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Nicht ohne mein Schatzi

Kosovo lebt vom Geld seiner Auswanderer. Im Sommer kehren sie zurück und lassen sich feiern.

14. Februar 2019
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Kosovo – das jüngste Land Europas – verbindet man 20 Jahre nach dem Krieg immer noch mit Flucht, Zerstörung und Armut. Die Wenigsten denken an Poolpartys, Popkonzerte, Luxushochzeiten und schnelle Autos. Und schon gar nicht an Geldscheine, die im Club geworfen werden. Wenn im August die Diaspora aus der Schweiz, Deutschland und Österreich nach Hause kommt, lebt das kleine Balkanland auf. Dann wird gefeiert, getrunken und geheiratet. Und Jahr für Jahr wird den Zurückgebliebenen klar, dass ihr Land ohne die „Schatzis“ im Ausland nicht überleben könnte.

An Bord der kleinen Adria-Airlines-Maschine JP 838 ist jeder Platz ausgebucht. Die Passagiere haben Schwierigkeiten, Stauraum für ihr Handgepäck zu finden. Eine junge Frau mit Jeansjacke und Birkenstocksandalen fragt ihren Sitznachbarn, ob sie am Fenster sitzen könne. Klar, sagt er – ein Mittzwanziger mit Hugo-Boss-Shirt und Diesel-Uhr. Er streckt ihr die Hand hin – „Hi, ich bin Liridon“ – sie lächelt, „Liridona“. Die beiden kommen ins Gespräch. Über den albanischen Vornamen, den sie sich teilen. Über den Sommer, den sie in der alten Heimat verbringen werden. Einer Heimat, die ihnen eigentlich fremd ist. Darüber, ein „Schatzi“ zu sein.

Ein was? Liridon und Liridona schmunzeln. Im Kosovo ist dieses deutsche Wort weit verbreitet. So nennt man Mitglieder der Diaspora, die unter dem Jahr Geld nach Hause schicken und im Sommer zurückkehren. Albaner, die in Wien, Zürich oder München leben – und deren Verwandte in einem der ärmsten Länder Europas zurückgeblieben sind. „Meine Cousins im Kosovo verdienen 200 Euro im Monat“, sagt Liridon – und nach einer kurzen Pause: „Ich kaufe mir Schuhe für so viel Geld!“

In weniger als eineinhalb Stunden hat die kleine Maschine einen großen Teil des Westbalkans überflogen – Slowenien, Kroatien, Bosnien und Teile Serbiens und Montenegros. Hier lag einmal Jugoslawien. Als der Vielvölkerstaat in den Neunzigerjahren gewaltsam zerfiel, flohen Hunderttausende Familien aus ihrer alten Heimat. So wie Liridon und Liridona. So wie die meisten Passagiere, die heute in der Maschine JP 838 sitzen.

Sie sind Albaner aus dem Kosovo, die seit zehn, zwanzig oder mehr Jahren in Deutschland, Österreich oder der Schweiz leben. Viele von ihnen haben zu Beginn auf Baustellen oder in der Gastronomie gearbeitet. Sie gründeten Familien und bekamen Kinder. Sie bauten Häuser, lernten eine neue Sprache. Irgendwann bekamen sie einen neuen Pass. Aber viele ließen ihre alte Heimat nie los – so trostlos sie auch wirken mag. Man merkt, dass man im Flugzeug über dem Kosovo schwebt, weil plötzlich viele kleine Würfel in der flachen Landschaft auftauchen. Fast so, als hätte ein Riese mit Bausteinen gespielt. Bei näherem Hinsehen erkennt man darin die Konturen unverputzter Ziegelsteinhäuser, die verstreut auf den Feldern stehen. Man sieht sofort, welche Familien ein „Schatzi“ im Ausland haben. Ihre Häuser sind vollständig – haben Fassade, Balkon und Gartenzaun.

