abgeben. Die jungen Menschen haben das Bedürfnis, ihr persönliches Wissen und ihre Kompetenzen, etwa im Umgang mit Krisen, in „die Welt“ hinaus zu tragen und einzubringen. Wir sollten ihnen eine Plattform dafür bieten – und ihnen zuhören.

Wir haben gelernt: Wir können viel voneinander lernen.


Michaela Griesbeck, Christina Krakovsky, Rainer Gries und Eva T. Asboth

Univ.-Prof. Dr. Rainer Gries, Historiker und Kommunikationswissenschaftler, ist Inhaber des transdisziplinären Franz Vranitzky Chair for European Studies am Institut für Zeitgeschichte und am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Zudem hat Rainer Gries die Professur für psychologische und historische Anthropologie an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien/Berlin/Paris inne.

MMag. Eva Tamara Asboth, Historikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am transdisziplinären Franz Vranitzky Chair for European Studies, Doktorandin am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Medien und Krieg, Historische Kommunikationsforschung, Südosteuropa.

Dr. Michaela Griesbeck, Sozialwissenschaftlerin und Semiotikerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am transdisziplinären Franz Vranitzky Chair for European Studies, Lektorin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien. Forschungsschwerpunkte: Kommunikation, Mobilität, Junges Erwachsenenalter, Interkulturelle Kommunikation.

Mag. Christina Krakovsky, Kommunikationswissenschaftlerin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am transdisziplinären Franz Vranitzky Chair for European Studies, Doktorandin am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft der Universität Wien, Vorstandsmitglied im Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung (Herausgabe der Fachzeitschrift „medien & zeit“). Forschungsschwerpunkte: Partizipation und Artikulation im öffentlichen Raum, Medien und Wiener Avantgarde, historische Kommunikationsforschung, Südosteuropa.