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Standpunkte

Was ist international?

Der Leiter des Kiewer Visual Culture Research Center (VCRC) und Gewinner des Igor-Zabel-Stipendiums, Vasyl Cherepanyn, fragt, wo internationale Solidarität heute steht?

21. Dezember 2018
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Die Ukraine und die Länder der Europäischen Union teilen heute eine Vielzahl von Herausforderungen und Bedrohungen. Die Ukraine hat in letzter Zeit einige beeindruckende neue Erfahrungen gemacht: Enthusiasmus und Enttäuschung über die Maidan-Revolution, den Schock des Krieges, anhaltende Verstöße gegen die bestehenden territorialen Parameter und Schutzmechanismen sowie die Massenvernichtung von Menschen, während die EU zunehmende Flüchtlingsströme erlebt, einer Verkleinerung seines Territoriums nach dem Brexit entgegensieht und der Aufstieg des rechtsextremen Populismus zu einem Schlachtfeld für neue Formen des Terrorismus führt. Das Fehlen von vorgefertigten Mustern für den Umgang mit diesen Erlebnissen, die Unzufriedenheit mit bestehenden Strukturen sowie ein starkes Verlangen und dringendes Bedürfnis nach Veränderung bieten die Möglichkeit einer intensiven intellektuellen und kreativen Suche nach dem Neuen.

Betrachtet man die jüngsten „Platzbesetzungen“ und sozialen Unruhen weltweit – von Occupy Wall Street und Europas „Empörte“ bis zum Arabischen Frühling und dem ukrainischen Maidan –, so erkennt man, dass sie alle trotz ihrer Unterschiede irgendeine Utopie in der Zukunft vor Augen hatten; sie stellten eine Politik der Hoffnung dar. Mittlerweile ist die Logik einer revolutionären Utopie einer reaktionären postapokalyptischen Dystopie gewichen – die Kriege in Syrien und der Ukraine, ISIS, Rechtspopulismus, Brexit, Trump – sie alle repräsentieren eine Politik der Ressentiments; es mangelt ihnen an einer Zukunftsversion – vielmehr konzentrieren sie sich wie besessen auf die Vergangenheit, auf Erinnerungskriege, und leben gesellschaftliche Frustrationen über die Geschichte aus. Die radikale Substitution einer revolutionären Chance durch Krieg ist ein Zeichen unserer Zeit geworden.

Zombieland – das ist heute der Status quo. Repression und Regression bilden das derzeitige ideologische Koordinatensystem – die Repression emanzipatorischen politischen Potenzials und die Regression hin zu barbarischer subpolitischer Diskriminierung und Isolation. Wir leben heute nicht in einer postfaktischen, sondern einer präfaktischen Welt – in einer Welt, in der die Wahrheit noch nicht angekommen ist. Das ist eine Welt nach dem Ende der Zukunft, und die Vergangenheit ist das, was übrig bleibt, wenn die Zukunft vorbei ist. Bei Kriegen geht es immer um die Vergangenheit. Sie geben vor, irgendwelche Antinomien der Vergangenheit zu lösen. Es sind die Revolutionen, bei denen es um die Zukunft geht. Krieg ist im Grunde genommen ein Gift gegen die Zukunft, ein Instrument, um sie aufzuhalten.

„Das Transnationale ist nicht das Ziel, das es zu erreichen gilt, es ist der Anfang.“

Paolo Do

Die Versuche, einen Gründungsmythos, für gewöhnlich nationaler Prägung, zu schaffen, basieren häufig nicht auf der Geschichte, sondern auf falschen Erinnerungen, einer Sehnsucht nach dem, was nie geschehen ist. Die richtige Frage, die man sich angesichts der zentralen Parole diverser Populisten heutzutage – man denke an das berühmte Versprechen Trumps, Amerika wieder groß zu machen – stellen sollte, lautet: Worauf bezieht sich dieses „wieder“, was meint er eigentlich damit? Dieses „wieder“ hat nie existiert. Das hat nichts mit Geschichte zu tun, es ist eine falsche Projektion: Diese Art isolationistischer Rückständigkeit ist eine Sackgasse im ontologischen Sinn. Sie ist buchstäblich selbst ein Schwindel.

