Menü
Fakten

Montenegros Abwärtsspirale

Montenegro kann der demografischer Entwicklung nicht gegensteuern.

14. Juli 2020
Magazin > Fakten > Montenegros Abwärtsspirale

Montenegro entwickelt sich unaufhaltsam in die gleiche demografische Richtung wie seine Nachbarn – und das verheißt nichts Gutes.

Montenegrinerinnen und Montenegriner haben seit jeher ein Faible für Bevölkerungsstatistiken. Seit Jahrzehnten wird besessen studiert, wie hoch der Anteil jener ist, die sich als Montenegriner und nicht als Serben betrachten, wie viele Albaner im Land leben und ob zwischen Muslimen und Bosniaken zu unterscheiden ist.

In der Zwischenzeit werden die Menschen älter, bekommen immer weniger Kinder und wandern aus. Ob sie sich dessen bewusst ist oder nicht, die Zukunft der montenegrinischen Bevölkerung wird davon bestimmt werden, wie sie mit diesen Problemen umgeht, so wie das in der Vergangenheit bei ethnischen Fragen der Fall war.

Auf den ersten Blick erwecken die Gesamtzahlen für Montenegro den Eindruck, das Land sei in einer Region mit einer katastrophalen demografischen Entwicklung vom Schlimmsten verschont geblieben. Während die Bevölkerungszahlen in allen Nachbarländern seit Jahren rückläufig sind, entwickelt sich Montenegro gegen den Trend. Anfang 2019 lebten schätzungsweise knapp über 622.000 Menschen im Land, und diese Zahl ist seit 2004 praktisch unverändert.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Bevölkerungsveränderung in Montenegro. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Montenegrinische Frauen brachten im Jahr 2018 durchschnittlich 1,8 Kinder zur Welt, was zwar unter dem für die Stabilität einer Bevölkerung notwendigen Reproduktionsniveau von 2,1 liegt, aber weitaus besser ist als überall sonst in der Region (mit Ausnahme des Kosovo). Ein Blick auf die Entwicklungen lässt jedoch erkennen, dass sich Montenegro unaufhaltsam in die gleiche demografische Richtung bewegt wie seine Nachbarn.

In den 1950er-Jahren bekamen Frauen mehr als vier Kinder. Diese Zahl ging bis in die späten 1980er-Jahre langsam zurück, und sank dann, wenn auch nicht jedes Jahr, unter 2,1. In Serbien war dies bereits 1956 der Fall gewesen. Im Jahr 1958 überwogen die Geburten in Montenegro die Sterbefälle um 10.147. Auch diese Zahl ist seither rückläufig und lag im Jahr 2018 bei 760.

Miroslav Doderović, Professor an der Universität Nikšić und der einzige studierte Demograf des Landes, rechnet damit, dass Montenegro innerhalb von fünf Jahren die Phase des „negativen Wachstums“ erreichen werde.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Montenegro – Demografische Kennzahlen. Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Das Bevölkerungswachstum Montenegros von 372.000 im Jahr 1947 auf das derzeitige gleichbleibende Niveau täuscht über das enorme Ausmaß an Bewegung und Veränderung hinweg, das das Land zu verschiedenen Zeiten erfahren hat. Zwischen 1945 und 1947 wurden beispielsweise 31.000 Montenegrinerinnen und Montenegriner von ihrer Bergrepublik in das weit entfernte, fruchtbare Agrarland der Vojvodina im Norden Serbiens übersiedelt, aus der ethnische Deutsche eben erst vertrieben worden waren. Die Zahl mag klein erscheinen, machte aber 8,5 Prozent der Bevölkerung Montenegros aus.

Die Zeit der jugoslawischen Republik war über lange Strecken von Abwanderung geprägt, die Geburten überstiegen jedoch die Zahl der Emigranten. Im Jahr 1981 lebten rund 105.000 Montenegrinerinnen und Montenegriner in anderen Teilen Jugoslawiens, davon 70 Prozent in Serbien. Die letzte jugoslawische Volkszählung von 1991 bezifferte die Bevölkerung der Teilrepublik auf knapp 615.000. Da die 23.000 außerhalb Jugoslawiens arbeitenden Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter und ihre Familien in die Gesamtzahl miteinbezogen wurden, betrug die tatsächliche Einwohnerzahl Montenegros 592.000.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Größte demografische Verlierer. Prognostizierte Bevölkerungsveränderung in den Ländern Mittel- und Südosteuropas (1989-2050). Infografik: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Die Turbulenzen nach dem Zerfall Jugoslawiens führten zu massiven Bevölkerungsbewegungen in der ganzen Region, und auch Montenegro war davor nicht gefeit, obwohl es – abgesehen von den NATO-Bombardierungen ausgewählter Ziele 1999 – keinen offenen Konflikt im Land gab. Es war zu einem Land geworden, in das mehr Menschen ein- als auswanderten. Zwischen 1990 und 2011 wurden in Montenegro rund 75.600 Einwanderer registriert, und auch wenn wahrscheinlich nicht alle geblieben sind, so ergab die Volkszählung von 2011, dass 20 Prozent der Bevölkerung Montenegros nicht dort geboren sind. Gleichzeitig verließen Menschen das Land. Aufgrund der positiven natürlichen Bevölkerungsentwicklung stieg die Gesamteinwohnerzahl zunächst jedoch weiter an, bis sie sich 2004 auf einem konstanten Niveau einpendelte.

EUROPE'S FUTURES

Europa erlebt seine dramatischste und herausforderndste Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg. Das europäische Projekt steht auf dem Spiel und die liberale Demokratie wird sowohl von innen als auch von außen gefordert. Von allen Seiten der staatlichen und nicht-staatlichen Akteure ist es dringend erforderlich, sich mit den brennenden Problemen zu befassen und das, was durch das politische Friedensprojekt sorgfältig erreicht wurde, zu bekräftigen.

