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Feature

Kramatorsk

Eine Stadt am Rande des Krieges

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Der Fotograf Florian Rainer und die Journalistin Jutta Sommerbauer dokumentieren in ihrem Buch Grauzone: Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass die Geschichten von Menschen aus dem Kriegsgebiet. Fragen nach der persönlichen Verortung in diesem Konflikt, der Bewahrung von Individualität und den Perspekti­ven für die Zukunft haben die beiden auf ihrer Recherche geleitet.

Grauzone ergründet die neuen Realitäten, die die militarisierte Grenze schafft. Improvisation, Stillstand und Un­gewissheit, Angst und Melancholie bestimmen das tägliche Leben, aber auch menschliches Durch­haltevermögen und verhaltene Hoffnung, die sich meist aus den kleinen Dingen des Alltags speist. Mehr zur Reise hier.

Kramatorsk ist eine Stadt am Rande des Krieges. Nur ein paar Dutzend Kilometer weiter südlich kann man von Alltag nicht mehr reden. Hier schon. Die Schlote rauchen, Arbeiter stapfen von der Maschinenfabrik über den Grünstreifen bergan nach Hause, die Internationalen haben sich in der Stadt stationiert. Sie kurven in ihren weißen gepanzerten Jeeps durch die schnurgeraden Straßen, die von blassgelben Arbeiterkasernen gesäumt sind.

Kramatorsk nennen sie Crappytorsk oder Kramadischu. Seit dem Konflikt sind die Herbergen stets gut belegt und die Wohnungspreise explodiert. Kramatorsk ist jetzt Gebietshauptstadt. Das, was früher einmal Donezk war. Das offizielle Zentrum der Region. Beamte, Businessmänner und Studenten sind zugezogen.

Kramatorsk ist jetzt Gebietshauptstadt.
Das, was früher einmal Donezk war.

In der Alchemist Bar in einem alten Stalinbau trinken Expats belgisches Bier, die Top Boys, Singersongwriter aus Slowjansk, zupfen melancholisch ihre Gitarren. Hipster im früheren Sowjetkino. Die Alternativen treffen sich in der Wilna Hata, einem Jugendzentrum im Erdgeschoß eines Wohnbaus, wo Tee statt Wodka getrunken wird und bei Poetry Slams die Stadtjugend die Liebe und die Langeweile deklamiert. Auf einem Markt spielt ein junger Geiger eine Melodie: „I did it my way.“ Kramatorsk, manche nennen es das Berlin des Donbass.

Über die Stadt wacht die ukrainische Armee wie über eine ihr zugefallene fette Beute. Die Separatisten waren in Kramatorsk nur ein kurzer Schrecken, im Juli 2014 sind sie nach Donezk abgezogen. Wenig erinnert heute noch an sie. Am Ortsrand führt die Straße hinauf zum Lenindenkmal, von dem nur noch der Sockel übrig ist. Beim Einfahrtsportal hat jemand auf die Kommunistensteine und Stalinamphoren wie eine Besitzmarkierung die Nationalfahne in Blau-Gelb gesprüht. Doch darunter tritt verkrustete Sprayfarbe hervor, es sind Reste der Separatistentrikolore in Schwarz-Blau-Rot. Ein rotes Rinnsal, wie Blutstropfen.

Auszug aus dem Buch Grauzone: Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass, erschienen im April 2018 bei bahoe books, Wien. Die Recherchereisen wurden durch das Grenzgänger Programm der Robert Bosch Stiftung ermöglicht.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © bahoe books / Florian Rainer, Jutta Sommerbauer. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Titelbild und alle Fotografien: © bahoe books / Florian Rainer.