Menü
Standpunkte

Plädoyer für eine Ökonomie des Lebendigen

Felwine Sarr über die Schwachstellen der neoliberalen Wirtschaft und deren Sichtbarkeit während Corona

18. Juni 2020
Magazin > Standpunkte > Plädoyer für eine Ökonomie des Lebendigen

Die Coronakrise hat die Schwachstellen des neoliberalen Wirtschaftssystems aufgedeckt. Dessen Nachhaltigkeit wird nun bereits seit Jahrzehnten von einer Vielzahl wissenschaftlicher Arbeiten, beginnend mit den Veröffentlichungen von Meadows (1972) und Brundtland (1987), in Frage gestellt.

Die Weltwirtschaft in ihrer derzeitigen Ausbreitung und Funktionsweise ist eine Entropie, die alles Lebendige verheizt und einen fatalen ökologischen Fußabdruck hinterlässt. Sie verursacht Emissionen in einem Ausmaß, das unsere Biosphäre nicht länger absorbieren kann. Um Waren und Dienstleistungen so billig wie möglich anbieten zu können, wird die industrielle Produktion dorthin verlagert, wo die Produktionskosten am niedrigsten sind, wodurch die internationalen Wertschöpfungsketten künstlich verlängert werden.

Die derzeitige Krise zeigt die Grenzen einer derartigen Produktionsstruktur deutlich auf. Die meisten Staaten müssen, um ihre Bevölkerung ernähren zu können, auf landwirtschaftliche Produkte zurückgreifen, die Tausende Kilometer von ihnen entfernt erzeugt werden. Der Transport lässt die Treibhausgasemissionen steigen und die Artenvielfalt immer weiter zurückgehen. Diese wachsende gegenseitige Abhängigkeit verschafft uns Zugriff auf alle Produkte dieser Welt, stellt aber gleichzeitig eine Schwachstelle im System dar, wenn der Welthandel durch eine eingeschränkte Verfügbarkeit landwirtschaftlicher Produkte auf unseren Märkten (aufgrund von Pandemien, Kriegen, Handelsunterbrechungen, wirtschaftlichen Sanktionen etc.) behindert wird.

Es wird in diesem Bereich daher – ohne dabei nach völliger Autarkie zu rufen – unerlässlich sein, Lebensmittelsicherheit und -souveränität zu schaffen. Das bedeutet, den Nahrungsmittelbedarf innerhalb eines bestimmten Gebiets abdecken zu können, indem das Notwendigste lokal produziert wird, auf vielfältige Versorgungswege zurückgegriffen wird und die wichtigste Funktion der Landwirtschaft wiederentdeckt wird: uns Menschen zu ernähren.

Außerdem führt die Art, wie unsere internationalen Wertschöpfungsketten organisiert sind, zu einer Fragmentierung und übermäßigen Konzentrierung der Produktionsprozesse. Die Produktion mancher Güter ist beinahe exklusiv einigen wenigen Unternehmen in einigen wenigen Ländern vorbehalten. Der Versorgungsengpass bei Masken zu Beginn der Covid-19-Pandemie hat die Grenzen dieses Systems deutlich aufgezeigt.

© Que hure / AP / picturedesk.com
Im uigurischen autonomen Gebiet Xinjiang werden Tomaten zum Trocknen aufgelegt. Dort finden sich einige der größten Tomatenfarmen Chinas. Die luftgetrockneten Tomaten werden in den koreanischen, australischen, britischen und US-amerikanischen Markt exportiert. Foto: © Que hure / AP / picturedesk.com

Am Anfang der Pandemie herrschte in den USA, der größten Marktwirtschaft der Welt, Vollbeschäftigung (3,5 % Arbeitslosigkeit). Drei Monate später hatten 30 Millionen Menschen ihren Job verloren und die Arbeitslosenrate war beinahe so hoch wie während der Krise von 1929 (25 %).

In der Flugindustrie[1] ebenso wie in der herstellenden Industrie, im Dienstleistungssektor, im Tourismus, in der Kultur und der Gastronomie ist die Wirtschaft sehr schnelllebig strukturiert und finanziert sich aus täglichen Einnahmen. Diese Wirtschaftszweige – vor allem die KMU – brauchen, um ihre monatlichen Betriebskosten und Kreditraten abdecken zu können, tägliche Einnahmen und kurzfristigen Cashflow. Die großen Unternehmen, die bei den Banken offene Kreditlinien haben, finanzieren einen Großteil ihrer Geschäftstätigkeiten durch Schulden.

