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Neuschreibung der Geschichte nach Prespa

Nordmazedonien und Griechenland und langjährige Diplomatie

3. September 2020
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Kontroversen um Statuen und Geschichtsunterricht mögen in Großbritannien und den USA für Aufsehen sorgen – in Nordmazedonien sind sie nichts Neues. Dort werden sie auf diplomatischem Wege beigelegt.

Mehr als 2000 Jahre nach dem Tod Alexander des Großen erheben zwei nach dem legendären Eroberer benannte Teenager Anspruch auf sein Vermächtnis. „Alexander der Große ist unser Held“, bekundet der 16-jährige Aleksandar* aus der Stadt Bitola in Nordmazedonien, nahe der Grenze zu Griechenland. Griechenland habe Aristoteles und Sophokles, so der Teenager, das Vermächtnis Alexander des Großen, des „Königs des alten Mazedoniens“, gehöre jedoch seinem Land. Dreißig Autominuten von Bitola entfernt, jenseits der Grenze im griechischen Dorf Niki, beharrt der 16-jährige Alexandros darauf, dass Alexander der Große ein griechischer Held war – „er sprach griechisch“ – und wies den Anspruch Nordmazedoniens auf dessen Vermächtnis zurück. „Ich kenne ihre Schulbücher nicht, aber manche behaupten, dass sie unsere Geschichte stehlen“, meint er.

Vom Westbalkan über den Nahen Osten bis nach Zentralasien findet sich das Vermächtnis Alexander des Großen in der Folklore, alten Münzen, verfallenden Denkmälern und in den Namen, die einer Handvoll Städten und zahllosen Kindern gegeben wurden. Doch nirgendwo ist das Erbe des Eroberers so umstritten wie in der Region, in der sein Reich seinen Ausgang nahm.

Alexandros lebt in der Provinz Makedonien im Nordwesten Griechenlands, wo sich auch der Geburtsort Alexander des Großen befindet. Aleksandar ist Einwohner des Nachbarlandes Nordmazedonien, das nach dem Zerfall Jugoslawiens 1991 entstanden ist.

Der Name der neuen unabhängigen Republik Mazedonien entfachte einen jahrzehntelangen Streit mit Griechenland, blockierte den Weg Mazedoniens in die Europäische Union und warf Fragen zur Identität und frühen Geschichte des Landes auf. Der Streit wurde vor zwei Jahren, am 17. Juni 2018, offiziell beigelegt, als die Regierungschefs beider Länder das Prespa-Abkommen schlossen, benannt nach dem See, an dessen Ufer die Unterzeichnungszeremonie stattfand.

Man einigte sich als Kompromiss auf den Namen Nordmazedonien, um die Befürchtungen Griechenlands zu zerstreuen, der nördliche Nachbar könnte Gebietsansprüche auf seine nordwestliche Provinz stellen. Die Bevölkerung Nordmazedoniens behielt indes das Recht, sich selbst als „Mazedonierinnen und Mazedonier“ und ihre Sprache als „mazedonisch“ zu bezeichnen. Was aber das Wichtigste war: Griechenland beendete seinen Widerstand gegen das seit Langem auf Eis liegende EU-Beitrittsgesuch Nordmazedoniens.

Foto: © Sakis Mitrolidis / AFP / picturedesk.com
Die Unterzeichnung des Prespa-Abkommens im Juni 2018 markierte den Höhepunkt jahrelanger diplomatischer Bemühungen. Photo: © Sakis Mitrolidis / AFP / picturedesk.com

Neben anderen Bestimmungen sah das Prespa-Abkommen die Bildung einer gemeinsamen Kommission vor, die in jedem Land jene Aspekte des Geschichtslehrplans überprüfen sollte, die vom jeweils anderen Land beanstandet werden. Im Laufe der vergangenen hundert Jahre haben ähnliche bilaterale Kommissionen dazu beigetragen, dass sich Frankreich und Polen mit Deutschland über die schulische Vermittlung ihrer gemeinsamen, bewegten Vergangenheit einigen konnten.

