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Fakten

Kosovos demografisches Schicksal

Europas jüngster Staat ist vor der Alterung und Entvölkerung, die die Gesellschaften auf dem Balkan aushöhlen, nicht gefeit.

23. Juni 2020
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Der Kosovo mag zwar der jüngste Staat Europas sein, doch wer auch immer das Sagen hatte, hat nicht nur Steuern kassiert, sondern auch Daten erhoben.

In einer Urkunde des im Westen des Kosovo gelegenen serbisch-orthodoxen Klosters Visoki Dečani aus dem Jahr 1330 ist die Zahl der Siedlungen und Haushalte in der näheren Umgebung und im heutigen Nordalbanien dokumentiert. Daraus scheint hervorzugehen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen dort serbischer Herkunft waren. Vonseiten einiger albanischer Historiker wird dies bezweifelt. Sie argumentieren, dass albanische Namen von serbischen Behörden „slawisiert“ und damit assimiliert worden wären.

In der Geschichte des Kosovo ging es immer um Krieg mit anderen Mitteln, weshalb es einfacher ist, detaillierte Analysen über die Größe der serbischen und albanischen Volksgruppen zu finden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in den vergangenen Jahrhunderten im Kosovo gelebt haben, als Analysen über Zahlen, Trends und damit über die Bedürfnisse der Menschen – und nicht der serbischen, albanischen und anderer Ethnien, die heute im Kosovo leben – ausfindig zu machen. Statistiken wurden je nach Bedarf zur Unterstützung der einen oder anderen Seite aufgestellt, zurechtgebogen oder einfach grob geschätzt – was eine schlüssige Analyse der demografischen Entwicklung im Kosovo weitaus schwieriger macht als irgendwo sonst auf dem Westbalkan.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Bevölkerungsveränderung im Kosovo. Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Im Jahr 2010 betrug die Wohnbevölkerung des Kosovo laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, das seine Daten vom kosovarischen Statistikamt (ASK) bezieht, 2,2 Millionen Personen. Ein Jahr später waren es jedoch 1,79 Millionen. Sind also plötzlich mehr als 400.000 Menschen gestorben oder ausgewandert? Natürlich nicht. Die Erklärung für diese statistische Kluft hilft uns zu verstehen, warum es die Politik ist, die sich der Ermittlung der genauen Zahl der Menschen im Kosovo in den Weg stellt.

Die Erklärung für diese statistischen Kluft hilft uns zu verstehen, warum es die Politik ist, die sich der Ermittlung der genauen Zahl der Menschen im Kosovo in den Weg stellt.

Im Jahr 1981 betrug die Gesamtbevölkerung gemäß der jugoslawischen Volkszählung 1,58 Millionen Menschen, von denen 77,4 Prozent albanischer und 14,9 Prozent serbischer und montenegrinischer Herkunft waren. Bei der nächsten Volkszählung 1991 hatte der serbische Machthaber Slobodan Milošević die Autonomie des Kosovo abgeschafft, weshalb die albanische Bevölkerung die Volkszählung boykottierte, sodass das Statistische Bundesamt Jugoslawiens auf Schätzungen angewiesen war. Es kam zu dem Ergebnis, dass zu jenem Zeitpunkt 1,97 Millionen Menschen im Kosovo lebten, von denen 82,2 Prozent albanischer Herkunft waren.

Tatsächlich lebten weniger Menschen im Land, weil in der jugoslawischen Volkszählung auch die im Ausland arbeitenden Personen und deren Familien erfasst wurden. Nach einer Schätzung des Bundesamts aus dem Jahr 1989 waren im Kosovo nur etwa 1,87 Millionen Personen ansässig.

In den 1990er-Jahren hieß es jedoch verbreitet, dass die Bevölkerung des Kosovo mindestens zwei Millionen Menschen betrug. Die erste Zählung nach dem Krieg im Jahr 2011 zeigte, dass die Einwohnerzahlen weitaus geringer waren als angenommen, was den abrupten Rückgang der Eurostat-Zahlen erklärt.

Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy
Kosovo – Demografische Kennzahlen. Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Der Irrtum beruhte hauptsächlich auf dem Rückgang der Geburtenziffern, die zu Zeiten der Republik Jugoslawiens sehr hoch gewesen waren. Im Jahr 1950 bekamen Frauen im Durchschnitt 7,6 Kinder. Bis 1981 war diese Zahl auf 4,58 gesunken. 1991 lag der Wert bei 3,58 und fiel schließlich 2015 unter die Reproduktionsrate auf 2,00, wo er 2018 unverändert blieb. Bis zur Volkszählung 2011 beruhten die Prognosen jedoch auf höheren als den tatsächlichen Geburtenziffern.

Es gab auch keine genauen Statistiken darüber, wie viele Menschen das Land verlassen hatten und, wie im Fall der serbischen Volksgruppe, nach Serbien ausgewandert waren oder, im Fall der Kosovo-Albaner [Anm. d. Red.: im Folgenden jeweils im Sinn der Geschlechtergerechtigkeit alle Geschlechter gemeint], in andere Länder. Die Volkszählung von 2011 war zwar die erste, die seit 1981 ein annähernd zuverlässiges Bild der Bevölkerung des Kosovo bot, wurde aber von den Kosovo-Serben boykottiert, bzw. fand in den vier serbisch kontrollierten Gemeinden im Norden des Landes nicht statt. Ihre Zahlen beruhen daher auf Schätzungen des ASK.

Heute wird die Gesamtbevölkerung der vier überwiegend serbisch bevölkerten nördlichen Gemeinden auf ihren Webseiten mit 70.430 beziffert. Klammert man Studierende, insbesondere aus anderen Teilen Serbiens, jedoch aus, könnte diese Zahl aus politischen Gründen zu hoch angesetzt sein.

Die serbische Bevölkerung des Kosovo altert schnell und nimmt stetig ab. Es gibt nicht genügend Beschäftigungsmöglichkeiten für die Allgemeinbevölkerung, geschweige denn für Kosovo-Serben, von denen ein großer Teil kein Albanisch spricht.

Im Laufe des vergangenen Jahres haben die Präsidenten Serbiens und des Kosovo mit dem Gedanken eines Gebiets- und Bevölkerungsaustausches gespielt, demzufolge der Norden des Kosovo gegen das mehrheitlich von ethnischen Albanern bewohnte Preševo-Tal in Südserbien (dessen albanische Bevölkerung ihrerseits die letzte serbische Volkszählung boykottierte) getauscht werden soll. Aus serbischer Sicht sieht man ein Problem darin, dass im Falle eines Tausches die Mehrheit der Kosovo-Serben im Süden zurückbleiben würde – es sei denn, die Zahlen der Gemeinden stimmten. Serbischen Quellen zufolge ist dies jedoch nicht der Fall.

Die Zahlen zur Einschulung und zur serbisch-orthodoxen Kirche deuten auf eine kosovo-serbische Wohnbevölkerung von etwa 100.000 Personen hin, von denen etwa 40 Prozent im Norden und der Rest im Süden leben. Wenn der Verdacht zutrifft, dass die Bevölkerungszahlen des Nordkosovo in den Dienst politischer Ziele gestellt wurden, so wäre es nicht das erste Mal in der jüngeren Geschichte.

In den 1980er-Jahren nahm die serbische Politik die extrem hohe Geburtenrate Albaniens zum Anlass für die Behauptung, die kinderreichen Familien der Kosovo-Albaner seien eine bewusste Entscheidung, um den Kosovo zu ihrem Land zu machen – und klammerte die Tatsache aus, dass arme Gesellschaften, in denen die meisten Frauen nicht arbeiten, tendenziell hohe Geburtenraten haben. Das Argument zeigte dennoch Wirkung und half Milošević, an die Macht zu kommen – ein Wendepunkt, der zur Zerstörung Jugoslawiens führte.

Gleichzeitig brauchten große Familien Grund und Boden sowie Häuser, und dieser Bevölkerungsdruck führte dazu, dass viele Serben ihren Besitz an Albaner verkauften und nach Serbien übersiedelten, wo sie mit dem Geld weit mehr kaufen konnten als im Kosovo.

