Menü
Feature

See der Gesetzlosen

Neue Fanggründe für ehemalige Schmuggler am Skutarisee.

26. Januar 2018
Magazin > Feature > See der Gesetzlosen

Auf dem größten See des Balkans sei es laut Rangern einfacher, einen Drogenhändler zu erwischen, als einem Schwarzfischer das Handwerk zu legen. Warnungen vor einer ökologischen Katastrophe werden laut.

Manche auf dem Skutarisee machen es sich leicht, halten Elektroden ins Wasser, um Karpfen und Aale mit 110 Volt aus einem Transformator, der an eine Autobatterie angeschlossen ist, zu fangen. Sobald die betäubten Fische an die Oberfläche treiben, hieven sie sie ins Boot. Andere legen Netze aus und befestigen sie im schlammigen Grund. Die Seeufer entlang der südlichen Grenze Montenegros zu Albanien sind mit verräterischen Reihen von Pfählen übersät.

Doch für einen montenegrinischen Schwarzfischer am größten See des Balkans sind die althergebrachten Methoden immer noch die besten: Was früher mit Laternen gemacht wurde, funktioniert heute mit Handlampen. Er sitzt im Schutz der Dunkelheit in einem Boot mit flachem Boden und leuchtet mit einer Lampe die Untiefen aus, wo sich Karpfen im Schilf tummeln. Wenn er einen erspäht, wirft er eine dreizackige Harpune aus. Er verfehlt nur selten sein Ziel und bringt es mit seiner Methode in einer Nacht auf mehr als 100 Fische. „Wenn ich nicht ein, zwei Fische töten könnte, müsste ich jemanden umlegen“, verriet uns der stämmige Mann mit einem Lächeln. Der 45-jährige Vater von drei Kindern, der namentlich nicht genannt werden wollte, erzählte, dass seine Familie in der am See gelegenen Zeta-Region südlich von Podgorica seit Generationen mit Speeren fischt.

Speerfischen ist auf dem Skutarisee streng verboten. Ebenso wie das Fischen mit Strom, Harpunen oder Dynamit. Und während der Laichsaison von Mitte März bis Mitte Mai gilt ein gesetzliches Verbot für alle Fangmethoden, einschließlich Angelruten und Netze. Das Fangverbot hält Schwarzfischer indes nicht von ihrem Tun ab. Einheimische, die im Nationalpark auf der montenegrinischen Seite des Sees leben, scherzen darüber, dass die Gegend nachts zu einem kleinen Las Vegas der funkelnden Taschenlampen wird. Fischwilderer riskieren Geldstrafen von bis zu 20.000 Euro und drei Jahre Gefängnis, doch nur wenige werden tatsächlich strafrechtlich verfolgt. Der Schwarzfischer aus Zeta erzählte, dass ihn die Ranger mehrmals erwischt hätten, aber immer gehen ließen. „Das sind meistens Leute aus der Gegend“, meinte er. „Manchmal leistet mir der eine oder andere Gesellschaft.“

NaturschützerInnen warnen vor einer ökologischen Katastrophe für einen der letzten intakten Binnenseen Europas, da Wilderer jedes Jahr Fisch im Wert von mehreren Millionen Euro mit Strom, Harpunen, Haken oder Netzen fangen, und das praktisch völlig ungestraft. Ein Großteil des Fangs wird auf den Märkten im nahen Podgorica und der auf der albanischen Seite des Sees gelegenen Stadt Shkodra verkauft, wo der Skutari-Karpfen als Delikatesse gilt. „Die meisten dieser Leute stellen sich den Skutarisee als einen riesigen Geldautomaten vor, aus dem sie, anstatt Geld mit einem PIN-Code abzuheben, so viel Fisch stehlen können, wie sie nur wollen“, sagte Danilo Mrdak, Ichthyologe und Professor für Biologie an der Universität von Montenegro in Podgorica.

Mit der Dämmerung erscheinen die Schwarzfischer am Skutariasee . Foto: © Darko Vučković

Ortsansässige Fischer sind seit jeher der Ansicht, ein Geburtsrecht auf die Befischung des Sees zu haben, doch laut UmweltschützerInnen sei die größte Bedrohung der Fischbestände die zunehmend organisierte Form der Schwarzfischerei und die Korruption, die diese Fischwilderei florieren lässt.

