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Interview

Träume eines Kontinents

Miroslava Svolikova über ihren neuen Theatertext "europa flieht nach europa"

20. November 2018
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Mythos, Gegenwart und Zukunft – und was passiert, wenn die Wirklichkeit die Groteske verschluckt? Was träumt ein Kontinent? Dieser Frage geht die junge, bereits mehrfach ausgezeichnete Autorin Miroslava Svolikova in ihrem neuen Theatertext europa flieht nach europa nach.

Europa träumt hier von sich selbst – als erfüllte Utopie. Von Gerechtigkeit also, von Gleichheit und Frieden. „Dieser Kontinent wird nicht in Blut getränkt!“, lautet Europas Motto. Svolikova entwirft die Chronologie unserer Kontinentalgeschichte als Farce, als lügenhaften Karneval, in dem der Stärkste die tollsten Maske trägt. Europa ist ein Kontinent der Ambivalenz – und Svolikovas dramatisches Gedicht ein akuter wie zeitloser Text europäischer Selbstvergewisserung und -entfremdung. Das Publikum wird mitgenommen auf eine sprachlich atem- wie kompromisslose tour de force, in der sich Exzess- und Gewaltbilder zu einem grellen „Karneval der Wirklichkeit“ vermischen. Auf dem Parkett reichen Europas Kinder ihrer Mutter die Hände. Im Freudentanz, im Totentanz.

Seit Oktober ist Franz-Xaver Mayrs zweite Svolikova-Inszenierung in Wien zu sehen. Sinnigerweise im ehemaligen Offizierskasino am Schwarzenbergplatz, wo zur Zeit auch das Exekutivsekretariat der halbjährlich rotierenden EU-Ratspräsidentschaft angesiedelt ist, deren Vorsitz Österreich noch bis Ende des Jahres innehat. Im Interview mit Florian Hirsch spricht Miroslava Svolikova über ihre ganz persönliche „Playlist Europa“.

"europa flieht nach europa". Dorothee Hartinger, Alina Fritsch, Marie-Luise Stockinger, Sven Dolinski, Valentin Postlmayr, Marta Kizyma. Foto: © Reinhard Werner

Miroslava Svolikova, nachdem in deinem letzten Erfolgsstück mit dem so unendlich wie verwirrend erscheinenden Titel Diese Mauer fasst sich selbst zusammen und der Stern hat gesprochen, der Stern hat auch was gesagt sogar eine Schauspielerin als EU-Stern auf der Bühne zu sehen war, setzt du dich nun wieder mit dem Thema Europa auseinander. europa flieht nach europa behandelt mit großem Sprachwitz die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unseres aktuell doch recht zerrissen wirkenden Kontinents.

Ich hatte nach meinem Stück die hockenden, das im Burgtheater-Vestibül zu sehen war, gleich die Idee zu diesem Text, ihn aber erst einmal auf Eis gelegt, weil ich zunächst Diese Mauer fürs Schauspielhaus Wien geschrieben habe. Da kommt der letzte EU-Stern vor, aber es ist ganz anders.

Warum flieht Europa nun nach Europa?

In der griechischen Mythologie wird Europa vom Stier entführt. In meiner Version befreit sie sich, indem sie ihn zuerst ermordet und dann an Land flieht. Interessiert hat mich die prekäre und sonderbare Situation der Europa, dieser seltsame Anfang und der Beginn, der schon räumlich irgendwo anders angesiedelt ist. Das ist ja auch mit der europäischen Geschichte so, wenn man will, die sich aus vielen verschiedenen Kulturen speist, viele Beginne und Brüche kennt, chaotisch ist und immer schon nochmal ganz woanders beginnt, sich rückbezieht und so weiter.

„Die Wirklichkeit hat die Groteske verschluckt und rollt über uns drüber.“

Der Text ist auch eine Umschreibung des Mythos. Was ist neu an deinem Europa?

Je nach Version wird Europa im Mythos nicht nur entführt, sondern auch vergewaltigt. Für mich war ganz klar, dass sie sich auch mal wehrt. In die Brachialität mythischer Erzählung übersetzt bedeutet das: dass sie den Stier ermordet, aber sie tut es ganz märchenhaft, mit einer Spitze aus ihrem Haar. Danach verkündet sie die Vision eines friedlichen Kontinents. Auf einer anderen Ebene ist das als historische Ambivalenz zwischen Utopie und Gewalt zu lesen. Nach diesem Beginn findet sie sich in verschiedenen Tableaus, oder historischen und ideengeschichtlichen Situationen wieder, der Mythos endet gewissermaßen nach der ersten Szene, die Figur Europa läuft aber als diese mythologische Figur und parallel als Verkörperung einer Idee weiter.

