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Kollektives Gedächtnis und öffentlicher Raum

Die Freiheitsplätze von Bratislava, Brünn und Budapest.

16. März 2018
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Budapest ist nicht die einzige Stadt, die ihren Freiheitsplatz hat. Es gibt tatsächlich mehrere in der Region. Jeder dieser herausragenden Plätze ist auf seine Weise problematisch. Im Rahmen des EAM-Projekts besuchte Vanda Sárai die Freiheitsplätze von Brünn, Bratislava und Budapest und ihre jeweiligen Denkmäler.

Fragen des kollektiven Gedächtnisses führen seit vielen Jahren zu Auseinandersetzungen im politischen Alltag Ungarns. Die Errichtung von Denkmälern gab Anlass zu heftigen Kontroversen, politische Parteien äußerten oftmals ihre Missbilligung über die Abhaltung bzw. Nicht-Abhaltung verschiedener Gedenkjahre sowie den Aufbau bzw. das Fehlen von Institutionen, die sich der Forschung und Erinnerung an bestimmte historische Traumata widmen. Spaziert man durch Budapest, so stößt man an fast jeder Ecke auf Denkmäler, doch diese Monumente waren für die Menschen auf der Straße noch nie so unsichtbar und bedeutungslos wie heute.

Auch wenn wir oft an Denkmälern vorbeigehen, ohne überhaupt Notiz von ihnen zu nehmen, spielt es dennoch eine Rolle, was politische AkteurInnen mit ihnen im öffentlichen Raum darstellen wollen und auf welche Weise sie dies tun. Das gilt im Besonderen für Denkmäler an historisch bedeutsamen Orten und auf belebten Straßen oder Plätzen. Seit Jahren ein umkämpftes Thema der Erinnerungspolitik ist der Budapester Szabadság tér (Freiheitsplatz): ein repräsentatives Beispiel dafür, wie sehr Baudenkmäler Anlass zu politischen Konflikten geben können, sowie für die Vielzahl von Denkmälern pro Quadratmeter. Die Geschichten und wechselseitigen Beziehungen der hier errichteten Monumente verdeutlichen die Gräben in der ungarischen Gesellschaft und die in der Vergangenheit verwurzelten Spannungen.

Nachdem ich die Ereignisse und Vorgänge auf dem Szabadság tér regelmäßig und mit Interesse verfolge, fand ich es besonders faszinierend, dass die Geschichten der Freiheitsplätze im Zentrum von Bratislava und Brünn ebenfalls nicht frei von Konflikten und Spannungen sind. Diese Plätze zeigen die Entwicklungen in der Erinnerungspolitik jedoch auf sehr unterschiedliche Weise auf. Aus diesem Grund finde ich es wichtig, die Rolle, die diese Städte mit gemeinsamen historischen Wurzeln ihren Freiheitsplätzen in ihren jeweiligen urbanen Kontexten zuschreiben, zu vergleichen und zu analysieren, was dies über ihre kollektive nationale Erinnerung und ihre Nutzung des öffentlichen Raums aussagt. Überdies erachte ich es als bedeutsam, zu untersuchen und aufzuzeigen, welche Arten von (künstlerischen) Positionen an diesen Orten als Reaktion auf die offizielle Linie der Erinnerungspolitik bzw. als Versuch, in diesem Kontext aktiv zu werden, Ausdruck fanden.

EAST ART MAGS lesen im erstestiftung.org Magazin

EAST ART MAGS (EAM) ist ein Gemeinschaftsprojekt von vier Kunstzeitschriften in Ostmitteleuropa: Artalk (Tschechien/Slowakei), Artportal (Ungarn), Revista Arta Online (Rumänien) und SZUM (Polen). EAM versteht sich als Plattform zur Aufbereitung und Veröffentlichung von Inhalten verbunden mit dem Angebot von Capacity Building für KunstjournalistInnen in der Region. EAM wird unterstützt vom VISEGRAD FUND und AFCN.

erstestiftung.org teilt ausgewählte EAM Artikel, übersetzt sie ins Deutsche und – falls noch nicht verfügbar – ins Englische.

Dieser Artikel von Vanda Sárai wurde im Rahmen des EAM Residency-Programms verfasst und mit Unterstützung von AFCN und ICR Budapest ermöglicht. Er wurde erstmals am 19. Jänner 2018 auf Artalk (CZ / SK) und auf artportal.hu auf Englisch und Ungarisch veröffentlicht.

Damals und heute

Die Freiheitsplätze der Region haben im Laufe ihrer Geschichte zahlreiche Veränderungen erfahren und im Leben der EinwohnerInnen dieser Städte verschiedene Funktionen erfüllt. Der Platz in Budapest, der mittlerweile eine Unzahl an verschiedenen Denkmälern aufweist, wurde mit Skulpturen ausgestattet, die den Protest gegen bzw. den Unmut über die Ungerechtigkeit des Vertrags von Trianon zum Ausdruck brachten und seine Revidierung forderten. In Bratislava wurde der Platz nach seinem Bau zunächst für öffentliche Veranstaltungen genutzt und diente zwischen den zwei Weltkriegen als Truppenübungsplatz. Vor dem Zusammenbruch des kommunistischen Systems 1989 nannte man ihn Klement-Gottwald-Platz in Gedenken an den früheren Präsidenten der Tschechoslowakei. Viele Einheimische nennen ihn auch heute noch „Gottko”, sein offizieller Name lautet jedoch Námestie Slobody. Der Platz im Zentrum von Brünn diente im Mittelalter als Marktplatz. Seinen auch heute noch gültigen Namen erhielt er 1918. In den vergangenen 100 Jahren wurde dieser nur zwei Mal vorübergehend geändert: 1939 wurde er für einen Tag lang in Adolf-Hitler-Platz umbenannt und nach der deutschen Invasion, zwischen 1942 und 1945, in Viktoria-Platz zur Feier des deutschen Sieges über Europa.

"Irredenta" Erinnerungsort in den 1930er Jahren, Budapest. Foto: Fortepan Archiv

Während von all den revisionistischen Monumenten, die zwischen den beiden Weltkriegen errichten wurden, so gut wie keines übriggeblieben ist, reiht sich am Budapester Freiheitsplatz ein Denkmal an das andere. In Bratislava ist der 1979 auf dem riesigen Platz errichtete Freundschaftsbrunnen seit zehn Jahren außer Betrieb – ein trauriges und desolates Ding aus Beton im Herzen der Stadt. Es gibt immer wieder Pläne seitens der Stadt, den Platz zu revitalisieren, doch bislang haben diese zu keinen konkreten Maßnahmen geführt. Von den drei Freiheitsplätzen ist jener in Brünn noch am wenigsten politisch behaftet. Der als besonders bedeutend erachtete Platz dient der Stadt heute im Wesentlichen als Verkehrsknotenpunkt. Aber auch hier gibt es ein Denkmal, das für einen öffentlichen Eklat gesorgt hat. Seit seiner Errichtung konnte kein Konsens darüber erzielt werden. Auf den ersten Blick mag es den Anschein haben, dass die drei Plätze nur ihr Name verbindet. Bei näherer Betrachtung sind jedoch sehr ähnliche Phänomene auszumachen, die sich auf unterschiedliche Weise manifestieren.

Freundschaftsbrunnen, Bratislava. Foto: Flickr / Steve Kirkby

Budapest – Der Platz der durch Zäune geschützten Denkmäler

Die Geschichte des Budapester Szabadság tér, über die in den lokalen und internationalen Medien umfassend berichtet wurde, ist vermutlich die bekannteste der drei Freiheitsplätze. Das Denkmal der deutschen Besatzung, das nie eingeweiht, aber auch nie entfernt wurde, und der Skandal, den es verursachte, beherrschen den Diskurs über den Platz. Indes ist es wichtig zu verstehen, dass das Thema Szabadság tér weitaus komplexer ist.

Inmitten des fünften Bezirks, nahe dem Parlament, ist der Platz von Gebäuden wie dem Hauptsitz der ungarischen Nationalbank, der unzugänglichen US-amerikanischen Botschaft und dem ehemaligen Börsenpalast und späteren Sitz der öffentlich-rechtlichen ungarischen Fernsehanstalt umgeben. Letzterer steht mittlerweile leer und harrt seiner Renovierung. Der seit 1900 Szabadság tér genannte Platz war seit Anbeginn ein bedeutender Ort der Repräsentation, auf den jedes Regime seine ideologisch passenden Skulpturen stellte. Nach dem Ersten Weltkrieg regierte das Thema Schmerz über den Verlust ungarischen Territoriums den Platz – mit der von Lord Rothermere gestifteten Skulptur des ungarischen Schmerzes (für Details auf Ungarisch hier klicken), der Landesflagge mit Reliquie und dem Trianon-Blumenbeet. Von den in der Zwischenkriegszeit errichteten Statuen blieb nur das Denkmal von General Bandholtz übrig. Die neue Inschrift auf seiner Rückseite lautet: „General Harry Hill Bandholtz, Chef der amerikanischen Militärmission, der am 5. Oktober 1919 die Verbringung der Schätze des Nationalmuseums nach Rumänien verhinderte.“