In einer Region, die während des gewaltsamen Zerfalls Jugoslawiens in den 1990er-Jahren als eine wichtige Schmuggelroute bekannt war, würden es technisch versierte Kriminelle für lohnender halten, Fisch zu fangen, als mit Waffen oder Drogen zu handeln. Es sei auch einfacher, damit durchzukommen.

„Auf dem Skutarisee ist es schwieriger, einem Schwarzfischer das Handwerk zu legen, als einen Drogenhändler zu erwischen“, meinte Drazen Ivanović, der als leitender Ranger für die Überwachung des zum Nationalpark erklärten montenegrinischen Teils des Sees zuständig ist. „Mit der modernen Technik sind die Wilderer bestens vernetzt und Informationen werden blitzschnell um den See herum verbreitet. Wir haben es mittlerweile mit einer Form von organisiertem Verbrechen zu tun. Leider sind wir nicht in der Lage, die Situation auch nur annähernd in den Griff zu bekommen, weil es uns an Ressourcen, Ausrüstung und Personal mangelt.“

Das Video „Poachers of Skadar Lake“ ist derzeit nur mit englischen Untertiteln auf YouTube abrufbar.

Die gesetzliche Lage

Die Prinzipien des Naturschutzes sind in der Verfassung Montenegros verankert. Das Land verfügt – zumindest auf dem Papier – über strenge Gesetze zum Schutz der Umwelt, zur Regulierung der Fischerei und Verwaltung seiner Nationalparks. Zudem schützen zwei internationale Abkommen den Skutarisee: die Ramsar-Konvention über die Erhaltung von Feuchtgebieten und die Berner Konvention des Europarates über den Schutz wildlebender Pflanzen und Tiere. Für den montenegrinischen Teil des Sees – und damit zwei Drittel seiner Fläche – ist die staatliche Nationalparkverwaltung (NPCG) zuständig, die 1993 nach den Bestimmungen der Gesetze über Nationalparks und Naturschutz gegründet wurde. Die Aufgabe, der Schwarzfischerei den Kampf anzusagen, fällt jedoch gerade einmal 13 RangerInnen zu, die für den von Ivanović geleiteten Aufsichtsdienst der NPCG arbeiten. Auf der 600 Quadratkilometer großen Wasserfläche sind jeweils nur vier Aufseher gleichzeitig unterwegs.

„Auf Viber [eine Messaging-App] gibt es mindestens zehn Gruppen, die nichts anderes tun, als jeden unserer Schritte zu beobachten und weiterzumelden“, erklärte Ivanović, der sich über die veralteten Boote und Ausrüstungen seines Teams beklagt. „Wir brauchen Nachtferngläser. Und vor allem müssen wir bewaffnet sein.“

Während die Aufseher nicht bewaffnet sein dürfen, sind Waffen in einer Region, die während der letzten Tage Jugoslawiens in den 1990er-Jahren als Synonym für Waffenschmuggel galt, keineswegs Mangelware.

Als Krieg und Sanktionen die Hyperinflation in Serbien und Montenegro (den letzten beiden Republiken Jugoslawiens nach dem Zerfall im Jahr 1992) verschärften, hielten es die Waffenschieber vom Skutarisee für rentabler, andere Waren aus Albanien über den See zu schmuggeln: Zigaretten, Treibstoff, Kleidung und Drogen. Dies ging so weiter, bis es im Jahr 2000 zum Sturz des serbischen Machthabers Slobodan Milošević kam; daraufhin hätten die Schmuggler begonnen, sich der Fischwilderei zuzuwenden, sagen Einheimische und Naturschützer. Als Montenegro 2006 seine Unabhängigkeit erklärte, war die illegale Fischerei längst ein richtiggehendes kriminelles Gewerbe.

