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Standpunkte

Wachsende Ambitionen, schwindender Raum

Ungarns Bürgerstiftungen nach der Wahl

22. November 2018
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Bürgerstiftungen setzen trotz zunehmender Repressionen gegen die Zivilbevölkerung ein Zeichen der Hoffnung.

Bei den ungarischen Parlamentswahlen im April erreichte die amtierende Koalitionsregierung (erneut) eine Verfassungsmehrheit und bekam grünes Licht für eine Politik, auf deren Agenda auch die Verteufelung, Diskriminierung und Schikanierung von NGOs steht. Darüber wurde in der internationalen Presse ausführlich berichtet, und die Wahlsieger machten in ihren ersten Erklärungen das Ziel dieser Politik deutlich: Organisationen, die sich in die Politik einmischen, müssen von der Bildfläche verschwinden! Ungarische NGOs erinnert das an den Umgang mit Feinden im Kommunismus: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. All das klingt nach einem Musterbeispiel für die Einengung des zivilgesellschaftlichen Raums. Und tatsächlich wird es für NGOs immer schwieriger, ihre Arbeit zu machen. Unmöglich ist es jedoch nicht! Dieses Bild weist eine unerwartete Tiefe und Fülle auf, und die neu entstehenden Bürgerstiftungen im Land spielen dabei eine maßgebliche Rolle.

László Nándori, Eigentümer der Konditorei Nándori. Foto: © Roots & Wings Foundation

Meine Blase

Ich lebe in Ferencváros (Franzstadt), einem der zentralen Bezirke von Budapest. Eines der Geschäfte in meiner Straße wird von einem aus dem Libanon stammenden Mann mittleren Alters geführt. Auf der gegenüberliegenden Seite gibt es ein persisches Restaurant. Der Vater des Eigentümers sitzt dort oft auf der Terrasse. Die beiden Männer trinken häufig gemeinsam Kaffee und unterhalten sich auf Ungarisch. Wenn ich sie sehe, bin ich stolz darauf, dass meine Gemeinde ihnen eine neue Heimat gegeben hat. In der anderen Richtung befindet sich eine Konditorei, deren Besitzer unerschrocken jede (wirklich jede) Aktion unterstützt, die unsere Nachbarschaft stärker, sicherer und menschenfreundlicher macht. Über seine politischen Ansichten weiß ich so gut wie nichts. Das Wahlergebnis zeigt, dass dieser Bezirk politisch ebenso gespalten ist wie jeder andere in Ungarn. Und doch gibt es viele Menschen wie den Konditoreibesitzer, die sehr viel zu einem besseren Zusammenleben beitragen, ob sie nun ihre parteipolitischen Gesinnungen hintanstellen oder Zeit investieren.

Daher dürfte nur Außenstehende überraschen, dass die Bürgerstiftung Ferencváros auf tatkräftige lokale Unterstützung bauen kann. Seit letztem Jahr brachte die Stiftung Mittel in der Höhe von 80.000 Euro aus der lokalen Gemeinde auf, weitere 13.000 Euro stammten aus externen Quellen. Über 50.000 Euro kamen Projekten zugute, deren Schwerpunkte von der Bekämpfung der Obdachlosigkeit bis zur Präsentation von Filmen über Multikulturalismus an Sekundarschulen reichten. Darüber hinaus wurde ein vom Globalen Fonds für Bürgerstiftungen (Global Fund for Community Foundations) finanziertes Projekt initiiert, mit dem Ziel, mehr über Migranten, unsere neuen Nachbarn, zu erfahren und ihre Teilhabe am Gemeinschaftsleben zu unterstützen – zu einer Zeit, in der die Migration in Ungarn von vielen als die größte Bedrohung für das Land und die Gesellschaft angesehen wird.

Radio Ráday, ein Popup-Radiosender der Stiftung. Foto: © Roots & Wings Foundation.

Andere Blasen

Jedem Ungarnkenner muss die Stadt Miskolc als einer der ungewöhnlichsten Orte für eine Bürgerstiftung erscheinen. Wo während des Kommunismus ein Industriezentrum entstand, gibt es heute viele benachteiligte Gebiete. Seit den 1990er-Jahren verzeichnet die Stadt einen dramatischen Bevölkerungsrückgang. Eine Gruppe Einheimischer hat jedoch die Térerő Community Foundation in Our City (Miskolc) ins Leben gerufen, weil sie im Willen der lokalen Bevölkerung, gemeinsam zur Verbesserung ihrer Stadt beizutragen, Potenzial sah. Neu gegründete Unternehmen bekundeten Interesse, und auch die lokale Regierung zeigte sich einer Kooperation gegenüber offen.

Dank des enormen Einsatzes von Freiwilligen und der Unterstützung von mehreren engagierten Unternehmern wurde die Stiftung bald zu einem festen Bestandteil des Stadtlebens: Die öffentlichen Versammlungen, Veranstaltungen und Konferenzen sind wichtige, lebendige Zusammenkünfte – nicht nur für die Vertreter der NGOs, sondern auch für Unternehmen, politische Organe und die Öffentlichkeit: Sie alle wollen an dieser spannenden „neuen Sache“ teilhaben.

