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Verliebt, Verlobt, Verhasst

Wie leben Schwule und Lesben in den Ländern am Westbalkan?

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Serbien hat eine lesbische Ministerpräsidentin. Das ändert nichts daran, dass viele Menschen auf dem Westbalkan Homosexualität immer noch für eine Krankheit halten. Homosexuelle haben auf dem Westbalkan mit Vorurteilen, Diskriminierung und Gewalt zu kämpfen. Daran ändern neue Gesetze noch nichts. Wie leben Schwule und Lesben in diesen Ländern?

Flankiert von Bodyguards, bahnt sich Ana Brnabić ihren Weg durch die feiernde Menge. Aus den Boxen dröhnen Hits von Lady Gaga, eine Kanone feuert Glitzer in die Luft. In Belgrad findet heute [16. September 2018, Anm.] die Regenbogenparade statt. Und Ana – eine 42-Jährige mit Hemd, Sakko und ernstem Blick – ist der Ehrengast, auf den alle gewartet haben. „Ich hoffe, dass diese Gesellschaft toleranter wird und die Gewalt abnimmt“, schreit Brnabić gegen die Musik an, direkt in die Fernsehkameras hinein.

Brnabić ist seit einem Jahr die Ministerpräsidentin von Serbien und hatte mit ihrer Kandidatur gleich zwei Tabus gebrochen. Sie ist die erste Regierungschefin in der Geschichte des Landes. Und sie ist lesbisch. Im konservativen Serbien, wo viele Menschen Homosexualität immer noch für eine Krankheit halten und orthodoxe Priester nach der Parade die Straßen mit Weihwasser „reinigen“, kam das einer Sensation gleich. Brnabić ist die erste homosexuelle Politikerin in einer Region, in der die sogenannte LGBT-Community – das englische Kürzel steht für Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender – mit grosser Ablehnung zu kämpfen hat. Eine 2017 von der Equal Rights Association (ERA) und der Weltbank durchgeführte Studie kommt zu dem Schluss, dass jeder Dritte mit LGBT-Hintergrund Gewalt aufgrund der sexuellen Orientierung erlebt hat. 80 Prozent der Befragten gaben an, nicht händchenhaltend durch die Straßen zu gehen. Die Premierministerin hingegen sagte kurz nach Amtsantritt: „Dieses Land ist nicht homophob!“

Tolerant an der Oberfläche

Wer mit Aktivisten wie Alexandar Savić spricht, merkt, dass das nicht stimmt. Er schmeisst heute eine kleine Feier für die Szene – in einem Zentrum auf der Kralja-Milana-Straße in Belgrad, vor dem zwei Polizisten patrouillieren. Es gibt Wein aus Plastikbechern und einen Filmabend. Hin und wieder komme es vor, dass jemand an die Scheibe spucke oder eine Bierdose werfe, erzählt Savić und zuckt die Achseln: „Lappalien im Vergleich zu den früheren Jahren.“ Zwischen 2002 und 2009 und später erneut zwischen 2011 und 2013 musste die Parade aus Sicherheitsgründen verboten werden. Hooligans hatten sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert, Steine und Molotowcocktails auf Teilnehmer geworfen und Schaufenster eingeschlagen. In den anderen Ländern der Region gab es ähnliche Ausschreitungen. In Split wurden Pride-Teilnehmer 2011 mit Flaschen, in Tirana ein Jahr später mit Feuerwerkskörpern attackiert. 2013 versuchten Unbekannte ein LGBT-Zentrum in Skopje in Brand zu setzen. In Belgrad gab es 2018 keine Zwischenfälle. „Wir hatten erstmals mehr Teilnehmer als Polizisten und durften nach der Parade in einem Park weiterfeiern“, sagt Savić, sichtlich stolz. Ist das ein Indikator dafür, dass die serbische Gesellschaft toleranter geworden ist?

© Andrej Isaković / AFP / picturedesk.com
2018 gab es keine Zwischenfälle oder gewälttätige Angriffe. Im Gegenteil: Erstmals waren mehr Teilnehmer als Polizisten anwesend. Bedrohung und Diskriminierung sind jedoch ständige Begleiter im "Leben der Menschen abseits der Parade". Foto: © Andrej Isaković / AFP / picturedesk.com

Der Politikwissenschafter Koen Slootmaeckers, der seit Jahren zur LGBT-Szene auf dem westlichen Balkan forscht, ist sich da nicht so sicher. „Die Parade gibt es nur, weil Serbien Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union führt“, sagt er. Der Druck Brüssels auf die Länder am Westbalkan führe zu einem Phänomen, das er „Pink-Washing“ nennt. „Politiker nutzen LGBT-Themen, um fortschrittlicher zu wirken, als sie es in Wirklichkeit sind“, sagt Slootmaeckers und nennt ein Beispiel: „Präsident Vučić toleriert einmal im Jahr die Parade, damit Bilder von feiernden Menschen um die Welt gehen. Er ernennt eine lesbische Premierministerin und sagt: ‚Schaut her, wie modern und europäisch wir sind.’“ Slootmaeckers kritisiert, die Europäische Union habe den Blick auf das Wesentliche verloren – „das Leben der Menschen abseits der Parade“.

