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Interview

„Theater sollte unabhängig sein.“

Und auch nicht die Aufgabe haben, die Welt zu verändern, meint Jeton Neziraj.

13. November 2018
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Politik und Kultur sowie Kosovos Weg in Richtung EU-Integration sind die Themen des kosovarischen Bühnenautors Jeton Neziraj. In seinen zahlreichen Büchern und Theaterstücken versucht er, die Absurdität der Politik in Kunst umzusetzen. Seine Stücke, so sie denn am Nationaltheater Kosovo aufgeführt werden, lösen heftige Debatten aus und unterliegen mitunter sogar politischer Zensur.

Neziraj glaubt, dass das Theater Veränderungen anstoßen kann und einen Einfluss darauf hat, wie wir die Probleme, die uns umgeben, wahrnehmen und darauf reagieren. Theater sollte unabhängig sein, betont er, und auch „nicht die Aufgabe haben, die Welt zu verändern“. Neziraj, der kürzlich für die Förderung europäischer Werte zum Europäer des Jahres gewählt wurde, spricht in einem Interview mit Shqipe Gjocaj über die Ironie einer solchen Auszeichnung, wurde ihm doch kurz darauf ein Schengen-Visum verweigert, um als freier Europäer in die EU zu reisen.

© Slavica Ziener
Portrait von Jeton Neziraj vor dem Nationaltheater Kosovo, Pristina, 2014. Foto: © Slavica Ziener

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich schreibe ein neues Stück mit dem Arbeitstitel The Hypocrites („Die Heuchler“). Die Proben begannen in der ersten Septemberwoche, die Premiere findet am 19. Oktober in Pristina statt. Es geht um menschenunwürdige medizinische Ethik, um das gescheiterte Gesundheitssystem im Kosovo, das beinah zur Gänze zusammengebrochen ist und noch immer einen der vielen Schandflecke dieser Gesellschaft darstellt. Es geht also um die völlig korrumpierten Gesundheitseinrichtungen, die gegen jegliches menschliches Prinzip verstoßen und aus der Gesundheit eines Menschen nur Profit schlagen wollen. Das Stück „seziert“ also die gegenwärtige Gesellschaft im Kosovo und behandelt auch meine derzeitige Obsession, nämlich die komplizierte Beziehung zwischen der lokalen Bevölkerung und den internationalen Organisationen.

Was meinen Sie damit?

Na, so wie diese komplizierten Beziehungen zwischen Paaren, die sich zwar lieben, aber ständig miteinander streiten, um sich dann zu trennen oder wieder zu versöhnen. Als der Kosovo unter UN-Verwaltung stand, bauten die internationalen Organisationen im Kosovo eine Parallelwelt zur lokalen Bevölkerung auf. Sie hatten ihre eigenen Restaurants und Bars, ihre eigenen Partys und beschränkten den Kontakt mit den Einheimischen auf das Nötigste.

„Die kolonialistische Haltung gegenüber dem Kosovo hat sich nicht geändert.“

Mit dem Eintreffen der neuen EU-Mission im Kosovo haben sich die Dinge jedoch zum Besseren verändert. Nichtsdestotrotz hat sich die kolonialistische Haltung gegenüber dem Kosovo nicht geändert. Viele von ihnen kommen als Experten und werden äußerst gut bezahlt. Ihre Expertise hat sich aber nicht als zufriedenstellend erwiesen. Sie ignorieren häufig das Potenzial, die Fähigkeiten und das Wissen der einheimischen Bevölkerung. Das führt zu Frustration unter vielen Kosovaren. Die internationalen Organisationen sind für vielen Institutionen im Kosovo auch als Mentoren tätig, besonders im Bereich der Justiz, sind aber in gewisser Weise an den Wirtschaftsverbrechen beteiligt und „spielen dem Untergrund in die Hände“. Ich habe mich mit diesem Thema in meinem Stück The Internationals eingehend auseinandergesetzt.

Was sind die Hauptthemen, die Sie in Ihren Arbeiten untersuchen?

In letzter Zeit sind es vor allem politische Themen. Häufig ist das Hauptthema nicht zwangsläufig politisch, wird es aber durch meine Betrachtung und durch die Inszenierung. Es geht hier also um ein Theater, dessen Inhalte und Inszenierungen politisch sind. Dreht sich das Thema um Gesundheit, dann spreche ich nicht einfach über eine Gruppe korrumpierter Ärzte, sondern über eine Gesellschaft, die im Gesundheitssektor in ein Netz von Kriminalität geraten ist. Ich spreche über eine politische Klasse an der Spitze des Staates, die nicht nur unfähig ist, ein großes Problem wie das marode Gesundheitssystem zu lösen und diese Situation toleriert, sondern auch bei Erpressergeldern und Profiten mitschneidet und dadurch zum „Stakeholder“ wird – und all das auf Kosten der Menschen, der Patienten und jener, die aufgrund ihrer prekären Lage keine andere Wahl haben.

