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Interview

Kunst in Bewegung

Dora Hegyi und Judit Angel über 15 Jahre tranzit-Stipendien, den Nachhall der Monarchie und Netzwerke gegen Nationalismus.

20. September 2017
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Das länderübergreifende regionale Netzwerk tranzit unterstützt seit seiner Gründung im Jahr 2002 die zeitgenössische Kunst mit seiner Präsenz in Österreich, Ungarn, der Tschechischen Republik, der Slowakei und Rumänien. Anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Artist-in-Residence-Programms in Wien zeigt ein Kuratorinnenkollektiv von tranzit und ERSTE Stiftung die Ausstellung Stopover – Ways of Contemporary Exchange im MuseumsQuartier in Wien.

Daniela Fasching unterhält sich mit zwei Kuratorinnen der Ausstellung, Dora Hegyi (tranzit.hu) und Judit Angel (tranzit.sk).

Wie sind Sie als Kuratorinnen an die Ausstellung in Wien herangegangen?

Dora Hegyi: Wir finden es wichtig, über die Bedeutung von Residence-Programmen für die heutige Kunstproduktion und den Stellenwert Wiens für die Region zu diskutieren, in der wir arbeiten. Wien ist für Osteuropa in vielerlei Hinsicht nach wie vor ein kulturelles Zentrum – und das nicht erst seit heute, sondern seit vier Jahrhunderten. Es ist also eine lange Geschichte, mit der wir und die KünstlerInnen uns auseinandersetzen wollen.

Judit Angel: Der Bezug zu Wien als Hauptstadt der ehemaligen Monarchie und als kultureller Schmelztiegel erlaubt es uns auch, unterschiedliche Arten des Imperialismus im Laufe der Geschichte zu thematisieren. Einige Arbeiten befassen sich mit der Zeit vor und nach 1989, dem Kalten Krieg und dem postimperialen Zeitalter.

Stopover-Kuratorinnen: Christiane Erharter, Dora Hegyí, Judit Angel, Heide Wihrheim, Michaela Geboltsberger; Foto: VIENNA ART WEEK 2017/Christian Wind

Die Ausstellung feiert 15 Jahre tranzit-Stipendien. Kann man von einer Retrospektive sprechen?

Dora Hegyí: Nein, so würde ich das nicht bezeichnen. Einige der ausgestellten KünstlerInnen sind ehemalige TeilnehmerInnen des Artist-in-Residence-Programms, andere nicht, haben aber gewisse Verbindungen zu Wien und unserer kuratorischen Tätigkeit.

Judit Angel: Wir wollen eine Lanze für Artist-in-Residence-Programme, für die Idee eines unumgänglichen kulturellen Austausches und für die Mobilität brechen, besonders in der heutigen Zeit, in der neue Grenzen errichtet werden und die Reisefreiheit wieder in Gefahr ist. Ich halte es für sehr wichtig, ein klares Zeichen für die Mobilität von Kulturschaffenden, Intellektuellen oder KünstlerInnen zu setzen.

In der Ausstellung gehen wir der Idee eines unabdingbaren kulturellen Austausches nach, der stattfindet, wenn die Artist-in-Residence-KünstlerInnen an einen Ort kommen, wo sie einerseits gastfreundlich aufgenommen werden, andererseits mit spezifischen lokalen Werten und Problemen in Berührung kommen. Die KünstlerInnen bringen Themen aus ihrem jeweiligen Kontext mit, sind aber offen und aufgeschlossen gegenüber dem, was vor Ort passiert. Zwischen diesen Kontexten findet immer eine Art Bewegung statt. Natürlich gibt es allgemeine Themen, die uns alle als BewohnerInnen des Planten Erde betreffen. Über Probleme wie den Klimawandel, Ökologie, Migration und wirtschaftspolitische Krisen können wir nicht hinwegsehen. Die Ausstellung präsentiert ein Spektrum unterschiedlicher Orte – manche haben mit dem Gastland, andere mit den Herkunftsländern der KünstlerInnen zu tun –, doch sie alle haben mit den großen, für die gesamte Menschheit relevanten Fragen einen gemeinsamen Nenner.

Hannes Zebedin & Erich Robatsch: When Freedom Exists, There Will Be No State, 2017, Photo: Marlene Hausegger

Welche Rolle spielt ein regionales Netzwerk wie tranzit angesichts der vielen Möglichkeiten globaler Vernetzung und des kulturellen Austausches durch digitale Technologien?