In diesem Artikel von BIRN, der auf Interviews mit Historikern und Kommissionsmitgliedern basiert, wird untersucht, wie den Differenzen über die ferne Vergangenheit auf dem Balkan mit Diplomatie begegnet wird. Die Bereinigung der meisten dieser Differenzen steht noch aus, da die Arbeit der Historiker der gemeinsamen Kommission von Wahlzyklen im Land und den unsicheren Fortschritten Nordmazedoniens auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft abhängig ist.

„Hauptbeweggrund für die Teilnahme mazedonischer Historiker an diesem Prozess ist die Tatsache, dass er ihrem Land den Weg in die Europäische Union ebnen könnte“, meint Ulf Brunnbauer, der wissenschaftliche Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg. „Wenn sich die Opportunitätsstruktur ändert, läuft die ganze Sache ins Leere.“

„Reproduktion negativer Stereotype“

Während das Prespa-Abkommen von der EU begrüßt wurde, erwies es sich auf beiden Seiten der Grenze als unpopulär und löste Straßenproteste nationalistischer und rechtsextremer Gruppen aus. Keine der durch den Vorwurf des Verrats geschwächten Regierungen, die den Vertrag ratifiziert haben, ist noch im Amt. Dass das Abkommen selbst diese zwei Jahre überdauert hat, zeugt vom großen Einsatz seiner Unterstützer und dem enormen Einfluss der EU in der Region. Dennoch ist sein Fortbestehen alles andere als sicher.

Nordmazedonien bewarb sich 2004 um einen EU-Beitritt und bekam im darauffolgenden Jahr offiziell Kandidatenstatus. Die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen, dem nächsten Schritt in Richtung Mitgliedschaft, wurde jedoch aufgrund des Namensstreits mit Griechenland blockiert. Als eine neue Regierung unter Ministerpräsident Zoran Zaev im Jahr 2018 das Prespa-Abkommen unterzeichnete, rechnete man damit, dass der wahrgenommene Vorteil, der EU ein Stück näher zu rücken, den innenpolitischen Preis eines unpopulären Deals wettmachen würde.

In den zwei Jahren seit der Unterzeichnung des Abkommens sind jedoch neue Hürden aufgetaucht, die Zweifel an der Erreichung des Ziels einer EU-Mitgliedschaft und damit an der Durchführbarkeit von Prespa aufkommen lassen. Bei einem Gipfeltreffen der EU-Staats- und Regierungschefs im vergangenen Oktober wurde weithin erwartet, dass Zaevs politischer Poker mit der Aufnahme von Beitrittsgesprächen mit Nordmazedonien belohnt werden würde. Das diesbezügliche Scheitern des Gipfels angesichts des Vetos Frankreichs machte deutlich, dass die mächtigsten Länder der Union, was ihr größtes außenpolitisches Projekt – die Erweiterung auf dem Westbalkan – anbelangt, uneins waren.

Obwohl die EU ihre Entscheidung in diesem Jahr rückgängig machte, nachdem die Bedenken Frankreichs zerstreut werden konnten, unterstrich der temporäre Rückschlag, auf welch wackeligen Beinen die Hoffnungen Nordmazedoniens auf eine Mitgliedschaft stehen. Die mazedonische Bevölkerung wurde daran erinnert, dass jedes der 27 EU-Mitglieder sein Vetorecht bzw. die bloße Androhung eines Vetos während des langen Beitrittsprozesses jederzeit als Instrument zur Erreichung von Zugeständnissen oder innenpolitischen Vorteilen nutzen könnte.

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Zusammenstöße zwischen nationalistischen und rechtsextremen Demonstranten und der griechischen Bereitschaftspolizei in Thessaloniki. Photo: © Sakis Mitrolidis / AFP / picturedesk.com

Mit seinem östlichen Nachbarn Bulgarien ist Mazedonien ebenfalls in einen langjährigen Streit verwickelt. Auch hier geht es um die Vergangenheit. Im Jahr 2018 setzten beide Länder eine gemeinsame Kommission zur Revision der Geschichtsbücher ein. Bulgarien ist ebenso wie Griechenland Mitglied der EU und hat das Recht, sein Veto gegen die Aufnahme neuer Mitglieder einzulegen. Auch wenn Bulgarien die Hoffnungen Nordmazedoniens auf einen EU-Beitritt bislang lautstark unterstützt hat, verfügt das Land mit dem Vetorecht über ein gewisses Druckmittel in den Auseinandersetzungen um die Geschichte.