Ich glaube, dass man im Theater Inhalte auf einfühlsamere Weise – spielerisch und unterhaltsam – transportieren kann, gewissermaßen aus einer „neutralen“ Perspektive. Deshalb insistieren wir auf qualitativ hochwertigem Theater, kraftvollem Theater, von komplexer Ästhetik, auf einem freien Theater. Nur diese Art Theater kann möglicherweise einen nachhaltigen Einfluss auf die Gesellschaft haben und letzten Endes Veränderungen bewirken. Das sinnvollste Theater ist unabhängiges Theater, das auch nicht die Aufgabe hat, „die Welt zu verändern“. Theater verändert die Welt nur dadurch, dass es unabhängig ist, ohne jegliche Einschränkungen, und auch ohne die Bürde, die Welt verändern zu müssen.

Wie reagiert das kosovarische Publikum auf die Themen, die Sie erörtern, auf die Bilder und Botschaften, die Sie vermitteln?

Die Reaktionen sind unterschiedlicher Art, manche Aufführungen fanden nur unter Polizeipräsenz statt. Proteste, Unmut, öffentliche Reaktionen, kritische Artikel – all das ist für eine Theateraufführung zulässig und normal.

„Nicht zulässig sind Aktionen wie ein falscher Bombenalarm im Theater wie bei der Aufführung von ‚Einer flog über das Kosovotheater‘.“

Ich glaube aber nicht, dass Aktionen wie etwa ein falscher Bombenalarm im Theater normal und zulässig sind, wie es während der Vorstellung von Einer flog über das Kosovotheater der Fall war. Die Premiere 2012 am Nationaltheater Kosovo in Pristina kam beinahe nicht zustande, da die Regierung über das Kulturministerium versuchte, die Aufführung zu verhindern.

Jeton Neziraj

Jeton Neziraj ist ein Theaterautor aus dem Kosovo. Er hat über zwanzig Stücke geschrieben, die sowohl in Europa als auch in den USA aufgeführt wurden. Seine Stücke und Texte wurden in mehr als 15 Sprachen übersetzt und veröffentlicht. Die deutsche Theaterzeitschrift Theater der Zeit und der Radiosender Deutschlandfunk Kultur haben ihn als „Kafka des Balkans“ bezeichnet. Seine Arbeit wurde mit mehreren bedeutenden nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Er ist außerdem Direktor von Qendra Multimedia, einem unabhängigen Kulturunternehmen, das einen Schwerpunkt auf zeitgenössisches Drama und Theater legt.
Foto: © Jetmir Idrizi

Diese beabsichtigte Zensur, das ist eine lange Geschichte, aber ich werde versuchen, es kurz zu machen. Während der letzten Proben schickten wir zwei satirische Presseaussendungen an die lokalen Medien; darin erklärten wir, dass diese nationale Aufführung von der kosovarischen Regierung abgesegnet worden war und dass die Regierung eine staatliche Kommission dafür eingesetzt hatte, jede Zeile dieser bedeutenden nationalen Komödie, die sich mit der Unabhängigkeit des Kosovo befasst, zu analysieren. Wir erwähnten außerdem, dass der kosovarische Ministerpräsident (zum damaligen Zeitpunkt Hashim Thaçi) für den Titel des Stücks Pate gestanden hatte.

Diese satirischen Projektionen wurden von den meisten Medien im Kosovo wörtlich genommen. Ich erinnere mich an eine Zeitung, die einen Artikel mit dem Titel Hashim Thaçi steht Pate für Jeton Nezirajs Stück veröffentlichte. Die Leser waren ziemlich verwirrt. Sie beschimpften uns, nannten uns Opportunisten und wollten wissen, wie viel Geld wir von Thaçi bekommen hatten. Und dann gab es welche, die diese „Kooperation mit der Regierung“ für normal hielten und voll des Lobes waren.

Zweck dieser Presseaussendung war es, schon vor der Aufführung eine Diskussion anzustoßen, eine Debatte über die zu jener Zeit rege politische Kontrolle über das Theater. Diese Aktion sowie andere Ereignisse führten dazu, dass das Kulturministerium mit Nachdruck versuchte, eine Aufführung des Stücks zu verhindern. Die Vorstellung kam nur dank Fürsprachen von drei oder vier Botschaftern im Kosovo zustande. Ich will nicht näher darauf eingehen. Nur so viel: Der Versuch, die Aufführung zu ermöglichen, bietet guten Stoff für eine zweite Komödie.

Wie viel investiert der Kosovo in Kunst und Kultur?

Leider nur sehr wenig. Nicht nur das Kulturbudget ist gering, es mangelt auch an einer Leistungskultur oder einem Wertesystem. Das Budget geht an gefügige Künstler, also jene, die den politischen Parteien am nächsten stehen, und häufig an Dilettanten, die in Wahrheit nur Geldwäsche betreiben.

