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„Wo sind denn alle hin?“

Die langsame Entvölkerung von Widin

11. Mai 2020
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Wie die Welthauptstadt des Bevölkerungsrückgangs zu diesem traurigen Titel kam und ihre Jugend verlor.

Ognyan Nenchev versucht seit 15 Jahren, aus Widin, einer Oblast [Verwaltungsbezirk] im Nordwesten Bulgariens, wegzukommen. Sechs Mal machte er sich auf die Suche nach einem besseren Leben, sechs Mal kam er zurück. Seine Entscheidung, immer wieder in den ärmsten Winkel des ärmsten Landes der Europäischen Union zurückzukehren, war ungewöhnlich. Sein Wunsch zu gehen war es nicht. Die stetige Abwanderung von Erwachsenen im erwerbsfähigen Alter hat dazu geführt, dass sich die Bevölkerung Widins in den vergangenen 35 Jahren beinah halbiert hat – von 162.000 im Jahr 1985 auf rund 85.000 im Jahr 2018.

Ognyan war Ende Vierzig, als er auf der Suche nach Arbeit fortging, nachdem er seinen Job als Tiergesundheitsinspektor in der Stadt Widin, der Hauptstadt des gleichnamigen Bezirks, verloren hatte. Im Gegensatz zu den Millionen von Bulgarinnen und Bulgaren, die sich nach Westeuropa aufmachten, beschränkte er seine Suche auf sein eigenes Land. Zuweilen fand er dank seiner eigentlichen Ausbildung Arbeit als Tierarzt. Ein anderes Mal verschafften ihm seine Zusatzqualifikationen eine Anstellung als Lehrer für Naturwissenschaften oder als Heizungsinstallateur. Er kehrte immer dann nach Widin zurück, wenn es keine Arbeit mehr gab, und jedes Mal mit dem gleichen Gefühl: Angst. „Es fühlte sich an, als ob ich in mein Grab zurückkehren würde“, meinte er. „Das ist eine sterbende Stadt.“

Widin befindet sich in einem Teufelskreis aus stagnierender Wirtschaft und demografischem Rückgang. Die Menschen verlassen die Region auf der Suche nach Wohlstand, und der Wohlstand vor Ort bleibt aus, weil so viele Menschen die Region verlassen haben. Zwar ist in weiten Teilen Osteuropas eine ähnliche Dynamik festzustellen, doch in Widin sind die Folgen dramatisch. Im Bezirk gehen die Bevölkerungszahlen innerhalb Bulgariens am schnellsten zurück, und das in einem Land, das den schnellsten Bevölkerungsrückgang in der EU und sogar weltweit verzeichnet. Widin kann mit Fug und Recht von sich behaupten, die Welthauptstadt des Bevölkerungsrückgangs zu sein – der Ground Zero des demografischen Zusammenbruchs.

Global gesehen ist Widin eine Ausnahmeerscheinung, aber dennoch typisch für die Region. Seit dem Ende des Kommunismus vor 30 Jahren sind die Länder Ost- und Südosteuropas Schauplatz eines außergewöhnlichen Phänomens – der schleichenden Entvölkerung. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen aus dem Jahr 2019 befinden sich in der Region neun der zehn Länder mit der am schnellsten schrumpfenden Bevölkerung der Welt.

Aus diesen Statistiken lassen sich zwei große Trends ablesen: die Abwanderung nach Westen und sinkende Geburtenziffern. Millionen junger Menschen haben den Osten Europas verlassen und sind in die wohlhabenderen Volkswirtschaften des Westens gezogen. Gleichzeitig bekommen die, die zurückgeblieben sind, weniger Kinder als frühere Generationen. Diese Faktoren haben zusammengenommen zu einem in Friedenszeiten beispiellosen Bevölkerungsrückgang geführt, der eher an Kriege und Pandemien erinnert.

Foto: © Nikolay Doychinov
Verlassene Gebäude sind ein alltäglicher Anblick in der Oblast Widin. Foto: © Nikolay Doychinov

Dieser Bericht des Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) untersucht, wie Widin zum Epizentrum dieses Phänomens wurde und welche Bedeutung dies für Europa hat – einen Kontinent, der selbst von demografischen Problemen geplagt ist. Denn es sind nicht nur osteuropäische Familien, die immer kleiner werden. In der gesamten Europäischen Union sinkt die Geburtenrate – die durchschnittliche Zahl der Kinder, die von Frauen im gebärfähigen Alter zur Welt gebracht werden – seit Jahrzehnten. Wenn die Union insgesamt keinen so starken Bevölkerungsrückgang wie Osteuropa zu verzeichnen hat, dann liegt das vor allem daran, dass in den westlichen Mitgliedstaaten Migranten sowohl von außerhalb als auch von innerhalb ihrer Grenzen hinzugekommen sind.