Weniger bekannt ist, dass sich der Eingang der reformierten Heimkehr-Kirche ebenfalls am Szabadság tér befindet. In jüngster Vergangenheit machte diese Kirche vor allem dadurch Schlagzeilen, dass 2013 eine Büste von Miklós Horthy – ungarischer Staatschef zwischen 1920 und 1944 – vor dem Kirchentor aufgestellt wurde. Obwohl sich die Kirche in Privatbesitz befindet und die Errichtung der Statue somit kein offizieller Staatsakt war, führten Konfrontationen zwischen den Einweihungsgästen und Demonstranten beinahe zu einem tätlichen Zusammenstoß während der Eröffnungszeremonie. Die Büste wurde schlussendlich dennoch eingeweiht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Erinnerung auf diesem öffentlichen Platz vom sowjetischen Einfluss geprägt. Hier wurde 1945 das sowjetische Heldendenkmal errichtet – ein Thema, das die Öffentlichkeit nach wie vor spaltet. Eine Kopie einer anlässlich Stalins 70. Geburtstag gefertigten Skulptur stand ebenfalls zwischen 1950 und 1956 auf dem Platz. Die Statue mit dem Titel „Dem großen Stalin vom dankbaren ungarischen Volk“ wurde während des Volksaufstandes 1956 zerstört. Das sowjetische Heldendenkmal, das auch heute noch steht, war wiederholt Ziel von Protestaktionen: Es wurde nach dem politischen Systemwechsel des Öfteren beschädigt, am stärksten während der Demonstrationen gegen die sozialistische Regierung im Jahr 2006. Trotz des ihn umgebenden Zauns wurde das Ehrenmal mit Graffiti beschmiert und Demonstranten forderten in ihren Protestmärschen seine Entfernung.

Die Skulptur des ungarischen Schmerzes, Emile Guillaume, 1932. Foto: Fortepan Archiv

Auch wenn die Zäune irgendwann entfernt wurden, ist die Legitimität des Monuments bis heute politisch umstritten. Nach der politischen Wende wurde der Platz durchmischter: 1991 errichtete man ein Denkmal für István Széchenyi [Anm.: ungarischer Staatsreformer], 2006 eines zu Ehren des schwedischen Diplomaten Carl Lutz und 2010 entstand an einer Seite des Platzes ein interaktiver Brunnen. Die Statue von Ronald Reagan nahe der amerikanischen Botschaft wurde 2011 eingeweiht.

Diese Artefakte flankieren das umstrittene Denkmal der deutschen Besatzung, das 2014 dort errichtet wurde – als eine Art Gegengewicht zum sowjetischen Denkmal. Das neue Monument veranschaulicht auf exemplarische Weise, wie festgefahren die Situation ist. Aufgrund der hitzigen Proteste wurde es nie offiziell eingeweiht, aber auch seine Entfernung steht außer Frage, wäre dies doch ein offenes Eingeständnis der Fehlentscheidung und des Scheiterns der derzeitigen Regierung. Künstler- und Historikerkreise haben die von Péter Párkányi Raab geschaffene Skulptur vielfach kritisiert – wobei ihr anachronistischer Stil vermutlich noch am wenigsten verstörend ist. Das Denkmal wirft weitaus bedeutsamere und schwerwiegendere strukturelle Probleme auf: Ungarn wird hier als Opfer des Zweiten Weltkriegs dargestellt, und alle Kriegsverbrechen sowie die Kollaboration mit den Nazis wären der deutschen Besetzung zuzuschreiben. (Klicken Sie hier und hier, um mehr zu diesem Thema zu erfahren.)

