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Mehr als eine Perspektive

Ein Social Start-up zeigt wie gelungene Integration geht. Was im Kleinen begann ist heute von Erfolg gekrönt.

21. Februar 2018
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Integration. Wie geflüchtete Akademiker den Arbeitseinstieg hierzulande erleben. Was für sie fremd ist, was ihnen hilft. Und wo sie uns einen Spiegel vorhalten.

Von Aleppo in den Libanon. Dann weiter in die Türkei, per Schiff nach Griechenland, zu Fuß, in Taxi und Bus weiter nach Österreich. Mohamad Bilal Abdulkarim (31) hat einen weiten Weg zurückgelegt. 2014 hatte er in Aleppo gerade seinen Master in Financial Management begonnen, doch dann: „Erst waren die Bomben nur am Stadtrand. Dann kamen sie immer näher. Und sie wurden immer größer.“

Also flüchten. Für Österreich, das Abdulkarim im November 2014 erreichte, hatte er einen klaren Plan: Deutsch lernen, Asylstatus erhalten, arbeiten und berufsbegleitend fertig studieren.

Auf einen Blick

Tradierte heimische Formalismen blockieren oft den Jobeinstieg arbeitswilliger Flüchtlinge. Der Syrer Mohamad Bilal Abdulkarim (31, Bild) wurde vom Social Start-up More Than One Perspective (MTOP) jobfit gecoacht.

MTOP ist ein innovatives Social Business mit dem Ziel geflüchtete AkademikerInnen nachhaltig in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Im Rahmen eines 200-Stunden-Programms werden sie auf den Jobeinstieg in Österreich vorbereitet. Neben MTOP unterstützen u. a. AMS, work:in, fairMatching oder Caritas CarBiz beim Einstieg.

Österreich war gut zu ihm. Das betont er immer wieder. „Österreich hat viel gegeben.“ Und doch hält er uns einen Spiegel vor, wie wir von außen gesehen werden. Die acht Monate im Flüchtlingsheim in Linz: „Ich wollte Deutsch lernen. Aber es gab keine organisierten Kurse. Nur Pensionisten, die helfen wollten.“ Das Anfängerlevel A1 brachte er sich noch selbst bei, dann kam er, inzwischen mit Asylstatus, nach Wien. Das AMS schickte ihn in Deutschkurse, A2 und dann B1 („Besserer Beginner“). B2 war sein Ziel, „weil darunter bekommt man keinen Job“.

Dass er B2 inzwischen auch geschafft hat, hebt er mehrmals hervor. Abdulkarim hat gelernt, wie wichtig Formalismen in Österreich sind. Steht im Lebenslauf nicht B2, wird man blind aussortiert.

Formalismen zählen

Eine Weile fragte er sich, warum er auf seine Bewerbungen trotzdem keine Antwort erhielt. Bis er verstand: Weil er noch kein perfektes Motivationsschreiben aufsetzen konnte. „In Syrien gibt es das nicht. Dort zählt nur der Lebenslauf.“ Seine selbst gebastelten Begleitschreiben waren nicht regelkonform, sein Deutsch holprig, Englisch unerwünscht. Er hatte keine Chance.

Allein hätte Abdulkarim den Einstieg in den Arbeitsmarkt nicht geschafft, jedenfalls nicht so rasch. Doch er kam – Social Media sei Dank – über verschiedene Websites mit MTOP („more than one perspective“) in Kontakt, ein aus „Teach for Austria“ entwachsenes Weiterbildungsprogramm für geflüchtete Akademiker, bevorzugt aus Wirtschaft, IT oder Technik.

Vordergründiger Programminhalt: Wie tickt das System Österreich? Formalistisch, das fand der Syrer schnell heraus. Motivationsschreiben, die strengen Regeln genügen; Kompetenzkästchen, die abgehakt werden müssen. Prozesse, die Fehler suchen (wer suchet, der findet) statt Möglichkeiten. Türen, die aus Furcht vor dem Risiko geschlossen bleiben. „Man muss an viele Türen klopfen, bis eine aufgeht“, sagt er.

Julian Richter, Lisa-Maria Sommer, Nina Poxleitner und Haia Haddad (v.l.n.r.) zählen mit ihrem Projekt MTOP zu den GewinnerInnen der österreichischen Ausgabe des Social Impact Awards 2017.

Das Wirtschaftsmagazin „Forbes“ nimmt zwei der Gründerinnen in die 2018er Rangliste der 30 wichtigsten EuropäerInnen unter 30 auf.

Oder man hat jemanden, der für einen klopft. Für Abdulkarim öffnete sich dank des MTOP-Netzwerkes die Tür zur Wirtschaftsprüfung Deloitte, erst im Rahmen eines Projektes, jetzt als Chance auf eine (geförderte) Praktikumsstelle. Einen Buchhaltungskurs bekommt er noch dazu, nach österreichischen Vorschriften. Und dann, so hofft er, eine Fixstelle. Nach zweieinhalb Jahren in Österreich.

Eine Frage des Blickwinkels

Die Furcht der Unternehmen vor Experimenten versteht er. Die Lösung ist, sich die von einer Vermittlungsstelle (Beispiele siehe Kasten) zu holen, die ihre Kandidaten persönlich kennen und deren Qualifikation und Leistungswillen abgeklopft haben. Eine Art Inplacement für Flüchtlinge, dabei aber nur eine Frage des Blickwinkels: Unter anderen Umständen wären dieselben Arbeitskräfte als Expatriates hoch geschätzt.

Erstmals publiziert am 8. Juli 2017 auf diepresse.com.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. © Andrea Lehky. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
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