In Osteuropa stehen jedoch viele Regierungen der Migration, insbesondere aus Asien, Afrika und dem Nahen Osten, offen ablehnend gegenüber. Staats- und Regierungschefs in der gesamten Region fordern regelmäßig strengere Grenzkontrollen und akzeptieren die von der EU vorgegebenen Flüchtlings- und Migrantenkontingente nur zögerlich. Das Tempo des Bevölkerungsrückgangs zwingt sie allerdings auch zu einigen harten Entscheidungen.

Der Rückgang verursacht langfristige wirtschaftliche Kosten. Eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung wird mit der Zeit für Investoren unattraktiv und kann die Bedürfnisse einer alternden Bevölkerung hinsichtlich Pensionen und Gesundheitsversorgung finanziell nicht mehr tragen. Die Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte kann dazu beitragen, die Kosten abzufedern und ist praktikabler als andere Maßnahmen, wie etwa Menschen dazu zu animieren, mehr Kinder zu bekommen oder Anreize für Expatriates zu schaffen, damit sie wieder in ihre Heimatländer zurückkehren. Länder wie Polen und Litauen fördern mittlerweile eine besondere Form der Migration – aus der nahegelegenen Ukraine, einem Nicht-EU-Land, dessen Wirtschaft durch den Konflikt mit Russland geschwächt ist. Südosteuropäische Staaten wie Bulgarien verfolgen bislang noch keine solche Politik, doch die Geschwindigkeit des Bevölkerungsrückgangs könnte ihnen bald keine andere Wahl lassen.

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Früher einmal war Widin dank seiner günstigen Lage an der Donau ein wichtiger Handelsknotenpunkt. Foto: © Nikolay Doychinov

„Wir brauchen eine massive Migrationswelle“, findet Georgi Burdarov, ein Demograf an der Universität St. Kliment Ohridski in der bulgarischen Hauptstadt Sofia, der die bulgarische Regierung berät. „Wenn wir das Land nicht mit Bulgaren bevölkern können, dann werden andere kommen. Dieses Land wird eine bessere Zukunft haben.“

Kosmopolitische Vergangenheit

Mit dem Auto sind es fünf Stunden von Sofia nach Widin. Die 240 Kilometer lange Strecke führt durch das Balkangebirge und ist Teil eines stark befahrenen Güterverkehrskorridors, der Mitteleuropa mit dem griechischen Hafen Thessaloniki verbindet. Pkws und Lkws quälen sich auf schmalen, holprigen Straßen durch das Gebirge. Nicht selten kommt es zu Unfällen, die den Verkehr in beiden Richtungen lahmlegen. Jede Regierung verspricht den Ausbau der Straßen, bislang wurde jedoch nichts Konkretes unternommen.

In den 1980er-Jahren dauerte die Reise von Widin nach Sofia nur 35 Minuten. Passagierflüge der staatlichen Fluggesellschaft verbanden die beiden Städte miteinander. Die Tickets waren billig. Ältere Einwohner von Widin erinnern sich daran, nur zum Einkaufen in die Hauptstadt geflogen zu sein.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wurde die Flugverbindung jedoch unrentabel. Der Flugverkehr wurde 1992 eingestellt und Widins einziger Flughafen verlor seine Daseinsberechtigung. Heute wacht ein verlassener Kontrollturm über die mit alten Reifen und Glasscherben übersäten Start- und Landebahnen. Erzählungen aus Widins Luftfahrt-Ära – wie etwa die Geschichte eines Passagiers, der ein Huhn an Bord des Flugzeugs brachte und es mit Branntwein ruhigstellte – sind in die Folklore eingegangen.

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Widins verlassene Synagoge zeugt von der einstmals großen jüdischen Gemeinde der Stadt. Foto: © Nikolay Doychinov

Mittlerweile verschmilzt in Widin die Natur mit der Stadt. Bäume und Sträucher lassen die Plattenbauten aus der Zeit des Kommunismus weniger öde wirken. Im Frühling erfüllt der Duft blühender Lindenbäume die leeren Straßen. Auf dem Hauptplatz läuft auf einer riesigen Leinwand ein Informationsvideo für die Öffentlichkeit in Endlosschleife – rund um die Uhr. Die kosmopolitische Vergangenheit lässt sich hie und da noch erahnen. Das Stadtzentrum mit seinen Alleen und verfallenen Villen beherbergte ehemals die Konsulate von Ländern wie Russland, Österreich und Rumänien. Die von Unkraut überwucherte Synagoge war einst die zweitgrößte in Bulgarien.

Widin verdankt seinen einstigen Status seiner Lage. Die Stadt am Ufer der Donau war jahrhundertelang ein von serbischen, ungarischen und osmanischen Herrschern umkämpfter Handelsstützpunkt. Unter der kommunistischen Regierung Bulgariens entwickelte sie sich zu einem Industriezentrum. 1980 wurden hier sämtliche Telefonapparate und zwei Drittel der Reifen des Landes hergestellt. Auf Souvenir-Aschenbechern prangte das bekannteste Wahrzeichen der Stadt, die mittelalterliche Festung Baba Vida – eingefasst in einem Reifen.

„Henne-Ei-Problem“

Die beiden Söhne von Nikolay Tsochev schlossen sich der Abwanderung gen Westen an und zogen nach Spanien, um im IT-Bereich zu arbeiten. Der 65-jährige Sicherheitsbeamte verließ indes die Stadt Widin und zog in die nahegelegene Ortschaft Novo Selo, wo er mit seinem Gehalt von 320 Euro länger auskommt. Seine Söhne greifen ihm ab und zu finanziell unter die Arme. „Was kann ich mehr verlangen?“, meinte er zu BIRN. „Ist es normal, dass das Kalb die Kuh füttert?“ Früher führte er ein Unternehmen für Bauwerksabdichtungen, musste aber 2010, als die globale Finanzkrise über Bulgarien hereinbrach, schließen. „Die Menschen hatten kein Geld für die Renovierung ihrer Häuser“, erzählte er.

Das Pro-Kopf-Einkommen in der Oblast Widin liegt nach Angaben des Statistischen Amts der EU (Eurostat) bei 3640 Euro, was der Hälfte des Durchschnitts Bulgariens entspricht. Die Arbeitslosenquote im Bezirk beträgt 13,5 Prozent und damit das Dreifache des Durchschnitts des Landes. Diese Zahlen sind jedoch mit Vorsicht zu genießen, da sie die beachtliche Schattenwirtschaft nicht berücksichtigen. Viele Menschen arbeiten ohne festen Vertrag und stocken ihr Einkommen diskret mittels Geldsendungen auf.

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Nikolay Tsochev (Mitte) sagt, er hätte in Widin mit seinem Sicherheitsbeamtengehalt kaum über die Runden kommen können. Foto: © Nikolay Doychinov

In der 56 Kilometer von Widin entfernten Stadt Belogradtschik vertreiben sich die Arbeitslosen ihre Zeit im Kaffeehaus. Bürgermeister Boris Nikolov ist der Meinung, sie würden lieber von den Geldsendungen leben, als arbeiten zu gehen. „Man findet nicht einmal vier Leute, um einen mobilen Kaffeestand zu betreiben“, erzählte er BIRN. Nikolov zufolge seien die offiziellen Bevölkerungszahlen seiner Stadt irreführend, da viele, die ins Ausland gegangen sind, nicht erfasst worden wären. „Im Jahr 1991 lebten 10.000 Menschen hier, jetzt sind es 5.000 auf dem Papier und in Wirklichkeit vielleicht 3.000“, so Nikolov.

Widin ist ein Land der Alten und, vereinzelt, auch der Jungen geworden. Menschen im erwerbsfähigen Alter haben die Region verlassen. Einige der Migranten haben „Skype-Kinder“ zurückgelassen, so benannt nach der bekanntesten App, mit der sie miteinander in Kontakt bleiben.

Die Kinder werden in der Regel der Obhut der Großeltern anvertraut, die durch Geldsendungen unterstützt werden. Im Nordwesten Bulgariens arbeitet von 44 Prozent – oder knapp der Hälfte – der Kinder im Alter von 10 bis 17 Jahren zumindest ein Elternteil im Ausland, wie aus einem Bericht des UN-Kinderhilfswerks Unicef hervorgeht. In Bulgarien insgesamt lag der Durchschnitt bei 23 Prozent oder einem von fünf Kindern.