Die Entfernung der Absperrung rund um das sowjetische Denkmal löste heftige Proteste aus, ebenso wie die Einweihung der Büste von Horthy. Eine große, von der Kunstszene initiierte Protestbewegung gab es jedoch nur als Reaktion auf das Denkmal der deutschen Besatzung. Seit Jahren protestieren Gruppen wie Eleven Emlékmű („Lebendiges Denkmal“) und Szabadság Színpad („Freiheitsbühne“) Tag für Tag unverdrossen gegen das Denkmal, das historische Ereignisse allzu vereinfacht darstellt, und sprechen sich für die Bedeutung eines kontinuierlichen Diskurses und persönlicher Erinnerung aus – im Gegensatz zum offiziellen Diskurs und der offiziellen Erinnerungspolitik. Diese Gruppen haben sich ihre eigenen Aktionsinfrastrukturen geschaffen. Die von KünstlerInnen, HistorikerInnen und KunsthistorikerInnen (Péter Béndek, Mária Heller, Balázs Horváth (Byron), György Jovánovics, Noémi Kertész, Balázs Kicsiny, Szabolcs KissPál, András Lukács, Csaba Nemes, András Rényi u.a.) initiierte Aktion besteht aus zwei Teilen. Zum einen werden gegenüber dem Denkmal persönliche Erinnerungsstücke von Menschen hinterlegt, deren Angehörige im Zweiten Weltkrieg, während des Holocaust oder auf dem Schlachtfeld, getötet wurden. Zum anderen finden von Eleven-Emlékmű-Mitgliedern regelmäßig organisierte Diskussionen statt.

Péter Párkányi Raab: Denkmal für die Opfer der deutschen Besatzung, Budapest, 2014. Foto: kozterkep.hu

Mittlerweile geht es dabei nicht nur um das Denkmal, sondern auch um verschiedene andere Ereignisse des öffentlichen Lebens. Die Aktion ist also nicht nur insofern bedeutsam, als sie auf das Problem des Denkmals der deutschen Besatzung aufmerksam macht. Sie übernimmt auch die Rolle der Aufklärung, die zwar in der wissenschaftlichen Geschichtsforschung, jedoch nicht im öffentlichen Bewusstsein stattgefunden hat. Und sie weist darauf hin, dass anstelle der Errichtung von Denkmälern eine kritische Betrachtung der Geschichte sinnvoller wäre – als ein Thema, das eines kontinuierlichen Diskurses und einer Neuinterpretation bedarf.

Wie aus den oben genannten Beispielen hervorgeht, war man stets bestrebt, nahezu alle wichtigen (und manchmal auch weniger wichtigen) Belange und Momente unserer historischen Erinnerung auf dem Szabadság tér darzustellen. Und bei umstrittenen Themen gehen die Wogen immer hoch. Die Kontroversen im Zusammenhang mit den jüngsten Denkmälern veranschaulichen, wie sich die gegenwärtige Erinnerung heute in öffentlichen Diskursen zeigt. Sie machen auch deutlich, wie festgefahren die Situation und wie folgen- und wirkungslos alle Aktionen sind: Trotz aller Proteste stehen das nie eingeweihte Denkmal der deutschen Besatzung, das sowjetische Heldendenkmal und die Büste von Miklós Horthy noch immer dort und zeigen auf, wie wir, anstatt zu versuchen, einen Konsens zu erzielen, völlig unfähig sind, uns der Geschichte des 20. Jahrhunderts zu stellen. Die Skandale rund um seine von Zäunen gesicherten Denkmäler sind Teil der Identität des Platzes geworden, was auch darauf hinweist, dass der laufende „offizielle“ Geschichtsdiskurs bei weitem nicht unerschütterlich ist.

Öffentliche Diskussion im Rahmen des Projekts Lebendiges Denkmal. Foto: Living Memorial Project

Bratislava – Der Platz, an dem die Zeit stehengeblieben ist

Ich war bereits unzählige Male über Bratislavas Námestie Slobody spaziert, bevor mir die Bedeutung seines Namens klar wurde. Er trägt nicht nur den gleichen Namen wie der Platz in Budapest, sondern nimmt auch dieselbe Stellung ein. Vor dem politischen Systemwechsel war er nach Klement Gottwald (Gottko) benannt und schon damals ein wichtiger Ort der Repräsentation: Hier wurde 1980 die Statue des tschechoslowakischen Ministerpräsidenten errichtet und hier fanden politische Zeremonien statt, unter anderem zum Gedenken an die Geburtstage Gottwalds oder die kommunistische Machtergreifung. Die Statue wurde schließlich 1991 abgetragen, und nur der Sockel erinnert heute noch an sie.