Dora Hegyí: Nun, die Welt ist nicht so globalisiert, wie wir vielleicht denken, und Osteuropa ist nicht so homogen, wie wir glauben. Aus der Nähe betrachtet hat jeder Ort einen ganz eigenen Hintergrund, der aus der Ferne oft unscharf bleibt.

Judit Angel: Man hat das Gefühl, dass die weltweite Vernetzung allumfassend ist, aber wenn man genauer hinsieht, ist dies nicht überall und immer der Fall. Tatsächlich sind viele von diesen Netzwerken ausgeschlossen, und selbst wenn Informationen mehr oder weniger global verfügbar sind, unterscheidet sich das, was man damit in einem bestimmten Zusammenhang tun kann, tatsächlich sehr stark.

Dora Hegyí: Bei tranzit arbeiten alle Kunsträume autonom. Deshalb können sie auf Themen, die für die jeweiligen lokalen Szenen relevant sind, direkt eingehen. Der größte Wert des Netzwerks liegt darin, dass es Wissen hervorbringen und ortsspezifische Diskurse anregen kann, dabei jedoch von den lokalen Kunstszenen unabhängig ist.

Gruppo Tökmag, Sárkány Lee, Performance and Shadow theatre, Courtesy of the artist

Warum ist diese Unabhängigkeit von der lokalen Kunstszene so wichtig?

Dora Hegyí: In Ungarn besteht die Schwierigkeit, dass die lokale Kunstszene an internationale Anregungen nicht immer anknüpfen kann. Uns geht es hauptsächlich um kuratorische Vorschläge, deshalb betreiben wir Forschungsprojekte und diskutieren beispielsweise über die kulturpolitischen Entwicklungen von den 1960ern bis heute. Wenn wir internationale Akteure einladen, ist es nicht immer selbstverständlich, dass sich die lokale Kulturszene miteinbringt. Das liegt daran, dass die Kunsteinrichtungen nicht so einflussreich sind und sich je nach politischer Lage verändern – alle fünf bis zehn Jahre. Es gibt keinen kontinuierlichen Diskurs, dem eine neuere Generation folgen könnte. Seit 2010 sind wir zunehmend mit einer Politik konfrontiert, die progressiven Kultureinrichtungen die Zügel anlegt oder ihnen die Unterstützung entzieht, und die öffentlich finanzierten Kunsteinrichtungen repräsentieren ein ganz anderes Verständnis von zeitgenössischer Kunst – eines, das sehr nationalistisch ist und vom internationalen Diskurs abweicht.

„Wenn wir internationale Akteure einladen, ist es nicht immer selbstverständlich, dass sich die lokale Kulturszene miteinbringt. Das liegt daran, dass die Kunsteinrichtungen nicht so einflussreich sind und sich je nach politischer Lage verändern – alle fünf bis zehn Jahre. Es gibt keinen kontinuierlichen Diskurs, dem eine neuere Generation folgen könnte.“

Nur ein Beispiel am Rande: Ich höre mir oft die Kultursendungen des österreichischen Radiosenders Ö1 an, wo wirklich sehr aktuelle Themen diskutiert werden, die man im staatlichen Rundfunk Ungarns nie zu hören bekommt. Es gibt einen freien Radiosender, ein Bürgerradio namens TILOS, wo aktuelle kritische politische Themen diskutiert werden – die nationalen Radio- und Fernsehsender behandeln diese Themen jedoch nicht. Ich finde es problematisch, wenn es Informations- und Kommunikationslücken gibt. Seit fünf, wenn nicht gar zehn Jahren verabsäumen es die größten öffentlichen Medien, die reale Welt zu übertragen.

Kann ein Projekt wie tranzit etwas dazu beitragen, diesen Tendenzen entgegenzuwirken?

Dora Hegyí: In diesem Zusammenhang haben kleinere Formate wie die Off-Biennale oder tranzit eine wichtige Rolle als Raum für kritische Reflektion eingenommen, wo Menschen aufeinandertreffen, die sich außerhalb der unterstützten Kreise bewegen. Mit unserem frei zugänglichen Lehrformat haben wir auch etwas Neues und ziemlich Wichtiges in Sachen Internationalität eingeführt. Als wir damit begannen, gab es an der Budapester Kunstakademie keinen Studiengang für Curatorial Studies, das kam erst später.