„Die Eltern gehen nicht weg, weil sie wollen, sondern weil sie müssen“, meinte die 18-jährige Kristin Valentinova. Die junge Frau aus Widin hat ihren Vater 13 Jahre lang kaum gesehen, während er auf Zypern lebte und arbeitete. Zwei Jahre davon, als ihre Mutter zu ihrem Vater zog, wurde Kristin ausschließlich von ihrer Großmutter betreut. Alle 26 Schülerinnen und Schüler aus ihrer Abschlussklasse haben Widin verlassen. Auch sie folgte im vergangenen Jahr diesem Beispiel und zog in die Niederlande, um dort Betriebswirtschaft zu studieren.

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Ein Plakat mit dem Konterfei der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Mauer in Belogradtschik. Deutschland ist ein wichtiges Ziel für bulgarische Migranten. Foto: © Nikolay Doychinov

Die Hoffnungen auf große Pläne zur Wiederbelebung Widins haben sich bislang nicht erfüllt. Mit der Einweihung einer Straßenbrücke über die Donau, die Widin mit Calafat in Rumänien verbindet, erhöhte sich 2013 zwar das Verkehrsaufkommen in der Region, es wurden dadurch aber nur wenige Arbeitsplätze geschaffen. Im Jahr 2017 lancierte die nationale Regierung ein mit einer Million Euro dotiertes Beschäftigungsprogramm für den Nordwesten Bulgariens, das Arbeitgeber dazu anregen sollte, einheimische Arbeitskräfte für mindestens ein Jahr zu halten. Nach Angaben von Radoslav Georgiev, einem in Widin ansässigen Ökonomen des Think-Tanks Active Society, wurden 90 Prozent der Beschäftigten nach Auslaufen des Programms entlassen.

Widins stockende Wirtschaft und die rückläufige Bevölkerung haben laut Georgi Stoev, dem Gründer eines bulgarischen Tech-Inkubators, ein „Henne-Ei-Problem“ geschaffen. Arbeitgeber würden Gegenden wie Widin mit dem Argument meiden, „dass es dort keine geeigneten Arbeitskräfte gibt, die man einstellen könnte und die jungen Menschen ziehen weg, weil sie sagen, es gibt keine geeigneten Arbeitgeber“.

„Demografischer Gegenwind“

Die Abwanderung bulgarischer Arbeitskräfte begann in den 1990er-Jahren in den Wirren nach dem Kommunismus und setzte sich bis weit ins nächste Jahrhundert fort. Dem EU-Beitritt des Landes 2007 ging die Sorge voraus, dass die Migration einen Höchststand erreichen würde, sobald die Personenfreizügigkeit für alle Bürgerinnen und Bürger Bulgariens galt. In Erwartung eines Zustroms verhängten wohlhabende EU-Volkswirtschaften – von Italien, Österreich, Deutschland bis hin zu den Niederlanden, dem Vereinigten Königreich und Irland – temporäre Beschränkungen für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen aus Bulgarien und Rumänien, das der Union ebenfalls 2007 beigetreten war. Die letzte dieser Beschränkungen lief 2014 aus.

Günter Verheugen, EU-Erweiterungskommissar von 1999 bis 2004, berichtete BIRN, er sei über die möglichen Auswirkungen auf die rumänische und bulgarische Wirtschaft durch den Verlust von noch mehr Arbeitskräften besorgt gewesen. Während der Beitrittsgespräche habe man die temporären Beschränkungen nicht nur als ein Mittel zum Schutz der Arbeitsmärkte in Westeuropa betrachtet, sondern auch als eine Art Schutzmechanismus für die „Entwicklung in den Kandidatenländern“. Die politischen Entscheidungsträger wurden jedoch von der Geschwindigkeit des Bevölkerungsrückgangs überrascht. „Im Fall Bulgariens und Rumäniens konnte niemand mit einer derart schnellen Entvölkerung rechnen“, so Verheugen.

Der bulgarische Chefunterhändler bei den Beitrittsgesprächen, der ehemalige stellvertretende Außenminister Vladimir Kisyov, erklärte BIRN, dass die Staats- und Regierungschefs der EU in Bezug auf die Ausweitung der Personenfreizügigkeit im Großen und Ganzen „pragmatisch“ gewesen seien, da sie erkannt hätten, dass die Maßnahmen den Mangel an einheimischen Arbeitskräften entschärfen würden. „EU-Länder, denen Arbeitskräfte fehlen, profitieren von unseren Leuten“, sagte er.