Wenn sie eine Umsatzverringerung in den kommenden Monaten antizipieren, folgt eine Kündigungswelle. Die Investitionen und infolgedessen auch der aktuelle Betrieb sind damit stark von Vorhersagen abhängig. Nachdem es sich bei einer Verschuldung um nichts anderes als um einen Ressourcentransfer von der Zukunft in die Gegenwart handelt, wird damit die Wirtschaft von heute durch die Ressourcen von morgen finanziert. Der Gegenwart, der in unserem System übermäßige Bedeutung eingeräumt wird, wird demnach deutlich Vorrang gegeben.

Bei einer Verschuldung handelt es sich um nichts anderes als um einen Ressourcentransfer von der Zukunft in die Gegenwart. Damit wird die Wirtschaft von heute durch die Ressourcen von morgen finanziert. Der Gegenwart, der in unserem System übermäßige Bedeutung eingeräumt wird, wird demnach deutlich Vorrang gegeben.

Ein derartiges Wirtschaftssystem lebt über seine Verhältnisse und hält damit die Illusion seiner Kapazitäten und Stärke aufrecht. Eine unsichere Zukunft beeinflusst rückwirkend die Gegenwart, wovon wiederum die Konjunktur und der Konsum abhängen. Wir erleben gerade eine Art des Wirtschaftens, die die Biokapazität unseres Planeten erschöpft, seine Ressourcen ausbeutet, seine Regenerationsfähigkeit beeinträchtigt und zukünftige Einnahmen in die Gegenwart verschiebt, um Konsumgüter in einem meist exzessiven Ausmaß zu produzieren. Es ist eine Wirtschaft des Präsentismus und der Maßlosigkeit, in der allgemeine Prekarität herrscht und die uns die Luft zum Atmen nimmt. Damit unsere Gesellschaften überleben können, müssen wir die ihr zugrundeliegenden Strukturen, Funktionsweisen und Ziele komplett überdenken.

Dieses Wirtschaftssystem wirft unter anderem die Frage nach der Entlohnung und dem Wert von Arbeit auf. KrankenpflegerInnen, ÄrztInnen, SupermarktkassiererInnen, BusfahrerInnen, sämtliche im Bereich der Pflege tätigen Personen haben während dieser Krise gezeigt, wie essenziell sie für unser gesellschaftliches Leben sind. Gleichzeitig sind es die am schlechtesten bezahlten Berufe innerhalb unseres Wirtschaftssystems, in dem das Kapital, die Zwischenhändler, die Bullshit-Jobs[2], die Jobs in künstlich verknappten Märkten über Gebühr entlohnt und jene, die uns ernähren, unseren Fortbestand sichern und uns pflegen, unterbezahlt werden[3]. Eine Neuevaluierung des Marktwerts der Arbeit und ihrer Entlohnung könnte sich daran orientieren, wie sehr sie zur Erhaltung des Lebens und einer intakten Umwelt sowie dem kollektiven Wissen und der Kultur beiträgt.

Die Weltwirtschaft produziert nicht nur Ungleichheit zwischen den Nationen, sondern auch innerhalb der einzelnen Staaten. Diese Brüche werden auf unterschiedlichen Ebenen sichtbar: Nicht alle verfügen über dieselben Möglichkeiten, Ersparnisse oder anderes Aktivvermögen anzulegen, um schwierige Phasen überbrücken zu können. Sie zeigen sich aber auch im ungleichen Zugang zu hochqualitativen Gesundheitsleistungen und in der erhöhten Anfälligkeit bestimmter Gruppen, die bereits zuvor besonders gefährdet waren, insbesondere durch Begleiterkrankungen, die auf schwierige Lebensumstände zurückzuführen sind.

Diese Ungleichheiten werden von dem Produktionssystem der mehrwertorientierten Weltwirtschaft und seinen Vertriebswegen sowie den Regeln des internationalen Handels und der weltweiten Arbeitsteilung verursacht. Das globale Wirtschaftssystem ist strukturell darauf ausgerichtet, Ungleichheiten zu produzieren und die Entropie voranzutreiben.

