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„Superbakterien-Fluss“

Kroatiens größter Fluss stellt die Pharmaindustrie auf den Prüfstand.

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Warnungen vor tödlichen Superbakterien in Kroatiens größtem Fluss werfen ernsthafte Fragen im Hinblick auf die Antibiotika-Verschmutzung durch die Arzneimittelherstellung auf. Warum wurde von den Behörden nichts unternommen?

Vom Feldweg am Nordufer der Save aus bietet sich ein idyllischer Ausblick: üppiges Grün, ein Kieselstrand, der sich im Wasser spiegelnde Himmel. Dann entdeckt man den halb von Efeu verdeckten Kanal. Es riecht nach Abwasser. Brauner Schaum wabert im seichten Wasser.

Am besorgniserregendsten findet die Mikrobiologin Nikolina Udiković Kolić an diesem Ort 15 Kilometer flussaufwärts von der kroatischen Hauptstadt Zagreb jedoch nicht das, was man sehen und riechen kann. Schlimmer ist das, was sie im Sediment rund um den Kanal gefunden hat – mikroskopisch klein und möglicherweise tödlich. „Es kam mir vor, als würde ich eine Art Spurensicherung für die Polizei betreiben“, erinnert sie sich an die Stunden, in denen sie im Zuge einer einjährigen Feldstudie im Jahr 2016 am größten Fluss Kroatiens im Schlamm kauerte und Proben davon in Fläschchen abfüllte.

Udiković Kolić ist Leiterin des Labors für Umweltmikrobiologie und Biotechnologie am staatlichen Ruđer-Bošković-Institut in Zagreb und dokumentierte alarmierend hohe Mengen zweier gängiger Antibiotika: Azithromycin und Erythromycin. Schlimmer noch: Ihr Team konnte nachweisen, dass die Bakterien im Sediment aufgrund der Antibiotika eine antimikrobielle Resistenz (AMR) entwickelten. Im Klartext: Der Schlamm war zu einer Brutstätte für Superbakterien geworden – Mikroorganismen, die gegen die Medikamente, die entwickelt wurden, um sie zu zerstören, immun sind.

Die Wissenschaft warnt seit Langem vor einer Zunahme solcher Superbakterien, die eine große Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellen. „Die Resistenz gegen antimikrobielle Wirkstoffe ist eines der besorgniserregendsten Probleme, die wir haben, vergleichbar mit dem Klimawandel“, konstatierte Johan Bengtsson-Palme, ein AMR-Experte an der schwedischen Universität Göteborg. „Sie zählt zu den Dingen, die den Lauf der Menschheit in den nächsten hundert Jahren völlig verändern könnten.“

„Die Resistenz gegen antimikrobielle Wirkstoffe ist eines der besorgniserregendsten Probleme, die wir haben, vergleichbar mit dem Klimawandel. Sie zählt zu den Dingen, die den Lauf der Menschheit in den nächsten hundert Jahren völlig verändern könnten.“

– Johan Bengtsson-Palme, Universität Göteborg

Es ist kein Geheimnis, dass Flüsse weltweit mit Antibiotika verseucht werden, die als Abwässer aus Krankenhäusern in die aquatische Umwelt geschwemmt oder über unsere Ausscheidungen in die städtische Kanalisation gespült werden. Was die Wissenschaft nach wie vor beschäftigt, sind jedoch die genetischen Prozesse, die für die Entstehung von Superbakterien verantwortlich sind. Die Arbeit des Ruđer-Bošković-Instituts hat dazu beigetragen, einige der Wissenslücken zu schließen. Die Ergebnisse warfen auch eine beunruhigende Frage auf. Messungen von Udiković Kolić und ihrem Team ergaben Antibiotikakonzentrationen, die 1.000 Mal höher waren, als man bei einer üblichen Kontamination erwarten würde. Solch hohe Mengen konnten nur ein Nebenprodukt der Arzneimittelherstellung sein, folgerten die Wissenschaftler.

Dafür in Frage kam nur eine Fabrik in der nahegelegenen Ortschaft Savski Marof, die Kroatiens größtem Arzneimittelhersteller Pliva gehört. Pliva – in den Untersuchungen von Udiković Kolić als „Unternehmen 1“ bezeichnet – ist seit Jahren nachweislich dafür bekannt, lokale Wasserläufe zu verschmutzen. Laut Angaben der Agentur für Arzneimittel und Medizinprodukte (HALMED), der staatlichen Arzneimittelbehörde, handelt es sich auch um das einzige Unternehmen in Kroatien, das für die Herstellung des aus Erythromycin gewonnenen Wirkstoffs Azithromycin zugelassen ist. Das Ruđer-Bošković-Institut veröffentlichte eine der ersten Studien, die einen Zusammenhang zwischen Superbakterien und Abfällen aus der pharmazeutischen Industrie in Flüssen im vorgeblich so umweltbewussten Europa herstellte. Pliva, das zum israelischen Pharmakonzern Teva Pharmaceutical Industries gehört, behauptet, unabhängige Tests würden die Unbedenklichkeit seiner Abwässer bestätigen.

Die Behörden in Kroatien scheinen das Unternehmen beim Wort nehmen zu wollen und sehen in den Untersuchungen von Udiković Kolić keinen Anlass für eine dringende Anfrage. Bislang wurde wenig unternommen, ihre Resultate nachzubilden oder das Ausmaß von AMR in der Save zu untersuchen. Das müssen sie auch nicht. Trotz der internationalen Sorge über die Bedrohung durch Superbakterien, gibt es weder in Kroatien noch EU-weit Gesetze, die die zulässigen Grenzwerte für Antibiotika in der Umwelt festlegen.

Foto: © Vedrana Simičević
Ein betonierter Abwasserkanal 15 Kilometer flussaufwärts von Zagreb leitet Schmutzwasser in den Save-Fluss ab. In der Nähe dieses Kanals fanden Forscher des Ruđer-Bošković-Instituts alarmierend hohe Konzentrationen von Antibiotika im Wasser und im Sediment sowie sogenannte Superbakterien. Foto: © Vedrana Simičević

Laut Expertenmeinung steht eine solch nachlässige Haltung in keinem Verhältnis zur Schwere der Bedrohung durch Superbakterien. „Derart hohe Konzentrationen [wie sie von Udiković Kolić gemessen wurden] selektieren eindeutig auf [führen zu] antimikrobielle Resistenzen“, meinte Joakim Larsson, Professor am Institut für Biomedizin der Universität Göteborg und ein Pionier auf diesem Gebiet. „Wenn wir die Umwelt mit sehr hohen Mengen Antibiotika verschmutzen, laufen wir Gefahr, das Entstehen neuer Formen von Resistenzen bei Krankheitserregern zu fördern.“

Ein aussichtsloser Kampf

Da AMR die Wirksamkeit von Antibiotika verringert, verlieren Krankenhäuser zunehmend den Kampf gegen Infektionen wie Lungenentzündung, Tuberkulose, Blutvergiftung, Gonorrhoe und lebensmittelbedingte Erkrankungen. Laut einer im November 2018 veröffentlichten Studie des Europäischen Zentrums für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten sterben jährlich etwa 33.000 Menschen in der Europäischen Union und im Europäischen Wirtschaftsraum an den Folgen von Infektionen durch Superbakterien.

Der Missbrauch von Antibiotika ist laut Wissenschaft die Hauptursache für AMR. Durch die übertriebene Einnahme von Medikamenten, etwa zur Behandlung von Virusinfektionen, verwandeln sich Mikroben in unserem Körper in Superbakterien. Es mehren sich jedoch die Anzeichen, dass auch die Antibiotika-Kontamination der Umwelt das AMR-Pulverfass zündet. Gelangen Antibiotika über menschliche oder tierische Ausscheidungen in Gewässer, sind die Konzentrationen relativ niedrig – und liegen normalerweise bei weniger als einem Mikrogramm pro Liter (μg/l). Im Vergleich zu den Antibiotikakonzentrationen aus schlecht aufbereiteten Abwässern der Pharmaindustrie erscheinen diese Mengen winzig, wie in den vergangenen zehn Jahren in Asien durchgeführte Studien zeigen.

Larssons Team von der Universität Göteborg konnte 2007 nachweisen, dass die Antibiotikakonzentration in den Abwässern von etwa 90 Produktionsstätten in der indischen Industriestadt Patancheru höher war als jene Menge, die im Blut einer Person festgestellt wurde, die das Medikament tatsächlich einnahm. Die Konzentration des Antibiotikums Ciprofloxacin lag eine Million Mal über den normalerweise in aufbereiteten städtischen Abwässern festgestellten Werten. Würde man die gesamte Menge an Ciprofloxacin, die in die Gewässer von Patancheru fließt, an einem einzigen Tag auffangen, hätte man genug Medikamente, um 44.000 Menschen zu behandeln.

Foto: © Denis Lovrović
Die Mikrobiologin Nikolina Udiković Kolić in ihrem Labor am Zagreber Ruđer-Bošković-Institut. Foto: © Denis Lovrović

Wissenschaftler fanden später ähnlich hohe Konzentrationen in Gewässern in China, Südkorea und Pakistan – Ländern, die für ihre laxen Umweltkontrollen bekannt sind.
Über die Forschungsarbeiten von Udiković Kolić in Kroatien meinte Larsson, sie seien „von sehr hoher Qualität“. „Und ja, es geht daraus hervor, dass es auch bei der Arzneimittelherstellung in Europa zu Verschmutzungen größeren Ausmaßes kommt“, sagte er.

Kein Zufall

Udiković Kolić (41), eine ehemalige Fulbright-Stipendiatin, hatte 2016 keineswegs die Intention, sich mit großen Pharmakonzernen anzulegen. Nach ihrem Post-Doc-Studium an der Universität Yale, wo sie sich auf eine Methodik spezialisierte, die als funktionelle Metagenomik bekannt ist, steckte sie voller Ideen und Tatendrang, mögliche Zusammenhänge zwischen Antibiotika in der Umwelt und antibiotikaresistenten Genen untersuchen. Der Ort, um nach Kontaminationen zu suchen, war nicht zufällig gewählt. Kolleginnen und Kollegen vom Ruđer-Bošković-Institut hatten im Zuge von Forschungsarbeiten zwischen 2006 und 2008 bereits hohe Mengen Azithromycin und Erythromycin in dieser Gegend festgestellt.

Damals waren Pliva und zwei andere Unternehmen in Savski Marof in einen Umweltskandal verwickelt, nachdem sie jahrelang Schmutzwasser in Bäche und Flüsse wie den Gorjak eingeleitet hatten, einen Bach, der in die Save fließt und von aufgebrachten Einheimischen „Stinker” genannt wird. Der französische Hefeproduzent Kvasac und der US-amerikanische Hersteller von Pharmazeutika Hospira waren die beiden anderen Unternehmen. Ruža Katić, eine Aktivistin und ehemalige Lokalpolitikerin der nahe gelegenen Stadt Zaprešić, erinnerte sich an den langen und erbitterten Kampf, um die Unternehmen zur Säuberung des Gorjak zu zwingen. „Es war sehr schwierig, die lokalen Behörden und das Umweltministerium davon zu überzeugen, diese Unternehmen anhand der geltenden gesetzlichen Bestimmungen daran zu hindern, die Gegend zu verschmutzen“, meinte sie.

„Es war sehr schwierig, die lokalen Behörden und das Umweltministerium davon zu überzeugen, diese Unternehmen anhand der geltenden gesetzlichen Bestimmungen daran zu hindern, die Gegend zu verschmutzen.“

– Ruža Katić, Umweltaktivistin

Das Blatt wendete sich erst, als das Landwirtschaftsministerium 2007 eine Strafanzeige gegen Pliva und Kvasac einreichte. Die Unternehmen leiteten fortan ihre Abwässer in das städtische Kanalisationssystem in Zaprešić, wo sie in der kommunalen Kläranlage CUP Zajarki aufbereitet wurden. Die Anlage ist nicht dafür ausgelegt, mit Antibiotika kontaminiertes Wasser aufzubereiten. Im Jahr 2014 investierte Pliva allerdings über 13 Millionen Euro in eine werkseigene Kläranlage, inklusive Membranbioreaktor – der neuesten Technologie zur Abscheidung pharmazeutischer Wirkstoffe aus Abwässern.

Seit diesem Zeitpunkt werden nach Angaben des Unternehmens die gesamten Abwässer vor Ort aufbereitet, bevor sie in das Abwassernetz abgeleitet, in der Kläranlage CUP Zajarki wiederaufbereitet und dann aus zwei etwa einen Kilometer voneinander entfernten Abflüssen in die Save fließen. Udiković Kolić wählte 2016 einen der Abwasserkanäle für ihre Feldstudie aus. Gemeinsam mit ihrem Team untersuchte sie das ganze Jahr hindurch – selbst an Wochenenden und Feiertagen –Wasser und Sediment. Wenn der Membranbioreaktor von Pliva seine Aufgabe erfüllte, dann hätten die Antibiotikamengen im Wasser vernachlässigbar sein müssen.

Im Winter und Frühjahr 2016 fand ihr Team jedoch wiederholt hohe Konzentrationen von Azithromycin und zwei bei der Herstellung von Azithromycin entstehende Makrolidantibiotika-Nebenprodukte. Das Wasserversorgungs- und Abwasserentsorgungsunternehmen von Zaprešić bestätigte, dass Pliva und Hospira die einzigen Pharmaunternehmen sind, die ihre Abwässer in das kommunale Abwassernetz ableiten. Aber da Hospira den Wirkstoff Azithromycin nie hergestellt hat – was von der staatlichen Agentur HALMED bestätigt wurde – kann die Antibiotikakontamination nur von Pliva stammen.

Die Ergebnisse des Teams, die erstmals im darauffolgenden Jahr in der Zeitschrift Water Research publiziert wurden, ergaben Werte von bis zu 10,5 mg/l – das 1.000-fache des normalen Wertes behandelter Krankenhausabwässer und Klärschlämme. Selbst einige Kilometer flussabwärts waren die Konzentrationen um das 20-fache höher. Kontrolluntersuchungen flussaufwärts bestätigten, dass die Kontamination nicht von einem anderen Ort flussaufwärts stammen konnte. „Diese Ergebnisse zusammen mit den in den Abwässern festgestellten hohen Konzentrationen an organischen Phosphor- und Nitratverbindungen deuten auf eine unzureichende Abwasserbehandlung von Unternehmen 1 und eine unzulässige Ableitung hin“, heißt es in der Untersuchung.

Foto: © Vedrana Simičević
Brauner Schaum schwimmt auf dem Wasser in der Nähe des Abwasserkanals, der in den Fluss Save einmündet. Foto: © Vedrana Simičević

Und noch etwas erregte ihre Aufmerksamkeit: die merkwürdige zeitliche Korrelation der Ergebnisse. „An Werktagen wie Dienstag oder Donnerstag waren die Werte niedrig, aber Proben, die am Samstagnachmittag oder an Feiertagen entnommen wurden, wiesen ausgesprochen hohe Konzentrationen von Azithromycin und Nebenprodukten seiner Synthese auf“, erinnerte sich Udiković Kolić. Diese Auffälligkeiten heizten die Spekulationen an, dass Pliva seinen teuren Membranbioreaktor möglicherweise aus Kostengründen nicht rund um die Uhr laufen lässt, was das Unternehmen jedoch bestreitet.

„Die Kroaten vergiften uns“

Beängstigender als die Antibiotika waren die im Sediment gefundenen Superbakterien.
Das Team von Udiković Kolić stellte hohe Mengen von Bakterien fest, die resistent sind gegen Azithromycin, das am häufigsten verwendete Antibiotikum in Kroatien, mit dem alles Mögliche behandelt wird, von Innenohrentzündungen bis zu sexuell übertragbaren Krankheiten. Expertinnen und Experten sind der Ansicht, dass AMR die Wirksamkeit von Azithromycin in kroatischen Krankenhäusern verringert. In 30 Prozent der Fälle lässt sich mittlerweile eine Pneumokokken-Infektion nicht mehr mit diesem Antibiotikum bekämpfen. Die Feldstudie gab Aufschlüsse darüber, wie sich AMR „ausbreitet“. „Die Fähigkeit von Bakterien, Gene untereinander auszutauschen, ist einer der grundlegenden Faktoren, der die Umweltbelastung durch Antibiotika zur Gefahr macht“, kommentierte Bengtsson-Palme von der Universität Göteborg die Untersuchungen von Udiković Kolić.

„Die Fähigkeit von Bakterien, Gene untereinander auszutauschen, ist einer der grundlegenden Faktoren, der die Umweltbelastung durch Antibiotika zur Gefahr macht.“

– Johan Bengtsson-Palme, Universität Göteborg

„Liegt eine hohe Konzentration von Antibiotika vor, was in der Studie von Nikolinas Labor der Fall ist, sterben empfindliche Bakterienarten und -stämme ab. Die, die überleben, weisen eine höhere Resistenz auf. Die überlebenden Bakterien können resistente Gene an andere Bakterien weitergeben, weil sie beim Austauschen von Genen wirklich gut sind. Auf Stress reagieren sie so: ‚He Nachbarn, wollt ihr ein paar meiner Gene haben?‘ Und wenn sich diese resistenten Gene auf Bakterien ausbreiten, die Krankheiten verursachen, dann haben wir ein klinisches Problem.“ Udiković Kolić und ihre Kollegen stießen exakt auf ein derartiges Problem.

Die Laborexperimente zeigten, dass Scharen von resistenten Genen im flussabwärts gelegenen Sediment AMR zunehmend auf Krankheitserreger wie Kolibakterien „übertrugen“, die häufig die Ursache von Harnwegs- und Darminfektionen sind. Laut Wissenschaft können sich Superbakterien und die für sie verantwortlichen Gene über Flüsse oder Seen auf unseren Körper ausbreiten, wenn wir Wasser trinken, Fisch essen oder etwa schwimmen gehen.

Auch wenn ein direkter Zusammenhang zwischen Infektionen durch Superbakterien und der Antibiotikabelastung der Umwelt nicht einfach nachweisbar ist, sind „klinische Verdachtsfälle bekannt geworden“, erklärte Christoph Lübbert, Leiter des Fachbereichs Infektions- und Tropenmedizin am Universitätsklinikum Leipzig. Und selbst ein indirekter Zusammenhang birgt Gefahren, ist Arjana Tambić Andrašević überzeugt. Sie ist Leiterin der Abteilung für Bakteriologie und Klinikinfektionen am Universitätsklinikum für Infektionskrankheiten Dr. Fran Mihaljević in Zagreb.

Tambić Andrašević nannte das Beispiel von Kolibakterien, die eine Resistenz gegen eine Klasse von Antibiotika, die als Cephalosporine bekannt sind, entwickeln, nachdem sie mit Kluyvera in Kontakt gekommen sind, einer Gruppe von Bakterien, die selten Infektionen verursachen, jedoch häufig in Resistenzgenreservoirs in der Umwelt lauern. Höhere Antibiotikakonzentrationen haben sich auch als schädlich für das Ökosystem erwiesen. Das Team von Udiković Kolić fand heraus, dass kontaminierte Abwässer etwa Anomalien bei Zebrafischembryonen hervorrufen können.

Das Team vom Ruđer-Bošković-Institut veröffentlichte seine Ergebnisse im Laufe der folgenden drei Jahre in vier verschiedenen Wissenschaftsjournalen. Die Resultate wurden in zumindest zwei großen internationalen Studien als Referenz herangezogen. Im Jahr 2017 fand die Forschungsarbeit in den offiziellen Medien in Kroatien kurz Erwähnung, wobei der Fokus auf dem Thema Verschmutzung durch Antibiotika lag.

Foto: © Denis Lovrović
Nikolina Udiković Kolić: „Es kam mir vor, als würde ich eine Art Spurensicherung für die Polizei betreiben.“ Foto: © Denis Lovrović

Selbst im benachbarten Serbien stürzten sich die Medien auf die Geschichte. Es herrschte Besorgnis angesichts der Vorstellung, dass Antibiotika einen Fluss hinunterfließen, der sich über die Grenze schlängelt, bevor er in der serbischen Hauptstadt Belgrad in die Donau mündet. „Die Kroaten vergiften uns“, lautete eine Schlagzeile in der Boulevardpresse. Trotz der Medienaufmerksamkeit wurde seitens der kroatischen Behörden bislang noch keine Untersuchung der Ergebnisse von Udiković Kolić eingeleitet.

„Unabhängige“ Kontrolle

Seit 2016 wurden vom Ruđer-Bošković-Institut keine Sedimentproben mehr untersucht und BIRN war nicht in der Lage, die Antibiotikakonzentration in der Save zum gegenwärtigen Zeitpunkt von unabhängiger Stelle überprüfen zu lassen. Pliva lehnte eine Interviewanfrage seitens BIRN ab, betonte aber in einer Erklärung, dass seine Abwässer nicht die von Udiković Kolićs Team entdeckte Verunreinigung durch Antibiotika verursacht haben konnten. „Wir möchten hervorheben, dass Pliva regelmäßig Abwasserproben aus seiner Anlage in der Produktionsstätte am Standort Savski Marof entnimmt und kontinuierliche Kontrollen durchführt, die zeigen, dass alle vorgeschriebenen Parameter innerhalb der zulässigen Grenzen liegen“, hieß es von Unternehmensseite.

„Die Kontrollen werden auch regelmäßig von unabhängigen Laboren mit den von autorisierten Instanzen genau festgelegten Methoden durchgeführt, und die erfassten Parameter entsprechen allen vorgeschriebenen Normen und liegen innerhalb der zulässigen Grenzen.“ Das Umweltministerium lehnte es ab, Fragen zu den Ergebnissen des Ruđer-Bošković-Instituts oder zur kroatischen Politik der Gewässerüberwachung zu beantworten und verwies BIRN stattdessen an das staatliche Wasserversorgungsunternehmen Hrvatske Vode und die staatliche Aufsichtsbehörde Kroatiens.

Nach Angaben der Aufsichtsbehörde fand die letzte Generalinspektion der Abwasserreinigungsanlage von Pliva Ende 2018 statt. Es wurden keine Unregelmäßigkeiten festgestellt. Was jedoch die Kontrolle der Antibiotikakonzentration im Abwasser anbelangt, verlassen sich die staatlichen Institutionen auf das Nationale Labor für Gesundheit, Umwelt und Lebensmittel in Maribor, Slowenien, das von Pliva selbst beauftragt wurde. „Es gibt in Kroatien kein Labor, das für die Analyse von Antibiotika zugelassen ist“, so die Aufsichtsbehörde in einer Erklärung.

„Es gibt in Kroatien kein Labor, das für die Analyse von Antibiotika zugelassen ist.“

– Staatliche Aufsichtsbehörde Kroatien

Expertinnen und Experten zufolge werfe der Verlass auf das slowenische Institut Fragen über die Unabhängigkeit und die tatsächliche Genauigkeit der Kontrollen auf. So würden Tests nicht stichprobenartig und unangekündigt durchgeführt. Laut Angaben der Aufsichtsbehörde führt das Labor in Maribor sechsmal im Jahr Messungen an zwei Orten durch. Zum einen dort, wo die Abwässer von Pliva in die kommunale Kanalisation gelangen. Zum anderen an einer Stelle im Gorjak-Bach, der von dem Unternehmen nicht mehr zur Ableitung von Abwässern aus der Arzneimittelproduktion genutzt wird. Keine der beiden Stellen befindet sich auch nur annähernd dort, wo das Team des Ruđer-Bošković-Instituts im Jahr 2016 hohe Mengen Antibiotika feststellten.

Pliva kam der Bitte um Weitergabe der Daten aus dem slowenischen Labor nicht nach. Von Unternehmensseite hieß es jedoch, dass die Ergebnisse „bestätigen, dass die Konzentration von Antibiotika stets unter der Nachweisgrenze liegt“. Auch das Labor in Maribor lehnte es ab, die Ergebnisse offenzulegen. Eine Sprecherin erklärte BIRN, dass die Daten Pliva gehörten, nachdem die Kontrollen von Pliva angeordnet wurden. Die staatliche Aufsichtsbehörde Kroatiens reagierte nicht auf eine Anfrage seitens BIRN, detaillierte Ergebnisse aus dem Labor in Maribor zur Verfügung zu stellen. „Offenbar reicht es nicht aus, dass das Unternehmen die Probenentnahmen selbst organisiert und Eigentümer der Daten ist“, wie Larsson von der Universität Göteborg ironisch anmerkte, als er gefragt wurde, inwieweit Plivas Kontrollsystem mit weltweit anerkannten Best Practices im Einklang steht.

Foto: © Vedrana Simičević
Blick auf die pharmazeutische Fabrik von Pliva in Savski Marof. Foto: © Vedrana Simičević

Seiner Meinung nach wäre es besser, sogenannte Passivsammler – Geräte oder Organismen, die dazu dienen, chemische Schadstoffe in der Umwelt über längere Zeiträume aufzuspüren – im Abwasser zu platzieren. „Obwohl sie keine quantitativen Aussagen zulassen, können sie doch aufzeigen, ob es in der Zeit, in der sie im Einsatz waren, vereinzelt zu Freisetzungen kam“, sagte er und fügte hinzu, dass eine „völlige Transparenz“ der zur Probenahme und Analyse verwendeten Methode ein Muss sei. „Eine Art von Kontrolle vor Ort scheint notwendig zu sein“, schloss Larsson.

Keine gesetzlichen Grenzwerte

Abgesehen von einer Verbesserung der Kontrollen sind laut Expertenmeinung das eigentliche Problem die gesetzlichen Vorschriften, da es keine verpflichtenden Grenzwerte für Antibiotika in der Umwelt gibt – was bedeutet, dass die Arzneimittelproduzenten theoretisch ungestraft die Umwelt verschmutzen können. „Die Wasserqualitätsstandards betreffend Makrolidantibiotika [darunter Azithromycin und Erythromycin] sind weder in den kroatischen noch in den EU-Gesetzen definiert“, erklärte das staatliche Wasserversorgungsunternehmen Hrvatske Vode. Es gibt auch keine Vorschriften hinsichtlich der Konzentration von Antibiotika in Industrieabwässern.

Photo: © Vedrana Simičević

„Kontrolle ist nicht sehr intelligent“

Umfassende Kontrollen in Flüssen seitens der nationalen Behörden konzentrieren sich in ganz Europa auf nur zwei Antibiotika – Sulfamethoxazol und Sulfamethazin. Dies geht aus einem Bericht der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2018 hervor.

Andere Antibiotika werden, wenn überhaupt, nur in einigen wenigen EU-Ländern überwacht. Kroatien ist eines jener Länder, das drei sogenannte Makrolidantibiotika kontrolliert: Azithromycin, Erythromycin und Clarithromycin.

Laut eigenen Angaben werden diese Antibiotika von Hrvatske Vode, dem staatliche Wasserversorgungsunternehmen, im Einklang mit dem Durchführungsbeschluss der Europäischen Kommission (2015/495) zur Erstellung einer Beobachtungsliste potenziell gefährlicher Stoffe im Wasser überwacht.

Die Kontrolle findet allerdings nur bis zu viermal im Jahr an denselben beiden Orten an der Save statt. Die nächstgelegene Stelle befindet sich etwa 10 Kilometer flussabwärts von der Fabrik Pliva.

In den meisten Fällen „gab es keine signifikanten Rückstände dieser Antibiotika im Wasser“, heißt es vonseiten Hrvatske Vode. Alistair Boxall, Koordinator der weltweit größten Studie über Antibiotika in Flüssen, meinte, die beste Methode sei, Proben an vielen verschiedenen Stellen an einem bestimmten Fluss zu entnehmen – zwischen sechs und 20 pro Stadt.

„Das Problem bei der Kontrolle durch Regulierungsbehörden ist, dass sie sich nach wie vor mit nur einigen wenigen Chemikalien befassen“, sagte er. „In Großbritannien geben wir Millionen für die Kontrolle von Chemikalien aus, die wir eigentlich gar nicht mehr verwenden, und ignorieren alles andere.“

Boxall stellte fest, dass die Beobachtungsliste der EU von gefährlichen Stoffen nur einige wenige Arzneimittel enthält. „Das derzeitige Kontrollsystem ist nicht sehr intelligent“, sagte er. „Man könnte hier gründlicher arbeiten, wie wir es in unserer Studie getan haben, oder man könnte einige neuartige Analysemethoden verwenden. Das wird uns sicherlich mehr Aufschluss darüber geben, was in unseren Flüssen vor sich geht und welchen Stoffen wir ausgesetzt sind.“

In einem 2018 veröffentlichten Bericht des US Centers for Disease Control and Prevention, des britischen Science and Innovation Network und des Wellcome Trust wird vor den Gefahren unzureichender Informationen über AMR in der Umwelt – und über die Herstellung von Antibiotika im Allgemeinen – gewarnt. Es werden nicht nur wenig Daten über die Mengen an pharmazeutischen Wirkstoffen, die jährlich weltweit produziert werden, veröffentlicht, geschweige denn darüber, wo die Inhaltsstoffe hergestellt werden. Es gibt auch keine internationalen Richtlinien für Grenzwerte für antimikrobielle Wirkstoffe in Abwässern, heißt es aus Expertenkreisen. „Insbesondere muss mehr Klarheit über das Risiko für die menschliche Gesundheit geschaffen werden, um gezielt Maßnahmen setzen zu können“, so der Bericht.

Die erste unabhängige Bewertung dessen, wie Arzneimittelhersteller auf die AMR-Bedrohung reagieren, wurde letztes Jahr von der Access to Medicine Foundation durchgeführt, einer niederländischen gemeinnützigen Organisation, die mittels Lobbyarbeit die Pharmaindustrie zu mehr Engagement für arme Menschen bewegen will. Daraus ging hervor, dass nur acht von 30 befragten Unternehmen Grenzwerte für die Freisetzung von Antibiotika in die Umwelt festlegen – und keines veröffentlichte Zahlen zu den tatsächlich freigesetzten Mengen. „Laut den Regulierungsbehörden auf EU-Ebene müssen diese Informationen nicht zugänglich gemacht werden“, erklärte Suzanne Wolf, Kommunikationsdirektorin der Access to Medicine Foundation gegenüber BIRN.

In Schweden, wo man bei der Bekämpfung der Umweltursachen von AMR in Europa führend ist, wurde die schwedische Arzneimittelbehörde (MPA) von der Regierung beauftragt, sich auf EU-Ebene für strengere Kontrollen bezüglich der Umweltverschmutzung durch die Arzneimittelherstellung einzusetzen. Die bestehenden Vorschriften betreffen die Qualität und Sicherheit von Medikamenten, nicht aber die Emissionen von Fabrikanlagen, so Kia Salin, eine Umweltstrategin der MPA. „Die Pharmaindustrie spricht sich vehement gegen diese Umsetzung aus“, meinte Salin. „Die Industrie bekundete sogar, dies freiwillig selbst überprüfen zu wollen, aber es gibt nach wie vor Hinweise auf hohe Mengen an pharmazeutischen Substanzen in der Nähe von Produktionsstätten, außerhalb und innerhalb Europas.“

Hinsichtlich der Situation in Kroatien betonte Salin die Bedeutung einer unabhängigen Kontrolle der Emissionen von Pharmaunternehmen. „Unabhängigkeit sollte einer der Schwerpunkte sein“, meinte sie. „Seit einigen Jahren wurde auf verschiedenen internationalen Konferenzen darüber diskutiert und es hat sich nichts geändert. Die Industrie ist stets dagegen.“ Angesichts des Informations- und Politikvakuums bleibt es der Wissenschaft und Forschung überlassen, zu versuchen, das Problem in den Griff zu bekommen.

Im Mai 2019 wurde in der weltweit größten Studie dieser Art die Antibiotikakonzentration in 200 Flüssen in 90 Ländern gemessen. Alistair Boxall, ein Umweltwissenschaftler an der Universität York und Koordinator der Studie, erzählte BIRN, dass man in einigen afrikanischen und asiatischen Ländern eindeutig Industrieverschmutzung festgestellt hat, weniger aber in europäischen Flüssen. Dennoch würden einige Orte in Europa wie der Wiener Donaukanal „ziemlich hohe“ Antibiotikakonzentrationen aufweisen, sagte er.

„Wir haben die Konzentrationen mit den empfohlenen sicheren Schwellenwerten in Bezug auf das Risiko der Entwicklung von Resistenzen gegen antimikrobielle Mittel verglichen, und es gab einige Standorte in Europa, wo diese Schwellenwerte überschritten wurden“, sagte er und fügte hinzu, dass die Daten aus Europa noch in Auswertung seien.

Im März legte die Europäische Kommission ein strategisches Konzept für Arzneimittel in der Umwelt vor, in dem sechs Handlungsfelder empfohlen werden, darunter die Verbesserung der Datenerhebung, die Reduzierung der Emissionen aus der Herstellung sowie eine verbesserte Abwasseraufbereitung. Wolf von der Access to Medicine Foundation meinte dazu jedoch: „Solange die identifizierten Handlungsbereiche nicht geregelt sind, wird es aller Voraussicht nach zu keiner Verbesserung kommen.“ Für Salin von der MPA war die Strategie der Kommission eine Enttäuschung. „Es gibt darin keinen wirklichen Vorschlag, wie wir das Problem angehen sollen“, meinte sie. „Es geht mehr darum, wie wir das Thema weitere zehn Jahre diskutieren sollten.“

„Die Pharmaindustrie spricht sich vehement gegen diese Umsetzung aus.“

– Kia Salin, schwedische Arzneimittelbehörde

Frustrierend für Bengtsson-Palme von der Universität Göteborg sei vor allem, dass sich die Umweltverschmutzung, was die Superbakterien betrifft, am leichtesten lösen ließe. „Die Umweltursache von AMR spielt eine geringere Rolle, im Gegensatz zum Missbrauch von Antibiotika im öffentlichen Gesundheitswesen und in der Landwirtschaft“, sagte er. „Die Freisetzung von Antibiotika in die Umwelt aus keinem anderen Grund als dem, dass dies etwas weniger kostspielig ist, bringt niemandem was.“

Im Jahr 2015 erstellte er gemeinsam mit seinem Kollegen Larsson eine Liste von „Grenz“-Konzentrationen für mehr als 100 Antibiotika, ab denen eine antimikrobielle Resistenz entstehen kann. Dies sollte den Regulierungsbehörden dabei helfen, jene Werte zu identifizieren, bei denen eine Verschmutzung durch Antibiotika zur Gefahr wird. „Wenn wir dagegen nichts tun können, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass wir irgendetwas gegen den übermäßigen Gebrauch [von Antibiotika] unternehmen können, wo es nicht nur um Geld, sondern auch um Menschen- und Tierleben geht“, meinte er.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 29. Januar 2020 auf Balkaninsight.com. Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Vedrana Simičević, bearbeitet von Timothy Large. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: TDie Save schlängelt sich durch Kroatiens Hauptstadt Zagreb. Foto: © Davor Puklaveć / PIXSELL / EXPA / picturedesk.com


Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.