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Pack‘ die Badehose ein

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Europa ist der wichtigste Tourismusraum der Welt. Dazu tragen mehr und mehr auch die östlichen Länder bei.

Der westeuropäische Abenteuertourist reibt sich die Augen, wenn er auf dem Mutter-Theresa-Flughafen in der albanischen Hauptstadt Tirana landet. Denn erstens ist die ganze Anlage sauber und luftig gebaut und entspricht so gar nicht dem klassischen Bild, das man sich von Albanien macht. Und zweitens ist der westeuropäische Abenteuertourist entgegen aller Erwartung nicht alleine hier. Nicht am Flughafen, und auch auf keinem der Sandstrände, die sich an der zerklüfteten Küste bis zur griechischen Grenze hinunterziehen.

Während Westeuropa bei Badeurlaub lange nur an Italien und Spanien, und später an die Türkei und Nordafrika dachte, haben die Bewohner des Balkans Albanien längst als Sommerurlaubsort entdeckt. Fast 15 Prozent der albanischen Wirtschaftsleistung, so schätzt die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) erbringt indirekt und direkt der Tourismus. Man könnte bissig anmerken, dass das Geschäft mit den Gästen deshalb überdurchschnittlich zum BIP beiträgt, weil alle anderen Branchen unterdurchschnittlich arbeiten. Wer aber jemals im Juli am Strand von Durrës einen Liegeplatz ergattern wollte, der zweifelt diese Zahlen nicht an.

Südosteuropa ist in den vergangenen Jahren bei Touristikern wie Touristen zumindest ins Sichtfeld gerückt. Das hat äußere und innere Gründe. Die äußeren sind schnell erzählt: Der Arabische Frühling und Angst vor Attentaten verleiden den sonnensuchenden Europäern die nordafrikanischen Strände, die Türkei leidet touristisch an der innenpolitischen Lage. Dass etwa deutsche Staatsbürger aufgrund fadenscheiniger Motive und ohne Verfahren in Untersuchungshaft genommen werden, trübt den Spaß an Antalya und Co. Die Europäer gehen jetzt nach Kroatien an den Strand, oder doch wieder nach Lignano oder sie bleiben gleich ganz zu Hause. Am kroatischen Beispiel lassen sich aber auch die internen Faktoren veranschaulichen: Namentlich der EU-Beitritt. Und alles, was davor passierte.

In Kroatien hat sich die Anzahl der ausländischen Gäste von 2007 bis 2014 um mehr als 50 Prozent erhöht. Und: Mehr als die Hälfte der Gäste kommen jetzt aus der Eurozone. Ähnlich erging es den anderen jüngeren Mitgliedern: Die EU-Integration, lange vor ihrer Vollendung, gab vor allem Italienern, Spaniern, Franzosen sowie Urlaubern aus Deutschland und Großbritannien genügend Sicherheit, gen Osten zu reisen. Ungarn ist mittlerweile der weltweit fünftgrößte Markt für Gesundheitstourismus – den Thermalquellen sei Dank. Sie garantieren einen ganzjährigen Andrang. Tschechien punktet beim Städtetourismus – Hallo Prag! – und verzeichnet knapp 25 Millionen Nächtigungen von ausländischen Gästen im Jahr. Polen wiederum präsentiert Kultur und Naturlandschaften. Auch nach Bulgarien reist man jetzt gern, wenn auch fast ausschließlich während der Sommersaison. Immerhin aber hat es das kleine Land geschafft, seine Schwarzmeerküste als „Goldstrand“ in den Angeboten westlicher Reisedienstleister zu verankern. Der Nachbar Rumänien tut sich da immer noch schwer: Das Preis-Leistungs-Verhältnis passt nicht, Straßen- und Luftverbindungen, sowie gehobene Hotelangebote fehlen.

Trotz punktueller Probleme hat der EU-Integrationsprozess in der Region aber Vertrauen geschaffen. Die höheren Besucherzahlen erfordern dringend notwendige Investitionen in die Infrastruktur und in das Freizeitangebot, was wiederum mehr Gäste anzieht. Auf diese Positivspirale dürfen auch die Anwärter auf dem Westbalkan hoffen.