Skutariasee auf der Landkarte

Ivanović schätzt, dass Schwarzfischer in Montenegro jedes Jahr Fisch im Wert von sieben bis neun Millionen Euro illegal aus dem See holen. „Ich bin weder mit der Anzahl der Strafanzeigen noch mit der Menge der beschlagnahmten Wildererausrüstung glücklich“, so Ivanović. „Aber wenn man bedenkt, auf wie wenige Leute ich zählen kann, darf ich mich nicht beschweren.“

Laut NPCG wurden von den zuständigen Behörden in der ersten Jahreshälfte 2017 strafrechtliche Anklagen gegen 17 Personen erhoben, nachdem RangerInnen allerlei Ausrüstung beschlagnahmt hatten, darunter einen Transformator, eine Schrotflinte, zwei Boote und drei Elektroden. Zudem leitete das staatliche Unternehmen Verwaltungsstrafverfahren gegen 20 Personen ein, nachdem man 42 Netze, drei Harpunen sowie eine Reihe von Lampen und Gasflaschen beschlagnahmt hatte. Derartige Maßnahmen sind für NaturschützerInnen, die über den Rückgang der Fischbestände besorgt sind, nur ein schwacher Trost.

In einem im Oktober veröffentlichten Bericht der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) wurde auf eine Reihe von Bedrohungen für Fische hingewiesen, die nach nationalem und europäischem Naturschutzrecht geschützt sind. „Wirtschaftlich relevante Arten wie Karpfen oder Laube werden wahllos und zuweilen illegal gefischt, mit wenig bis gar keinem Wissen über den Zustand der Bestände und maximale nachhaltige Erträge“, heißt es in dem Bericht.

Mrdak, der Ichthyologe von der Fakultät für Naturwissenschaften und Mathematik an der Universität von Montenegro, schätzt, dass die Schwarzfischerei 60 Prozent der gesamten Fischereitätigkeit am Skutarisee ausmacht. Seiner Ansicht nach ist das Elektrofischen die größte Bedrohung für die 30 einheimischen und mehr als ein Dutzend nicht heimischen Fischarten, die im See leben. 2013 führte er eine Studie durch, die ergab, dass die Laubenpopulation im See aufgrund von Überfischung um 90 Prozent zurückgegangen war. Er sprach sich für ein ganzjähriges Fangverbot der kleinen silbernen Fische aus, damit sich die Bestände erholen können. Letztes Jahr führte die NPCG ein Moratorium für die Befischung dieser Weißfischart ein, obwohl IchthyologInnen erst im nächsten Winter wissen werden, ob die Bestandserholung geklappt hat.

Mittlerweile plädiert Mrdak für eine ganzjährige Schonzeit für Karpfen. „In den letzten Jahren haben wir beobachtet, dass größere Exemplare von Karpfen extrem selten geworden sind, selbst für Berufsfischer. Was darauf hindeutet, dass die Art unter hohem Druck steht und ein Fisch daher kaum lange genug überleben kann, um zu wachsen, bevor er gefangen wird“, so Mrdak. „Ein indirekter Beweis dafür sind die extrem hohen Preise für große Karpfen.“

Florierender Markt

Einheimischen zufolge sei die Schmackhaftigkeit des Skutari-Karpfens dem sauberen Wasser zu verdanken, das von den Bergen Montenegros im Norden über den Fluss Moraca in den See gelangt. Vor der größten Markthalle von Podgorica sahen wir Händler, die mitten in der Laichsaison von den Ladeflächen ihrer Lastwagen illegal Karpfen verkauften. Der noch lebende Fisch, in Plastiksäcke verpackt, teilweise mit erkennbaren Harpunenwunden, kostet rund fünf Euro pro Kilogramm – das ist mindestens das Doppelte des Preises zu Zeiten im Jahr, in denen der Fischfang legal ist. Für große Karpfen werden bis zu 100 Euro verlangt.

Schwarzfischer der eng vernetzten Communities in der Zeta-Region berichteten von einem florierenden Handel, der für den 20-minütigen Transport der noch zappelnden Fische vom See nach Podgorica auf zuverlässige Mittelsmänner setzt. Einer von ihnen meinte, dass ein versierter Schwarzfischer mit Elektrofischerei 1.000 Euro im Monat verdienen könnte. Das durchschnittliche Monatsgehalt in Montenegro liegt bei rund 500 Euro. „Ich arbeite seit zehn Jahren mit dem gleichen verlässlichen Zwischenhändler“, verriet er. „Wahrscheinlich verkauft er die Ware an Restaurants und Marktstandbetreiber weiter. Er zahlt am meisten.“

Das Fischerei- und Landwirtschaftsinspektorat, das dem Landwirtschaftsministerium unterstellt ist, teilte uns im Juli mit, dass man Märkte und Restaurants auf illegale Fischverkäufe überwachen würde. Es gäbe jedoch keine Hinweise auf kriminelle Aktivitäten.

Sie haben nie Ausweise bei sich, sodass wir ihre Identität nicht überprüfen können.“

Die montenegrinische Rangerin Radonja Maras

Korruptionsvorwürfe

Nicht immer hat der Anblick der Aufseher eine abschreckende Wirkung. Laut AktivistInnen und lokalen Fischern, die vom Autor interviewt wurden, sind die AufseherInnen am Skutarisee manchmal selbst Teil des Problems. „Die RangerInnen sind teilweise mitverantwortlich für die hohen illegalen Fangquoten“, sagte Željko Radenović, Angler und Aktivist im Team Karpfenschutz, einer Nichtregierungsorganisation, die sich dem Schutz der Fischbestände im Skutarisee verschrieben hat. „Meist ist Vetternwirtschaft oder Bestechung im Spiel, und oft sind sie selbst Schwarzfischer.“ Radenović und andere Angler des Team Karpfenschutz wachen über den See und informieren die Behörden, wenn sie Elektrofischerei beobachten. Ein langjähriger Schwarzfischer erzählte dem Autor, von illegalen Fischern gehört zu haben, die den RangerInnen Bestechungsgelder zahlen oder sie prozentuell an ihren Umsätzen beteiligen; er behauptete jedoch, dies selbst nie getan zu haben, weil er die meisten Aufseher persönlich kenne. „Einmal nahmen sie meinem Vater eine Harpune und ein paar Fischernetze weg, aber sie brachten bald alles zurück“, sagte er. „Gefährlich wird es nur, wenn neue Aufseher hinzukommen. Aber auch ihnen vergeht sehr bald die Lust an der Arbeit, spätestens dann, wenn sie ihren ersten Gehaltsscheck bekommen.“ RangerInnen gaben an, sie würden zwischen 200 und 300 Euro im Monat verdienen.

Draußen auf dem Skutarisee gab es genügend Beweise für Gesetzesverstöße. In einer kühlen Nacht im Mai, während der Schonzeit, holten zwei RangerInnen auf ihrer Mitternachtspatrouille in der Nähe der Moraca-Mündung illegale Netze aus dem Wasser. Einige Netze waren über 100 Meter lang und voller Karpfen. Ein Netz verhedderte sich im Motor des Schnellbootes; es dauerte eine Stunde, um es mit einer Rasierklinge freizuschneiden. Die RangerInnen sagten, sie hätten wenig Hoffnung, Schwarzfischer auf frischer Tat zu ertappen; die Kriminellen würden sich ins Schilf verziehen, sobald sie die Motoren der größeren Boote der RangerInnen hören, die das dort seichte Wasser nicht befahren können.

Manchmal können die Aufseher nur hilflos zusehen, wie nur wenige Meter entfernte Schwarzfischer in Glasfaser-Flachbodenbooten sie verspotten. Und selbst wenn sie sie zu fassen kriegen, können sie meist nur wenig ausrichten. „Sie tragen Bergarbeiterhelme mit Lampen und Kapuzen, damit wir sie nicht erkennen können, und sie haben nie Ausweise bei sich, sodass wir ihre Identität nicht überprüfen können“, erzählte Radonja Maras, eine redselige Rangerin, die seit einigen Monaten am See im Einsatz ist.

Bei einem Tagesausflug mit einem gemieteten Boot sah der Autor Schwarzfischer, die sich ungeniert über das Fangverbot um die ehemalige Gefängnisinsel Grmožur im nordwestlichen Teil des Sees, nahe der Stadt Virpazar, hinwegsetzten. In Sichtweite der Ruinen des Gefängnisses aus dem 19. Jahrhundert, das den Beinamen montenegrinisches Alcatraz trägt, rammten sie Pfähle in den Seegrund und spannten Netze dazwischen. Auf dem nahegelegenen Fluss Gostilj warfen Fischwilderer Elektroden ins Schilf und holten einen Fisch nach dem anderen aus dem Wasser. Als in der Ferne ein Boot der RangerInnen auftauchte, unterbrachen sie alle Aktivitäten.

