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Normativität

The ERSTE Foundation Tipping Point Talks 2019

9. September 2019

Warum sind Werte und Normen essenziell? Wie leben wir ein „Nie wieder“ in dieser fragilen Ära? Eine Grundsatzrede des US-amerikanischen Historikers Timothy Snyder am Wiener Judenplatz fand am Europatag 2019 statt und stellt zugleich den Auftakt zur Eröffnung der Wiener Festwochen am 10. Mai dar.


Die Verantwortung für den Anderen

Europäische Identität und Normativität sind zwei Seiten einer Medaille

Boris Marte
Stellvertretender Vorstandsvorsitzender, ERSTE Stiftung

Was bedeuten die Geschehnisse, die sich zwischen 1989 und 1991 ereignet haben, für uns hier in Mittel- und Osteuropa? Darüber scheiden sich die Geister – noch immer und schon wieder. Was könnte spannender sein, als diese Frage mit Francis Fukuyama zu diskutieren? Für uns in der Region leiten sich die Fragen, die wir uns heute in Bezug auf „Identität“ stellen, unmittelbar vom Diskurs über das „Ende der Geschichte“ ab, der damals geführt wurde. Wer triumphiert in welcher Geschichte und – noch viel wichtiger – in welcher Geschichtsschreibung? Wer schafft, formt und definiert unsere soziopolitischen Identitäten?

Nachdem unser Erfolg als Finanzinstitut eng mit der Zukunft der mittel- und osteuropäischen Gesellschaften verbunden ist, müssen wir über diesen Zusammenhang nachdenken. Francis Fukuyamas Konzept des menschlichen Bedürfnisses nach Anerkennung hilft uns dabei, die Dimension der kollektiven Erfahrung abzuschätzen, die ein umfassender Wandel der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Verhältnisse nach sich zieht. Wir als Erste Group sind uns der aktiven Rolle, die wir in dieser Hinsicht spielen, natürlich bewusst. Unser „Statement of Purpose“ greift deshalb so weit: Die Menschen, Gemeinschaften und Familien, die derart nach Anerkennung streben, sind auch unsere Kunden und Stakeholder.

Demgemäß ist auch unser neuer Campus in Wien mehr als nur das Hauptquartier eines der größten Finanzinstitute Europas. Wir haben ihn als ganzheitlichen Ort der Kreativität, des Wissens und der Ambition entworfen. Der Grund, warum wir auf diesen tief greifenden Zusammenhängen zwischen unserem Geschäftsmodell und den sich wandelnden sozialen Gegebenheiten beharren, ist in der Geschichte der Erste Group verankert, die vor 200 Jahren als soziales Unternehmen gegründet wurde. Inspiriert von der Geschichte unserer Organisation bleiben wir überzeugt davon, dass der Weg zu Wohlstand nur ermöglicht werden kann, wenn er mit dem Fundament einer offenen und freien Gesellschaft einhergeht.

Die Tipping Point Talks sind der zentrale Beitrag der ERSTE Stiftung zum 200. Geburtstag der Ersten Oesterreichischen Spar-Casse. In diesem Rahmen laden wir große DenkerInnen, WissenschaftlerInnen und PionierInnen aus der ganzen Welt dazu ein, ihr Denken zu reflektieren und gegenseitig zu befruchten und sich dem dringenden Bedürfnis nach mehr Verantwortung zu öffnen – Verantwortung für Leistungen, die uns so viel wert sind und die auch für unsere nächsten Schritte so immens wichtig sind.

