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Auf der Suche nach der Identität müssen wir das Identitäre überwinden.

26. März 2019
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Im Jahr 1982 veröffentlichte der amerikanische Regisseur Woody Allen seine elfte Regiearbeit, „Zelig“. Es ist eine sogenannte Mockumentary, also eine fiktive Geschichte, die in Form einer Dokumentation daherkommt. Der Held des Films, der in den 20er und 30 Jahren des 20. Jahrhunderts spielt, ist der New Yorker Büroangestellte Leonard Zelig, der sich nichts mehr wünscht, als von anderen gemocht zu werden, und der deshalb seine Persönlichkeit immer jener Gruppe anpasst, mit der er gerade zu tun hat.

Schon als Kind wird das Kind jüdischer Kleinbürger von Antisemiten schikaniert. Seine Eltern geben ihm dafür noch die Schuld. Zeligs Konsequenz besteht aus Anpassung und Selbstverleugnung. Der deutsche Kritiker Hellmuth Karasek hat das in seiner Rezension zum Film als verbreitetes Phänomen beschrieben: „Zelig“, so schreibt er, sei einer von denen, die „ihre Identität nur behalten zu können glauben, indem sie sie dauernd verleugnen.“[1] So wird Zelig unter orthodoxen Rabbinern selbst zum orthodoxen Rabbiner, unter Übergewichtigen wächst sein Bauch und im Jazzclub verändert sich seine Hautfarbe. Er wird zum Medienphänomen, muss aber nach dem Vorwurf der Polygamie flüchten, und zwar ausgerechnet nach Nazideutschland. Seine Psychiaterin und Freundin Eudora Fetcher sieht Zelig schliesslich in einer Wochenschau neben Adolf Hitler als SA-Mann posieren. Sie rettet Zelig aus dieser Situation und flüchtet zurück in die USA. Konsequent führt der totale Opportunismus des Leonard Zelig zum Happy End.

Identitätspolitik will Respekt und Anerkennung.

Allens Realsatire erschien zur richtigen Zeit. Alte Gewissheiten gerieten aus dem Lot. Die 60er und 70er Jahren haben einer zunehmend wohlständigen Gesellschaft im Westen ein bislang unbekanntes Maß an Vielfalt und Komplexität gebracht. Im Gefolge der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und der „68er“ wird das sichtbar, was man später Identitätspolitik nennt. Es geht zunächst um Respekt und Anerkennung, um Wahrnehmung und die Beendigung von Diskriminierung und Ausgrenzung. Afroamerikaner, amerikanische Ureinwohner, Schwule, Lesben, Angehörige von Minderheiten aller Art entwickeln eine kulturelle Identität, ein „Wir-Gefühl“.

Tipping Point Talk 01: Identität

Im Jahr 2019 feiern Erste Bank und ERSTE Stiftung das 200-jährige Jubiläum der Sparkassenidee: Sie war in Zeiten von Industrialisierung und Urbanisierung sozial und wirtschaftlich, sie war innovativ und kühn. Was erzählt uns die Sparkassenidee heute im Jahr 2019? Der Journalist und Autor Wolf Lotter begleitet in diesem Jahr die vier „Tipping Point Talks“, eine Veranstaltungsreihe zu den Themenfeldern Identität, Normativität, Möglichkeit und Kühnheit mit jeweils einem Essay. In diesem Text denkt er über Identität nach.

Nun ist Identität immer beides: Inklusion und Exklusion, das Dazugehören und das Abgrenzen von Anderen. Was sich nicht differenziert, wird nicht wahrgenommen. Gleichzeitig bedeutet das den Bruch der Vorstellung von einer Kultur, einer Gemeinschaft, einer Gruppe, einer Normalität. Oder einer Nation und einer Weltordnung. Die daraus entstehenden Irritationen sollten sich als sehr nachhaltig erweisen. Als Zelig erschien, begann der Anfang vom Ende einer Weltordnung, die nach 1945 die Weltidentität bildete, die des Kalten Krieges. Im Osten streikten 1980 die Arbeiter der Danziger Lenin Werft, und damit begann, was ein knappes Jahrzehnt später im Berliner Mauerfall endete. Im Westen wiederum sah die Reaktion auf die neuen Irritationen der alten Identitäten anders aus: Im Jahr 1979 war Margaret Thatcher zur britischen Regierungschefin gewählt worden, zwei Jahre später folgte Ronald Reagan in den USA und noch ein weiteres Jahr danach Helmut Kohl in der Bundesrepublik Deutschland. Die Konservativen sollten gegen die Identitätskrise antreten. Reagan tat dies übrigens mit dem Motto „Let´s make America great again“ – auch das hat Donald Trump nicht erfunden.

Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die Identitätskrise heiß – und die Temperatur steigt bis heute weiter. Das war durchaus vorhersehbar.  Samuel P. Huntington zitierte im  Zusammenhang mit dem Ende des Kalten Krieges und unter Bezugnahme auf die USA den römischen Feldherren Sulla.  Der stellte im Jahr 84 vor Christus und nachdem Rom sich all seiner Gegner entledigt hatte die Frage: „Nun, da das Universum keine Feinde mehr für uns bereithält, wie mag das Schicksal der Republik aussehen?“ Der Publizist Charles Krauthammer hat bereits ein Jahr vor dem Ende des Kalten Krieges den Status Quo der sich anbahnenden Identitätskrise beschrieben: „Nationen brauchen Feinde. Wenn einer wegfällt, suchen sie sich einen anderen“.[2]

Das ist eine entscheidende Frage allen Nachdenkens über Identität: Gibt es eine Vorstellung davon, wie unterschiedliche Identitäten miteinander so umgehen können, dass sie sich zwangsläufig nicht als Feinde, als Gegensätze, begreifen? Muss jedem Versuch der Unterscheidung eine Ab- und Ausgrenzung folgen?

Mit dem Ende des Kalten Krieges wurde die Identitätskrise heiß – und die Temperatur steigt bis heute weiter.

Zweifelsohne haben am Ende des Kalten Krieges die liberalen Demokratien gesiegt. Wie Francis Fukuyama in seiner Analyse vom „Ende der Geschichte“ schlüssig zeigt, zerbrach das Reich des Kommunismus nicht allein an seiner Mangelwirtschaft und seiner Unfähigkeit zur Erfüllung elementarer materieller Bedürfnisse seiner Bürger. Noch bedeutender war es, dass das System das Selbstbewusstsein, die persönliche Identität der Bürger systematisch diskreditierte. Der Einzelne galt nichts. Die Person erfuhr keinen Respekt, das Individuum keine Anerkennung. Es war in Ordnung, eine Identität als Kommunist, als Sowjetbürger zu haben. Eine eigene Persönlichkeit zu haben galt hingegen als subversiv und staatszersetzend. Das allerdings ist kein Alleinstellungsmerkmal der Sowjetdiktatur gewesen.

Die Massengesellschaft hat von jeher die persönliche Identität als Widerspruch zur kulturellen Identität gesehen. Kulturelle und persönliche Identität sind ein Widerspruch wie Übereinstimmung und Unterscheidbarkeit, und dieses Dilemma tritt dieser Tage wieder übermächtig in den Vordergrund. Gleich, ob es um linksliberale Identitätspolitik geht oder den neukonservativen Versuch des Beschwörens „unwiderlegbarer Nostalgie“, wie es der amerikanische Ökonom und Politologe Mark Lilla nennt: Ihr Ergebnis führt zu Menschen, die nach dem Muster Zeligs denken und handeln, zu Leuten, die, nach Karasek, ihre Identität nur behalten zu können glauben, indem sie Selbstverleugnung betreiben.

Es ist an dieser Stelle interessant, sich das simple, aber eingängige Modell der Bedürfnishierarchie des amerikanischen Sozialpsychologen Abraham Maslow ins Gedächtnis zu rufen, das im Jahr 1943 veröffentlicht wurde. Darin entwickelt Maslow eine Pyramide menschlicher Bedürfnisse, deren breiter Sockel von den „Physiologischen Bedürfnissen“ ausgefüllt ist – in dem schlicht alles versammelt ist, was wir fürs Überleben, die Selbsterhaltung, brauchen. Diesem „Grundbedürfnis“, dass permanent befriedigt werden muss, folgt jenes nach Sicherheit, bei denen es im Wesentlichen um die Kontrolle der Umwelt geht. Bereits hier spielt die Ausbildung von Identitäten eine entscheidende Rolle. Um „sicher“ zu sein, also Gewissheit zu erlangen oder auch nur ein Gefühl davon, muss man die Welt erklären oder verstehen wollen. Dabei gibt es ein Problem.