Der historisch namhafte Platz ist mittlerweile zum traurigen Vermächtnis des Kommunismus geworden und baulich in völlig desolatem Zustand. Sein einzig markanter Teil, der 1979 errichtete Freundschaftsbrunnen (Fontána Družby), ist seit etwa zehn Jahren außer Betrieb – er dient allein einheimischen Skateboardern und Bikern zum Üben ihrer Tricks. Natürlich sind sich die StädteplanerInnen des Problems bewusst und setzen die Suche nach einer alternativen Lösung immer wieder auf ihre Agenda. Man überlegte etwa, eine Statue des Aktivisten und Sprachenreformers Ľudovít Štúr aufzustellen oder auch den Bau einer Gedenkstätte, die an die Samtene Revolution erinnern sollte, die am 17. November 1989 ihren Ausgang nahm. Im Gegensatz zur regen Denkmalbautätigkeit in Budapest wurde in Bratislava jedoch keiner dieser Pläne umgesetzt.

So wie das Denkmal der deutschen Besatzung heftige Proteste in Budapest hervorrief, so löste auch der blamable heruntergekommene Zustand des Námestie Slobody eine Reaktion der slowakischen Kunstszene aus. Während sich die KünstlerInnen in Ungarn einem aktiven politischen Kurs widersetzen mussten, sah man sich in der Slowakei genötigt, Maßnahmen zu ergreifen, um der Untätigkeit und Prokrastination eine Alternative entgegenzustellen.

Eines der bekanntesten Projektbeispiele zur Revitalisierung des Námestie Slobody war das 2011 von Public Pedestal (Initiatoren: Dalibor Bača, Martin Piaček, Tomáš Džadoň, Michal Moravčík) angeregte Project Point 0. Das erklärte Ziel der TeilnehmerInnen war es, „die dem Platz zugrundeliegenden Schichten der Geschichte proaktiv wieder mit Leben zu füllen.“ Zunächst wurde aus jedem Visegrád-Staat ein Künstler/eine Künstlerin eingeladen, ein temporäres Projekt umzusetzen, das sich über die Schaffung eines künstlerischen Freiraums mit der Geschichte und Bedeutung des Platzes auseinandersetzen sollte.

Platz der Freiheit, Freundschaftsbrunnen. Foto: Bratislava.dnes24.sk

Mit der Errichtung eines Spielplatzes zielte das Projekt des polnischen Künstlers Pawel Althamer darauf ab, einen Ort zu schaffen, an dem sich Kindergartenkindern und VolksschülerInnen die Möglichkeit einer spontanen Reaktion auf den Platz bot. Kinder spielen in Althamers Arbeiten häufig eine wichtige Rolle. In diesem Fall verwandelte er den funktionslosen Brunnen in eine Sandkiste. Die Kinder sollten sich in der Sandkiste treffen und während des gemeinsamen Spielens die Regeln des Platzes aufstellen. Die Rolle der Erwachsenen bestand allein darin, den Rahmen zur Verfügung zu stellen (die Sandkiste), und Althamer ließ den Kindern völlige Freiheit, ihre Kreativität auszuleben. Die Aktion war für einen Tag angesetzt. Nach Ansicht des Künstlers könnte eine Wiederholung, etwa zu besonderen Anlässen, sinnvoll sein.

Szabolcs KissPál, der ungarische Projektteilnehmer, setzte sich mit der Geschichte auf direktere Weise auseinander. Mit seiner Intervention mit dem Titel Coronation Valley beschwor er die Rolle des Krönungshügels und der einstigen Krönungsstadt Bratislava herauf. Er plante, ein halbkugelförmiges Loch in den Platz zu graben und die ausgehobene Erde in verschiedenen Museen der siebzig ungarischen Komitate der ehemaligen Österreich-Ungarischen Monarchie auszustellen. Eine Beschreibung des Projekts sollte neben dem Loch verbleiben. Während seine Aktion im Wesentlichen temporärer Natur war, hätte sie durch die museale Zurschaustellung auch eine Art Dauerhaftigkeit vermittelt.