Nun gilt es, diese Strukturen aufzulösen, die Institutionen, die ihnen zugrunde liegen, neu zu gründen, ihre Missionen zu überdenken (WTO, multilaterale Institutionen etc.), neue Regulierungsprozesse für makro- und mikroökonomische Beziehungen zu schaffen, die Konzentration der Macht aufzusplitten und Monopole abzuschaffen. Wir leben in einer Welt, in der ein einziger Mensch mehr Vermögen als das BIP von 179 Staaten zusammengerechnet besitzt[4], was 3,4 Milliarden Menschen oder 43,7 % der Weltbevölkerung entspricht. Das ist dermaßen absurd, dass sich jeglicher Kommentar dazu erübrigt. Wir könnten Regeln aufstellen, die das Vermögen von Einzelpersonen nach oben hin begrenzen. Denn es gibt eine Schwelle, ab der eine Minderheit, die krankhaft immer mehr Vermögen anhäuft, die Mehrheit jener Ressourcen beraubt, die für ein würdevolles Leben notwendig sind, oder ihr den Zugang dazu zumindest erschwert.

Die weltweite Aufteilung der Arbeit hat dazu geführt, dass Schwellenländer und sogenannte Entwicklungsländer Rohstoffe erzeugen, die in den Industrieländern des globalen Nordens in Produkte umgewandelt werden. Der Mehrwert wird damit von den Ländern des globalen Südens in jene des Nordens umgeleitet. Bei der Berechnung des BIP-Wachstums hat es sich durchgesetzt, das produzierte Vermögen zu messen, indem der jährlich erzeugte Mehrwert zusammengerechnet wird. Dieses Konzept lässt jedoch die Auswirkungen, die dieses weltweite Produktionssystem auf Umwelt, Menschen und Gesellschaften hat, völlig außer Acht.

Hier stellt sich die Frage nach der Bemessung des Werts dessen, was produziert wird – eine einfache Kosten-Nutzen-Rechnung. In Wahrheit wächst unsere Wirtschaft in die falsche Richtung und basiert auf einer irreführenden Buchhaltung, die die tatsächlichen Kosten verschleiert und das Vermögen und die Schulden nur unzureichend anführt. Im Preis unserer Produkte sollten sich auch die Umweltkosten und ihr CO2-Ausstoß widerspiegeln. Was wir als Wirtschaftswachstum bezeichnen, wirkt sich nachteilig auf die Lebewesen auf unserem Planeten aus.

Das derzeitige Wirtschaftssystem begünstigt die Entropie. Wir bezahlen unverhältnismäßig viel für die Produktion von Dingen, von denen manche überflüssig und sinnlos sind, und die keinen weiteren Zweck erfüllen, als Wirtschaftszweige am Leben zu erhalten – und unser Planet zahlt einen hohen Preis dafür.

Eine Ökonomie des Lebendigen würde auf einer Neubewertung des Nutzens aller Branchen des wirtschaftlichen Lebens basieren: Wie sehr tragen sie zur Gesundheit, zur Pflege, zum Wohlergehen, zur Erhaltung der Lebewesen, zum Fortbestand des Lebens sowie zum sozialen Zusammenhalt bei? Isabelle Delannoy nennt dies eine symbiotische Wirtschaft, deren Kreislauf keine negativen Auswirkungen auf die soziale Ordnung, die Umwelt und die Beziehungen zwischen den Menschen hat.

Viele Staaten sahen sich während der Covid-19-Krise vor die heikle Frage gestellt, wie sich die notwendige Wiederaufnahme des wirtschaftlichen Lebens mit dem Schutz unserer Gesundheit so vereinbaren lässt, dass alle unsere Bedürfnisse gedeckt sind. Diese zwei Parameter sind in einem engen Wechselspiel miteinander verbunden. Um den Lockdown zu beenden, musste damit begonnen werden, jene Aktivitäten wiederhochzufahren, die als essenziell für das soziale Leben eingestuft werden. Dabei geht es nicht darum, das wirtschaftliche Leben ausschließlich auf die Erfüllung der grundlegenden biologischen Bedürfnisse (Nahrung, Pflege, Kleidung) zu beschränken, sondern darum, den Nutzen, die Notwendigkeit und die Produktionsweise der produzierten Waren sowie deren Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft zu hinterfragen.