Judit Angel: In der Slowakei und in Rumänien gibt es die Curatorial Studies offiziell noch immer nicht, was bedeutet, dass jeder mehr oder weniger Autodidakt sein muss. Natürlich kann man an der Universität Kunstgeschichte studieren, aber das lässt sich nicht vergleichen. Wir versuchen, in Form von Vorlesungen und Seminaren experimentelle oder interessante kuratorische Modelle zu präsentieren, mit lokalen Produzenten in eine Art Dialog zu treten – und dabei einerseits ihre Bedürfnisse zu decken, aber auch Vorschläge zu unterbreiten und neue Antworten anzuregen.


Eine kürzere Fassung dieses Interviews wurde zuerst im Journal der VIENNA ART WEEK 2017 veröffentlicht. Wir danken Daniela Fasching und Barbara Wünsch (VIENNA ART WEEK) für die gute Zusammenarbeit.

Titelbild: Oto Hudec, Long Long road, Detail, 2012, Courtesy der Künstler und Gandy gallery


Stopover – Ways of Temporary Exchange

22. September bis 25. November 2017, Dienstag – Sonntag 13 -20 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Eintritt frei

Mit Abandoned (re)creation, Zbyněk Baladrán, Igor and Ivan Buharov, Aleš Čermák, Anetta Mona Chişa & Lucia Tkáčová, Cristina David, Ricarda Denzer, Katalin Erdődi, ex-artists’ collective, Ferenc Gróf, Gruppo Tökmag, Márton Gulyás, Oto Hudec, Adela Jušić, Lenka Kukurová, Ioana Nemeş, Polygon Creative Empire, Isa Rosenberger, Alina Şerban, Tereza Stejskalová, Kamen Stoyanov, Johanna Tinzl & Stefan Flunger, Mona Vătămanu & Florin Tudor, Raluca Voinea, Hannes Zebedin.

Veranstaltungen während der Ausstellungsdauer

Alle Veranstaltungen bei freiem Eintritt

Ausstellungseröffnung
Donnerstag, 21. September, 19 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Lesung/Performance Ferenc Gróf: 20 Uhr
Führung durch das Sissi Quartier von Polygon Creative Empire: 20:30 Uhr

Mona Vătămanu & Florin Tudor
Freitag, 22. September, 17 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Filmvorführung, Diskussion

Polygon Creative Empire
Freitag, 22. September, 18 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Führung durch das Sissi Quartier

Isa Rosenberger: Nový most
Freitag, 6. Oktober, 17 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Filmvorführung, Diskussion

Abandoned (re)creation: Highlights from Slovak Functionalist and Modernist Architecture
Samstag, 7. Oktober, 10-18 Uhr
Treffpunkt: Bellariastrasse/Museumsplatz
Anmeldung und Information: culture@erstestiftung.org
Exkursion nach Bratislava, Stadtführung

Cristina David und Michael Ehn: Re-enactment of a Chess Game
Samstag, 7. Oktober, 20 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Performance im Rahmen der ORF Langen Nacht der Museen

Alina Şerban im Gespräch mit Cristina David
Dienstag, 17 Oktober, 18 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Künstlerinnengespräch

Art Aid: Social Movements and Activism
Donnerstag, 19 Oktober, 16:30-19 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Projektpräsentationen, Diskussion mit Petja Dimitrova, Márton Gulyás, Oto Hudec, Lenka Kukurová, Kamen Stoyanov

Aleš Čermák: POLO SHIRT [DISCIPLINE]
Donnerstag, 19 Oktober, 19 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space

Igor und Ivan Buharov: Most of the Souls That Live Here
Freitag, 20 Oktober, 18 Uhr
Blickle Kino im 21er Haus, Arsenalstrasse 1, 1030 Wien
Filmvorführung, Diskussion, mit einer Einführung von Katalin Erdődi

Cristina David hosts Frau Schach (Ms Chess)
Samstag, 7 November, 17-20 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Treffen des Wiener Frauenschachclubs

Gender Woodstock: Feminist Art Practices
Freitag, 17 November, 15-20 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Präsentationen, Vorträge, Performance von Zbyněk Baladrán, Adela Jušić, Tereza Stejskalová, Johanna Tinzl, Lucia Tkáčová, Raluca Voinea und anderen im Rahmen der VIENNA ART WEEK 2017

Gruppo Tökmag: Sárkány Lee (Dragon Lee)
Samstag, 18 November, 20 Uhr
frei_raum Q21 exhibition space
Theaterperformance, Diskussion

Eine Kooperation von tranzit und ERSTE Stiftung mit frei_raum Q21.