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Unaufhaltsam

Bosnien kann den Bevölkerungsrückgang nicht aufhalten.

28. Juli 2020
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Ein Vierteljahrhundert nach dem Krieg nimmt die Bevölkerung von Bosnien und Herzegowina rasant ab – und das betrifft alle Volksgruppen.

Ilija war wütend. Während er sein Taxi durch Sarajevo steuerte, erzählte der 42-Jährige von einem Job als Lkw-Fahrer, den man ihm in Deutschland angeboten hatte, für den er aber eine zusätzliche Genehmigung brauchte. Bis er jedoch in seiner Heimat eine solche erlangt hatte, war der Job weg. Er wollte Bosnien und Herzegowina früher nie verlassen, aber nun war er mit seiner Geduld am Ende.

„Fünfundzwanzig Jahre lang hatte ich Hoffnung“, meinte er. „Jetzt hasse ich mich dafür.“ Wie viele andere klammerte er sich an den Glauben, dass Bosnien bald ein „normales“ Land mit einer vernünftigen Zukunftsperspektive sein werde – aber mittlerweile hat er resigniert und ist wieder auf dem Weg nach Deutschland.

Sein Bruder und seine Schwägerin sind mit ihren beiden Kindern bereits dort. Sie hatten ihm gesagt, dass sie Bosnien nie verlassen würden, „und dann gingen sie eines Tages einfach“. Wütende Tiraden wie jene von Ilija hört man in Bosnien tagtäglich. Und ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kriegs ist der ständige Verweis auf die mangelnde Hoffnung ein wichtiger Anhaltspunkt, um die prekäre demografische Situation, in der sich das Land befindet, zu erklären.

Laut Umfrage des Regionalen Kooperationsrats (Balkan Public Barometer) sind 68 Prozent der Bevölkerung mit der Entwicklung Bosniens unzufrieden. Im Jahr 1991, kurz vor dem Bosnienkrieg, lebten rund vier Millionen Menschen im Land. Heute sind es schätzungsweise nur noch 3,3 Millionen.

Bosnien und Herzegowina – Demografische Kennzahlen. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Frauen bekommen in Bosnien im Durchschnitt 1,26 Kinder. Das liegt nicht nur weit unter den 2,1, die ein Land ohne Einwanderung für eine stabile Bevölkerung benötigt, es ist auch eine der niedrigsten Geburtenziffern weltweit.

Sollte sich nichts ändern, könnte die Bevölkerung Bosniens nach Angaben der Vereinten Nationen bis 2050 auf 3,05 Millionen schrumpfen. Das wären etwa 29 Prozent weniger als kurz vor dem Krieg. Abhängig von der Abwanderungsrate könnte diese Zahl jedoch schon viel früher erreicht werden.

Bevölkerungsveränderung in Bosnien und Herzegowina. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Bis vor Kurzem ging es bei allen Diskussionen über die Bevölkerungsentwicklung Bosniens um die Anzahl und den Prozentsatz der im Land lebenden Serben, Kroaten, Bosniaken und anderen Ethnien. Diese Debatten werden weiterhin geführt, aber mittlerweile nimmt die gesamte Bevölkerung ab, ungeachtet der ethnischen Zugehörigkeit. Die Arbeitslosigkeit war früher ein riesiges Problem und ist es für viele mancherorts noch heute, es zeichnet sich jedoch zunehmend ein Arbeitskräftemangel ab.

In den Nachbarländern Serbien und Kroatien bemühen sich die Regierungen, Maßnahmen zur Bewältigung dieser Probleme zu ergreifen und Paare zu ermutigen, mehr Kinder zu bekommen. Insbesondere angesichts der enormen Nachfrage nach Arbeitskräften in Deutschland und anderen westlichen Ländern sind diese Möglichkeiten zur Einflussnahme jedoch begrenzt.

Bosnien ist ärmer als seine Nachbarn und hat aufgrund seines dysfunktionalen politischen Systems noch mehr Mühe damit, die demografische Krise in den Griff zu bekommen. In der gesamten Region des ehemaligen Jugoslawien ist es schwierig, an genaue Daten zu kommen. In Bosnien ist es noch komplizierter.