Foto: © Nikolay Doychinov
In vielen Teilen Nordwestbulgariens gibt es mehr ältere Menschen als junge. Foto: © Nikolay Doychinov

Rumänien und Bulgarien sollten vom EU-Beitritt natürlich ebenso profitieren wie andere Länder in der Region, die der Union beigetreten waren. Theoretisch könnten die mit der Mitgliedschaft einhergehenden wirtschaftlichen Vorteile dazu beitragen, das Tempo des Bevölkerungsrückgangs zu verlangsamen, da dadurch weniger Anreize zur Abwanderung gegeben sind.

Der Lebensstandard scheint sich nach dem Beitritt verbessert zu haben. Als Bulgarien 2007 Mitglied der Europäischen Union wurde, lag das Pro-Kopf-BIP bei 40 Prozent des Durchschnitts der EU-27. Im Jahr 2018 erreichte es 50 Prozent des Durchschnitts einer 28 Mitglieder umfassenden Union. Die Arbeitslosenrate ist auf einem historischen Tiefstand.

Allerdings hat sich auch der Bevölkerungsrückgang fortgesetzt. Zehntausende junger Bulgarinnen und Bulgaren ziehen nach wie vor jedes Jahr nach Westeuropa. Die Zahl der Bulgarinnen und Bulgaren, die im Ausland leben und arbeiten, hat sich nach Angaben der Statistikbehörde Eurostat seit dem EU-Beitritt Bulgariens verdoppelt. Zwölf Prozent der Beschäftigten des Landes leben heute in anderen EU-Staaten.

Die Abwanderung ist gewiss auch nicht der einzige Grund für den Rückgang. Die Geburtenrate Bulgariens liegt mit 1,5 Geburten je Frau weit unter dem bestandserhaltenden Niveau, und da ist der Verlust durch die Abwanderung noch gar nicht miteingerechnet. In der Oblast Widin ist die Zahl der Geburten pro Jahr seit 2000 um zwei Drittel zurückgegangen.

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Eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung kann die Sicherstellung der staatlichen Pensions- und Gesundheitsversorgung älterer Menschen erschweren. Foto: © Nikolay Doychinov

In Bulgarien besteht Anspruch auf 65 Wochen Mutterschaftsurlaub bei vollem Lohnausgleich. Das Land liegt damit EU-weit an dritter Stelle, was die Länge des Mutterschutzes anbelangt. Man könnte jedoch noch mehr tun, um die Elternschaft zu einer attraktiven Option zu machen, meinte Kaloyan Staykov, ein Ökonom am Sofioter Institut für Marktwirtschaft. „Großzügige Zugeständnisse hören sich anfangs gut an“, erklärte er BIRN. Es gibt jedoch wenig Unterstützung für Familien mit niedrigem Einkommen, wenn die Mütter wieder arbeiten gehen.

Die wirtschaftlichen Zuwächse Bulgariens nach dem EU-Beitritt haben den Bevölkerungsrückgang zwar nicht aufgehalten, aber dieser Rückgang hat die positive Entwicklung höchstwahrscheinlich behindert. Laut einer Studie des Internationalen Währungsfonds (IWF) könnte das für Mittel-, Ost- und Südosteuropa prognostizierte Bruttoinlandsprodukt pro Kopf bis 2050 auf 74 Prozent des westeuropäischen Durchschnitts steigen – ein starker Anstieg gegenüber dem derzeitigen Niveau von 52 Prozent. Unter Berücksichtigung des Bevölkerungsrückgangs revidierte der IWF jedoch seine Prognose des BIP pro Kopf in der Region im gleichen Zeitraum auf nicht mehr als 60 Prozent des westeuropäischen Durchschnitts. Der „demografische Gegenwind“ hatte das Tempo der „Einkommenskonvergenz“ verlangsamt, so die Studie.

„Zur Kalaschnikow greifen“

Am anderen Ende Osteuropas wird der baltische Staat Litauen den jüngsten Prognosen der UNO zufolge bis 2050 die Bevölkerungsrückgangsrate Bulgariens erreichen. Seit 1990 hat das Land in erster Linie infolge der Abwanderung in die EU 883.000 Menschen bzw. fast ein Viertel seiner Bevölkerung verloren.

Wie auch in anderen Ländern der Region ist die Demografie zu einem wichtigen politischen Thema geworden, auch wenn sie nicht die Art von nativistischem Populismus geschürt hat, wie dies in Polen und Ungarn der Fall ist. Regiert wird das Land vom Bund der Bauern und Grünen, einer neuen Partei, die mit dem Versprechen gewählt wurde, Sozialleistungen zu verbessern und die Abwanderung in die EU einzudämmen.

