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Interview

Das Puzzle neu zusammensetzen

Martyna Nowicka interviewt die OFF-Biennale Kuratorinnen Nikolett Erőss und Eszter Szakács.

20. Dezember 2017
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Zwischen 2012 und 2013 fanden in ungarischen Künstlerkreisen zahlreiche Proteste und Demonstrationen statt, die letzten Endes vergebens waren. Die OFF-Biennale ist kein weiterer Protest, sondern der Versuch, konkrete Ergebnisse zu erzielen.

Die zweite Ausgabe, „Gaudiopolis 2017. Stadt der Freude“, fand vom 29. September bis 5. November 2017 statt. Martyna Nowicka sprach mit zwei Mitgliedern des KuratorInnenteams über diese „größte zivilgesellschaftliche, unabhängige Kunstinitiative in Ungarn“ (OFF-Biennale).

Was hat Sie dazu bewogen, für die OFF-Biennale zu arbeiten?

Nikolett Erőss: Ich bin eigentlich gelernte Kunsthistorikerin, arbeite jedoch als Kuratorin. Ich war für Kunstinstitutionen in Budapest tätig, zuletzt für das Ludwig Múzeum, wo ich bis 2013 angestellt war. Bald darauf erreichte der langwierige Auflösungsprozess der Budapester Kunstinstitutionen seinen Höhepunkt. Da entschloss ich mich, für die OFF-Biennale zu arbeiten. Orbán war damals bereits seit drei Jahren an der Macht und hatte begonnen, alle Kunsteinrichtungen von sich abhängig zu machen. Aspekte, die wir schätzten, wie soziales Engagement oder Kritik, wurden eliminiert. Dann kam Hajnalka Somogyi [Initiatorin und Chefkuratorin der OFF-Biennale – Red.] zu dem Schluss, dass, da es ja eine lokale Kunstszene gab und zahlreiche Ideen und die für das Organisieren von Ausstellungen notwendige Expertise und die Fertigkeiten vorhanden waren, es doch lohnenswert wäre, diese auch zu nutzen. Und so begannen wir, außerhalb der bestehenden institutionellen Strukturen tätig zu werden.

Neue Vorhaben lassen sich auf unterschiedlichste Weise in Angriff nehmen; man muss sich nicht zwangsläufig von den Dingen trennen, die bereits vorhanden sind. In diesem Fall fanden wir es jedoch wichtig, etwas völlig Eigenständiges zu schaffen, ohne jegliche Vereinbarungen mit der Regierung, Institutionen oder irgendwelchen Autoritäten – weder substanzieller noch symbolischer Art. Dieser Zugang spiegelte sich in unserer Arbeit wider: Wir wollten einen Rahmen für unabhängiges künstlerisches Schaffen entwickeln. Dabei mussten wir die ersten Schritte selbst setzen und eine transparente Basis schaffen. Möglicherweise wird sich unsere Herangehensweise in Zukunft ändern. Vielleicht wollen wir in zwei oder vier Jahren die staatlich verwaltete Infrastruktur nutzen, wenn auch nur aus dem einfachen Grund, weil Museen über eindrucksvolle Sammlungen verfügen, gepaart mit Archiven und Wissen. Vorerst wollen wir jedoch unabhängig bleiben.

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Dieses Interview von Martyna Nowicka mit den Kuratoren der OFF-Biennale, Nikolett Erőss und Eszter Szakács, entstand im Rahmen des Residenzprogramms des EAM in Zusammenarbeit mit Magazyn SZUM (PL).

Es wurde erstmals am 11. November 2017 veröffentlicht.

Eszter Szakács: Neben meiner Arbeit für die OFF-Biennale bin ich seit 2011 auch Kuratorin für die Galerie und Kunstorganisation tranzit.hu, die zu einem größeren mitteleuropäischen Netzwerk (tranzit.org) gehört. Ich wollte an dieser neuen Idee schon von Anfang an teilhaben, was aber aus persönlichen Gründen nicht sofort möglich war. Mein Beitrag zur ersten Ausgabe war nicht besonders groß, erst während der Entstehung der zweiten Ausgabe konnte ich mich in vollem Umfang einbringen. Es ist kein Geheimnis, dass ich es mir aufgrund meiner Arbeit für eine unabhängige NGO leisten konnte. tranzit.hu und seine Direktorin Dóra Hegyi haben mir die Arbeit an meinen Projekten ungemein erleichtert: Viele Menschen leisteten einen Beitrag, weil sie möchten, dass die OFF-Biennale erfolgreich ist.