Rechte nur auf dem Papier

Schwule und Lesben können in den westlichen Balkanländern weder heiraten noch gemeinsam Kinder adoptieren. In Slowenien ist die eingetragene Partnerschaft seit 2006, in Kroatien seit 2014 erlaubt. Jedoch sprachen sich Bevölkerungsmehrheiten der beiden EU-Länder per Referendum für ein Verbot der Homo-Ehe aus. In den restlichen Ländern der Region sind homosexuelle Paare vor dem Gesetzgeber de facto unsichtbar. Liegt der Partner nach einem Unfall im Krankenhaus, gelten sie nicht als nächste Verwandte und haben weder Besuchs- noch Auskunftsrecht. Als Errungenschaft galten die Antidiskriminierungsgesetze, die im Zuge der EU-Annäherung in allen Westbalkan-Ländern bis auf Mazedonien verabschiedet wurden. Wer aufgrund seiner sexuellen Orientierung benachteiligt wird – zum Beispiel am Arbeitsplatz –, kann das anzeigen. In der Praxis greifen diese Gesetze aber nicht. Einerseits, weil Polizisten und Staatsanwälte nicht ausreichend sensibilisiert sind. Andererseits, weil Betroffene Angst vor einem Outing haben. Laut einer neuen Studie, die von der Equal Rights Association (ERA) in Kooperation mit der Weltbank durchgeführt wurde, zeigen nur 8 Prozent der Betroffenen Diskriminierungsfälle an.

Die Frage, wie der Alltag der LGBT-Community aussieht, ist schwer zu beantworten. Erstens, weil Menschen nur in ihren eigenen vier Wänden und einigen wenigen Klubs sie selbst sein können. Und zweitens, weil jene, die an die Öffentlichkeit gehen, meist einem privilegierten Kreis aus Aktivisten angehören, die für eine der vielen LGBT-Organisationen arbeiten. Sie besuchen Workshops in skandinavischen Ländern und verfügen über gute Kontakte zu westeuropäischen Botschaften. Wer reisen darf und sieht, dass es in anderen Ländern besser ist, fühlt sich in der Heimat nicht mehr ganz so allein. Wie geht es Menschen, die das nicht können?

Rückschritt durch Kriege

In einem abgedunkelten Zimmer, im obersten Stockwerk eines Belgrader Plattenbaus gelegen, zündet sich ein junger Albaner mit verwuschelten Haaren und Sporthose eine Zigarette an. Er kann von Flügen nach Westeuropa nur träumen – Kosovo ist das einzige Land auf dem Westbalkan mit Visumzwang für die EU. Zu Hause, in Kosovo, hat sich der junge Mann nur vor den engsten Freunden geoutet: „Meine Professoren haben zu Beginn des Semesters gefragt: ‚Wer von euch ist einer von denen?‘ Ich habe mich nicht getraut, etwas zu sagen.“ Obwohl in Pristina mehr „Internationale“ leben als sonst in der Region, findet man in der Stadt keine nennenswerten Treffpunkte für die Szene. Eine Pride fand dieses Jahr erst zum zweiten Mal statt. Der Mann in Sporthose erzählt, dass er Männer nur über das Internet kennenlerne. „Man führt ein verstecktes Leben. Das war auch der Grund, warum ich mich von meinem Ex-Freund getrennt habe. Wir konnten unsere Beziehung nie öffentlich ausleben“, sagt er.

Es gibt Gründe dafür, warum es Schwule und Lesben hier schwerer haben als in Westeuropa. „Das hat einerseits mit der Post-Konflikt-Gesellschaft zu tun und andererseits mit den Nationalismen zwischen den Nachfolgestaaten Ex-Jugoslawiens“, sagt der Politikwissenschafter Slootmaeckers. In Teilen Jugoslawiens wurde Homosexualität bereits in den siebziger Jahren legalisiert. 1987 fand in Slowenien die erste feministische Konferenz statt, die „Lesbische Liebe“ thematisierte. Doch im Zuge der Jugoslawienkriege in den 1990er Jahren kam es zu einer Re-Patriarchalisierung der Gesellschaft. „Deserteure wurden als homosexuell diffamiert, und dieses negative ‚Verräter-Image‘ hält sich bis heute“, so Slootmaeckers. Seit den 1980er Jahren gewann die Kirche an Einfluss. Heute haben Muslime in Albanien, Orthodoxe in Serbien und Katholiken in Kroatien gemeinsam, dass sie die traditionelle Familie als etwas „Nationales“ empfinden und Homosexualität als einen vom Westen importierten Lifestyle. Nach dieser Logik kann jemand, der schwul ist, kein „richtiger“ Kroate, Albaner oder Mazedonier sein. Als sich 2010 der Teilnehmer einer albanischen Reality-Show live auf Sendung outete, gingen in seiner Heimatstadt Männer auf die Straße und protestierten, er habe kein albanisches Blut in den Adern. 2013 warb Zagrebs Erzbischof Josip Bozanić dafür, in einem Referendum gegen die Homo-Ehe zu stimmen. Als Grund führte er eine „Verantwortung für die Heimat“ an.

