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Wildes Feld

Der Krieg ist der schlimmste Feind der grenzenlosen Landschaft. Er hat sich in den Boden gebohrt und den Donbass zerteilt.

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Der Fotograf Florian Rainer und die Journalistin Jutta Sommerbauer dokumentieren in ihrem Buch Grauzone: Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass die Geschichten von Menschen aus dem Kriegsgebiet. Fragen nach der persönlichen Verortung in diesem Konflikt, der Bewahrung von Individualität und den Perspekti­ven für die Zukunft haben die beiden auf ihrer Recherche geleitet.

Grauzone ergründet die neuen Realitäten, die die militarisierte Grenze schafft. Improvisation, Stillstand und Un­gewissheit, Angst und Melancholie bestimmen das tägliche Leben, aber auch menschliches Durch­haltevermögen und verhaltene Hoffnung, die sich meist aus den kleinen Dingen des Alltags speist. Mehr zur Reise hier.

Der Donbass ist eine Landschaft, die sich Grenzen widersetzt. Sein Boden erstreckt sich in sanften Wellen bis zum Horizont. Seine Felder haben die Größe von gräflichen Ländereien. Über seine schnurgeraden Straßen muss man einfach rasen. Im Frühling und Herbst lodern auf seinen Äckern die Feuerwälle wie Kunstwerke eines Wahnsinnigen. Manchmal, wenn es still ist, kannst du die Pferdehufe der Reiternomaden hören, die einst über die Steppe donnerten. Dikoje polje, wildes Feld, das ist der zweite Name des Donbass.

Der Krieg ist der schlimmste Feind der grenzenlosen Landschaft. Er hat sich in den Boden gebohrt und den Donbass zerteilt. Gezogen sind die erste, zweite und dritte Verteidigungslinie. Gerechnet wird von der Nullposition aus. Gedacht wird in wir da und die dort.

Dikoje polje, wildes Feld, das ist der zweite Name des Donbass.

Die Architektur des Krieges: Schützengräben, Verteidigungswälle, unterirdische Parkplätze für Kriegsgerät. Panzersperren ziehen sich quer über den Acker, in den Feldern quillt die Erde aus den Bombentrichtern. Zerplatzte Sandsäcke am Straßenrand, Betonsperren haben Straßen in Labyrinthe verwandelt, bunte Plastikschnipsel warnen vor verminten Feldern. Für Schilder reicht das Geld nicht immer.

Seitdem der Krieg in den Donbass gezogen ist, gibt es keine Natur mehr. Übrig geblieben ist Topografie, derer man Herr werden will: strategische Höhen, die zu erobern sind, Felder, die überrollt werden können, Wäldchen, die Versteck bieten, Flüsse, die das Vorwärtskommen erschweren.

Der Krieg ist der schlimmste Feind der grenzenlosen Landschaft.

Dein Blick folgt den Zeigefingern der Soldaten. Sie weisen dorthin, wo der Feind steht. Üblicherweise versteckt er sich in der Nähe von abgewaschenen Wohnblöcken, zwischen Rauchfängen und Schlackehügeln, hinter den Fördertürmen der Zechen. Irgendwo im satten Grün zwischen hier und dort verläuft die Front. Wo das Feindesland beginnt, ist mit freiem Auge nicht zu erkennen.

Auszug aus dem Buch Grauzone: Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass, erschienen im April 2018 bei bahoe books, Wien. Die Recherchereisen wurden durch das Grenzgänger Programm der Robert Bosch Stiftung ermöglicht.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © bahoe books / Florian Rainer, Jutta Sommerbauer. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Titelbild und alle Fotografien: © bahoe books / Florian Rainer.