Der Streit zwischen den beiden Ländern konzentriert sich auch hier auf eine einzelne Person aus der Vergangenheit, die beide Seiten für sich beanspruchen: den Revolutionshelden Goce Delcev, der an der Wende zum 20. Jahrhundert einen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft anführte.

Petar Todorov, Dozent am Institut für Nationalgeschichte in Skopje und Mitglied der mazedonischen Delegation in der Kommission mit Bulgarien, meint, es sei „bedauerlich“, dass die bulgarische Regierung „die ethnische und kulturelle Identität ihres unmittelbaren Nachbarlandes verleugnet“. Auf dem gesamten Balkan – einschließlich seines Landes – müsse der Geschichtsunterricht einer Revision unterzogen werden. „Die Lehrpläne in den Schulen der Region reproduzieren negative Stereotype über andere Kulturen, was Nationalismus und Verhetzung schürt … Es ist an der Zeit, althergebrachte ethnozentrische Ansätze hinter sich zu lassen und die Art und Weise, wie wir die Vergangenheit lehren, zu entpolitisieren.“

Die Forderungen des Prespa-Abkommens werden angesichts der in diesem Sommer bevorstehenden Wahlen in Nordmazedonien voraussichtlich erneut zur Debatte stehen. Obwohl die Oppositionspartei VMRO-DPMNE dem Abkommen nicht mehr so ablehnend gegenübersteht, hat sie die Möglichkeit offen gelassen, den Pakt wenn nötig neu zu verhandeln.

„Geschichte als nationale Ideologie“

Politische Umwälzungen und große Bevölkerungsbewegungen kennzeichnen die Geschichte des Balkans. Der Zerfall des Osmanischen Reichs, der Erste und Zweite Weltkrieg sowie die Balkankriege zu Beginn und am Ende des 20. Jahrhunderts waren begleitet von massenhaften freiwilligen und erzwungenen Migrationen. Infolgedessen gibt es in den nach ethnischen und sprachlichen Kriterien gebildeten Nationalstaaten immer noch große ethnische und sprachliche Minderheiten. Sowohl Bulgarien als auch Griechenland haben in ihrem Land etwa Minderheiten aufgenommen, die sich selbst als ethnische Mazedonier bezeichnen. In Nordmazedonien selbst gibt es eine große Minderheit ethnischer Albaner, die etwa ein Viertel der Bevölkerung ausmacht.

„Im europäischen Kontext ist der Balkan durch ein hohes Maß an politischer Diskontinuität gekennzeichnet“, erklärt Brunnbauer vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung in Regensburg gegenüber BIRN. „Als Gegenreaktion, denke ich, haben viele Menschen Mythen über ihre Herkunft konstruiert, die bis in die Antike und noch weiter zurückreicht. Es geht ihnen um die Verteidigung der Vorstellung von Kontinuität, indem sie behaupten, dass ihre Ahnen aus dieser Gegend kamen und sie daher hierher gehören – auch wenn sie wissen, dass ihre Vorfahren aus einer anderen Gegend stammen.“

Foto: © Robert Atanasovski / AFP / picturedesk.com
Der mazedonische Regierungschef Zoran Zaev (rechts) und Bulgariens Premierminister Boyko Borissov (links) würdigen Goce Delcev, einen Revolutionär, der sich der osmanischen Herrschaft widersetzte. Foto: © Robert Atanasovski / AFP / picturedesk.com

Diese Haltung spiegele sich auch häufig in den Schulbüchern der Region wider, so Brunnbauer, in denen Geschichte kaum mehr als eine Form von „Ideologie zur Rechtfertigung des Staates“ sei. Infolgedessen stünden die offiziellen Geschichtsnarrative oft „in krassem Widerspruch zur ethnischen, demografischen, sozialen und historischen Realität des Balkans“. Seit der Zeit Alexander des Großen war das Gebiet des heutigen Nordmazedoniens unter anderem Teil des Römischen, Byzantinischen und Osmanischen Reichs. In den vergangenen 100 Jahren wurde das Land auch von den Hauptstädten des heutigen Serbiens und Bulgariens aus regiert.