2013 machte der Nationalpark-Aufsichtsdienst Schlagzeilen, nachdem bekannt wurde, dass ein Ranger einen internen Bericht vorgelegt hatte, in dem er sich darüber beschwerte, dass drei Kollegen ihn daran gehindert hätten, einen Generator zum Elektrofischen zu beschlagnahmen. Laut dem Vermerk, der von BIRN eingesehen wurde, gaben die beschuldigten Ranger als Beweggrund an, dass die Besitzer des Generators für einen einflussreichen lokalen Unternehmer arbeiteten.

Keiner der drei Ranger verlor seinen Job oder wurde vom Dienst suspendiert; allerdings wurde laut NPCG einem von ihnen als Strafe sein Gehalt für zwei Monate um 20 Prozent gekürzt. Ivanović, der 2016 die Leitung der Dienststelle übernahm, ist einer der wenigen Ranger, die nicht aus der Gegend stammen. Er kommt aus der Kuči-Region nahe der albanischen Grenze nordöstlich der Hauptstadt Podgorica, wo er heute lebt.

Auf Vorwürfe der Korruption unter Aufsehern angesprochen, bestätigte er die Anschuldigungen weder, noch leugnete er sie, sondern meinte nur, dass er jüngere Mitarbeiter von außerhalb der Region brauche, die ein besseres Verständnis für ökologische Belange hätten. „Mein Maß an Vertrauen bedingt, dass ich immer dieselben zwei, drei Männer einsetzen muss, um die gesamte Schutzzone abzudecken, und die müssen dann Überstunden machen“, sagte er.

Ivanović warf den Verantwortlichen der NPCG vor, die Herausforderungen, denen sich seine Dienststelle gegenübersieht, nicht zu verstehen; er würde mindestens 30 gut ausgebildete Ranger brauchen, um den See rund um die Uhr überwachen zu können. Die NPCG gab an, dass ihr zwar keine Berichte über Korruption unter Rangern vorliegen würden, sie jedoch die Notwendigkeit von mehr Aufsehern einsehe und bald zwei weitere einstellen werde. Man plane überdies, die Ausrüstung der Ranger, einschließlich Boote, GPS-Geräte, Ferngläser und Kameras, zu modernisieren, hieß es in einer E-Mail des Kommunikationsbüros der NPCG.

Anfang November verhaftete die Polizei einen mutmaßlichen Schwarzfischer, nachdem sie einen anonymen Hinweis erhalten hatte. Es heißt, der 34-jährige Milorad Maras sei mit einem Transformator, Batterien, einer Elektrode und jeder Menge Fisch in seinem Boot erwischt worden. Der Mann wurde wegen illegalen Fischfangs angezeigt, was er bestreitet. Es stellte sich heraus, dass es sich bei dem Mann um den Sohn des langgedienten Rangers Milenko Maras handelte, der kurz vor der Verhaftung auf Patrouille auf demselben Teil des Sees unterwegs gewesen war. Maras gab an, keine illegalen Aktivitäten gesehen zu haben und dass sein Sohn wohl „reingelegt“ geworden sei, sagte jedoch nicht, von wem. Von Seiten der NPCG hieß es, dass man eine Untersuchung einleiten würde.

Ein traditionelles Fischerboot am Ufer der albanischen Seite des Skutarisees. Foto: © Mladen Ivanović

„Gesellschaftliches Paradigma“

Auf der anderen Seite der Grenze in Albanien wird der See von der Organisation für Fischereiwesen am Skutarisee (OMP) verwaltet. Ein Skandal erschütterte das staatliche Unternehmen, als BIRN 2014 über Behauptungen berichtete, die OMP betreibe Schutzgelderpressung gegenüber Schwarzfischern, die mit Strom fischen.

Arjan Cinari, der Chef der OMP, hat jegliches Fehlverhalten stets bestritten. Vor seinem Büro in Shkodra, mit Panoramablick auf den See hinter ihm, bekräftigte er, dass er und seine Männer nichts mit illegaler Fischerei oder Bestechung zu tun hätten. „So etwas ist nie vorgekommen“, meinte er. „Das wäre so, als würde man einen Dieb ungehindert ins eigene Haus lassen.“ Laut Cinari sei es ein harter Kampf gewesen, die Einstellung der Einheimischen gegenüber der Fischwilderei zu ändern, als er den Job vor zehn Jahren übernahm; nun aber fände illegale Fischerei vorwiegend auf der montenegrinischen Seite der Grenze statt. „Ich habe erfahren, dass sie in Montenegro zum Schwarzfischen Strom aus Transformatoren verwenden, die 800 bis 1.000 Volt abgeben“, sagte er. Und fügte hinzu, dass seine RangerInnen oft Blinklichter und Hinweise auf Elektrofischerei in der Nähe von Pothum, einem montenegrinischen Grenzdorf im Nordosten des Sees, sehen würden.