Ein ebenso wichtiger Stellenwert für unsere Gesellschaft ist dem geistigen und kulturellen Leben einzuräumen.

Ein ebenso wichtiger Stellenwert für unsere Gesellschaft ist dem geistigen und kulturellen Leben einzuräumen. Den Luxus, den Zweck sowie die Produktionsweisen unserer Wirtschaft nicht zu hinterfragen, werden wir uns nicht länger leisten können – und ebenso müssen wir diese Aspekte in eine kosmopolitische Ökonomie des Lebendigen einbetten.

Eine Wirtschaft des Gemeinguts

In einer Zeit, die von Umweltkrisen und einer weltweiten Verschärfung der wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheit geprägt ist, ist die Produktion von Allmendegütern und die Erhaltung nicht rivalisierender, allgemein zugänglicher Räume unabdingbar, um so vielen Menschen wie möglich das Recht zur Nutzung und den Zugang zu gemeinschaftlichen Ressourcen zu ermöglichen.

Die Biodiversität, das Wasser, die Luft, die geostationären Umlaufbahnen, die Fischerei, die Menschenrechte – all das sind Gemeingüter, und die Regeln, wie diese zu verwalten sind, müssen von allen Beteiligten gemeinsam definiert werden. Gemeingüter müssen aufgebaut werden – hier stellt sich die wichtige Frage, wie dabei vorzugehen ist und wie man sie verwalten soll.

Unter Allmende- oder Gemeingütern versteht man nicht in erster Linie ein theoretisches Konzept, sondern die sozialen Praktiken des gemeinschaftlichen Lebens. Immer, wenn eine Gemeinschaft beschließt, eine kollektive Ressource gemeinsam zu verwalten und dabei den Fokus auf gerechten Zugang, Nachhaltigkeit und Inklusion legt, entsteht ein Gemeingut.

Elinor Ostrom hat sich mit der Frage beschäftigt, wie sich eine Gruppe von Stakeholdern, die sich in einer Situation gegenseitiger Abhängigkeit befinden, organisieren und verwalten kann, um sicherzustellen, dass der gemeinsame Nutzen erhalten bleibt, wenn jeder von ihnen in Versuchung gerät, nur zu seinem eigenen Vorteil zu handeln. Die empirischen Daten lassen vermuten, dass Gemeinschaften, vor allem im ländlichen Raum, durchaus in der Lage dazu sind, natürliche Ressourcen nachhaltig zu verwalten, und dass den sozialen Verflechtungen dabei eine wichtige Rolle zukommt.

Die Allmende im Sinne Hardins wird als nicht verwaltete Ressource betrachtet, die niemandem gehört. In der Politik herrschte die Tendenz, Hardins Definition des Gemeinguts Gültigkeit einzuräumen.

In der Praxis besteht die Allmende allerdings nicht ausschließlich aus einer Ressource, sondern aus einem lebendigen sozialen System von kreativen Akteuren, einer Gemeinschaft, die ihre Ressourcen verwaltet, indem sie ihre eigenen Regeln, Traditionen und Werte definiert. Diese Sichtweise steht bei Ökonomen nicht hoch im Kurs, weil sie die Debatte außerhalb des theoretischen Rahmens des Homo oeconomicus ansiedelt und sich anderer Geistes- und Sozialwissenschaften bedient, wie der Anthropologie, der Soziologie und der Psychologie. Vor allem aber erschwert sie die Ausarbeitung beschwichtigender quantitativer Modelle. Wenn es aber in der Realität eine hohe Anzahl an idiosynkratischen lokalen, historischen und kulturellen Faktoren gibt, die die Annahme eines allgemeingültigen Standards schwierig gestalten, läuft dies der nomologischen Versuchung der Wirtschaft, die jegliche statistische Gleichmäßigkeit in eine Norm verwandeln möchte, entgegen.

© Martin Bureau / AFP / picturedesk.com
Die Botschaft eines Graffitis vom 1. Mai 2020 in Paris ist eindeutig: "Neoliberalismus = Grausamkeit". Foto: © Martin Bureau / AFP / picturedesk.com

Die Gemeingüter bezeichnen gemeinsame soziale Werte, die außerhalb der Reichweite des Marktwerts und der privaten Aneignung liegen. Sie spiegeln informelle, generationenübergreifende, auf Erfahrungen basierende und ökologische Realitäten wider, die nicht einzig und allein von der Theorie des rationalen Handelns oder den neodarwinistischen Narrativen der neoliberalen Wirtschaft erfasst werden können.