Neben Maßnahmen, die darauf abzielen, im Ausland lebende Arbeitskräfte zur Rückkehr zu bewegen, hat die Partei Subventionen für den Kauf von Häusern auf dem Land eingeführt, um litauische Bürgerinnen und Bürger zu motivieren, sich im entvölkerten ländlichen Raum niederzulassen. „In einem kleinen Gebiet können zehn neue Familien zehn neue Unternehmen bedeuten“, so der stellvertretende Parteivorsitzende Tomas Tomilinas gegenüber BIRN. Er fügte jedoch hinzu, dass die Auswirkungen der Subventionierung weitgehend „symbolisch“ gewesen seien.

Angesichts des chronischen Arbeitskräftemangels hat die litauische Regierung vor drei Jahren auch damit begonnen, die restriktive Zulassungspolitik für ausländische Arbeitskräfte zu lockern. Offizielle Zahlen sprechen von 58.000 im Land lebenden Ausländern, weitere Zehntausende sollen illegal beschäftigt sein. Die meisten kamen aus der Ukraine, eine kleinere Zahl aus Weißrussland und Russland. Sie sind im Straßengüterverkehr und im Baugewerbe beschäftigt, wo man sie für die sinkenden Löhne verantwortlich macht.

„Ukrainer, die nach Litauen kommen, sind Opfer ihrer Unkenntnis des Gesetzes“, meinte Volodymyr Kurylo, ein ukrainischer Migrant, der in Vilnius einen Bautrupp leitet. Er sei zwar froh, mehr zu verdienen als zu Hause, überlege aber auch, mit seiner Familie nach Deutschland umzuziehen, wo die Löhne noch höher sind.

Während Tomilinas einräumte, dass der Zustrom von Wanderarbeitern gut für die Wirtschaft sei, gab er eines zu bedenken: Die Lockerungen der Einwanderungsbeschränkungen seien vergleichbar mit einer „Schaufensterauslage voller Schokolade, Alkohol und Zigaretten“ – eine verlockende kurzfristige Lösung für das Problem des Bevölkerungsrückgangs.

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Versuche der Regierung, den Bevölkerungsrückgang in Widin zu verlangsamen, haben bislang wenig Wirkung gezeigt. Foto: © Nikolay Doychinov

Es gibt bislang kaum Anzeichen dafür, dass Bulgarien versuchen wird, Wanderarbeiter in ähnlicher Größenordnung wie Litauen anzulocken. Die Ablehnung vor allem gegenüber außereuropäischen Zuwanderern erreichte während der jüngsten Migrationskrise ihren Höhepunkt, als Tausende von Menschen auf der Flucht vor Krieg und Armut im Nahen Osten und in Südasien auf ihrem Weg nach Westeuropa Bulgarien durchquerten.

„Wenn die Migranten kommen, dann greif ich zur Kalaschnikow“, meinte Nikolay Tsochev, der ehemalige Abdichtungsunternehmer. „Selbst wenn sie keine Muslime wären, wären wir letzten Endes schlechter dran. Ein Ukrainer würde hier für einen geringeren Lohn arbeiten.“

Tierarzt Ognyan Nenchev steht dieser Aussicht eher aufgeschlossen gegenüber. „Es wäre nicht schlecht, Migranten ins Land zu holen“, meinte er. „Manche mögen behaupten, dass Migranten die Löhne der Bürger Widins drücken. Aber wo sind denn diese Bürger, von denen sie sprechen?“

Ognyan ist wieder auf der Suche nach einem Job, der ihn von Widin wegbringt. Einmal, erinnert er sich, sei auch er versucht gewesen, ins Ausland zu gehen, und zwar wegen der Aussicht auf Beschäftigung und günstige Unterkunft in Deutschland. Er kam bis zum Busbahnhof, wo man ihn abwies, als er versuchte, mit seiner Hauskatze in den Bus zu steigen. „Wie hätte ich sie zurücklassen können?“, erinnert er sich. Und so blieb er, frustriert von Widin und voller Zuneigung zu einer Katze.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 26. Februar 2020 auf Balkaninsight.com. Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Angel Petrov, bearbeitet von Neil Arun. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Ein Exodus von erwerbsfähigen Bulgaren hat die nordwestlichen Städte wie Belogradchik den älteren Menschen überlassen. Foto: © Nikolay Doychinov


Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.