Die Slowakei wurde von Ilona Németh vertreten, deren Installation Sahara die verschiedenen Schichten der Geschichte und Gegenwart des Platzes (buchstäblich) erschüttern sollte. Mit Rauchgranaten, Fackeln und Nebel plante sie ein tornadoartiges Objekt, das sich von Zeit zu Zeit aktivieren und mit seiner zerstörerischen Kraft auf die Unvermeidlichkeit historischer Veränderungen und kontinuierlichen Wandels hinweisen sollte. Mit ihrer eventartigen Performance reflektiert Németh auch darüber, dass es vielleicht nicht die beste Strategie ist, eine Gedenkstätte für eine unvorhersehbare Zukunft zu errichten.

Ilona Németh: Sahara. Foto: http://www.verejnypodstavec.com/bod_0_en.html

Zu guter Letzt beschäftigte sich der tschechische Teilnehmer Krištof Kintera mit Fragen zur Nutzung des öffentlichen Raums. Seine Arbeit 1€ PUBLIC JUKE BOX bestand, wie der Name schon sagte, aus einer auf einem Sockel aufgestellten Jukebox, die durch Einwerfen einer Euromünze von jedem verwendet werden konnte, um den gesamten Platz zu beschallen. Anstatt der üblichen Kneipenmusik bot diese Jukebox jedoch eine weitaus eklektischere Auswahl: eine Mischung aus Reden von Václav Havel, dem Radetzky-Marsch von Strauss, Hundegebell, Walgesang, Beethoven, den Sex Pistols usw. Die vielen Anzeigen von AnrainerInnen, die bei der Polizei eingingen, weisen auf die Häufigkeit hin, mit der die Möglichkeit, seine Wunschmelodie für einen Euro auf dem öffentlichen Platz erklingen zu lassen, wahrgenommen wurde …

Im Rahmen des Project Point 0 von 2011 zeigten diese Projekte Wege zur Nutzung des Námestie Slobody auf. Da sich jedoch auch weiterhin nichts änderte, haben seither mehrere andere künstlerische Aktionen stattgefunden: Basierend auf den Aktionen von Public Pedestal veranstaltete Magdalena Kuchtova 2014 eine Performance, und 2016 verwendete Jonáš Gruska den Brunnen für eine standortbezogene Soundinstallation während des Nomadic Arts Festivals.

Bedauerlicherweise scheint sich bislang nichts getan zu haben. Auch im Herbst 2017 hat es den Anschein, als sei „die Zeit auf diesem Platz stehengeblieben“. Námestie Slobody ist das genaue Gegenteil seines Budapester Pendants: Während Szabadság tér zum permanenten Spielball der Erinnerungspolitik wurde, ist Námestie Slobody die erstarrte Erinnerung an den Kommunismus und wartet darauf, von Stadtplanern zu neuem Leben erweckt und einem besseren und passenderen Zweck zugeführt zu werden.

Brünn – Das Problem der phallischen Uhr

Im Vergleich zu seinen Namensvettern in Budapest und Bratislava mag Brünns Náměstí Svobody nicht sonderlich außergewöhnlich erscheinen. Der Platz hat für das Stadtleben zwar eine besondere Bedeutung und es gibt auch hier ein umstrittenes Denkmal, doch in seiner Funktion unterscheidet er sich völlig von den beiden anderen Plätzen.

Mit seinen Denkmälern vermittelt der Náměstí Svobody als einer von Brünns zentralen Plätzen ein völlig anderes Geschichtsbild als jenes, das in den Hauptstädten der Slowakei und Ungarns vorherrscht. Der einstige Marktplatz dient heute als Verkehrsknotenpunkt und Veranstaltungsort für diverse Festivals. Zurzeit befinden sich hier vier Denkmäler: eine 1689 errichtete Säule in Erinnerung an den Ausbruch der Pest; ein Brunnen aus Bronze, auf dem einige Zeilen des tschechischen Dichters Jan Skácel zu finden sind; die dezenten Grundrisse der abgerissenen Kirche St. Nikolaus auf dem Gehsteig; und nicht zuletzt eine astronomische Uhr aus schwarzem Granit. Seit seiner Errichtung 2010 gibt dieses Objekt immer wieder Anlass zu Diskussionen.