Indessen kämpfen kritische Stimmen und jene, die all die Jahre darum bemüht waren, eine gewisse künstlerische Würde zu wahren, darum, Zugriff auf öffentliche Mittel zu erhalten. Insofern waren es die internationalen Sponsoren, Stiftungen und verschiedenen Organisationen, die der Kulturszene im Kosovo, beziehungsweise der unabhängigen kosovarischen Kulturszene, geholfen haben.

Dank dieser Unterstützung konnten zahlreiche Organisationen und Festivals und andere wichtige Events im Kosovo überleben. Ohne diese Unterstützung gäbe es kein internationales Dokumentar- und Kurzfilmfestival (DOKUFEST), kein internationales Literaturfestival (polip), kein Oda-Theater, keine Qendra Multimedia, kein feministisches Festival (FEMART), kein internationales Animationsfilmfestival (Anibar) oder sonst irgendeine unabhängige Kulturszene, die über den Kosovo hinausreicht und in der Region als neuartig und engagiert angesehen wird.

Stichwort unabhängige Kulturveranstaltungen: Ihre Organisation Qendra Multimedia organisiert das jährliche und einzige Literaturfestival polip. Warum gibt es diese Initiative?

Das internationale Literaturfestival polip begann vor neun Jahren als kleine Initiative, die alternative Literaturszenen aus dem Kosovo und aus Serbien miteinander vernetzte. Es wurde später ausgeweitet und entwickelte sich zu einem internationalen Literaturfestival, das neben jungen Autoren aus der Region bekannte Namen aus der ganzen Welt präsentiert. Mit jeder Ausgabe verschaffen wir neuen literarischen Stimmen Gehör und erweitern das Aufgebot an Autoren und Musikgruppen aus der Region. Darüber hinaus dient es auch weiterhin als literarische Bastion zur Förderung kritischer Stimmen, rebellischer Stimmen, einer von Dogmen befreiten Literatur, einer Literatur, die nicht der Kontrolle der Regierung unterliegt und die nicht in die von verschiedenen Ministerien abgesegneten Lehrbücher passt.

Am 9. Mai 2018 wurden Sie von der Europäischen Union im Kosovo zum Europäer des Jahres gekürt. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Natürlich fühlte ich mich geehrt. Eine Auszeichnung wie „Europäer des Jahres“ ist bedeutsam und ermutigend, weil sie beweist, dass all die Arbeit und der Einsatz wahrgenommen wird. Besonders, wenn man bedenkt, dass das Äußern von kritischen Meinungen im Kosovo einem Gang durch ein Minenfeld gleicht.

Ironischerweise erlebte das Team meines Stücks, kurz bevor ich die Auszeichnung erhielt, eine beispiellose Odyssee bei dem Versuch, Visa für unsere Fahrt zum internationalen Theaterfestival in Temeswar, zu dem wir offiziell eingeladen waren, zu bekommen.

„Für uns Kosovaren ist das System der Schengen-Visa zu einem Schreckgespenst geworden, das darauf abzielt, uns zu beleidigen, zu demütigen und zu entmenschlichen.“

Leider konnten wir die Reise nicht antreten, weil wir keine Schengen-Visa bekamen. Für uns Kosovaren ist das System der Schengen-Visa zu einem Schreckgespenst geworden, das darauf abzielt, uns zu beleidigen, zu demütigen und zu entmenschlichen. Ich sehe es einfach als Ironie, dafür ausgezeichnet zu werden, „europäische Werte und Ideen zu fördern“, wenn demgegenüber die Verletzung der Reisefreiheit (beim Versuch, diese „europäischen Werte“ zu fördern und zu erhalten) steht.

Was wird die EU-Mitgliedschaft des Kosovo Ihrer Meinung nach der kosovarischen Kreativszene bringen?

Ich glaube, dass weder die Menschen noch die Kunstschaffenden im Kosovo so naiv sind zu glauben, dass alle Probleme mit dem EU-Beitritt des Kosovo gelöst sein werden. Der Prozess der Visaliberalisierung und der mögliche EU-Beitritt des Kosovo werden manchen Grundprinzipien Rechnung tragen, wie beispielsweise die Freizügigkeit und die Möglichkeit für Kosovaren, einige europäische Länder zu bereisen, die ihnen bis jetzt verwehrt waren. Kunstschaffende könnten nach Zagreb reisen und dort eine Theateraufführung oder eine Kunstausstellung besuchen; sie könnten an Auditions in Berlin teilnehmen usw. Eine Reihe von grundsätzlichen Vorteilen würde sich also automatisch erfüllen. Wir müssen jedoch versuchen, viele andere Probleme selbst zu lösen, mit Geduld und Hingabe.

Original auf Englisch.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Shqipe Gjocaj / ERSTE Stiftung. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Theateraufführung von „Einer flog über das Kosovotheater“. Bühne vom Nationaltheater Kosovo 2012. Foto: © Avni Selmani