Die OFF-Biennale interessiert mich als Widerstandsbewegung. Zwischen 2012 und 2013 fanden in ungarischen Künstlerkreisen zahlreiche Proteste und Demonstrationen statt, die letzten Endes vergebens waren. Die OFF-Biennale ist kein weiterer Protest, sondern der Versuch, konkrete Ergebnisse zu erzielen. Wir erschaffen etwas, wir versuchen etwas zu verteidigen, und wir übernehmen die Verantwortung für das, was wir tun.

Trotzdem frage ich mich, warum Sie sich für diese spezifische Form des Arbeitens entschieden haben. In einer Welt, in der alle paar Tage irgendeine Biennale eröffnet, wird dieses Format üblicherweise heftig kritisiert. Warum ein Festival, wenn man zum Beispiel auch eine eigene dauerhafte Galerie aufmachen könnte?

Nikolett Erőss: Uns ist natürlich bewusst, dass das Biennale-Format vielfach kritisiert wird. Andererseits erfüllt dieses Format all unsere Anforderungen. Schon der Begriff „Biennale“ ist allgemein bekannt und wird überall verstanden: Jeder weiß, dass es sich um eine Veranstaltungsreihe handelt, die alle zwei Jahre stattfindet. Außerdem ist eine einzelne Biennale noch keine richtige Biennale: Dieses Format lebt von der Wiederholung. Das war in unserem Fall sehr wichtig, weil wir uns dadurch verpflichtet haben, die nächste Ausgabe zu organisieren. Es ist nun einfach eine Frage der Verantwortung: Wir machen jetzt etwas und wir werden in zwei und in vier Jahren weitermachen … Wir wollten zum Ausdruck bringen, dass unser Engagement langfristiger Natur ist. Ein weiterer Faktor war, dass eine Biennale sich aktuellen Gegebenheiten anpassen kann. Heute arbeiten einhundert Menschen an dieser Veranstaltung, aber in zwei Monaten werden wir nur unser sechsköpfiges Kuratorinnenteam brauchen.

Eine dauerhafte Institution am Laufen zu halten liegt außerhalb unserer Möglichkeiten, aber diese flexible Form könnte funktionieren. Wir verfügen weder über eigene Räumlichkeiten noch eine Regelfinanzierung. Deshalb müssen wir uns alle zwei Jahre genau überlegen, was wir tun. Es kann durchaus sein, dass der Rahmen bestehen bleibt, aber in zwei Jahren wird er mit anderen Inhalten befüllt werden. Eine Biennale muss auch keine riesige Institution mit einem eindrucksvollen Budget und einem überladenen Programm sein. Sie muss weder von der Stadt noch vom Staat subventioniert werden und auch nicht wie eine Institution aufgebaut sein – wir sind keine Institution. Eine Biennale ist zugegebenermaßen ein unvollkommenes Format, aber wir sind zuversichtlich, dieses Manko wettmachen zu können.

„Our grass-roots model makes us exceptional.“

Eszter Szakács: Was uns auszeichnet, ist unser Graswurzelmodell. Wir beginnen immer ganz unten, um erst dann zu wachsen und höhere Stufen und Ebenen der Organisation zu erreichen. Unsere Biennale ist keine Kopie einer der ausländischen Veranstaltungen; wir hatten unterschiedliche Prinzipien im Sinn, als wir sie ins Leben riefen. Wir wollen der örtlichen Gemeinschaft dienen. Wir beginnen damit, darüber nachzudenken, was Budapester KünstlerInnen und KuratorInnen brauchen. Die Biennale ist nicht der Weisheit letzter Schluss, auch nicht der Inbegriff unserer Arbeit. Sie ist nur eines der Mittel, die wir anwenden.