Wie man dabei etwas nachhelfen kann, zeigt Mazedonien. Seit die mazedonische Regierung örtliche Reiseanbieter subventioniert, stürmen jährlich mehr als 30.000 Holländer die Hotels am Ohridsee im Südwesten des Landes. 2009 war ein holländischer Reiseanbieter aufgesprungen und hatte den See, einen der ältesten der Welt, der 1979 zum UNESCO-Welterbe erklärt wurde, im seiner Heimat bekannt gemacht. Heute läutet der erste Charterflug aus Holland traditionell die Sommersaison ein.

Trotz ähnlicher Bemühungen zieht der Nachbar Serbien weiterhin Menschen aus der Region an. Laut Daten des Statistikamtes kommen vor allem Bosnier, Bulgaren und Montenegriner über die Grenze. Aus der alten EU schaffen es vor allem Deutsche bis nach Serbien. Um den Einzugsraum zu erweitern, will die Regierung Serbien als Standort für Gesundheits- und Wellnesstourismus etablieren. Die mehr als 1.000 serbischen Heilwasserquellen sind den Serben selbst bestens bekannt. Aber bislang kommen nur zehn Prozent der ausländischen Gäste ihretwegen ins Land.

Wer nach Montenegro reist, der sucht die Sonne. Und immer mehr Russen finden den Sommer hier. Die Zahl der russischen Touristen hat sich seit 2007 verdoppelt – auch wenn die offiziellen Freundschaftsbekundungen abgenommen haben, seit Podgorica die EU-Sanktionen gegen Moskau mitträgt und das Land der NATO beigetreten ist. Das Adria-Städtchen Budva läuft trotzdem von Mai bis Oktober unter dem Namen „Moskau am Meer“ – Russen machen ein Viertel der ausländischen Touristen aus. EU-Bürger sieht man hier noch wenige.

Europa insgesamt ist der wichtigste Tourismusraum der Welt. Der Sektor beschäftigt europaweit rund zwölf Millionen Menschen und erwirtschaftet mehr als 350 Milliarden Euro. Das World Economic Forum erstellt jährlich einen Index, der die Rahmenbedingungen für die Tourismuswirtschaft in einem Land beschreibt. Die drei tourismusfreundlichsten Länder, Spanien, Frankreich und Deutschland, liegen auf dem Kontinent.

2017 hat Albanien zwar im Zweijahresvergleich acht Ränge wettgemacht und landet weltweit auf Platz 98. Mit einem modernen Flughafen allein schafft man es trotzdem nicht weit nach vorne. Unter den besten zehn Ländern sucht man auch die anderen jungen EU-Mitglieder oder Anwärter ebenfalls noch vergeblich. Österreich übrigens auch.

Dieser Text und die Infografiken sind unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-ND 3.0. Der Name der Autorin/Rechteinhaberin soll wie folgt genannt werden. Autorin: Eva Konzett / erstestiftung.org, Infografiken und Illustration: Vanja Ivancevic / erstestiftung.org
Titelbild: Foto: © paulprescott72/iStock.


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14 Jahre sind vergangen, seit sich die Europäische Union in der ersten Runde Richtung Osten aufgemacht hat. Die anfängliche Euphorie ist erst dem Alltag und nun Ernüchterung auf beiden Seiten gewichen. Man ist sich manchenorts fremd geworden oder fremd geblieben, trotz der sichtbaren und verborgenen, der privaten, offiziellen und geschäftlichen Beziehungen. Trotz der vielen Gemeinsamkeiten, trotz der Wertschöpfungsketten, die keine Grenzen mehr kennen. Und manchmal genau deswegen.

Kopf und Zahl möchte im Kleinen die politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Lebensrealitäten im jüngeren Teil der EU und der Beitrittskandidaten Südosteuropas beleuchten und sie mit der westeuropäischen Verfassung zumindest in österreichischer Ausformung abgleichen. Sind diese denn wirklich immer meilenweit voneinander entfernt? Wo scheitert der Blick von oben herab?

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