© Florian Rainer
Arbeiten an einem Haus in Perlepnica. Foto: © Florian Rainer

Kosovo ist flächenmäßig in etwa so groß wie Kärnten. Hier leben 1,8 Millionen Menschen – so viele wie in Wien oder Hamburg. Die Diaspora erscheint im Vergleich dazu gewaltig. Sie wird laut offiziellen Angaben auf 800.000 Menschen geschätzt. Inoffiziell könnten es über eine Million sein. Die „Schatzis“ schicken regelmäßig Geld nach Hause – für Lebensmittel, Medikamente, Feuerholz oder Häuserfassaden. Im Kosovo ersetzen die „Schatzis“ das, wofür eigentlich der Staat zuständig wäre. Weil es kein Sozialsystem gibt, springt die Familie ein. Dadurch hat sich ein eigener Finanzkreislauf entwickelt. Weil jeder Dritte ein „Schatzi“ im Ausland hat und jeder Vierte Geld zugesandt bekommt, häufen sich Summen an, die es mit dem Staatshaushalt aufnehmen können. Die Zentralbank mit Sitz in Pristina schätzt, dass das Land jährlich 1,5 Milliarden Euro an seiner Diaspora verdient.

Die Zentralbank mit Sitz in Pristina schätzt, dass das Land jährlich 1,5 Milliarden Euro an seiner Diaspora verdient.

Im Sommer kehren die „Schatzis“ zurück. Dann verwandelt sich der Kosovo in eine nicht enden wollende riesige Partyzone. Es wird getrunken, gefeiert und geheiratet. Man hört Sportwägen durch die Straßen röhren, die ausländische Kennzeichen tragen. Die Clubs sind bis früh am Morgen geöffnet. Festivals werden organisiert und Gratiskonzerte veranstaltet. Zum Beispiel in Ferizaj – einer Stadt im Süden des Landes, wo einmal im Jahr zu Ehren der Diaspora ein Feuerwerk über den Plattenbauten gezündet wird. Der Marktplatz ist voller Tische, Bänke und Luftballons. Die Menschen stehen dicht gedrängt vor der Bühne, wo ein Volkssänger albanische Popsongs singt.

Am Rande steht ein junges Mädchen – 17 Jahre vielleicht – die im schweren Schweizer Dialekt spricht. Sie tanzt, wie Albaner tanzen. Mit den Armen über dem Kopf, die Hüften leicht schwingend. So, dass es federleicht aussieht. Wie ist das, ein „Schatzi“ zu sein? Ihre Antwort folgt prompt: „Du bist nicht hier und nicht dort zu Hause“, sagt sie. Viele werden das im Laufe dieser Recherche sagen. Denn eine Geschichte über „Schatzis“ ist nicht nur eine über Wohlstand und Reichtum. Sie erzählt von Zerrissenheit und Heimweh. Und von der Schwierigkeit, Wurzeln zu schlagen, weil man zwischen zwei Welten lebt. Die Frage, wer oder was ein „Schatzi“ ist, führt uns in aussterbende Dörfer ebenso wie in überfüllte Pools. Sie erzählt von Menschen, die international bekannte Fußballer und Popstars geworden sind, ebenso wie von Menschen, die alles verloren haben. Es geht um Wirtschaftspolitik, die nicht von Ministern, sondern von Hunderttausenden Familien betrieben wird. Und um eine Frage, von der das Schicksal eines ganzen Staates abhängt. Wie lange noch?

Die Sternchen

Bes Bujupi hört oft, dass er skandinavisch aussehe. Dann erzählt er – mit britischem Akzent – dass er als Kind mit seiner Familie aus dem Kosovo geflüchtet ist. Heute sitzt Bujupi – ein erfolgreicher Grafiker aus London – im Soma. Das Soma ist ein angesagtes Hipster-Restaurant in Pristina mit Bücherregalen an der Wand und großer Terrasse. Hier trinkt der Präsident seinen Morgenkaffee. Hier trifft sich alles, was Rang und Namen beziehungsweise Geld hat – Künstler, Journalisten, Regisseure, Diplomaten. Bujupi mag den Ausdruck „Schatzi“ nicht besonders. Die „Schatzis“, das seien die Machos, die im Club mit Scheinen werfen. „Ich will nicht gedankenlos Geld überweisen, sondern mein Know-How hierherbringen“, sagt Bujupi. In Pristina hat er die erste Design-Konferenz organisiert.