Schließlich begreifen wir, um an Malcolm Gladwells Schriften über Tipping Points zu erinnern, dass „die Welt um uns herum wie ein unbeweglicher, unerbittlicher Ort wirken mag. Das ist sie aber nicht. Ein winziger Schubs – an genau der richtigen Stelle – reicht, um alles umzuwerfen.“

In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Philosophen Emmanuel Levinas verweisen, der 1906 im litauischen Kaunas geboren wurde und dessen Idee und formgebender Gedanke in Bezug auf das Nachkriegseuropa die „Verantwortung für den Anderen“ war. Levinas zufolge ist die Verantwortung für den Anderen untrennbar mit der Verantwortung für uns selbst verbunden. Die Erfahrung des Zweiten Weltkriegs erschütterte Levinas‘ Vertrauen in den schützenden Staat und stärkte ihn in seiner Überzeugung, dass wir alle Verantwortung in unserem engsten sozialen Umfeld übernehmen müssten. Für Levinas kann Gewalt nur durch den unmittelbaren Kontakt mit anderen, nur durch Verantwortung in extremis, vermieden werden. Das Böse trete dann auf, wenn der Einzelne hinter der scheinbar schützenden Fassade der öffentlichen Institutionen verschwinde, denn „das Böse hat kein Gesicht“ (Levinas).

Dieses Denken schuf das normative Gerüst für das europäische Narrativ nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Vorstellung, dass der Andere eine wesentliche Rolle für unser Selbstverständnis spielt, prägte den gesamten Prozess der europäischen Integration und schloss das Individuum genauso ein wie das Kollektiv, das wir etwa als Nation formen. Aus diesem Grund ist auch jeder Angriff, der sich gegen die „Anderen“ richtet – ob es nun Ausländer, Flüchtlinge oder Juden sind – stets ein unmissverständlicher und heimtückischer Angriff auf die Idee von Europa schlechthin.

Doch wie sehr pflegen wir die normativen Grundlagen für dieses Narrativ heutzutage? Seien wir nicht naiv. Wir müssen uns jetzt zusammenschließen und uns gemeinsam unserer Verantwortung für die nachfolgenden Generationen bewusst werden. Wir müssen herausfinden, wie wir das, was uns am wichtigsten ist, verteidigen können und das, wonach wir streben, weiter vorantreiben können: ein vereintes, friedliches Europa, das in der Lage dazu ist, zukünftige Herausforderungen zu meistern.


The Tipping Point Talks 2019

#2 – Normativität, 9. Mai 2019

Timothy Snyder
Judenplatz 1010 – Eine Rede an Europa

Begrüßung
Boris Marte, ERSTE Stiftung

Eine Rede an Europa
Timothy Snyder: Judenplatz 1010

„The work of memory is in the present. In our century, a place such as the Judenplatz is not simply a square within a city, but a site that might be viewed from a distance, anywhere in the world, through technology. Jews were once taken from Vienna to be murdered, and that crime cannot be undone. Yet we can bring those who wish to learn from that history to Vienna, to this place. We have chosen this specific place as an opening to a general discussion: as a way to connect the part to the whole, the specific history to our general problems of ethics and politics. The work of memory is for the future. The ones and zeros of 1010 suggest our digital world, the binary language in which machines speak to one another, and in which we must struggle to assert human values, such as responsibility. It recalls an internet which can spread mendacity and hatred, as well as human contact and understanding. We are responsible for recalling the place, and all of the places, within the techniques of our times. And we are responsible for ensuring that the memory of the Holocaust helps us to shape the future. It is in the spirit that we inaugurate these lectures.“ Timothy Snyder

Initiiert von der ERSTE Stiftung wird ab 2019 jährlich anlässlich des Europatags eine öffentliche Vorlesung am Judenplatz abgehalten. Der erste Redner ist der prominente Historiker Timothy Snyder von der Universität Yale, der gleichzeitig auch Permanent Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen in Wien ist. Ort und Zeitpunkt sind nicht zufällig gewählt: Am Wiener Judenplatz verdichtet sich europäische Geschichte wie kaum woanders. Jedes Jahr aufs Neue soll die Frage gestellt werden: Welcher Text lässt sich heute aus diesem urbanen Raum herauslesen? Ein Text, welcher das europäische Narrativ, aus dem das Europa der Gegenwart entstanden ist, neu darstellt. Es ist ein Beitrag, der helfen soll, dieser Idee von Europa, die uns so lange ein Garant für Frieden war, einen Platz im Zentrum der Stadt und unseres Bewusstseins zu geben.