Nikolett Erőss

Nikolett Erőss war Teil des KuratorInnenteams der OFF-Biennale Budapest 2017. Co-KuratorInnen waren – neben Eszter Szakács – Róna Kopeczky, Lívia Páldi (2016), Hajnalka Somogyi (Regisseur), Borbála Szalai und Katalin Székely.

Heißt das, dass Sie hauptsächlich auf das lokale Publikum zählen?

Nikolett Erőss:  Schon, aber wir sind auch darauf vorbereitet, ausländische BesucherInnen zu empfangen. Die Kooperation mit internationalen Institutionen ist für uns essenziell: In diesem Jahr ist unser Partner die Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig, die die meisten der Auftragsarbeiten koproduziert. Der internationale Charakter der Biennale ist wichtig, weil wir KünstlerInnen aus der ganzen Welt einladen und vor allem, weil wir Probleme angehen, die nicht nur aus der Sicht Budapests von Bedeutung sind. Wir erleben ähnliche Krisen überall in Europa, ähnliche Lösungen könnten also an vielen Orten erforderlich sein. Wir gehen von einem lokalen Kontext aus, aber unser Fokus ist krisenbedingt viel breiter. Deshalb beginnen wir mit lokalen TeilnehmerInnen, Problemen und Zielgruppen, bleiben jedoch mit der Außenwelt in Verbindung.

Eszter Szakács: Wie Nikolett schon sagte, gibt es in Ungarn Probleme, wie man sie überall in Europa erlebt. Mit dem Unterschied, dass unsere politische Situation ziemlich akut ist, und seit sieben Jahren lernen wir nun, damit umzugehen. Diese Erfahrung könnte besonders für europäische BesucherInnen interessant sein. Aus polnischer Sicht, schätze ich, kann man das nur allzu gut beobachten…

Mich interessiert auch der „OFF“-Teil im Namen der Veranstaltung. Schon die Verwendung dieses Adjektivs legt nahe, dass es einen Mainstream gibt, von dem Sie sich distanzieren wollen. Worum geht es da?

Nikolett Erőss: „Off“ steht für viele Dinge. Wir wollen uns nicht gegen regierungsfreundliche Institutionen stellen; uns geht es darum, unsere eigene Nische zu schaffen, ein anderes Modell einer Kultureinrichtung. Wir wollen uns nicht am Mainstream orientieren und halten uns lieber fern von den üblichen Pfaden. Was aber nicht heißt, dass wir die Bauten neben diesen Pfaden niederreißen wollen. Seit Jahren ist man in Ungarn der Meinung, dass des Aufgabe des Staates sei, sich um die Kunst zu kümmern: Dabei geht es nicht um diese oder jene Regierung. Diese Ansicht hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg durchgesetzt. Unser Ziel ist es nun herauszufinden, ob es möglich ist, anders zu arbeiten.

Eszter Szakács

Eszter Szakács ist Kuratorin der zeitgenössischen Kunstorganisation tranzit.hu in Budapest, die Teil des ostmitteleuropäischen Netzwerkes tranzit.org ist. Sie war Co-Kuratorin der OFF Biennale Budapest 2017.

Eszter Szakács: Meiner Meinung nach bedeutet „off“ nicht, dass wir uns in die Wälder zurückziehen, um fernab von bestehenden Strukturen oder Institutionen zu leben. Ich denke, es ist eher der Versuch, einen neuen Raum für sich selbst zu schaffen. Das Gleiche gilt für unsere laufende Ausstellung: Sie mag utopisch erscheinen, aber es handelt sich um eine Utopie, die Realität werden kann.

Wir interessieren uns für Widerstandsbewegungen und verblüffend einfache Lösungen. Leider werden diese von manchen als Modelle wahrgenommen, die nicht realisierbar sind. Die Kunstwerke, die wir im Rahmen von People’s players zeigen, wollen die zur Verfügung stehenden Puzzleteilchen auf neue Weise zusammensetzen und so ein neues Bild entstehen lassen: eine andere Realität.

Sie erzeugen diese andere Realität bei der Kunstbiennale aber immer wieder.