Brunnbauer zufolge stünden Länder wie Nordmazedonien, was die Gestaltung einer nationalen Geschichte betrifft, vor einem zusätzlichen Problem. „Da ihre Staatswerdung später als anderswo erfolgte, sind sie im Nachteil, weil ihnen alles, was ihnen lieb und teuer ist, bereits von anderen weggenommen wurde.“

Entfernte Nachbarn

Der Hauptplatz in Skopje, der Hauptstadt Nordmazedoniens, wird von einer riesigen Statue eines Kriegers hoch zu Ross beherrscht, die dem geläufigen Bild Alexander des Großen entspricht. Weitere Statuen, die aus beleuchteten Brunnen emporragen, stellen die Eltern des Eroberers dar. Diese an eine ferne Vergangenheit erinnernden Denkmäler wurden vor weniger als einem Jahrzehnt im Zuge der neobarocken Umgestaltung des öffentlichen Raums von Skopje errichtet. In Auftrag gegeben hatte das Projekt die der sozialdemokratischen Zaev-Koalition vorangegangene VMRO-DPMNE-Regierung.

In den neuen Denkmälern sah Griechenland einen Angriff auf sein hellenisches Erbe – eine Form der kulturellen Vereinnahmung – und ein weiteres Zeichen dafür, dass sein nördlicher Nachbar Ansprüche auf die griechische Provinz stellte. „Die Menschen in Nordmazedonien sollten voller Stolz sagen, dass sie slawischer [und nicht hellenischer] Herkunft sind“, meint Markos Bolaris, stellvertretender Außenminister unter der früheren griechischen, von Syriza geführten Regierung und ehemaliger Leiter der griechischen Delegation im gemeinsamen Ausschuss für die Revision von Geschichtsbüchern. „Stattdessen entstand in Nordmazedonien eine politische Mythologie für geopolitische, geostrategische Ziele.“

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Eine 12,5 Meter hohe Statue von Alexander dem Großen auf seinem Pferd Bucephalus steht auf einem zehn Meter hohen Sockel auf dem Hauptplatz von Skopje in 2011. Die Installation der Skulptur war ein Teil des Kulturprojekts "Skopje 2014", das der Stadt ein klassischeres Aussehen verleihen sollte. Foto: © Georgi Licovski / EPA / picturedesk.com

Historiker in Nordmazedonien verweisen jedoch auf Artefakte und alte Aufzeichnungen, um ihren Anspruch auf das Vermächtnis Alexander des Großen zu untermauern. „Im gesamten Land gibt es Zehntausende Münzen mazedonischer Könige“, erzählt Viktor Lilchic, Professor für Archäologie an der Universität St. Kyrill und Method in Skopje. Alexander der Große habe auch mehrere Festungen in einem Gebiet errichtet, das heute zu Nordmazedonien gehört, so Lilchic.

Die griechische und die mazedonische Delegation sind seit der Unterzeichnung des Prespa-Abkommens bislang viermal zusammengekommen. Da die Zusammensetzung jeder Delegation von ihrer jeweiligen Regierung beschlossen wird, geht die Arbeit der Kommission nur schleppend voran. Auf ihre jüngste Sitzung – im Mai 2019 – folgte eine durch die im vergangenen Sommer abgehaltenen griechischen Wahlen bedingte Pause.

Beschlüsse der EU über die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit Nordmazedonien wie auch die Coronavirus-Pandemie führten zu weiteren Verzögerungen. Die Arbeit der gemeinsamen Kommission liegt derzeit auf Eis, während sich Nordmazedonien auf eine für 15. Juli anberaumte Wahl vorbereitet. Die Wahlen waren letztes Jahr von der Regierung Zaevs ausgerufen worden, nachdem die EU den Antrag auf Aufnahme von Beitrittsverhandlungen abgelehnt hatte.