Eine Veranstaltung der Wiener Festwochen, der ERSTE Stiftung und dem Institut für die Wissenschaften vom Menschen


Verena Ringler

Der klare Blick auf unsere Zukunft in Europa

Die Tipping Point Talks sind der Versuch, uns unseres Gestaltungswillens klar zu werden.

„In einer Welt, die überflutet wird von bedeutungslosen Informationen, ist Klarheit Macht“, schreibt der Autor Yuval Noah Harari in seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert.

Klarheit meint das anwendbare Wissen um unsere Vergangenheit, das achtsame Bemerken unserer Gegenwart und eine konzentrierte Vorstellung unserer Zukunft. So banal dies scheint, so rar ist uns diese Klarheit heute. Mit den vier Tipping Point Talks ermöglichen wir den klaren Blick. Vergegenwärtigen wir uns die Verhältnisse, Trends und Hoffnungen heute – vor allem in Zentral-, Ost- und Südosteuropa, mit Blick auf den gesamten europäischen Raum. Nähern wir uns der Gegenwart aus vier Blickwinkeln: den Stärken, Schwächen, Chancen und Risiken. Wir werden bemerken, dass uns zu Schwächen und Risiken viel einfällt und zu Stärken und Chancen sehr wenig. Unsere europäische Zukunft und die Gesamtheit der Akteurinnen und Akteure und Interessen aber verdienen den vollständigen Blick. Sonst überlassen wir Bühne wie Verhandlungstische jenen, die mit ihren kleingeistigen Bedenken Europa verunmöglichen, und jenen, die mit ihrer Zerstörungslust Europa zu verwesen bereit sind.

„Uns fehlen nicht weitere kleingeistige Ideen, sondern neue, kühne Handlungsallianzen“

Was hält uns davon ab, Europa auch 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs mit Anfang und Ambition zu assoziieren? Was sind uns Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Vielfalt, wenn nicht die Pflicht zum fairen und klaren Blick? Europäerin und Europäer zu sein heißt, vom Pendlerbus bis zur Führungsetage die leisen Stimmen, die stillen Wasser und die „Allianzen auf den zweiten Blick“ wahrzunehmen und diese bei Bedarf in den Vordergrund zu rücken.

Wir brauchen auch den klaren Blick nach vorne. Wenn wir die Chance auf die demokratische, politisch- zivile und multikulturelle Prägung unserer europäischen Zukunft in diesem Wahl- und Jubiläumsjahr nicht nutzen, dann haben wir sie wohl nicht verdient. Dafür fehlen nicht neue, kleinteilige Ideen, sondern neue, kühne Handlungsallianzen. Europas Fortkommen hat sich ausnahmslos an der überzeugten Aushandlung und dem Aufbruch zu mutigen Zielen entschieden: Der Visionär und Verhandler Jean Monnet brachte ab 1945 französische und deutsche Kohle- und Stahlindustrielle wiederholt zusammen. Erst fünf Jahre später war das Ergebnis öffentlich wahrnehmbar: in der Schuman-Erklärung vom 9. Mai 1950.

Eine friedliche und demokratische Zukunft verlangt nach dem frühen Erkennen und der klaren Unterstützung solcher Handlungskoalitionen. Etwa zwischen der Unternehmerschaft und dem Non-Profit-Sektor. Zwischen heutigen und zukünftigen EU-Mitgliedstaaten. Zwischen dem Vermögen der Älteren und dem Veränderungswillen der Jungen, die für die Klimawende auf die Straße gehen.

Die vier Tipping Point Talks sind der Versuch, uns der Lage, unserer Ziele, unserer Möglichkeiten und unseres Gestaltungswillens in dieser Region Europas klar zu werden.

Identität | Normativität
The Tipping Point Talks 2019

Titelbild: Judenplatz, Wien. Foto: © Wolfgang Schlag

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