BOSNIERINNEN UND BOSNIER IN ZAHLEN

Im Jahr 1879 lebten 1,15 Millionen Menschen in Bosnien.
Im Jahr 1948 waren es 2,56 Millionen und 1991 stieg die Zahl auf 4,37 Millionen, wobei auch Personen, die im Ausland arbeiteten, mitgerechnet wurden und die tatsächliche Anzahl bei nur vier Millionen gelegen haben dürfte. Geschätzte 100.000 Menschen starben während des Kriegs 1992-95.

Laut Expertenmeinung ist heute von einer Bevölkerung von 3,3 Millionen Menschen auszugehen – aber niemand weiß das mit Sicherheit. Die Geburtenziffer Bosniens ist mit 1,26 Kindern pro Frau eine der niedrigsten weltweit.

Gemäß den revidierten Zahlen der Volkszählung 2013 betrug die Bevölkerung Bosniens 3,53 Millionen, von denen 2,21 Millionen in der Föderation, 1,22 Millionen in der Republika Srpska und 83.500 in Brčko lebten.

Im Jahr 2050 werden laut Schätzungen der Vereinten Nationen 3,058 Millionen Menschen in Bosnien leben. Abgesehen von Kroatien und Serbien ist eine große Zahl von Bosnierinnen und Bosniern in Deutschland, Österreich und Slowenien ansässig.

Dem jüngsten Balkan Public Barometer zufolge würden 34 Prozent erwägen, der Arbeit wegen ins Ausland zu gehen. Im Jahr 2015 waren es 58 Prozent.

Im Jahr 2017 waren in Österreich 167.000 Personen registriert, die in Bosnien geboren wurden. Am 1. Jänner 2018 zählte man 95.000 bosnische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit Wohnsitz in Österreich.

Am 31. Dezember 1992 waren knapp 20.000 in Deutschland lebende Bosnierinnen und Bosnier registriert. Diese Zahl stieg während des Kriegs sprunghaft an und erreichte Ende 1996 mit 341.000 ihren Höchststand. Bis Ende 2010 war sie auf 152.000 gesunken. Seitdem steigt die Zahl wieder allmählich an. Ende 2018 waren in Deutschland 190.000 Bosnierinnen und Bosnier registriert. Hinzu kamen 396.000 Kroatinnen und Kroaten, von denen bis zu 20 Prozent aus Bosnien stammen könnten, die aber kroatische Pässe besaßen. Die Zahl der in Deutschland lebenden serbischen Bürgerinnen und Bürger belief sich auf 216.000.

Nach und von Deutschland herrscht ein reges Kommen und Gehen. Im Jahr 2018 wurden in Deutschland 25.000 Menschen erfasst, die aus Bosnien einreisten, um sich in der Bundesrepublik niederzulassen und zu arbeiten, und knapp 11.000, die Deutschland Richtung Bosnien verließen.
In den Jahren 2014-18 registrierte man in Deutschland 119.000 Personen aus Bosnien und 68.000 verließen Deutschland Richtung Bosnien, was bedeutet, dass sich in diesem Zeitraum 50.000 dauerhaft in Deutschland niederließen.
Zwischen 2000 und 2018 zählte man knapp 40.000 Bosnierinnen und Bosnier, die die deutsche Staatsbürgerschaft annahmen. Im Jahr 2018 waren es 1.880. Die Zahl ist in den vergangenen 15 Jahren etwa gleich geblieben.

Seit 2009 sterben jedes Jahr mehr Bosnierinnen und Bosnier als geboren werden. Im Jahr 2016 zählte das Land 30.183 Geburten und 36.571 Sterbefälle, was einen natürlichen Verlust von mehr als 6.000 bedeutet.
Im Jahr 1997 gab es einen Höchststand von 48.397 Geburten und 27.875 Sterbefälle, was einem natürlichen Zuwachs von knapp 21.000 Personen entspricht. Diese Periode des positiven Wachstums ging 2007 zu Ende.

Über die gesamte Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gab es ein natürliches Bevölkerungswachstum, das 1958 mit rund 80.000 mehr Geburten als Sterbefälle seinen Höhepunkt erreichte und danach abzunehmen begann.