Das derzeitige politische Vakuum wird von Militarismus, Gewalt und Terror ausgefüllt. Nicht enden wollender hybrider Bürgerkrieg globalen Ausmaßes, neu entstehende Anti-Migrations-Mauern und eine Nekropolitik der Erinnerung sind die wesentlichen Eckpfeiler, die das Leben unserer Gesellschaften bestimmen. Das politische Unbewusste ist heutzutage konterrevolutionär, weshalb die Kernfrage lautet: Wie kann der Wechsel vom politischen Thanatos zum politischen Eros, vom Alptraum zum Tagtraum vollzogen werden? Das Grundproblem, um das es hier geht, ist, wie man sich die politische Alternative vorstellen soll: Was braucht es dazu? Das ist eine immense Herausforderung, und wir müssen bereit sein, auf Unerwartetes zu stoßen und unsere politischen Klischees und Vorurteile zu überwinden. Aus institutioneller Sicht liegt diese Frage an der Schnittstelle dreier Bereiche – Wissen, Kunst und Politik: Darin spiegeln sich die drei „Ismen“ wider, die heute für die Idee der Internationalen entscheidend sind.

The Kyiv International

The Kyiv International – Kyiv Biennial 2017 hat es sich zum Ziel gemacht, das emanzipatorische Potenzial der in Europa entstandenen Idee der politischen Internationale zu erforschen und aufzuzeigen.

Im Zeitalter der strukturellen Krise globaler Institutionen – wenn sich die Aufrechterhaltung eines transnationalen Status quo aus der Verletzung von Grenzziehungen, aus Kriegen an der Peripherie und dem Entstehen neuer Mauern und Konflikte konstruiert – ist die Idee der grenzüberschreitenden Einheit und der internationalen Solidarität von äußerster Dringlichkeit für das künftige Überleben Europas.

Das Buch zur The Kyiv International ist eine Sammlung von Texten von Historikern, politischen Philosophen und Künstlern, von denen einige an der Kyiv Biennial 2017 teilnahmen.

The Kyiv International wurde von Vasyl Cherepanyn und Kateryna Mishchenko herausgegeben. Ein Projekt vom Visual Culture Research Center (VCRC) und von Medusa Books. Es wurde 2018 in Kiew veröffentlicht.

Emblem © Experimental Jetset, Amsterdam 2017

Universalismus oder die Politik des Wissens

Als Universitätsdozent und Kulturpraktiker vertraue ich auf den Grundsatz, dem man treu bleiben muss: Die Gesellschaft hat Orte des Wissens (Universitäten, Bildungs- und Kulturinstitutionen) als Topoi geschaffen, wo sie ihre eigenen Grundlagen verstehen und analysieren kann. Diese in der Gesellschaftsstruktur verankerten Orte bieten eine entscheidende und äußerst wichtige Möglichkeit – der Reflexion, Kritik und Diskussion über die Grundlagen, auf denen die Gesellschaft selbst aufbaut, und um Alternativen und verschiedene Spielarten gesellschaftlicher Entwicklung ausfindig zu machen und vorzuschlagen. Wissen ist kein Luxus, sondern eine Verantwortung; es ist weder ein Privileg noch eine Ware, sondern ein Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel – ein Mittel, um die apriorischen Grundlagen, auf denen wir aufbauen, zu überdenken und zu verändern. Das Fehlen echter Reflexion und kritischer Analyse führt zu einem Bruch zwischen „Theorie“ und „Praxis“, wodurch Wissen zu einer theoretischen Halluzinose und politischen Praxis wird – zu gewöhnlichem Zynismus.