Muss Unterscheidung immer eine Ausgrenzung folgen?

Das Bedürfnis nach Sicherheit bevorzugt nämlich stets das Vorhandene – das Bekannte – gegenüber dem Neuen und Unbekannten. In der Identitätsdebatte wäre bevorzugt dies also jene „Nostalgie“, von der Lilla spricht, den vermeintlich „guten alten Zeiten“, in denen alles „seine Ordnung“ hatte. Wir leben in Zeiten hoher technischer und organisatorischer Transformation, die langfristig vom Übergang von der alten Massengesellschaft der Industrie zur personalisierteren Welt der Wissensgesellschaft geprägt ist. Globalisierung und Digitalisierung sind Aspekte dieser Veränderung. Es liegt auf der Hand, dass dabei die Sicherheitsbedürfnisse massiv herausgefordert werden. Diese Ebene kann ohnehin schnell ins Zwanghafte abgleiten. Menschen, die sich vor allen Dingen auf dieser zweiten Stufe der Bedürfnispyramide tummeln, leiden, darauf hat Maslow hingewiesen, oft unter einem Ordnungszwang. Überraschungen und Innovationen sollen schnell durch Regeln gezähmt werden. Neues wird als Bedrohung des Status Quo verstanden. Es ist eine Art Waschzwang, der die Illusion nährt, die Welt und ihre Angelegenheiten könnten bis ins Detail kontrolliert werden. Das wird aber erst klar, wenn man sich auch Maslows dritte Ebene der menschlichen Bedürfnisse, die Soziale Stufe, vor Augen führt. Hier geht es um die Gesamtheit unserer Beziehungen zueinander, also auch die Frage, womit und mit wem wir uns identifizieren. Eine starke Verunsicherung und der Wunsch nach Kontrolle auf Ebene Zwei führt zwangsläufig zu jenen Begriffen, die im Umfeld der zeitgenössischen Identitätskrisen blühen: „Wir-Gefühl“, „Teamgeist“, „Gemeinschaft“.

Nüchtern betrachtet ist diese Gruppenkohäsion umso stärker, je größer der Kontrast zu einer konkurrierenden Gruppe erscheint. Nicht nur jede Nation braucht ihren Feind, auch jedes Team, jede Gemeinschaft, jede noch so wohlmeinende Gruppe. Die Vorstellung, dass Identitäten, Mehrdeutigkeiten nebeneinander friedlich koexistieren, ist, vorsichtig gesagt, noch sehr entwicklungsfähig.

Der Politologe Hendrik Gast hat darauf hingewiesen, dass es vor allen Dingen die „wenig kompetenten, unsicheren, autoritär sozialisierten, mit wenigen anderen beruflichen Optionen ausgestatten (…) Mitglieder einer Gruppe sind, die sich besonders durch das Gemeinschaftsgefühl angesprochen fühlen.“ Sie versuchen, mangelndes Selbstbewusstsein durch die Annahme kultureller Identität auszugleichen. Man muss dazu keineswegs dem Klischee des „Modernisierungsverlierers“ entsprechen – auch Akademiker, deren Ausbildung am Arbeitsmarkt nicht besonders stark nachgefragt ist, neigen zu mangelndem Selbstbewusstsein. Zwischen deklassierten Industriearbeitern, die sich davor fürchten, von Robotern und Algorithmen ersetzt zu werden, und taxifahrenden Soziologen gibt es immer weniger Unterschiede.
Das ist aber nicht alles.

Identität und Integration kann auch Vereinheitlichung bedeuten.