Es überrascht nicht, dass die ersten Sitzungen der gemeinsamen Kommission für die Revision von Geschichtsbüchern ganz im Zeichen der Debatte über die Antike standen. „Die Vertreter Skopjes taten ihre Meinung lautstark kund”, erinnert sich Spyridon Sfetas, Professor für Geschichte an der Aristoteles-Universität in Thessaloniki, der als Mitglied der griechischen Delegation an den Sitzungen teilnahm.

„Wir haben unsere Forderungen kommuniziert. Vor allem ging es uns darum, zwischen den Mazedoniern von heute und den Mazedoniern der Antike zu differenzieren“, erklärte er gegenüber BIRN. „Es ist lächerlich, eine historische Kontinuität zwischen den beiden zu suchen.“ In einer offiziellen Erklärung der mazedonischen Delegation hieß es, dass man die Kommission aufgrund „der Sensibilität des Verhandlungsprozesses“ nicht kommentiere. Auch von einzelnen, von BIRN kontaktierten Mitgliedern der Delegation war Ähnliches zu hören. Man sei nicht befugt, mit den Medien zu sprechen, meinten diese.

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Eine Statue von Alexander dem Großen überblickt den Hafen von Thessaloniki in Griechenland. Foto: © Sakis Mitrolidis / AFP / picturedesk.com

Aus BIRN vorliegenden Dokumenten geht jedoch hervor, dass die mazedonischen Unterhändler eine ausführlichere Erwähnung ihres Landes und seiner Vergangenheit in den griechischen Geschichtslehrbüchern forderten. Sfetas räumte ein, dass die Bindungen Griechenlands zu Europa in den griechischen Lehrplänen mehr Berücksichtigung finden als sämtliche Beziehungen zum Balkan. „Griechische Schülerinnen und Schüler wissen nicht einmal, dass es einen Staat namens Jugoslawien gab“, sagte er. „Wir wissen nichts über den Balkan. Wir mögen Nachbarn sein, aber wir sind uns fern … Jetzt müssen wir etwas über die Geschichte der Region schreiben.“

Konstruktion von Kontinuität

Todor Cepreganov, ein mazedonischer Historiker, der Schulbücher für das Bildungsministerium verfasst hat, kritisiert die Arbeit der Kommission. Allein die Idee, über die historische Wahrheit zu verhandeln, sei falsch. „Geschichte ist eine Wissenschaft der Fakten – es gibt keine roten Linien in der Geschichte. Rote Linien gibt es nur in der Politik, und diese Kommissionen sind politisch.“

Ein internationaler Experte für den Einsatz gemeinsamer Kommissionen zur Revision von Schulbüchern betont jedoch, dass der Prozess unweigerlich von den politischen Bedingungen abhänge, wobei die Auswahl der Kommissionsmitglieder als solche schon ein politischer Akt sei. „Es ist klar ersichtlich, ob jemand [ein potenzielles Kommissionsmitglied] bereit und in der Lage ist, Dinge zu ändern, oder ob er oder sie Widerstand leisten wird“, meint Falk Pingel, Professor am George-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung in Deutschland.

Laut Brunnbauer vom Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung sollte sich die Kommission davor hüten, sich auf Fragen der historischen Wahrheit zu konzentrieren – vor allem dort, wo die betreffende Geschichte mehrere tausend Jahre alt ist. „Je weiter wir in die Vergangenheit blicken, desto schwieriger wird es, geeignete Quellen zu finden“, so Pingel. „Es gibt viele Dinge, die wir nicht wissen können.“

Politische Entscheidungsträger in ähnlichen Kommissionen würden dazu neigen zu glauben, dass „wenn sie nur alle Fakten kennen, sie zu einer gemeinsamen Wahrheit kommen würden.“ Die moderne Geschichtsschreibung sei sich jedoch dessen „sehr bewusst, dass es nicht nur eine Wahrheit gibt, sondern man sich verschiedener Sichtweisen bedienen kann … Außerdem ändern sich die Narrative mit der Zeit, sodass das, was wir heute für die Wahrheit halten, in 20 Jahren ganz anders aussehen könnte.“