Bei der Volkszählung aus dem Jahr 1971 wurden Muslime/Bosniaken erstmals als größte Volksgruppe in Bosnien erfasst, eine Position, die in der Vergangenheit den Serben vorbehalten war. Gemäß der Volkszählung von 1991 betrug der Anteil der Muslime/Bosniaken 43,5 Prozent der Bevölkerung, der der Serben 31,2 Prozent und der der Kroaten 17,43 Prozent. Im Jahr 2013 zählte man 50,11 Prozent Bosniaken, 30,78 Serben und 15,43 Prozent Kroaten.

Gemäß der letzten jugoslawischen Volkszählung von 1991 lebten in Bosnien 4,37 Millionen Menschen. Tatsächlich waren es weit weniger, möglicherweise etwa vier Millionen, denn die jugoslawischen Volkszählungen bezogen auch jene, die im Ausland arbeiteten, sowie ihre Familien ein.

Weitaus schwieriger gestaltet sich die Schätzung der aktuellen Bevölkerung. Auf allen Seiten haben Politikerinnen und Politiker ein Interesse daran, die Bevölkerungszahlen ihrer eigenen Gemeinden höher und jene der anderen niedriger anzusetzen. Bosniens Statistikämter sind auch nicht in der Lage, die Zahl der Abwanderer zu ermitteln.

Im Zuge der Volkszählung 2013 wurden Serben, Kroaten und Bosniaken in der Diaspora, einschließlich derer in Serbien und Kroatien, die nicht weit reisen mussten, dazu angehalten, für den Zeitraum, in dem die Daten erhoben wurden, zurückzukehren.

Infolgedessen belief sich die anfänglich veröffentlichte Zahl der bosnischen Bevölkerung auf 3,79 Millionen. Davon wurden jedoch später 260.832 Personen, die als nicht dauerhaft ansässig galten, wieder abgezogen. Aus diesem Grund lag das endgültige Ergebnis der Volkszählung bei 3,5 Millionen. Von der Republika Srpska (RS), dem serbisch dominierten Landesteil, wurden die Ergebnisse der Volkszählung allerdings abgelehnt.

Wie Damir Josipović, ein Demograf am Institut für ethnische Studien in Ljubljana, schriftlich festhielt, „ergab eine Analyse, dass die offizielle Bevölkerungszahl in Bosnien-Herzegowina viel zu hoch angesetzt war“. Er kam zu dem Schluss, dass diese im Jahr 2013 nur 3,3 Millionen betragen haben könnte.

Emir Kremic, der Direktor des statistischen Bundesamts, und Nermin Oruc, Leiter des sozialwissenschaftlichen Think-Tanks CREDI, sind allerdings beide der Ansicht, dass die Zahl der heute in Bosnien lebenden Menschen mit 3,3 Millionen korrekt geschätzt ist.

Sollte die revidierte Zahl der Volkszählung von 2013 stimmen, würde dies bedeuten, dass die Bevölkerung Bosniens infolge der Abwanderung und aufgrund einer höheren Anzahl an Todesfällen im Vergleich zu Geburten um rund 200.000 Menschen abgenommen hat. Es sei „ein Witz“ zu behaupten – wie es einige Nichtregierungsorganisationen getan haben –, so Kremic, dass dies der Anzahl an Personen entspreche, die allein in den letzten drei Jahren ausgewandert sind.

Ein großes Problem stellen nicht nur der Mangel an zuverlässigen Daten, sondern auch die widersprüchlichen Zahlen dar. Den Arbeitskräfteerhebungen zufolge sind die Bevölkerungszahlen Bosniens niedriger als die Schätzungen der Statistikämter.

Jeder Konflikt, von 1878 bis zum letzten Krieg, hatte enorme Bevölkerungsbewegungen zur Folge. Es wird angenommen, dass rund zwei Millionen Menschen während des Kriegs von 1992 bis 1995 entweder innerhalb Bosniens vertrieben wurden oder ins Ausland geflüchtet sind. Nach dem Krieg kehrte eine große Anzahl von ihnen zurück, in vielen Fällen jedoch nicht in ihre angestammten Wohngebiete.

Eine große Zahl bosnischer Kroatinnen und Kroaten floh nach Kroatien und bosnische Serbinnen und Serben nach Serbien, während viele Serbinnen und Serben, die aus Kroatien flohen, sich in der RS niederließen und so den Verlust an bosnischen und kroatischen Bürgerinnen und Bürgern zum Teil „ausglichen“.