Die Identitätskrise als Selbstzweifel nagt auch an den Grundfesten der klassischen Organisationen, der Unternehmen wie Institutionen. Ein scheinbar unverdächtiger Zeuge dafür ist die Praxis der seit Jahren boomenden „Corporate Identity“. Die soll für ein einheitliches Erscheinungsbild des Unternehmens sorgen, aber auch eine Art „Sprachregelung“ erzeugen. Es handelt sich also um ein Instrument der Vereinheitlichung, und zwar nicht nur dort, wo die, etwa im Wiedererkennungswert des Designs und des Geschäftszwecks, wünschenswert sind. In der Praxis wird CI oft auch als Institut zur Abschaffung von Differenz im Denken und Handeln begriffen. Das ist paradox. Statt Unterschiedlichkeit als Ressource und geradezu als Wert zu betrachten, wie dies in der Wissensgesellschaft angemessen wäre, wird daraus ein enger Korridor, der kaum noch geistige Bewegungsfreiheit zulässt.

Identität und Integration bedeutet dann das Aufgehen in Vereinheitlichung, also den Geist des alten Industriezeitalters. Das steht in einem natürlich Konflikt zu dem, was Maslow an die vierte Stelle seiner Bedürfnispyramide gesetzt hat: Die Individualbedürfnisse, das Streben nach Anerkennung, Unterscheidbarkeit und Achtsamkeit für die Person, nach Wertschätzung und Wahrnehmung. Das sind übrigens die Triebmittel, die zur Identitätspolitik geführt haben, die aber, das ist eben Teil des Paradox, sehr leicht zu neuen „stahlharten Gehäusen“ im Sinne Max Webers führen, aus denen es kein Entrinnen ohne Schaden gibt. Sie verhindern wirksam die Entwicklung und die grundlegende Auseinandersetzung mit dem, was in einer sich ihrer Komplexität und Vielheit bewussten Welt und Wirtschaft dringend nötig wäre, jene mit dem Selbst, der eigenen Person, der persönlichen Identität also. Selbstverwirklichung, so heißt diese Stufe Fünf, die höchste Ebene, bei Abraham Maslow, ist eigentlich eine ganz simple Sache. Es geht darum, das, was man ist, sein zu dürfen, in seinen Fähigkeiten, Talenten, Wünschen und höchst eigensinnigen Bedürfnissen.

Auf dieser Ebene findet wahrhaft liberales Denken statt, das nicht in Rückgriffen auf überholte Konzepte von Gestern bestehen kann – weder in „Nostalgie“ noch in einer Beschwörung der identitären Gesellschaft nach dem Muster Jean-Jacques Rousseaus und seines Gemeinwillens. Er führt, das haben Hannah Arendt und Karl Popper schlüssig gezeigt, immer in die Unfreiheit.

Es geht um unsere eigene Haut. Sollte man das nicht ernstnehmen?

Die Frage nach der persönlichen und kulturellen Identität wird uns noch viel abverlangen. Aber es geht auch um alles, um den Ausgang der Aufklärung, also die Befreiung des Individuums von seinem Schicksal. Es geht um unsere eigene Haut. Sollte man das nicht ernstnehmen?

Offene Gesellschaften bedürfen – wie Francis Fukuyama es fordert – universeller Grundwerte der Menschenrechte und des Humanismus. Etwas, das alle angeht und für die jeder bereit ist einzustehen. Denken wir derlei ganz ohne Pathos, sondern nüchtern. Stellen wir uns diese Werte als Werkzeug vor, mit dem das stahlharte Gehäuse vorgefertiger Biografien – der neuen Schicksale – entgehen kann. Offene Gesellschaften kann man nicht mit der Logik geschlossener Anstalten betreiben. Vielheit in Einheit bedeutet nichts anderes, als dass jeder das für ihn passende Leben leben soll – und sich trotzdem nicht als Widerspruch zu den Anderen erlebt.

Vielleicht hilft dabei doch ein Blick in die Wirtschaft. Eine komplexe Organisation besteht aus Spezialisten, deren Fähigkeiten nutzlos werden, wenn sie sich mit anderen Spezialisten nicht mehr austauschen können. Reden bringt die Leute zusammen. Dazu braucht man eine gemeinsame Sprache. Wer sich selbst erkennen will, muss in Zusammenhängen denken. Bubbles führen nirgendwo hin. Am wenigsten zu sich selbst.

[1] Karasek, H., Der Spiegel, 40/1983: Menschliches Chamäleon. 3.10.1983”

[2] Charles Krauthammer: Beyond The Cold War, The New Republic, 19.Dezember 1988

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-ND 3.0. Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden. Autor: Wolf Lotter / erstestiftung.org.
Titelbild: © Carson Arias/Unsplash.com