Auch Gemeindemitglieder bringen sich ein: Mithilfe lokaler Mittel hat die Stiftung bereits eine Reihe von Projekten finanziert, darunter eine Organisation, die Menschen für das Thema Brustkrebs sensibilisieren möchte, sowie eine Initiative, die den Einwohnern mittels Stadtspaziergängen, die sich großer Beliebtheit erfreuen, die Geschichte sowie bekannte Orte von Miskolc näherbringen will. Abgesehen von ihrem starken Fokus auf lokale Aktivitäten hat sich Miskolc auch internationaler Kooperationen in großem Stil verschrieben: Die Stiftung nahm an der Konferenz der Europäischen Bürgerstiftungsinitiative (European Community Foundation Initiative) in Cardiff teil und Projektmitarbeiter besuchten die Odorheiu Secuiesc Community Foundation in Rumänien im Rahmen einer Studienreise, um sich über karitative Sportwettkämpfe zu informieren.

Bewusstsein für Brustkrebs schaffen. Foto: © Roots & Wings Foundation.

Anders ist die Situation in Pécs. Hier gibt es keine starke und wachsende Unternehmerschaft. Die Stadt gilt jedoch als eine der kultiviertesten, gebildetsten und kunstbeflissensten des Landes. Aber ebenso wie Miskolc leidet auch sie an einer rückläufigen industriellen Entwicklung (Bergbau) und einem massiven Bevölkerungsschwund. Die größte Ähnlichkeit besteht jedoch im Enthusiasmus jener, die hiergeblieben sind: Viele von ihnen wollen die Stadt zu einem besseren Ort zum Leben machen. Ein Dutzend Menschen sah im Konzept der Bürgerstiftungen ein gutes Format, um dies zu erreichen. 2016 wurde die Pécs Community Foundation eingetragen, ein Jahr lang sammelte man Mittel dafür.

2017 bestand das Hauptziel der Stiftung darin, neun Projekte aus dem Nachbarschaftsfonds zu unterstützen, „um Nachbarn zu Gemeinschaften mit starkem Zusammenhalt zu machen“. Ein Projekt unterstützt mittellose Roma-Frauen dabei, Fremdenführerinnen zu werden, ein anderes fördert eine von Jugendlichen organisierte nachbarschaftliche Basketballmeisterschaft, und ein drittes will Kinderspielplätze renovieren und einen gezielten Marsch organisieren, um verschiedene Stadtviertel miteinander zu vernetzen.

Die Kuratoren der Stiftung „begleiten“ die unterstützten Projekte, wodurch sie mehr über das Leben und die Probleme der Gemeinden erfahren als auch herausfinden, welche zusätzliche Unterstützung sie mobilisieren können. Eine Idee besteht darin, Mitte 2018 eine „Nachbarschaftsakademie“ zu organisieren, um Menschen aus unterschiedlichen Stadtvierteln zusammenzubringen und sie bewährte Praktiken des bürgerschaftlichen Engagements untereinander austauschen zu lassen.

Eine große Blase?

Wenn diese Schilderungen auch nicht die Vielfalt der Arbeit von Bürgerstiftungen in Ungarn wiedergeben können, vermitteln sie doch ein Gefühl dafür, was unter anderem nötig ist, um eine lokale Initiative auch in einer feindlichen Umgebung auf den Weg zu bringen. Wesentliche Voraussetzungen dafür sind für mich,

  • eine bunt gemischte Gruppe engagierter Menschen zu mobilisieren und die kreative Energie der Mitglieder der Gemeinschaft auszuschöpfen;
  • sicherzustellen, dass die Glaubwürdigkeit der Organisation auf der eigenen Glaubwürdigkeit aufbaut, und dass man der gesamten Gemeinschaft etwas zurückgibt (auch marginalisierten oder unbeliebten Gruppen);
  • die gesamte Gemeinschaft als Ökosystem zu betrachten, mit dem man eine komplexe und dynamische Beziehung pflegt und ohne das man nicht existieren könnte – es handelt sich nicht nur um eine Quelle für Geldmittel und andere Ressourcen;
  • bei der Behandlung von Themen (nicht Ideologien), die der Gemeinschaft wichtig sind, Führungsstärke zu zeigen und auf alle zuzugehen, die bereit sind, zuzuhören – auch die lokale Regierung und jede politische Partei;
  • internationale Beziehungen zu nutzen, um von ihnen zu lernen, aus der Isolation auszubrechen und eine Perspektive zu bieten;
  • bereit zu sein, Strategien schnell zu verändern, sollten sich Situation oder Umstände ändern, im Bewusstsein dessen, dass man langfristig Teil der Gemeinschaft sein will.