Freiheitsplatz, Brünn. Foto: Jiří Salik Sláma, MAFRA Forrás: Brno.idnes.cz

Wichtig zu wissen ist, dass die Geschichte dieses sechs Meter hohen Obelisken, der die Form einer Patronenhülse aufweist, auf den Dreißigjährigen Krieg zurückgeht. Einer Legende zufolge entschlossen sich die schwedischen Heerführer nach einer mehrmonatigen erfolglosen Belagerung 1645 aufzugeben, sollte es nicht gelingen, Brünn bis zum folgenden Tag um 12 Uhr Mittag zu erobern. Nachdem man in Brünn Wind von der Sache bekommen hatte, ließ man die Glocken bereits eine Stunde früher läuten, um die Stadt zu schützen, indem man die Schweden Glauben machte, es wäre bereits 12 Uhr. Am 365. Jahrestag dieses großen Moments in der Geschichte der Stadt wurde die Brünner Uhr enthüllt. Seither rollt jeden Vormittag um 11 Uhr eine kleine Glaskugel aus dem Objekt. Die Kugeluhr ist einer der touristischen Hauptanziehungspunkte der Stadt.

Eine wunderbare Geschichte, ein gewitzter Schachzug, der zum Sieg führte – wo liegt denn nun das Problem, dieses Denkmal im Zentrum der Stadt zu errichten? Den größten Widerstand erregt seine eindeutige phallische Form. Manche beklagen auch den Umstand, dass es fast unmöglich sei, die Zeit von der Uhr abzulesen. Auch wenn beide Einwände schwer zu entkräften sind, ist das Denkmal doch sehr unterhaltsam; es erregt die Aufmerksamkeit der Touristen und lädt sie zum spielerischen Verweilen ein. Außerdem gelingt es ihm, auf sehr kluge Weise an einen historischen Sieg der Stadt zu erinnern.

Die Polemik rund um die Ästhetik dieses Objekts vollzieht sich auf einer völlig anderen Ebene als jene über das Denkmal der deutschen Besatzung in Budapest oder den Freundschaftsbrunnen in Bratislava. Dennoch lassen sich aus den Debatten und dem Denkmal selbst hochinteressante Schlussfolgerungen über das Geschichtsbild der tschechischen Stadt ziehen. Zunächst einmal gehen die Denkmäler dieses Platzes auf eine Vergangenheit zurück, die noch weiter zurückliegt als jene in Budapest und Bratislava. Auch werden weitaus heroischere Ereignisse thematisiert, anstatt zu versuchen, einer Art vorgeblichen Konsens über die Nazi-Besatzung oder die kommunistische Vergangenheit zu entsprechen.

Verkehrsknotenpunkt am Freiheitsplatz, Brünn, Foto: Jiří Salik Sláma, MAFRA Forrás: Brno.idnes.cz

Szabadság tér ≠ Námestie Slobody ≠ Náměstí Svobody (?)

Bei genauer Betrachtung der drei Freiheitsplätze in den drei Städten wird klar, dass sie alle nicht nur aufgrund ihrer geografischen Lage von Bedeutung sind, sondern auch hinsichtlich ihrer Rolle in der geschichtlichen Darstellung. Darüber hinaus gehen die drei Städte sehr unterschiedlich mit ihrer Geschichte um und unterscheiden sich auch in ihren Ansichten darüber, welche Rolle ein Platz, der das Wort Freiheit in seinem Namen trägt, bei der Prägung dieser Vorstellung spielen soll.

Derzeit hat es den Anschein, als würde man in Budapest weiterhin Denkmäler errichten, bis auch der letzte Quadratzentimeter des Platzes gefüllt ist, um den Fortbestand und die Dominanz des derzeitigen Narrativs von der Opferrolle Ungarns sicherzustellen. Im Gegensatz dazu scheint das Thema in Bratislava etwas in Vergessenheit geraten zu sein: Während ein wichtiger Moment der kommunistischen Vergangenheit auf Eis gelegt wurde, scheint man auf den richtigen Augenblick für eine Veränderung zu warten. Brünn hingegen blickt in seiner Geschichte viel weiter zurück, ohne sich um die Debatten und Kontroversen seiner jüngeren Vergangenheit zu kümmern.

 

Besonderer Dank gilt Martin Piacek und Eliska Mazalanová.
Originalversion auf Ungarisch. Übersetzung aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © EAM. Wenn Sie an der Wiederveröffentlichung interessiert sind, wenden Sie sich bitte an die Redaktion. Titelbild: Freiheitsplatz, Budapest. 2013. Foto: FreeDoc / Gabriella Csoszó