Kampagnen der Kirche

In keinem Westbalkan-Land ist die Kirche so einflussreich wie in Kroatien. 87 Prozent der rund 4,2 Millionen Kroaten sind Katholiken. Nur in Polen, auf Malta und im Vatikan ist der Anteil grösser. Kroatiens Kleriker predigen nicht nur, sie machen Politik. Im Mai 2013 sammelten konservative Bürgerinitiativen 700.000 Unterschriften für ein Referendum zum Verbot der Homo-Ehe, das im Dezember desselben Jahres abgehalten wurde. Priester sammelten nach dem Gottesdienst Unterschriften. Mit Erfolg. Heute ist die kroatische Ehe wieder exklusiv eine Verbindung zwischen Mann und Frau.

Muslime in Albanien, Orthodoxe in Serbien und Katholiken in Kroatien verdammen Homosexualität als vom Westen importieren Lifestyle.

Spricht man Daniel Martinović auf das Jahr 2013 an, sagt er einen unerwarteten Satz: „Unbemerkt von der Öffentlichkeit erlebte die LGBT-Szene damals einen kleinen Babyboom.“ Martinović ist 37 Jahre alt, lebt in Zagreb und hat eine Organisation gegründet, die Homosexuellen hilft, Eltern zu werden. Kroatien ist neben Slowenien das einzige Land der Region, in dem Schwule und Lesben in einer eingetragenen Partnerschaft leben und über Umwege Kinder bekommen können. Martinović erklärt, wie: „Lesbische Paare bestellen per Post Sperma von einer Samenbank in Dänemark. Sie führen die künstliche Befruchtung zu Hause durch, weil es in kroatischen Kliniken verboten ist. Dann gibt die biologische Mutter an, dass der Vater unbekannt sei, und ihre Partnerin kann das Sorgerecht erhalten.“ Doch der Druck der Konservativen nehme nicht ab, sondern zu. Die wichtigsten Akteure sind einerseits die katholische Kirche und andererseits eine erzkonservative Bürgerinitiative namens „U ime obitelji“ (Im Namen der Familie). „Sie schreiben in den sozialen Netzwerken, dass die ‚Homo-Lobby‘ heterosexuellen Paaren die Kinder wegnehmen will. Sie veröffentlichen Interviews mit selbsternannten Experten, die warnend behaupten, dass Kinder von Homosexuellen drogenabhängig und suizidgefährdet würden“, zählt Martinović auf.

Sein, wer man ist

Ana Brakus lässt sich von diesen Kampagnen wenig beeindrucken. Die 28-jährige Journalistin lebt seit einem Jahr mit ihrer Freundin Matea in eingetragener Partnerschaft. Am Fenstersims ihrer Wohnung in Zagreb stehen noch die Figuren der Hochzeitstorte – zwei Frauen, die sich an den Händen halten. Brakus hat in ihrem Leben immer wieder Anfeindung erfahren müssen. Heute habe sie eingesehen, dass sie nur dieses eine Leben habe, und sie sagt: „Ich möchte es nicht verschwenden, indem ich nicht die sein kann, die ich sein möchte.“ Vielleicht ist das, was Ana macht, effektiver als jede Regenbogenparade? Nicht nur einmal im Jahr, sondern tagtäglich zeigt sie den Menschen um sich herum, dass sie sich nicht ändern wird. Wenn Ana spätnachts am Imbiss wartet, während der Verkäufer gutgelaunt zwei fettige Burek in knisterndes Papier wickelt und dabei auf Kroatisch singt, wie sehr er Frauen liebe, blickt sie ihm in die Augen, lächelt und sagt: „Ich auch.“

Erstmals publiziert am 21. November 2018 auf nzz.ch.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. © NZZ / Franziska Tschinderle. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Teilnehmer der Belgrader „Gay Pride“ am 20. September 2015. Der Marsch ist der zweite in Folge seit den gewaltsamen Übergriffen im Jahr 2010 und verlief ohne Zwischenfälle inmitten strenger Sicherheitsvorkehrungen. Foto: © Alexa Stanković / AFP / picturedesk.com