 

Nikolett Erőss: Ja, aber wir reproduzieren nicht die hierarchische Struktur anderer Festivals. Die OFF-Biennale versteht sich mehr als Netzwerk, als ein Ganzes, das sich aus verschiedenen Teams zusammensetzt (die sich mit kuratorischen, pädagogischen, administrativen und dokumentarischen Agenden oder Kommunikationsmanagement befassen). Wir, die Kuratorinnen, stehen mit allen anderen in Kontakt. Da wir alle Erfahrung mit institutioneller Arbeit haben, könnte unser Tun erfolgreich sein. Auch wenn wir also ein unabhängiges Graswurzelmodell verwenden, bleiben wir diszipliniert, und niemand stellt die Notwendigkeit infrage, detaillierte Excel-Tabellen zu erstellen.

Eszter Szakács: Dadurch sind wir auch in der Lage, ohne ständiges Büro auszukommen. Alles wird in die Cloud hochgeladen, Dokumente können von überall eingesehen werden. Das macht alles viel einfacher.

Wie sieht es mit den Finanzmitteln aus? Sie haben bei zahlreichen Gelegenheiten gesagt, dass Sie nicht um staatliche Gelder ansuchen.

Nikolett Erőss: Möglich macht die diesjährige OFF-Biennale die Unterstützung der bereits erwähnten Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig sowie die deutsche Kulturstiftung des Bundes, die ERSTE Stiftung, das Goethe-Institut, das Adam-Mickiewicz-Institut, das Institut Français und das Tschechische Zentrum. Darüber hinaus ist es uns gelungen, Sponsoren zu finden: hauptsächlich aus Ungarn, sowohl Firmen als auch Privatleute. Wir sind sehr froh, dass wir immer mehr FreundInnen haben. Es scheint, als wäre unser Interesse daran, eine neue Welt auf den Trümmern der alten zu errichten – was ja auch im diesjährigen Titel zum Ausdruck kommt ­–, ein Thema, das vielen Menschen am Herzen liegt.

Welche Geschichte erzählt die diesjährige OFF-Biennale?

Nikolett Erőss: Das Hauptthema der zweiten OFF-Biennale ist Gaudiopolis, die vom lutherischen Geistlichen Gábor Sztehlo gegründete Kinderrepublik. Sie wurde in Budapest errichtet und nahm zwischen 1945 und 1950 in erster Linie Kinder auf, die während des Zweiten Weltkriegs zu Waisen wurden. Heute greifen wir das Konzept erneut auf, um darüber zu reflektieren, wie man neue Strukturen schaffen, über persönliche Tragödien der Vergangenheit sprechen und eine neue Realität erzeugen kann, aber auch darüber, wie man das Leben und das Zusammensein genießt. Gerade heute erscheint es besonders wichtig, die Menschen daran zu erinnern, dass wir bereits ähnliche Krisen durchlebt haben: unter anderen Umständen und in anderer Form, aber dennoch Krisen. Einige Tendenzen, die jetzt sichtbar sind, gab es bereits vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Die Menschen dürfen nicht vergessen, dass es Licht am Ende dieses Tunnels geben kann, durch den wir derzeit gehen.

 

Eszter Szakács: Gaudiopolis entstand zu einer ganz bestimmten Zeit: kurz nach Kriegsende, aber noch bevor der Kommunismus genug Zeit hatte, um hier Fuß zu fassen. Es war eine kurze Periode, in der die Menschen dazu in der Lage waren, Utopien Wirklichkeit werden zu lassen, und es lohnt sich, darauf zurückzublicken. Schließlich sind es die wahrgewordenen Experimente und Utopien, die wir heute so sehr brauchen.


 

Erstveröffentlichung am 11. November 2017 im East Art Magazine.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Martyna Nowicka. Wenn Sie an der Wiederveröffentlichung interessiert sind, wenden Sie sich bitte an die Redaktion.

Copyright-Informationen zu den Abbildungen:
Oben: Detail der Galerie Hidegzoba, Budapest. Foto: Zoltán Dragon / OFF-Biennale Budapest Archiv; Nikolett Erőss bei der Eröffnung von Sven Johne A Sense of Warmth. OFF-Biennale Budapest 2017. Foto: Zoltán Dragon / OFF-Biennale Budapest Archiv; Eszter Szakacs. Foto: vegeldaniel.com; Gaudiopolis. Foto: Mariann Resimann