Die Geisteswissenschaften, kritische Theorie, sozial engagiertes Wissen sind grundsätzlich anti-isolationistisch, weil sie die Manifestation des Universalen – sprich universitas, die Universität selbst – ermöglichen. Diese Position gilt für alle Fachbereiche und Formen des „Tuns“, sie ist universal. Wie Gadamer bemerkte , studiert man Geisteswissenschaften nicht, um dann Geisteswissenschaftler zu sein. Das Studium der Geisteswissenschaften [engl. „Humanities“] – das bedeutet humanitas, das Menschliche als solches; ihre Entwicklung ist die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten, etwas, das jeder von uns in sich trägt. Angesichts der heutigen Situation in der Ukraine ist es in diesen Zeiten der aktuellen Gegenrevolution oder vielmehr zweier Gegenrevolutionen dringend notwendig, nachzudenken und zu reflektieren. Die erste Gegenrevolution ist äußerlicher Art, in Gestalt der russischen Militärintervention und Besetzung der ukrainischen Gebiete; die zweite ist innerlich und nicht minder gefährlich: Korruption, Oligarchie, fehlende Gerechtigkeit, politische Morde, Rechtspopulismus, die Ausweitung der täglichen Gewalt – all das zerstört allmählich die Gesellschaft. In der post-revolutionären Zeit sind Lernen und Reflexion das wirksamste Gegengift gegen die Gegenrevolution, sogar in Form eines Krieges.

Kritisches Wissen ist Anti-Gewalt, das wichtigste Mittel, um eine Ausbreitung der Gewalt zu verhindern. Der Mangel an Reflexion lässt in der Gesellschaft ein Vakuum entstehen – eine Leere, die mit politischem Populismus und Gewalt gefüllt wird. Die Sprache der Gewalt und physische Gewalt verdrängen die Reflexion, überschatten ihre kritische Haltung und greifen sie an – eben weil sie mit ihr unvereinbar sind. Kritisches Wissen stoppt Gewalt, indem es ihren Kanal unterbricht; in diesem Sinne sind Papier und Stift weitaus radikalere Waffen als alle Kalaschnikows, Panzer und Panzerfahrzeuge zusammen.

Die ukrainische Gesellschaft befindet sich heute in einem äußerst traumatisierten Zustand. Es ist dies nicht nur ein Trauma, sondern ein historischer Komplex, eine Überlagerung von vergangenen und frischen Traumata. Das Trauma der sowjetischen Repressionen, das Trauma der wilden kapitalistischen „Übergangs“-Zeit, aus der die Oligarchie hervorging, das Trauma des permanenten Mangels an sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz, das Trauma der revolutionären Gewalt, das Trauma des Krieges – sie sind noch immer nicht verarbeitet, nicht richtig artikuliert, geschweige denn überwunden; sie überschneiden und überlagern sich. In dieser Situation wird die Gesellschaft zur Geisel dieser Traumata und verliert mit der stetig zunehmenden Ablehnung aller neuen Fälle von Gewalt und Tod ihre Sensibilität.

Reflexion ist eine Möglichkeit, sozialen Rückschritt zu verhindern. Heftige Traumata erfordern Artikulierung, Analyse und Verständnis, kein Zensieren und Tabuisieren. Wir müssen unsere vergangenen und neueren gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen analysieren und kritisch hinterfragen, verarbeiten, was wir durchlebt haben – ohne Verdrängung oder Negierung, sondern in vollem Bewusstsein unserer Verantwortung. Diese Aufgabe lässt sich in Anlehnung an die Psychoanalyse nach Freud folgendermaßen formulieren: Wo das gewaltsame Es war, sollte das reflektierende Ich sein. Es bedarf langer, harter Arbeit, um aus der momentanen Blockade der Gewalt herauszukommen, aber diese Arbeit ist notwendig – weil es einfach keinen anderen Ausweg gibt.

© Oleksandr Kovalenko
Vasyl Cherepanyn bei der Eröffnung der "The Kyiv International - Kyiv Biennial 2017". Foto: © Oleksandr Kovalenko

Gewalt zerstört den gesellschaftlichen, politischen und künstlerischen Raum. Denken und Wahrheit dulden keine Angst oder Bedrohung. Furchtlosigkeit ist die Grundlage für kritisches Wissen. Ohne Reflexion gibt es nur populistische Reflexe; ohne Reflexion gibt es keine Politik, sondern soziale Physik; ohne Reflexion werden wir keine Gesellschaft sein, sondern eine Dogville-Gemeinschaft. Das ist die grundlegende politische Aufgabe der berühmten Eule der Minerva – sie sollte erst mit der hereinbrechenden Abenddämmerung ihren Flug beginnen, denn, wenn sie es nicht tut, wenn es keine Reflexion a posteriori gibt, dann bleiben wir, wie Hegel es nannte, in der Nacht der Welt. Ihr Flug ist Garantie für das Heranbrechen eines neuen Tages. Daher lautet die Devise: „Lernen, lernen und noch mal lernen!“ – Dieses Motto ist heute relevanter denn je.