Während die Neuordnung der ethnischen Landkarte von nationalistischen Ideologen gefeiert wurde, führte der Konflikt zu enormen demografischen Veränderungen innerhalb des Landes und zu Verlusten auf allen Seiten – ganz zu schweigen von den rund 100.000 Menschen, die im Krieg umkamen.

Laut Josipović fielen 32 Prozent der kroatischen Bevölkerung Bosniens dem Krieg zum Opfer. Der Anteil der Verluste in der serbischen Volksgruppe belief sich dabei auf 25 Prozent, bei den Bosniaken waren es 12 Prozent.

Die Zahl der Geburten überwog bei Weitem die Zahl der Sterbefälle, was möglicherweise der Tatsache geschuldet war, dass die unmittelbaren Nachkriegsjahre eine Zeit der Hoffnung waren.

Auf den ersten Blick könnte man von einem Babyboom der Nachkriegszeit sprechen. Vergleicht man die Zahlen mit den Geburten- und Sterbeziffern vor dem Krieg, so sind diese zwar geringer, als ohne Krieg zu erwarten gewesen wären, aber sie entsprechen den Entwicklungen vor dem Krieg.

Die Zahl der Geburten nahm jedoch einige Jahre nach dem Krieg rapide ab, während die Zahl der Todesfälle zunahm. Im Jahr 2016 gab es 6.388 mehr Sterbefälle als Geburten.

Während der Zeit der jugoslawischen Republik verschoben sich die Bevölkerungszahlen und das ethnische Gleichgewicht in Bosnien. Zählten Serben historisch gesehen zur größten Volksgruppe, so ergab die Volkszählung von 1971, dass Muslime (jetzt Bosniaken genannt) diesen Platz eingenommen hatten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zog eine große Zahl von Serbinnen und Serben aus den ärmeren Regionen in Serbiens fruchtbare Vojvodina, aus der ethnische Deutsche im Zuge der ethnischen Säuberung vertrieben worden oder geflohen waren. Serbinnen und Serben gingen auch eher nach Serbien, um dort zu studieren oder zu arbeiten, während bosnische Kroatinnen und Kroaten nach Kroatien übersiedelten und Bosniakinnen und Bosniaken aus der Region Sandžak, die Teile Serbiens und Montenegros umfasst, nach Bosnien zogen.

In den vergangenen 25 Jahren waren verschiedene Trends zu beobachten. Da Kroatien bosnischen Kroatinnen und Kroaten und allen, die geltend machen können, kroatischer Herkunft zu sein, die Staatsbürgerschaft verleiht, haben viele dieses Recht in Anspruch genommen.

EUROPE'S FUTURES

Europa erlebt seine dramatischste und herausforderndste Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg. Das europäische Projekt steht auf dem Spiel und die liberale Demokratie wird sowohl von innen als auch von außen gefordert. Von allen Seiten der staatlichen und nicht-staatlichen Akteure ist es dringend erforderlich, sich mit den brennenden Problemen zu befassen und das, was durch das politische Friedensprojekt sorgfältig erreicht wurde, zu bekräftigen.

Zwischen 2018 und 2021 engagieren sich jedes Jahr sechs bis acht führende europäische Expertinnen und Experten als Europe’s Futures Fellows. Sie schaffen damit eine einzigartige eine Plattform der Ideen, um grundlegende Maßnahmen zu präsentieren, deren Ziel es ist, die Vision und Realität Europas zu stärken und voranzutreiben. Europe’s Futures basiert auf eingehenden Untersuchungen, konkreten politischen Vorschlägen und dem Austausch mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, dem öffentlichen Diskurs und Medien.

Zu Zeiten Jugoslawiens zogen viele Kroatinnen und Kroaten, vor allem aus der westlichen Herzegowina, zum Arbeiten nach Deutschland oder in andere Länder. Nach dem Krieg – vor allem nach dem Beitritt Kroatiens zur Europäischen Union 2013 – gingen viele Bosnierinnen und Bosnier zunächst nach Kroatien, um die Arbeitsplätze der Kroatinnen und Kroaten zu übernehmen, die nun nach Deutschland ziehen.

Auch in der Saisonarbeit kamen vermehrt Bosnierinnen und Bosnier zum Einsatz, die etwa im Sommer in Kroatien im Tourismus tätig waren. Heute spielt die saisonale und zirkuläre Migration nach wie vor eine wichtige Rolle, insbesondere aus der RS, auch wenn Deutschland, Slowenien und Österreich, wo es höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen gibt, mittlerweile bevorzugte Ziele geworden sind.

Die Nicht-EU-Mitgliedschaft erschwerte es Bosnierinnen und Bosniern ohne kroatische Staatsbürgerschaft, in der EU zu arbeiten. In jüngster Zeit hat die Nachfrage nach Arbeitskräften in verschiedenen Ländern es jedoch weitaus einfacher gemacht, dort legal einer Tätigkeit nachzugehen. Slowenische und kroatische Agenturen rekrutieren auch Bosnier, zum Beispiel als Lkw-Fahrer, die dann in Ländern wie Deutschland tätig sind.

Einige finden Beschäftigung über die bosnische Arbeits- und Personalvermittlungsagentur, die eine Vereinbarung mit Deutschland hat, Pflege- und Arbeitskräfte aller Art zu vermitteln. Zwischen 2013 und 2019 gingen mehr als 5.000 Pflegekräfte im Rahmen dieses Programms nach Deutschland und „nur 20 sind nach Bosnien zurückgekehrt“, sagte der Sprecher der Agentur, Boris Pupic.

Im gleichen Zeitraum gab es etwas mehr als 47.000 Verträge für Slowenien, es ist jedoch nicht bekannt, wie viele dieser Arbeitskräfte dort verbleiben. Davon sind 23 Prozent Kraftfahrer, und die meisten anderen verfügen über verschiedene Qualifikationen, die in der Bauwirtschaft benötigt werden.

Die Abwanderung und sinkenden Geburtenraten haben nun einen Mangel an medizinischem Personal und Bauarbeitern zur Folge. Schulen wiederum müssen schließen, weil es zu wenig Schülerinnen und Schüler gibt. Oruc mokierte sich über Regierungsbeamte, die von einem „Export“ von Arbeitskräften sprechen. Das zeige nur, dass man der Auffassung sei, „je mehr Menschen wir ins Ausland schicken, desto niedriger wird die Arbeitslosenquote sein, und es wird weniger Druck auf Sozialleistungen und mehr Rücküberweisungen geben. Ich finde es nicht richtig, dies als eine Errungenschaft und einen Erfolg darzustellen.“

Größte demografische Verlierer. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

„Im Grunde genommen lassen wir den Menschen eine Ausbildung zukommen und dann gehen sie weg. So sieht’s aus“, fügte Oruc hinzu und merkte an, dass Arbeitgeber jetzt über einen Mangel an Personen mit höherer Bildung klagen. Das liegt zum Teil daran, dass viele von ihnen das Land verlassen, aber es hat auch mit der veralteten und oft unzulänglichen Hochschulbildung in Bosnien zu tun.

Die Situation in Bosnien lässt sich am besten mit einer Karikatur zusammenfassen, die von Buka, einer Online-Nachrichtenseite aus der RS, veröffentlicht wurde. Als Reaktion auf eine Diskussion der RS-Regierung über Ideen, was gegen Abwanderung und niedrige Geburtenraten unternommen werden könne, ohne dass jedoch Maßnahmen ergriffen worden wären, kommentierte Buka, dass die Minister immer noch nicht verstanden hätten, was auf dem Spiel steht.

In der Karikatur ist ein sich liebendes Paar zu sehen. Sie liegen auf dem Boden in einem schäbigen Raum, der nur von einer Kerze auf einem Karton beleuchtet wird. Der Mann trägt eine geflickte Socke und der Putz bröckelt von der Wand.

Menschen wie Ilija verlassen ihre Heimat nicht allein aus dem Grund, weil sie anderswo mehr verdienen können, sondern weil sie sehen, wie Politikerinnen und Politiker reich werden, während Bosnien arm und korrupt bleibt und seine Institutionen schlecht oder gar nicht funktionieren. Im Oktober 2018 gingen die Bosnier zu den Urnen, und erst im November 2019 wurde der Streit zwischen den drei wichtigsten nationalistischen Parteien beigelegt, der die Bildung einer Regierung auf gesamtstaatlicher Ebene verhindert hatte.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung

Original auf Englisch.
Erstmals publiziert am 21. November 2020 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Tim Judah. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Illustration © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy