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Standpunkte

Srebrenica Heute

Erhard Busek

8. April 2015
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Vor Jahren fuhr ich während meines Besuchs in Bosnien durch Srebrenica, nicht ahnend, dass der Name dieses Dorfes einige Zeit später in ganz Europa eine tiefe und wichtige Bedeutung erlangen würde. Srebrenica ist ein Synonym für Völkermord, für furchtbare Verbrechen, für die es keine echte Aussöhnung geben kann. Natürlich ist die niederländische Regierung zurückgetreten, weil die niederländische Armee die BürgerInnen Bosnien und Herzegowinas nicht zu schützen vermochte. Das ist jedoch nicht genug! Der Internationale Gerichtshof in Den Haag verurteilte nur diejenigen, die Menschenrechtsverletzungen begangen hatten, und ist deshalb mitverantwortlich dafür, dass nicht genügend Schritte in die richtige Richtung gesetzt wurden.

Srebrenica bedeutet, dass diese Ereignisse nicht in Vergessenheit geraten dürfen. Es genügt nicht, der armen Opfer zu gedenken, wir müssen auch die Erinnerung an die Gräueltaten wachhalten, damit so etwas nie wieder geschehen kann. Dieser Satz kann jedoch nur einer Hoffnung Ausdruck geben, da Verbrechen gegen Menschen gegenwärtig wieder und wieder begangen werden, sogar noch häufiger als zuvor. Wir müssen uns die Frage stellen, was wir aus diesen Ereignissen lernen können. Aus der Geschichte zu lernen zählt zweifelsohne nicht zu den stärksten Fähigkeiten des Menschen, was jedoch nicht bedeutet, dass wir alles vergessen und untätig bleiben sollten. Im Gegenteil, wir müssen die Erinnerung wachhalten. Das ist ein Appell an verschiedene humane Organisationen, die es heute auf der Welt gibt: Kirchen und religiöse Gemeinschaften sowie die Zivilgesellschaft müssen solche Verbrechen bekämpfen, noch bevor sie begangen werden; Historiker müssen die Erinnerung wachhalten, und Politiker dürfen nicht nur Lippenbekenntnisse ablegen, sondern müssen geeignete Maßnahmen setzen, um ähnliche Grausamkeiten zu verhindern.

© Dejan Petrović
Eingebettet zwischen Bosnien und Serbien sieht der Fluss Drina immer beeindruckend und großartig aus. Und wenn Sie versuchen sollten, den abgelegenen Ort zu finden, an dem Tito das Internationale Olympische Komitee überzeugte, Jugoslawien den Zuschlag für seine ersten Olympischen Spiele in Sarajewo 1984 zu geben, werden Sie der Drina folgen, die langsam durch die uralte Schlucht mäandert. Der Fluss birgt ein großes Potenzial für die örtlichen Gemeinden. Foto: © Dejan Petrović
© Dejan Petrović
Foto: © Dejan Petrović

Srebrenica ist ein Aufruf zum Frieden, zur Solidarität und Liebe an alle Menschen. Es ist wichtig, dass wir nicht verzweifeln, weil wir immer wieder neu damit beginnen müssen, in die richtige Richtung zu gehen. Nicht zuletzt bedeutet Srebrenica für mich auch eine Herausforderung, da wir nicht nur für die armen Opfer beten sollten; wir sollten auch für jene beten und ihnen vergeben, die diese Verbrechen begangen haben. Ebenso wichtig ist es, dass zukünftige Generationen wissen, was passiert ist und was sie tun müssen, um solche Ereignisse zu verhindern.


Dieser Text wurde 2015 im Rahmen des Ausstellungs- und Publikationsprojekts SREBRENICA TODAY veröffentlicht, das anlässlich des Gedenkens des 20. Jahrestags des Genozids von Srebrenica und der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens initiiert und am 11. Juli in der Gedenkstätte Srebrenica -Potočari im Rahmen der offiziellen Gedenkfeier gezeigt wurde.

Srebrenica today

Herausgeber: ERSTE Stiftung, 2015

Redaktion: Christiane Erharter

Fotografien von Dejan Petrović

Texte von Boris Buden, Erhard Busek, Slavenka Drakulić, Doraja Eberle, Haris Pašović, Bojana Pejić, Wolfgang Petritsch, Jasmila Žbanić

Unterstützt von Doraja Eberle in Kooperation mit „Bauern helfen Bauern“ – Bratunac

Die Ausstellung war auch in den Räumlichkeiten der ERSTE Stiftung in Wien, im Kulturzentrum Parobrod in Belgrad, beim Europäischen Forum Alpbach und, 2016, im Philantropy House in Brüssel zu sehen. Zwanzig Jahre nach dem Völkermord lieferte SREBRENICA TODAY ein visuelles Porträt der Stadt und ihrer BewohnerInnen, das Momente des täglichen Lebens in der Stadt Srebrenica und ihrer Umgebung zeigt.

Die Ausstellung bestand aus acht Postern. Jedes von ihnen zeigte Fotoporträts der BewohnerInnen, ihren Alltag oder berufliche Aktivitäten. Diese Porträts wurden mit Texten von Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Kultur kombiniert.