Nach dem Krieg 1999, als die Serben vor ethnischen Säuberungen flohen, hieß es von offizieller serbischer Seite, dass etwa 220.000 Serben nach Serbien gekommen seien. Schenkt man der Volkszählung von 1991 Glauben, waren dies mehr, als tatsächlich dort lebten. Damals nahmen Serben und Montenegriner an der Datenerhebung teil, bei der 215.346 von ihnen sowie 42.806 Roma erfasst wurden. Tatsächlich ergab eine genaue Analyse des Think-Tanks Europäische Stabilitätsinitiative, dass die Anzahl der Geflüchteten in Wirklichkeit bei etwa 65.000 lag.

Damals griffen UN-Organisationen auf serbische Zahlen zurück und verliehen ihnen so Glaubwürdigkeit. Heute altert die serbische Bevölkerung des Kosovo schnell und nimmt stetig ab. Es gibt nicht genügend Beschäftigungsmöglichkeiten für die Allgemeinbevölkerung, geschweige denn für Kosovo-Serben, von denen ein großer Teil kein Albanisch spricht.

Größte demografische Verlierer. Abbildung: © Ewelina Karpowiak / Klawe Rzeczy

Überall auf dem Balkan deuten Trends auf alternde und schrumpfende Gesellschaften hin, aus denen junge und qualifizierte Menschen in Scharen abwandern. Heute hat der Kosovo dank seiner Bevölkerungsexplosion, insbesondere in den 1980er-Jahren, die jüngste Bevölkerung Europas. Doch nun, da die Geburtenrate unter das Reproduktionsniveau gesunken ist, sowie aufgrund der Abwanderung, beginnt auch die albanische Bevölkerung des Kosovo und damit die gesamte Bevölkerung zu altern und zu schrumpfen.

Laut Analysen des ASK könnte die Bevölkerung des Kosovo bis zum Jahr 2061 auf 1,49 Millionen sinken. Im Jahr 2017 waren 25 Prozent der Bevölkerung 14 Jahre alt oder jünger und acht Prozent 65 Jahre alt oder älter. Bis 2061 könnten es in der jüngsten Altersgruppe nur noch 13 Prozent sein, verglichen mit 27 Prozent in der Gruppe 65 plus. Die Abwanderung ist ein leidiges, politisch instrumentalisiertes Thema und lässt sich aufgrund fehlender Daten auch nur schwer in Zahlen gießen.

Heute hat der Kosovo dank seiner Bevölkerungsexplosion, insbesondere in den 1980er-Jahren, die jüngste Bevölkerung Europas.

Zu Zeiten der jugoslawischen Republik gab es im Wesentlichen drei Auswanderungsströme: Kosovo-Albaner und Serben, die als sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter ins Ausland zogen, Kosovo-Serben, die nach Serbien gingen und Kosovo-Albaner, die sich in anderen Teilen Jugoslawiens niederließen. Die Zerstörung Jugoslawiens setzte der legalen Auswanderung mit Ausnahme der Asylsuchenden ein Ende. Im Zeitraum 2013-16 belief sich in der EU die Zahl der wirtschaftlich motivierten Asylanträge von Kosovaren inklusive derer, die sich nachweislich illegal in EU-Staaten aufhielten, auf beachtliche 229.005.

EUROPE'S FUTURES

Europa erlebt seine dramatischste und herausforderndste Zeit seit dem Ende des Zweiten Weltkrieg. Das europäische Projekt steht auf dem Spiel und die liberale Demokratie wird sowohl von innen als auch von außen gefordert. Von allen Seiten der staatlichen und nicht-staatlichen Akteure ist es dringend erforderlich, sich mit den brennenden Problemen zu befassen und das, was durch das politische Friedensprojekt sorgfältig erreicht wurde, zu bekräftigen.

Zwischen 2018 und 2021 engagieren sich jedes Jahr sechs bis acht führende europäische Expertinnen und Experten als Europe’s Futures Fellows. Sie schaffen damit eine einzigartige eine Plattform der Ideen, um grundlegende Maßnahmen zu präsentieren, deren Ziel es ist, die Vision und Realität Europas zu stärken und voranzutreiben. Europe’s Futures basiert auf eingehenden Untersuchungen, konkreten politischen Vorschlägen und dem Austausch mit staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, dem öffentlichen Diskurs und Medien.