Wenn ein international erfolgreicher Superstar wie Dua Lipa Fotos vom Partymachen in Pristina postet und auf Albanisch schreibt, wie sehr sie ihre Heimatstadt vermisst hat, dann hat das politische Sprengkraft.

Dieses Jahr war er Teil des Teams rund um das „Sunny Hill Festival“, das vom wohl berühmtesten „Schatzi“ des Landes abgehalten wird. Dua Lipa ist eine britische Sängerin mit kosovo-albanischen Wurzeln. Sie hat mehrere Jahre in Pristina gelebt und spricht deswegen fließend Albanisch. Derzeit ist sie einer der meistgeklickten Popstars auf Youtube und spielt ausverkaufte Shows auf der ganzen Welt. Wenn Dua Lipa am Flughafen von Pristina landet, dann ist das ganze Land in Aufruhr. Die Menschen lieben sie nicht nur für ihre Musik, sondern weil sie dem schlechten Image des Landes neuen Glanz verleiht. Ihr Instagram-Account mit 18 Millionen Followern ist für den Kosovo mehr wert, als jeder Eintrag in einem Reiseführer. 20 Jahre nach dem Krieg denken viele Menschen immer noch, dass es gefährlich ist, hierherzureisen. Wenn ein international erfolgreicher Superstar wie Dua Lipa Fotos vom Partymachen in Pristina postet und auf Albanisch schreibt, wie sehr sie ihre Heimatstadt vermisst hat, dann hat das politische Sprengkraft. Denn der Kosovo kämpft um seinen Platz auf der internationalen Bühne. Fünf EU-Mitgliedsländer – Griechenland, Slowakei, Zypern, Spanien, Rumänien – erkennen ihn nicht als Staat an. Russland und China verhindern als ständige Mitglieder des Sicherheitsrats seine Aufnahme in die Uno. „Es wirkt, als hätte jemand eine große Mauer um den Kosovo gebaut“, bedauert Grafiker Bes Bujupi.

Die Hochzeitsplanerin

Die Mauer, von der Bujupi spricht, hat einen Namen: Visumpflicht. Der Kosovo ist das einzige Land Europas, dessen Bürger Europa nicht frei bereisen dürfen. Obwohl das EU-Parlament im September grünes Licht für die Abschaffung der Visumpflicht gab, stehen die Chancen schlecht. Der EU-Kommissar Johannes Hahn reiste kürzlich nach Pristina, um die schlechte Nachricht zu überbringen: auch kommendes Jahr wird es für die Kosovaren keine Visabefreiung geben. Die bürokratischen Hürden sind enorm. Derzeit müssen sie auf der Botschaft zahlreiche Formulare ausfüllen, ihren Kontostand offenlegen und oft monatelang warten. Wer in die EU oder die Schweiz einreisen will, der braucht außerdem einen guten Grund – Arbeit, Universität, Sportwettkampf. Verwandte in Wien oder Zürich zu besuchen, beziehungsweise auf eine Hochzeit in Stuttgart zu gehen, gehört nicht dazu. Und so kehrt die Diaspora zum Heiraten in den Kosovo zurück.

© Florian Rainer
Auch Emma hat sich dazu entschieden, Ihre Hochzeit im Kosovo zu feiern: „Zu Hause hätten wir für so eine Hochzeit einen Kredit aufnehmen müssen“. Foto: © Florian Rainer

Shemsije Dërmaku hat daraus ein Geschäftsmodell gemacht. Sie sagt: „Ohne die Diaspora wäre ich nie Hochzeitsplanerin geworden“. Im September 1999 – wenige Monate nach den NATO-Bombardements organisierte sie ihre erste Hochzeit. Damals waren im ganzen Land keine frischen Blumen aufzutreiben. Die Menschen hatten andere Sorgen, weil ihre Häuser zerstört und ausgebrannt waren. In den Nachkriegsjahren schickte die Diaspora Dërmaku VHS-Kassetten mit Videoaufnahmen US-amerikanischer Hochzeiten. „Genauso wollen wir es haben, nur im Kosovo“, sagten sie. Heute bietet Dërmaku mit ihrem Unternehmen „Grand Decor“ Luxus-Hochzeiten an. „90 Prozent meiner Kunden leben im Ausland“, sagt sie. Sie bezahlen Dërmaku zwischen 1.000 und 5.000 Euro für die perfekte Location, importierte Blumen aus Italien, Krankameras und Rauch-Installationen.