„Das wäre so, als würde man einen Dieb ungehindert ins eigene Haus lassen.“

Arjan Cinari, Leiter der Organisation für Fischereiwesen am Skutarisee in Albanien

Laut Denik Ulqini, Biologe an der Universität von Shkodra, verursache die Schwarzfischerei auf beiden Seiten der Grenze gleichermaßen Schaden. „Ich denke, wir müssen Bewertungen der Fischpopulationen für den gesamten See erstellen und den [albanischen] Staat dazu auffordern, sich am Schutz des Sees zu beteiligen“, so Ulqini.

Auch der montenegrinische Chef-Ranger Ivanović bestritt Cinaris Behauptung, dass die albanische Seite weniger Probleme habe. „Wir sehen immer wieder nächtliche Aktivitäten, Fischwilderei, Handlampen, Generatoren, alles auf deren Seite“, sagte er. „Oft wechseln deren Schwarzfischer illegal in unsere Gewässer und fischen zumeist hier bei uns.“

Zwischen NPCG und OMP gibt es keine Vereinbarungen über ein gemeinsames Management des Skutarisees. Seit die albanische Regierung 2014 die Verwaltung des Sees an die OMP übertragen hat, ist es erst zwei Mal zu Treffen der beiden Organisationen gekommen.

Sowohl Albanien als auch Montenegro sind Anwärter für den Beitritt zur Europäischen Union. NaturschützerInnen hoffen, dass Umweltfragen bei den Beitrittsverhandlungen im Mittelpunkt stehen werden. Im Vorfeld der Gespräche über Kapitel 27 – jenen Teil der EU-Verhandlungen, der sich mit der Umwelt befasst – arbeitet das montenegrinische Ministerium für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung an Änderungen der Gesetze über Binnenfischerei.

„Die neue Gesetzgebung wird den derzeitigen Rechtsrahmen verbessern, die Befugnisse der RangerInnen zum Schutz der Fischbestände erweitern, die Kriminalitätsbekämpfung reformieren und moderne Technologien einführen, was die Erteilung von Genehmigungen und das Erfassen und Verarbeiten von Daten im Zusammenhang mit der Binnenfischerei anbelangt“, erläuterte Deniz Frljukčić, Berater des Direktorats für Fischerei des Ministeriums.

Jovana Janjušević, Mitglied einer Allianz von Umweltgruppen, die als Coalition 27 bekannt ist, bezeichnete die illegale Fischerei als „ein brennendes Thema im Bereich des Umweltschutzes, bei dem wir bislang keine nennenswerten und systematischen Fortschritte feststellen konnten.“„Aufsichtsdienste müssen angemessen ausgerüstet und Inspektionen in Sachen Personal und Vorbeugung verstärkt werden“, erklärte sie.

Für den Ichthyologen Mrdak kommt es letztendlich auf den politischen Willen an – in einem Land, das von Korruption und Machtmissbrauch geplagt ist. „Das ist das Paradigma unserer Gesellschaft insgesamt“, so Mrdak. „Man kann nicht erwarten, dass es sich in dieser Sache anders verhält, in einer Gesellschaft, in der so vieles falsch läuft.“

Viel zu viele Menschen würden ihre Köpfe in den Sand stecken, wenn es darum geht, eines der Juwelen des Balkans zu retten. Von einem Aussichtspunkt am Seeufer zeigte er auf das Wasser und wechselte in einen sarkastischen Tonfall. „Wenn Sie sich umschauen, können Sie selbst sehen, dass die Delfine hoch springen und alles einfach perfekt ist“, sagte er. „Es schwimmen mehr Fische im See, als man sich vorstellen kann.“

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 4. Dezember 2017 auf Balkaninsight.com.
Aus dem Englischen von Alexandra Hoi und Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Ivan Čađenović. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Schneebedeckte Gipfel erheben sich über dem Skutarisee entlang der montenegrinisch-albanischen Grenze. Foto: © Darko Vučković


Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung und den Open Society Foundations in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.