Warum ist es so wichtig, eine Sprache der Allmende zu finden?

Die Sprache der Allmende hilft uns dabei, die Einhegungsbestrebungen des Marktes und den Wert des Gemeinwesens klar zu benennen und darzustellen. Sie ist ein Instrument zur Neuorientierung unserer Wahrnehmung und unseres Verständnisses. Ohne eine Sprache der Allmende bleiben die sozialen Realitäten, auf die sie sich bezieht, unsichtbar oder kulturell an den Rand gedrängt und damit auch politisch ohne jegliche Konsequenzen.

Ohne eine Sprache der Allmende bleiben die sozialen Realitäten, auf die sie sich bezieht, unsichtbar oder kulturell an den Rand gedrängt und damit auch politisch ohne jegliche Konsequenzen.

Ein Diskurs über die Allmende ist auch eine epistemologische Geste, die uns dabei hilft, unsere sozialen, ökologischen und ethischen Werte wieder in den Umgang mit unserem gemeinsamen Vermögen miteinzubeziehen. Diese Sprache hilft uns bei der Formulierung von politischen Forderungen und Wertehierarchien. Sie hilft uns auch dabei, uns aus dem Korsett der sozialen Rollen, in dem wir gefangen sind (als KonsumentInnen, WählerInnen, BürgerInnen), zu befreien.

Wir werden von einer Ordnung des Diskurses regiert. Von internationalem Know-how, das zum System wird. Dieser Diskurs ist ein mehrdimensionales Gewebe aus wirtschaftlichen Theorien, Handelsübereinkommen und Mainstream-Managerliteratur, das aus einer Mischung verschiedener theoretischer und systemischer Tonalitäten hervorgeht. Es sind Sprachen, die einander über heterogene Diskurse hinweg erkennen und verstärken. Foucault hat dies als Archiv bezeichnet. In diesen Zeiten haben starke philosophische Theorien nicht mehr Wirkung als bloße Parolen.

Wir stehen unter der Herrschaft einer Sprache, die zum System wird. Um aus dieser Sprache und der Realität, die sie schafft, auszubrechen, müssen wir eine Sprache für die Ökonomie des Lebendigen und die Produktion der Gemeingüter finden, bevor wir die methodischen Seiten ihrer Ethik und Ziele ausarbeiten können. Eine Ökonomie des Lebendigen erfordert auch eine komplette Überarbeitung der Wirtschaft als Praxis und Ordnung des Diskurses. Wir müssen die Disziplin, ihre Grundlagen, Methoden, Axiologie und Ziele wieder neu aufbauen und in das höchste aller Ziele integrieren: unser Überleben zu sichern.

[1] Air Canada hat 70 % seiner Angestellten gekündigt. Air France benötigte eine Finanzspritze des französischen und niederländischen Staates in der Höhe von sieben Milliarden Euro, um die Folgen der Krise zu bekämpfen. Deutschland hat sich mit einer Investition von drei Milliarden Euro am Grundkapital der Lufthansa beteiligt.

[2] Siehe David Graeber, Bullshit Jobs (2018), Klett-Cotta

[3] Frankreich hat sich zu einer Gehaltsreform im Gesundheitswesen entschieden, nachdem man sich des wichtigen Beitrags des Pflegepersonals während der Gesundheitskrise bewusst wurde.

[4] Jeff Bezos, der CEO von Amazon, dessen Vermögen laut dem amerikanischen Magazin Esquire bis 2026 auf über eine Billion Dollar anwachsen könnte.

Original auf Französisch.
Aus dem Französischen von Laura Scheifinger und Mari Hiraoka.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Felwine Sarr / ERSTE Stiftung. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Die Sonne senkt sich hinter verbrannten Bäumen des Amazonas-Regenwaldes südlich von Porto Velho in Brasilien. Vier Personen wurden am 26. November 2019 in Brasilien festgenommen. Ihnen wird vorgeworfen wird, Brände im Amazonas-Regenwald gelegt zu haben, um später internationale Mittel zur Bekämpfung dieser Brände zu erhalten. Foto: © Carl de Souza / AFP / picturedesk.com