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Im Kosovo feiern „Schatzis“, die in Europa der Mittelklasse angehören, Hochzeiten wie Superreiche. Mit rotem Teppich, plätscherndem Pool, fünfstöckiger Hochzeitstorte und üppigen Blumenarrangements. Foto: © Florian Rainer

An diesem Wochenende steht Dërmaku vor einem weißen Gebäude mit Palmen und kitschigen Pferdestatuen. Es erinnert an die Nachbauten griechischer Tempel, die man aus Disneyland kennt. 175 Gäste sind geladen. „Für eine Kosovo-Hochzeit sehr klein“, bemerkt eine Mitarbeiterin, die den Gästen ihre Plätze zuweist. Heute heiraten Emma, 28, und Gramoz, 30. In einer Stunde sind sie Mr. und Mrs. Krasniqi – ein Name, der im Kosovo so häufig ist wie Wagner in Österreich. Gramoz ist im Kosovo geboren, lebt aber in Schweden, seitdem er ein kleiner Bub ist. Im Studentenalter lernt er Emma auf einer Party kennen. „Zu Hause hätten wir für so eine Hochzeit einen Kredit aufnehmen müssen“, sagt das Paar. Statt 100.000 Euro haben sie hier 25.000 bezahlt. Kosovaren müssen dafür im Schnitt fast sieben Jahre sparen. Im Kosovo feiern „Schatzis“, die in Europa der Mittelklasse angehören, Hochzeiten wie Superreiche. Mit rotem Teppich, plätscherndem Pool, fünfstöckiger Hochzeitstorte und üppigen Blumenarrangements.

Die „kleine Schweiz“

Muhamet Hajrullahu hatte am Freitag Geburtstag. Und weil der CEO einer großen Immobilienfirma wunschlos glücklich ist, hat er stattdessen seiner Heimatstadt Gjilan im Ostkosovo ein Geschenk gemacht – einen Nachbau der amerikanischen Freiheitsstatue. Im Kosovo sind die USA so beliebt wie in kaum einem anderen Land. Das liegt daran, dass eine NATO-Militärintervention unter Führung der USA 1999 den Krieg beendet hat. Bis heute sind US-Soldaten im Land stationiert, um den Frieden zu sichern. „Thank you USA, you are my best friend“ lautet der Refrain eines nach dem Krieg populär gewordenen Songs. Gjilan hat jetzt also eine Freiheitsstatue. Dabei bräuchte es eigentlich Jobs.

Zur Zeit Jugoslawiens gab es hier Fabriken für fast alles: Heizungen, Tabak, Brot und Textilien. Mit der Privatisierungswelle gingen all diese Jobs verloren. Hajrullahu, der die Stadt verlassen hat, um in Deutschland eine Firma aufzubauen, ist heute eines der reichsten „Schatzis“ der Stadt. Vor drei Jahren kam er mit einem Versprechen nach Gjilan zurück: „In den nächsten fünf Jahren möchte ich hier 2.000 Appartements bauen“, sagt er in perfektem Hochdeutsch. Baustellen schaffen Jobs. Hajrullahu bezahlt seinen Arbeitern 500 Euro im Monat – 150 Euro mehr als der Durchschnittslohn. Die Baustellen braucht es, weil die Nachfrage an Wohnraum steigt. Und das wiederum ist so, weil die Diaspora kauft. So verkauft Hajrullahu Appartements, die nur für ein paar Wochen im Jahr bewohnt sind.