Modernismus oder Lenin nach Maidan

Wie wir von Habermas wissen, ist die Moderne ein unvollendetes Projekt; sie braucht Erfüllung und Vollendung. Was wir vom Modernismus als gesamtes Phänomen lernen können, ist, was in der Politik heute auf dem Spiel steht: Anstatt sich an eine Rechts-links-Spaltung zu klammern, müssen wir den radikalen Schritt wagen, das gesamte politische Spektrum als solches zu überdenken. Vor einhundert Jahren wetteiferte man darum, wer der bessere Sozialist sei; heute konkurriert man, wer ein besserer Nationalist ist. Beim Modernismus geht es um die politische Vorstellungskraft, darum, welche Vision unsere gemeinsame Zukunft skizzieren kann.

Der Modernismus ist heute von ästhetischer und politischer Relevanz und birgt ein hohes Maß an latentem Potenzial, sich alternative Gesellschaftsprojekte auszudenken, die weltweit dringend notwendig sind. Ausgehend von Europa breitete sich die Moderne im Laufe des 20. Jahrhunderts auf die ganze Welt aus. Sie bewies, dass sie zugleich lokal und global sein konnte, da sie neben der Entwicklung ihrer internationalen Universalität ihre nationalen Besonderheiten bewahrte. Modernismus ist die Bereitschaft, sich Utopien für gesellschaftlichen Wandel zu überlegen, nach politischen Alternativen zu suchen, Gleichheit zu priorisieren und eine antikonservative Haltung einzunehmen. Dem Modernismus wohnt auch eine ästhetische Revolution inne – die Emanzipation der Kunst und ihre Fähigkeit, unsere Erfahrungen in ihrer Gesamtheit einzufangen.

Der Modernismus ist das wichtigste kulturelle und politische Phänomen vom Ende des 19. Jahrhunderts bis heute. Was wir jedoch heute beobachten können, ist eine Verschmelzung aus vormoderner Barbarei und postmodernem Zynismus, wenn der Chor post-politischer technokratischer Weisheit von neonazistischen Märschen begleitet wird. In Osteuropa und der Ukraine im Besonderen nennt man die vorherrschende Form, den Modernismus zurückzudrängen „Dekommunisierung“. Dieser Anti-Kommunismus ohne Kommunisten ist ein Ersatz für die Gesellschaftspolitik geworden und geht mit dem Verhängen neoliberaler Sparmaßnahmen und dem Wiederaufbau neofeudaler oligarchischer Regierungsstrukturen einher.

Die Erinnerung an die kommunistische Vergangenheit wird wieder hervorgeholt. Was den städtischen Raum betrifft, so zeigt sich die „Dekommunisierung“ in der Zerstörung der aus der sozialistischen Vergangenheit stammenden Symbole und Monumente. Gemeinsam mit sowjetischen Denkmälern wurde in der Ukraine die Visualität modernistischer avantgardistischer Tradition als ein störendes Symbol für Gegenerinnerungen und alternative historische Narrative aus dem öffentlichen Raum verbannt. „Patriotischer“ Populismus externalisiert die Sowjetzeiten und nationalisiert rückwirkend das historische Gedächtnis. Dabei dient die kommunistische Vergangenheit der Umverteilung heutigen politischen und symbolischen Kapitals. Diese Unterdrückung der Erinnerung hat die Vergeltung der Erinnerung zur Folge, in all den neuen Formen gesellschaftlicher Zerstörung, die wir heute beobachten können. Die regressive Politik der Erinnerung legt die Basis für Konflikte, die das soziale Gefüge in Zukunft in Stücke reißen, den Trichter der Gewalt ausweiten und die ganze Gesellschaft hineinziehen werden – eine Gesellschaft, für die es immer schwieriger wird, zur Vernunft zu kommen und sich ihrer selbst zu erinnern.

Photo: © Nada Žgank

Art Under Attack

Heute befinden wir uns in einer Zeit, in der die Bedingungen einer politischen Antwort auf Gewalt und extremen Rechtspopulismus den modus operandi im künstlerischen und kulturellen Bereich vor schwierige Herausforderungen stellen.

Wir alle sind an das Modell gewöhnt, in dem Kunst politisiert und sich sozial engagiert, wenn sie aus ihrem Territorium tritt und auf das Politische trifft – das heißt, Kunst muss sich mit einem ideologischen Konflikt auseinandersetzen, der manchmal sogar gewaltsame Formen annehmen kann.

Wir stehen an einem Punkt, wo Kunst in den Hintergrund und politisch motivierte Gewalt in den Vordergrund tritt. Kunst und Kultur stellen keinen sicheren Hafen mehr dar, heutzutage treten Zensur jeglicher Art, politische Verfolgung und physische Gewalt in den Bereich der Künste und des Wissens.

Wir leben im Zeitalter eines neuen gewalttätigen Bildersturms, und Kunst als solches steht auf dem Spiel. Von Palmira bis Budapest, von Moskau bis Istanbul, von Kassel bis Kiew gibt es heftige Angriffe auf das Künstlerische, und das ist als Angriff auf die Zivilgesellschaft zu verstehen, ein Phänomen, das mittlerweile zu einem globalen Trend geworden ist.

Die kritische künstlerische Meinung ist in Gefahr, sie muss um ihr Überleben kämpfen. Heutzutage bietet Kunst oftmals den einzigen Raum für freies Denken und kritische Reflexion. Eine der Hauptaufgaben für uns alle, insbesondere für jene, die mit Institutionen und Strukturen im künstlerischen und kulturellen Bereich verbunden sind, ist es, dieser gewalttätigen Zensur in allen Formen, wo es möglich und unmöglich ist, entgegenzuwirken, denn die Schaffung einer tatsächlich funktionierenden Freiheit ist das Wichtigste.

Sollte uns das in der Kunst nicht gelingen, werden wir es auch im politischen Leben unser aller Gesellschaften nicht erreichen.

Die Rede „Art under attack“ [„Kunst unter Beschuss“] von Vasyl Cherepanyn wurde bei der Preisverleihung des Igor Zabel Award for Culture and Theory 2018 gehalten und wurde am 12. Dezember 2018 in der Political Critique veröffentlicht.

Foto: © Nada Žgank

Die Epoche der Moderne birgt jedoch echtes emanzipatives Potenzial – sie war die modernste Zeit in der Geschichte der ukrainischen Kultur. Was wir daraus lernen können, ist etwas sehr Dringendes und Herausforderndes für den heutigen gegenrevolutionären Status quo, nämlich wie man zeitgenössisch ist. „Dekommunisierung“ ist eine Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln; es ist ein Krieg gegen das Modernsein. Als ein zukunftsoffenes Projekt kann das Vermächtnis der Moderne in den aktuellen kulturellen und politischen Praktiken eine mögliche Ausstiegsstrategie aus der politischen Sackgasse der Wirtschaftskrise, des nationalistischen Populismus und Krieges aufzeigen. Das wichtigste politische Ereignis der Moderne war natürlich die Oktoberrevolution. Es ist kein Zufall, dass alle Avantgarde-Bewegungen ständig auf sie Bezug nahmen. Und es war denn auch das Ablassen von einem international ausgerichteten Ansatz, das den Ausgang der Revolution schwächte und zu den schrecklichen Gräuel und Repressionen des Stalinismus führte. Dieses Ereignis ist für Europa von entscheidender Bedeutung. Denn das, was erst nach dem Holocaust und den Ungeheuerlichkeiten des Zweiten Weltkriegs begonnen wurde, war bereits nach dem Ersten Weltkrieg geplant gewesen: die Europäische Union. Ziel der grundlegenden Idee, das Projekt eines vereinten Europa zu starten, war die Sicherung des Friedens auf dem Kontinent – wo Europa ist, da ist Frieden – und diese Aufgabe steht weiterhin mit unverminderter Dringlichkeit auf der heutigen politischen Tagesordnung. Das erste Dekret, das Lenin gleich am Tag nach der Oktoberrevolution erließ, betraf den Frieden. „Abschluss eines sofortigen demokratischen Friedens durch alle kriegführenden Länder ohne Annexionen und ohne Kontributionen“ klingt heute wie eine unglaublich radikale Forderung.

Nur einen Tag vor der Oktoberrevolution sagte Trotzki im Gespräch mit John Reed bezüglich weiterer Entwicklungen: „Die Föderative Republik von Europa – die Vereinigten Staaten von Europa – das ist es, was werden muss. Nationale Autonomie genügt nicht mehr. Die wirtschaftliche Entwicklung erheischt die Beseitigung der nationalen Grenzen. Bleibt Europa auch weiterhin in nationale Gruppen zersplittert, dann beginnt der Imperialismus sein Werk von Neuem. Nur eine Föderative Republik kann Europa und der Welt den Frieden geben.“ Diese Geisteshaltung traf auf den gesamten Planeten zu, die Revolution in Russland zielte jedoch in erster Linie auf Europa. Ursprünglich sollte die Hauptstadt der Union nicht Petrograd [St. Petersburg] oder Moskau sein, sondern Wien oder Berlin. Die offizielle Sprache der von Lenin gegründeten Dritten (Kommunistischen) Internationalen (die Zweite Internationale diskreditierte sich selbst, da sie den Krieg befürwortete) war bis 1922 Deutsch.

Was sich als Sowjetunion formierte, war ursprünglich als europäische Union gedacht. Sie beschränkte sich in Folge der Niederlage der kommunistischen Revolutionen in Europa zwischen 1917 und 1923, vor allem in Deutschland, auf den „Sozialismus in einem Land“. Die Komintern verwarf alsdann den Internationalismus und wurde zu einem Instrument der geopolitischen Außenmacht des sowjetischen Staates. Das vereinte Europa war eine kommunistische Idee, die in abgewandelter Form erst nach dem Niedergang des Nazi-Regimes wieder aufgegriffen wurde. Es ist wohl eine besondere Ironie der Geschichte, dass das Kommunistische Manifest in Brüssel verfasst wurde.

Internationalismus oder das Subjekt und der Platz

Die Moderne ist eindeutig mit der Erlangung politischer Subjektivität verbunden. Die Moderne ist im Grunde genommen eine Zeit, in der das moderne politische Subjekt geboren wurde – wir haben einfach kein anderes Subjekt als das moderne. Das Subjekt im philosophischen als auch politischen Sinn ist das wichtigste Produkt der Moderne. Was wir zuletzt im Zuge der Revolten und Aufstände auf Plätzen von der Puerta del Sol über den Syntagma bis zum Tahrir und Maidan beobachten konnten, war genau genommen die Suche nach einer neuen kollektiven politischen Subjektivität, einer Alternative zu früheren Formen (wie Partei, Gewerkschaft oder alternative Globalisierungsbewegungen). Die Besetzung des zentralen Platzes – der Agora – ist zur wichtigsten politischen Spielart der Gegenwart geworden.

Der Platz im politischen, urbanen und künstlerischen Sinn ist ein wesentlicher Punkt für das moderne Subjekt. Eine Kulturinstitution mit politischem Bewusstsein fungiert als Verlängerung des Platzes – als kleiner Platz oder öffentliche Plattform, die einen gemeinsamen politischen Raum schafft. Es müssen mehr Plätze im institutionellen Sinn werden, und der Platz als solcher sollte institutionalisiert werden. Das Besetzen eines Platzes allein ist nicht genug; es ist nur ein Anfang. Um die politische Agenda zu unterstützen, fortzuführen und zu erweitern, brauchen wir eine institutionelle Struktur, die eine Zerstreuung verhindert, wächst und in irgendeiner Form auf internationaler Ebene präsent sein und agieren kann. Institution bedeutet etwas aufbauen, gründen, einrichten, organisieren. Die Institution ist das Gebäude der Politik. Alles andere ist Überbau.

Die grundlegende politische Frage ist die Frage des Raums. Die allererste Herausforderung, der sich das politische Subjekt stellen muss, ist, den Verlust des Raums zu verhindern. Bei räumlichen und urbanen Fragen geht es im Kern um die Materialität und Körperlichkeit der Politik. Emanzipative Politik ist immer eine Körperpolitik. Das Subjekt ist die Verkörperung; es braucht einen Raum, um existieren zu können, sich zu repräsentieren und zu agieren. Eine Skulptur oder Statue folgt derselben Logik; wie Heidegger festhält, weist die Präsenz eines Monuments darauf hin, dass es sich um einen öffentlichen Raum handelt. Einen Raum zu haben bedeutet, die Produktionsmittel zu haben; Raum ist der Grundstein politischer Aktivität. Virtueller Raum ist nicht genug, das politische Subjekt muss im städtischen Raum physisch präsent sein, um Einfluss auf die Öffentlichkeit nehmen zu können.

© Nada Žgank
Vasyl Cherepanyn (VCRC), Preisträgerin Joanna Mytkowska, die eines der Igor-Zabel-Award-Stipendien an das VCRC vergab, und Oleksiy Radynski (VCRC) bei der Verleihung des Igor Zabel Award 2018 in Ljubljana. Foto: © Nada Žgank

Das Konzept der Internationalen ist mit der Idee der Öffentlichkeit verknüpft, auch aus institutioneller Sicht. Publicum, die Öffentlichkeit ist das Ziel, der Modus Vivendi und das Ergebnis institutioneller Aktivität. Die Öffentlichkeit ist kein starres Gebilde, sondern ein Work-in-Progress; sie sollte in einem Prozess ständigen Gestaltens sein. Die Öffentlichkeit ist im Grunde die Ausführung der Institution, sie ist, was die Institution ausmacht – eine Erweiterung der Institution im McLuhan’schen Sinn. Die Öffentlichkeit ist das Medium der Institution, aber sie ist kein Objekt – sie ist die Almende, die den Raum braucht, den Platz, um sich zu manifestieren. Wir, die Gesellschaft als solche, sind die Öffentlichkeit.

Die Internationale ist nur in einer institutionellen Form möglich. Die wichtigste Frage betrifft hier die Bildung von Institutionen – Gruppen, Kreise, Gemeinschaften, die ihre Botschaft mit ihrem eigenen Ethos artikulieren können. Die Schaffung einer internationalen Kooperative politisch engagierter Institutionen, die basierend auf gemeinsamen Ideen zusammen aktiv werden, das Betreiben einer transnationalen Politik trotz bestehender Grenzen und neuer Mauern in Zeiten der Globalisierung – das ist das Kunststück, das wir wirklich am dringendsten benötigen. Heute ist es von entscheidender Bedeutung, den alten römischen Begriff des sensus communis – den Gemeinsinn, das zivilgesellschaftliche Bewusstsein bzw. den Gemeinschaftssinn, der in der atomisierten kapitalistischen Gesellschaft verdrängt wurde, – auf internationaler Ebene wieder aufleben zu lassen. Aus diesem Grund sollten wir Mittel des Wissens, der Kunst und Politik, die auf die Veränderung der Wirklichkeit abzielen, miteinander verknüpfen, um ein neues kollektives politisches Subjekt im Zuge gemeinsamer Anstrengungen gegen Ausbeutung und Ausgrenzung im Zusammenhang mit der Bereinigung der politischen Alternative zu formen.

Die Dringlichkeit zur Schaffung einer wahrhaften internationalen Solidarität lässt sich am besten anhand der berühmten alten Losung „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ veranschaulichen. Ja, Proletarier und Kognitarier der Bildung, Kultur und Politik, Ausgegrenzte und Benachteiligte, Flüchtlinge und Vertriebene, vereinigt euch! Es ist ein langer, unglaublich harter und herausfordernder Weg, und wir stehen erst am Anfang. Doch genau das ist echte Politik – die Möglichkeit des Unmöglichen. Wenn wir uns in diese Richtung bewegen könnten, wäre die Geschlossenheit als solche bereits unser gemeinsamer Sieg. Das ist die Aufgabe, die es zu erfüllen gilt.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert im Buch „The Kyiv International“, eine Publikation der „Kyiv Biennial 2017“. Eine gekürzte Version dieses Textes wurde am 14. Juni 2018 auf eurozine.com veröffentlicht.
Text und Zitat aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. © Vasyl Cherepanyn / VCRC / Medusa. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: 2018 wurde das Visual Culture Research Center (VCRC) von der Igor-Zabel-Preisträgerin Joanna Mytkowska für ein Igor-Zabel-Stipendium ausgewählt. Foto: © Oleksandr Kovalenko.