Nun wird ein neues Kapitel aufgeschlagen: Während Menschen aus dem Kosovo weiterhin ohne Visum in den Schengen-Raum einreisen können, haben Länder wie Deutschland und Kroatien damit begonnen, ihnen Arbeitsgenehmigungen in noch nie dagewesener Form und Zahl zu erteilen.

Mittlerweile können wir uns zwar auf die Statistiken anderer Länder verlassen, was die Zahl der dort wohnhaften Kosovo-Bürgerinnen und -Bürger betrifft, die Größe der Diaspora lässt sich jedoch nur erahnen, auch wenn sie in Europa allgemein auf etwa 700.000 Personen geschätzt wird. Eine begrenzte Anzahl fällt auf Nordamerika und andere außereuropäische Länder.

Diese Angaben beziehen sich jedoch nur auf Kosovo-Albaner. Während die Zahl der Kosovo-Serben außerhalb des Kosovo und Serbiens gering einzuschätzen ist, trifft das wohl nicht auf die Anzahl der im Kosovo Geborenen und ihrer Nachkommen in Serbien zu. Jede Person, die im Kosovo geboren wurde oder einen Elternteil hat, der oder die als Bürger oder Bürgerin registriert ist, hat Anspruch auf die kosovarische Staatsbürgerschaft und darf wählen.

Im Jahr 2018 lebten in der Schweiz 111.826 Menschen aus dem Kosovo, in Deutschland waren es 218.150 und in Österreich 25.025. Zwischen 2010 und 2018 erwarben 25.311 Kosovaren das Schweizer Bürgerrecht. Das trifft in den Jahren zuvor aber auch auf zahlreiche Personen zu, die Bürgerinnen und Bürger Jugoslawiens oder Serbiens waren, und anhand dieser Zahlen lässt sich unmöglich sagen, wer aus dem Kosovo kam oder wer serbischer oder albanischer Herkunft war.

Deutschland hat erst ab 2008 mit der Erfassung der Einbürgerungen von Menschen aus dem Kosovo begonnen. Ab diesem Zeitpunkt waren es bis 2018 insgesamt 33.966.

Das trifft in den Jahren zuvor aber auch auf zahlreiche Personen zu, die Bürgerinnen und Bürger Jugoslawiens oder Serbiens waren, und anhand dieser Zahlen lässt sich unmöglich sagen, wer aus dem Kosovo kam oder wer serbischer oder albanischer Herkunft war. Deutschland hat erst ab 2008 mit der Erfassung der Einbürgerungen von Menschen aus dem Kosovo begonnen. Ab diesem Zeitpunkt waren es bis 2018 insgesamt 33.966.

Angesichts dieser Zahlen ist es durchaus möglich, dass die Gesamtzahl der Diaspora in Europa, einschließlich der Nachkommen mit ausländischer Staatsangehörigkeit, etwa doppelt so hoch ist wie die Zahl der im Ausland lebenden Bürgerinnen und Bürger des Kosovo, also es sich de facto um etwa 700.000 Menschen handelt. Im Jahr 2018 machten die Geldsendungen der Diaspora nach Angaben des Internationalen Währungsfonds 11,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Das Medianalter im Kosovo liegt bei 29,06 Jahren, in Albanien bei 36,07 Jahren und in Serbien bei 43 Jahren.

Der Kosovo sollte von seiner jungen Bevölkerung weitaus mehr profitieren, als es derzeit der Fall ist. Der Mangel an Arbeitsplätzen und die Chancenlosigkeit hemmen indes nach wie vor das Wachstum und fördern die Abwanderung. Die Trends sind jedoch eindeutig. Der Kosovo liegt in Bezug auf Alterung und Bevölkerungsrückgang Jahre – wenn nicht gar Jahrzehnte – hinter dem Rest des Balkans zurück, aber wenn sich nichts ändert, bewegt sich das Land in genau dieselbe Richtung wie seine Nachbarn.

Der Artikel gibt die Meinung des Autors wieder und repräsentiert nicht den Standpunkt von BIRN oder der ERSTE Stiftung.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert am 7. November 2019 auf Reportingdemocracy.org, einer journalistischen Plattform des Balkan Investigative Reporting Network. Der vorliegende Text ist im Rahmen des Europe’s Futures Projekts entstanden.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Tim Judah. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
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