In Zhegër – einem Dorf in der Nähe von Gjilan – steht die Hälfte der Häuser leer. Zhegër wird „kleine Schweiz“ genannt, weil über 300 Familien von hier nach Genf ausgewandert sind. Diese Familien zahlen regelmäßig in einen Fonds ein, um Zhegër am Leben zu erhalten. Über 175.000 Euro sind in den letzten drei Jahren hierher geflossen. Mehr, als je irgendein Lokalpolitiker hätte aufstellen können. Arton, ein muskulöser Mann von 36 Jahren mit enganliegendem T-Shirt, ist einer jener Menschen, die regelmäßig in den Fonds einzahlen. Seit 13 Jahren lebt er mit seiner Frau und den zwei Kindern in Zürich, wo er einen Job bei der Post hat. Wenn Arton den Sommer in Zhegër verbringt, dann bezahlt er die Rechnungen im Restaurant und bringt seinem Bruder Liburn auch einmal ein Auto mit. „Stell dir mal vor, die Diaspora würde nur ein einziges Jahr kein Geld schicken“, sagt Arton, während er seinen VW Golf durch Zhegër lenkt, „dann hätte diese Regierung ein großes Problem“. Er passiert einige Neubauten, die neben den Ziegelsteinhäusern etwas fehl am Platz wirken.

Ein Witwer kehrt zurück

Leere Häuser stehen auch in Neris Dorf. Es trägt den Namen Gadime und liegt im Zentralkosovo, unweit der Hauptstadt. Hier gibt es nicht viel – eine Tropfsteinhöhle, Maisfelder, holprige Straßen. Neri ist ein Rückkehrer, der nicht ganz hierher zu passen scheint, mit seinen zwei Schoßhündchen und seiner Cowboy-Stiefel-Sammlung. Er steht in seinem Wohnzimmer, nimmt ein eingerahmtes Foto vom Kamin, blickt es zärtlich an und sagt: „Ich finde nie wieder eine Frau wie sie.“ Das Foto zeigt ihn mit langem Haar und Lederjacke, wie er den Arm um eine große, rothaarige Frau gelegt hat. Mit ihr hat Neri eine Art kosovarischen Traum gelebt: Geld verdienen in der Schweiz, Traumhaus im Kosovo. Sie arbeitete als Krankenpflegerin für eine wohlhabende Familie. Er jobbte zuerst auf Baustellen, dann als Barmann in einem Club. 45.000 Euro sparten sie, um sich hier ein Haus zu bauen. Dann – vor sechs Jahren – wurde Neris Frau krank. Dickdarmtumor, elf Operationen, unzählige Chemotherapien.

Die kosovarischen „Schatzis“ werden im Land als Erfolgsmodell verkauft. Aber nicht alle finden ihr Glück im Ausland.

Und als sie starb, da sah er keinen Sinn mehr darin, in der Schweiz zu bleiben, weil das alte Leben ohne sie keinen Wert mehr hatte. Er kehrte nach Hause zurück – mit einer Pension von umgerechnet 842 Euro. Damit kann man in der Schweiz nicht auskommen. Im Kosovo hingegen kann man damit ein schönes Leben haben. Theoretisch. Doch Neri sagt: „Ich habe alles verloren. Dieses Haus bedeutet mir nichts mehr.“ Um ihn herum stehen antik aussehende Möbel, ein Flachbildfernseher, Musikboxen, seine Cowboystiefel-Sammlung. Die kosovarischen „Schatzis“ werden im Land als Erfolgsmodell verkauft. Aber nicht alle finden ihr Glück im Ausland. Neri ist einer dieser gebrochenen Rückkehrer, die ihr Leben lang gearbeitet haben und sich irgendwann fragen: Wofür eigentlich?