Eine den Text wie ein Mantra durchziehende Zeile lautet: “WILLKOMMEN BEIM KARNEVAL DER WIRLICHKEIT”. Ist es angesichts einer immer grotesker erscheinenden Realität schlicht nur noch möglich, diese als Karneval zu begreifen?

Den Eindruck hat man im Moment ganz stark. Und zwar, noch während man mitten drin steckt. Die Wirklichkeit hat die Groteske verschluckt und rollt über uns drüber.
Im Stück ist das zunächst etwas historischer angelegt, da sind es mehr oder weniger die „zwei Bauern”, nicht österreichische Biobauern sondern mittelalterliche Bauern, die sinngemäß sagen: “Das ist aber anstrengend, dieses Leben, jetzt, da wir als Bauern geboren wurden. Die ganzen Läuse …”. Ich musste unter anderem an eine Karikatur denken, in der Steve Jobs als chinesischer Fabrikarbeiter reinkarniert wird, der am Fließband iPhones bauen muss.

Miroslava Svolikova

Miroslava Svolikova wurde 1986 in Wien geboren, studierte Philosophie in Wien und Paris, Szenisches Schreiben bei uniT Graz und an der Akademie der bildenden Künste Wien. Sie arbeitet als bildende Künstlerin, macht Musik, schreibt Dramen und Texte. 2015 gewann sie den Retzhofer Dramapreis für die hockenden, uraufgeführt 2016 im Vestibül.

Foto: © Reinhard Werner

Ist europa überhaupt ein Theaterstück? Im Untertitel heißt es: „Dramatisches Gedicht in mehreren Tableaus“. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass es keine historische Abhandlung zur europäischen Geschichte ist, auch wenn man allerlei historische Stationen assoziieren kann, die große Katastrophe, den Urknall als die Weltkriege zum Beispiel. Im Endeffekt funktioniert das Ganze stark über die Assoziationen der Zuschauer.

Ich habe in einem lyrischen Verfahren und stark über Bilder gearbeitet, eigentlich arbeite ich immer so. Das Interessante an Bildern ist, dass sie auf mehreren Ebenen lesbar sind und sich im Theater wieder in neue Bilder einbetten lassen. Letztlich sind die Bilder ein kollektives Material.

Im Juli war ich auf Einladung des Goethe-Instituts in Tokio, wo das Stück szenisch gelesen wurde. Dort gibt es natürlich ein ganz anderes kollektives Wissen und ganz andere Assoziationen, griechische Mythen, ein Priester der über die Rippe redet – solche Dinge sind nicht so unmittelbar bekannt. Die szenische Einrichtung hat mir aber dennoch sehr gut gefallen und es gab interessante Gespräche.

Wenn Europa ein Song wäre, ein Musikstück – welcher/welches wäre es? Freude schöner Götterfunken sicher nicht, oder?

Vermutlich eine ziemlich unzusammenhängende Playlist, der DJ kriegt danach keinen Job mehr.

Verläuft die eigentliche Grenze zwischen Nord- und Süd- oder zwischen West- und Osteuropa?

Sowohl als auch, und noch viel mehr. Wenn man alle Grenzen auf der Karte blau einzeichnet, sieht man die Karte nicht mehr, weil sie im Meer verschwindet.

"europa flieht nach europa". Vorne: Dorothee Hartinger; hinten: Alina Fritsch, Valentin Postlmayr, Sven Dolinski. Foto: © Reinhard Werner

„Wenn keiner an mich glaubt“, sagt Europa im Text, „werde ich verschwinden.
Glaubst du an Europa? Oder wird es noch vor den nächsten Berliner Autorentheatertagen, wo das Stück uraufgeführt wurde, untergehen?

Das glaube ich nicht, die nächsten Autorentheatertage sind sicher noch drin. Europa besteht natürlich aus den Menschen und erfindet sich immer neu. Das sich Neuerfinden gehört zu Europa dazu, so glaube ich. Und das Theater vielleicht auch. Also: gute Chancen.

Kann ausgerechnet das Theater Europa retten?

Ich denke, so schlimm ist es noch nicht, dass das Theater mit einem Erste Hilfe-Koffer rumlaufen muss. Ich mache einen Spaß. Das Theater muss uns natürlich alle retten!

Erstmals publiziert am 22. Oktober 2018 auf burgtheater.at.

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