Die zuvor erwähnten Geschichten bringen die Anstrengungen und Rückschläge, die NGOs erfahren haben, sicherlich nicht vollständig zum Ausdruck. Dazu zählt nicht nur das wachsende, von der Zentralregierung geschürte Misstrauen, sondern auch der zunehmend schwierige rechtliche Rahmen, die Notwendigkeit, zwischen den erklärten Werten der Organisation und dem, was möglich ist, zu navigieren, und die Drohungen, der Arbeit der Organisationen ein Ende zu setzen. Und jede junge Organisation mit ehrgeizigen Plänen und knappen Ressourcen wird sich wohl auch internen Herausforderungen stellen müssen.

© Roots & Wings Foundation

Bürgerstiftungen in Ungarn

Bürgerstiftungen wurden mit renommierten nationalen Preisen ausgezeichnet: Die Ferencváros Community Foundation erhielt den Bürgerpreis für die beste Spendenaktion, während die Térerő Community Foundation for Our City (Miskolc) zur besten Gemeinschaftsinitiative in Ungarn gekürt wurde.

Kuratoren treffen unterstützte Organisationen. Foto: © Roots & Wings Foundation

Man kann diese Realitäten jedoch auch als Triebfeder ansehen. Bürgerstiftungen könnten mit noch mehr Nachdruck versuchen, die „unentschlossene Mitte“ zu erreichen. Sie könnten bei Themen, die die Gemeinschaft betreffen, mit der lokalen Elite zusammenarbeiten, auch mit aufgeschlossenen Gemeinderäten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, um Legitimität und Transparenz zu gewährleisten, und ihre eigene Mission, Absichten und Strategie regelmäßig hinterfragen und neu formulieren. Es bleibt abzuwarten, ob die Arbeit in diesem immer enger werdenden Raum zum Aufbau einer neuen, widerstandsfähigeren Art von Organisation führen wird – oder ob wir auf eine Sackgasse zusteuern.

Die Devise des Tages: Stolz, wachsende Zuversicht und die Fähigkeit, die Welt zu verändern

Aus Sicht der Roots & Wings Foundation (R&WF), einer Organisation, die mit dem Community Foundation Support Programme (CFSP) Bürgerinitiativen unterstützt, gibt es für uns nichts Ermutigenderes, als die Entwicklung dieser Stiftungen zu verfolgen. Ebenso motivierend ist die uneingeschränkte Unterstützung und Solidarität unserer Kollegen aus der ganzen Welt.

Im Rahmen unserer strategischen Überlegungen wandten wir uns 2017 an ein Dutzend Kollegen aus der ganzen Welt, darunter auch Südafrika, Polen und Japan, um den Zustand der Welt zu diskutieren, den immer kleiner werdenden Raum und neue Möglichkeiten, mit philanthropischem Engagement und gemeinsam mit der Zivilgesellschaft Herausforderungen anzugehen. Wir stellten zudem Überlegungen zu kürzlich erschienenen Publikationen über die Entwicklung russischer Bürgerstiftungen[1], robuste Finanzierungen des Global Greengrants Fund [2] und den Umgang mit dem immer kleiner werdenden Raum an[3]

Seit Anbeginn verfügen wir über die ungewöhnlichste Gruppe von Sponsoren: eine skandinavische Regierung, eine US-amerikanische Privatstiftung, ein Venture-Philanthrop, eine polnische NGO, europäische Privatstiftungen und eine große Anzahl an Menschen aus Ungarn und der ganzen Welt. Was sie alle verbindet, ist, dass sie uns ihr Vertrauen schenken, ihre Sicht auf die Welt sowie Zeit und Raum, um nachzudenken und zu handeln, und dafür sorgen, dass wir unsere Gesamtziele nicht aus den Augen verlieren – ganz im Sinne einer aktuellen Publikation von GrantCraft publication, in der es darum geht, wie man gemeinschaftliches philanthropisches Engagement am besten unterstützt.

Wir sind nicht blind und unser Enthusiasmus trübt auch nicht unseren Blick: In Ungarn spüren wir, wie unsere zivilgesellschaftlichen Räume mit jedem Tag kleiner werden, und dies hat Auswirkungen auf jede Organisation – in und über Ungarn hinaus –, die unsere Bürgerstiftungen unterstützt. Wenn auch mit Bedacht versuchen wir doch, strategisch und zukunftsorientiert zu handeln und uns auf die nächste große Frage zu konzentrieren: Wie können wir die kreativen Energien der lokalen Gemeinschaften ausschöpfen und neue Gruppen von Menschen finden und fördern, die einmal zu den Stiftern, Kuratoren und Freiwilligen der nächsten Generation von Bürgerstiftungen werden? Heute profitieren 400.000 Ungarn von wertorientierten, lokal verankerten Bürgerstiftungen. Es ist unser Ziel, dass es bis 2022 eine Million sein werden.

[1] When Size Matters: The phenomenon of community foundations in small towns and rural areas of Russia, Larisa Avrorina and Yulia Khodorova. CAF Russia.

[2] Resilient Funders, Cris Allan and Scott DuPree. Global Greengrants Fund.

[3] The shrinking space for civil society. Philanthropic perspectives from across the globe, European Foundation Centre.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 21. August 2018 auf Alliance Magazine.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

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Titelbild:© Sushobhan Badhai / unsplash.com