Urlaub an der Küste

In einer abgeschiedenen Bucht an der albanischen Küste watet Fisnik, 14, in Badehose in die Adria hinein, die an dieser Stelle noch nicht braun vom Massentourismus ist, sondern blitzblau. Seine Eltern Zymer, 53, und Valbona, 45, wissen, wo die Strände ruhig sind und das Wasser klar. Sie kommen seit Jahren nach Shëngjin – ein bei der Diaspora beliebter Badeort im Nordwesten Albaniens. Ganze Hotelkomplexe beherbergen hier kosovarische „Schatzis“. Kosovo und Albanien erinnern an zwei ungleiche Geschwister. Sie teilen sich eine Sprache und eine Kultur. Sie fiebern beim Eurovision Song Contest für dieselben Kandidaten und gehen mit derselben, schwarzroten Flagge zu Fußballspielen. Und doch ist die Geschichte beider Länder unterschiedlich verlaufen. Albanien war nie ein Teil Jugoslawiens. Stattdessen überzog sein stalinistischer Diktator Enver Hoxha das Land mit Hunderttausenden Bunkern, die bis heute in der Landschaft stehen wie Maulwurfshügel aus Beton. Bis in die Neunzigerjahre blieb Albanien vom Rest Europas isoliert. In Jugoslawien hingegen durften die Gastarbeiter nach Westeuropa reisen und den Kapitalismus kennenlernen. Ein Grund dafür, dass sich der Begriff „Schatzi“ in Albanien nie etabliert hat, ist der, dass die Menschen von dort nach Griechenland und Italien auswanderten, wo kein Deutsch gesprochen wird. Mit der Finanz- und Wirtschaftskrise in diesen Ländern wurden auch die Finanzflüsse nach Albanien kleiner. Dass das Diaspora-System im Kosovo immer noch läuft wie eine gut geölte Maschine, liegt also daran, dass die Migrationsbewegungen in die reichsten Länder Europas bereits vor Jahrzehnten einsetzten.

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Viele "Schatzis" besuchen nicht nur Ihre Verwandten im Kosovo, sondern verbringen ihren Urlaub auch an der Küste Albaniens, wie hier in Shëngjin. Foto: © Florian Rainer

Valbona und Zymer sitzen – in zwei Handtücher gehüllt – im Schatten der Beach Bar. Durch das Strohdach fallen vereinzelt Sonnenstrahlen. Es hat 37 Grad. Der Sand glüht unter den Füßen. Der Duft von Salzwasser und gegrilltem Fisch liegt in der Luft, während sie ihre Geschichte erzählen. Valbona verließ den Kosovo bereits 1987. Der jugoslawische Präsident Tito war da schon sechs Jahre tot, und im Vielvölkerstaat begann der Nationalismus zu brodeln. Valbona ging in die Schweiz, wo sie zuerst als Köchin und dann in einer Keksfabrik arbeitete. Ihr Mann Zymer musste sein Studium in Pristina abbrechen und heuerte in der Schweiz als Gehilfe auf einem Bauernhof an. Die Migration hat aus Intellektuellen notgedrungen Arbeiter gemacht. Menschen, die eigentlich Philosophie oder Wirtschaft studieren wollten, waren gezwungen, ihr Geld am Bau zu verdienen. Der berühmteste Kosovare, dem es so erging, ist Ramush Haradinaj. In den Neunzigerjahren arbeitete er als Zimmermann und Türsteher in der Schweiz. Man könnte meinen, sein Leben wäre nur eine weitere von unzähligen „Schatzi“-Episoden. Aber Haradinaj hat als Kommandant im Krieg Karriere gemacht – und ist heute Premierminister des Kosovo. Unlängst machte er mit seiner Familie Winterurlaub in seiner alten Heimat Schweiz. Dort soll er laut der Zeitung Insajderi für mehr als 70.000 Euro die Zaren-Suite des Carlton Hotels bezogen haben. Haradinaj behauptete später, es seien nur 7.000 Euro gewesen. Auf den kosovarischen Durchschnittslohn umgelegt, ist auch das eine Menge Geld. Rund zwei Jahre muss ein Normalbürger für diese Summe arbeiten gehen.

Erstmals publiziert im Oktober 2018 im DATUM.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. © DATUM / Franziska Tschinderle. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Zuschauer bei der Diaspora-Party in Ferizaj. Foto: © Florian Rainer