Brunnbauer, der nicht an der gemeinsamen Kommission beteiligt ist, zeigt sich insbesondere skeptisch gegenüber jedem Versuch – ob von griechischer oder mazedonischer Seite –, eine „direkte Linie der Kontinuität“ zwischen den Bevölkerungen der Gegenwart und denen, die in der Antike dort lebten, geltend zu machen. „Es ist einfach nicht begreiflich, dass man in einer Region, in der gewaltige Völkerwanderungen, Zwangsmigrationen und verschiedenste Assimilationsprozesse stattgefunden haben, behaupten kann, von jemandem abzustammen, der vor mehr als 2000 Jahren dort gelebt hat,“ so Brunnbauer.

Foto: © Ognen Teofilovski / Reuters / picturedesk.com
Mazedoniens Fortschritte auf dem Weg zur EU-Mitgliedschaft werden voraussichtlich über das Fortbestehen des Prespa-Abkommens entscheiden. Foto: © Ognen Teofilovski / Reuters / picturedesk.com

Die Kommission würde ihrem Zweck besser gerecht werden, wenn sie sich darauf konzentrieren würde, bei Schulkindern in beiden Ländern zu einem besseren Verständnis der Sichtweisen des jeweils anderen beizutragen. In diesem Fall könnten Geschichtsbücher „die Argumente dafür liefern, dass die Antike für die nationale Identität, für die Konstruktion von Kontinuität wichtig ist.“ „Im besten Fall können solche Projekte Empathie erzeugen“, erklärte er gegenüber BIRN. „Sie können uns helfen zu verstehen, warum Mitglieder einer anderen Nation eine unterschiedliche Sicht auf eine Geschichte haben, die auch wir als unsere Geschichte betrachten“, so Brunnbauer.

Neuer Einband, selber Inhalt

In den verbleibenden Sitzungen der Kommission wird es voraussichtlich um Karten und Illustrationen in mazedonischen Schulbüchern gehen, die sich auf die römische, byzantinische und osmanische Epoche beziehen – für die griechische Seite allesamt Hinweise auf Gebietsansprüche auf ihre Provinz Makedonien. Pingel vom George-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung warnt davor, schnelle Ergebnisse zu erwarten. „Man muss wissen, dass der gesamte Prozess Jahrzehnte dauern könnte.“

Vorläufig arbeiten die Schülerinnen und Schüler Nordmazedoniens mit den gleichen Texten wie bisher. Eine Lehrerin aus Skopje, die nicht namentlich genannt werden wollte, meinte, sie sei „verunsichert“, wenn sie über das Land sprechen müsse. „Der Name muss in den Lehrbüchern noch geändert werden, deshalb spreche ich von ‚unserem Land‘, anstatt irgendeinen Namen zu nennen“, erzählte sie BIRN. „Ich weiß, dass das nicht korrekt ist, aber ich habe wirklich keine Ahnung, was ich den Schülerinnen und Schülern sagen soll. Es gibt keine Anweisungen seitens des Bildungsministeriums.“

Laut Bildungsminister Arbr Ademi müssten allfällige Änderungen von der Regierung ratifiziert werden, bevor sie Eingang in die Schulbücher finden. Wenn die Schülerinnen und Schüler im September in die Schule zurückkehren, würden sich die Schulbücher nur in einem Punkt unterscheiden: „Auf dem Einband wird künftig darauf hingewiesen werden, dass die Bücher in der Republik Nordmazedonien und nicht in der Republik Mazedonien gedruckt wurden.“

* Aleksandar und Alexandros werden zum Schutz ihrer Identität nicht mit vollem Namen genannt.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 17 Juni 2020 auf Balkaninsight.com.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Katerina Topalova, bearbeitet von Neil Arun. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Mazedonische Männer, gekleidete als alte Soldaten, posieren unter der Statue eines berittenen Kriegers in Skopje. Foto: © Nake Batev / EPA / picturedesk.com


Dieser Artikel entstand im Rahmen des Balkan Fellowship for Journalistic Excellence, unterstützt von der ERSTE Stiftung in Kooperation mit dem Balkan Investigative Reporting Network.