Zwischen 2018 und 2021 engagieren sich jedes Jahr sechs bis acht führende europäische Expertinnen und Experten als Europe’s Futures Fellows. Sie schaffen damit eine einzigartige eine Plattform der Ideen, um grundlegende Maßnahmen zu präsentieren, deren Ziel es ist, die Vision und Realität Europas zu stärken und voranzutreiben. Europe’s Futures basiert auf eingehenden Untersuchungen, konkreten politischen Vorschlägen und dem Austausch mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, dem öffentlichen Diskurs und Medien.

Nicht enthalten in der heutigen Gesamtbevölkerungszahl sind die bis zu 50.000 Ausländerinnen und Ausländer ohne ständigen Wohnsitz, die saisonabhängig im Land leben und arbeiten und registriert sein können oder nicht. Daueraufenthaltsberechtigte sind jedoch in den Statistiken der Volkszählung erfasst. Sie machten 2011 fünf Prozent der Bevölkerung aus. Vier von fünf dieser Personen stammen aus Serbien, Bosnien oder Kroatien. Im Oktober 2019 waren knapp 32.300 Personen mit ständigem Wohnsitz im Land registriert.

Bei der Analyse der Einwohnerzahlen zeigt sich, dass Montenegro mittlerweile nicht nur mit einer sinkenden Geburtenrate, sondern auch mit der Überalterung seiner Bevölkerung zu kämpfen hat. Im Jahr 2000 betrug der Anteil der Montenegrinerinnen und Montenegriner, die 60 Jahre oder älter waren, 17,04 Prozent. Mittlerweile liegt er bei 21,69 Prozent, und dieser Trend wird sich nur noch beschleunigen, da immer weniger Kinder geboren werden und sich das natürliche Bevölkerungswachstum in einen Rückgang umkehrt. Im Jahr 2008 besuchten 121.916 Kinder die Schule, ein Jahrzehnt später waren es 98.238 bzw. 19,4 Prozent weniger. Heute steht das Pensionssystem Montenegros bereits unter Druck, und die Situation wird sich noch weiter verschärfen.

Seit Jahren tobt ein Streit um das Pensionsalter, und eine Politik, die Frauen ab drei Kindern das Recht auf eine Pension gewährte, unabhängig davon, wie lange sie gearbeitet hatten, wurde schnell abgeschafft, weil sie sich als zu teuer erwies. In Serbien wird es im Jahr 2021 mehr Pensionistinnen und Pensionisten als Erwerbstätige geben, was laut Doderović auch in Montenegro bald der Fall sein werde.

Dies wird jedoch nicht allein der Tatsache zuzuschreiben sein, dass es nicht genug Menschen im erwerbsfähigen Alter gibt, sondern zumindest teilweise daran liegen, dass es für Regierungen billiger ist, Arbeitnehmerinnen und -nehmer vorzeitig aus dem aufgeblähten öffentlichen Dienst des Landes in die Pension zu schicken, als ihnen weiterhin volle Gehälter zu zahlen. In Serbien und Kroatien kehren jedes Jahr Tausende ehemalige Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter zurück, weil ihre ausländischen Pensionen im Heimatland viel mehr wert sind als in Staaten wie Deutschland. Die Zahlen derer, die nach Montenegro zurückkehren, seien jedoch vernachlässigbar, meinte Doderović.

Im Gegensatz dazu kehrt der Großteil der in Serbien lebenden und arbeitenden Montenegrinerinnen und Montenegriner im Allgemeinen – abgesehen vom Urlaub – nicht nach Montenegro zurück, weil die beiden Länder ohnehin so eng miteinander verflochten sind und die Lebenshaltungskosten in Montenegro höher sind als in Serbien. Die demografische Entwicklung vollzieht sich in den verschiedenen Teilen des Landes mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.

Die demografische Entwicklung vollzieht sich in den verschiedenen Teilen des Landes mit unterschiedlicher Geschwindigkeit.

Seit Jahren verzeichnet der ärmere Norden höhere Abwanderungsraten, sowohl ins Ausland als auch innerhalb des Landes nach Podgorica und an die wohlhabendere Küste, was zu einer zunehmenden Entvölkerung des Nordens führt. Rožaje, zum Beispiel, das überwiegend von Bosniaken bevölkert ist, hat eine vergleichsweise hohe Geburtenrate, aber auch eine hohe Abwanderungsrate. Mehrere Jahre hindurch versuchten zahlreiche Menschen, vor allem aus Orten wie Rožaje, Asyl in EU-Ländern zu bekommen, obwohl sie praktisch keine Aussicht auf Erfolg hatten. Im Jahr 2015 beantragten rund 4.000 Montenegrinerinnen und Montenegriner Asyl in der EU, davon 3.635 in Deutschland.

Für Montenegros Präsident Milo Đukanović liegt die Antwort in einer Beschleunigung des Wirtschaftswachstums, um den Menschen einen westlichen Lebensstandard zu ermöglichen. Zu Zeiten Jugoslawiens hieß es, dass wie auch immer das Wetter im Norden war, es sich bald auf den Rest des Landes ausweiten würde. Dasselbe gilt für die Demografie. Es hat zwar den Anschein, dass Montenegro in Bezug auf die Überalterung und den demografischen Rückgang vom Schlimmsten verschont geblieben ist, dem ist aber nicht so. Wenn auch mit einigen Jahren Verzögerung folgt Montenegro nun den am stärksten betroffenen Ländern Serbien und Kroatien.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 5. Dezember 2019 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Tim Judah. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Illustration: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy