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Grauzone

Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass.

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Solange man den Krieg aus der Ferne beobachtet, ist die Lage eindeutig. Die Ukraine verteidigt im Donbass Europas Freiheit und schützt sich selbst vor dem Zugriff des russischen Staates und seiner prorussischen Helfer. Die Separatisten behaupten, gegen eine angebliche faschistische Bedrohung durch die Regierung in Kiew zu kämpfen. Die Ukraine ist zum Zankapfel zwischen Ost und West geworden, aufgerieben im Streit über geopolitische Orientierung und die Frage, wie viel Freiheit und Souveränität einer ehemaligen Sowjetrepublik an der Westgrenze Russlands zugestanden wird. Hier haben die aktuellen Verwerfungen zwischen Russland, der EU und den USA ihren Ausgang genommen.

Doch je naher man rückt, desto unübersichtlicher wird die Lage. In der Ukraine bekommen allmählich die Beharrungskräfte Oberhand. Das Land droht vom Reformkurs abzukommen. Die politischen Eliten stehen zunehmend in der Kritik, zuvorderst an sich selbst zu denken und nicht an die Erfüllung der Versprechen der „Revolution der Würde“ vom Winter 2013/2014. In der ostukrainischen Region Donbass geht der Krieg in sein fünftes Jahr.

Foto: © Florian Rainer

Nach einer anfänglichen patriotischen Welle, dem aufopfernden Engagement von Freiwilligen zur Unterstützung der Armee und der Versorgung von Binnenflüchtlingen ist die Gesellschaft mittlerweile erschöpft und kriegsmüde. Insbesondere im Konfliktgebiet. Hier war ein Gutteil der Menschen noch nie begeistert von der Präsenz der Armee, hier trifft man statt auf Siegeswillen auf Ohnmacht und Indifferenz. Die meisten Bewohner des Donbass würden wohl weder die Behauptung Kiews unterschreiben, dass hier heldenhaft gegen Okkupanten und Invasoren gekämpft wird, noch die Version des Kreml, dass das ukrainische Volk auf Zutun der Vereinigten Staaten in einem Bürgerkrieg ausgelaugt wird. Offiziell kämpfen Helden, Befreier und Beschützer gegen Terroristen, Besatzer und Faschisten, dazwischen stehen die Verräter und Kollaborateure. Doch die Begriffe, mit denen beide Seiten operieren, sind vielfach zu Worthülsen geworden. Im Donbass, von dem dieses Buch handelt, glauben die wenigsten, dass es etwas gibt, für das es zu kämpfen oder gar zu sterben lohnt.

Grauzone: Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass

Der Fotograf Florian Rainer und die Journalistin Jutta Sommerbauer dokumentieren in ihrem Buch Grauzone: Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass die Geschichten von Menschen aus dem Kriegsgebiet. Fragen nach der persönlichen Verortung in diesem Konflikt, der Bewahrung von Individualität und den Perspekti­ven für die Zukunft haben die beiden auf ihrer Recherche geleitet. Grauzone ergründet die neuen Realitäten, die die militarisierte Grenze schafft. Improvisation, Stillstand und Un­gewissheit, Angst und Melancholie bestimmen das tägliche Leben, aber auch menschliches Durch­haltevermögen und verhaltene Hoffnung, die sich meist aus den kleinen Dingen des Alltags speist.

Man will ihn nicht, diesen Krieg, ja man ist nicht einmal sicher, wer hier gegen wen antritt, nur eines steht fest: Komu-to eto wygodno. Irgendjemandem nutzt dieser Krieg. Wem, bleibt ungesagt und oft der Imagination überlassen. Es ist die Leerstelle, die je nach Belieben mit unterschiedlichen Begriffen gefüllt werden kann: den Mächtigen, den Einflussreichen, Noch-Präsident Petro Poroschenko, den lokalen Banditen, den Oligarchen. Die Liste ist lang und variabel, Ausdruck eines tief sitzenden Misstrauens gegenüber den Mächtigen, das durch den Krieg immer weiter befeuert wird.

Der Krieg im Donbass ist ein Stellungskrieg. Seit Längerem werden keine großen Schlachten mehr geschlagen. Das militärische Vorankommen beschränkt sich auf beiden Seiten meist auf wenige Meter. Ein Feld, ein Weiler, eine Anhöhe: Was auch immer man dem Gegner abringen kann, wird trotzig gefeiert. Kurz nach der Unterzeichnung des Minsker Abkommens im Februar 2015 ist die Front zu stehen gekommen. Auf Landkarten ist sie eine quer durch die Gebiete Donezk und Luhansk gezogene Linie, teilweise gerade verlaufend, teilweise gezackt wie das Blatt einer Säge. Die Gefechtslinie zieht sich vom Sandufer des Asowschen Meeres in Richtung Norden durch riesige Agrarflächen. In einem Halbkreis umschließt sie den Ballungsraum Donezk und folgt später dem Flusslauf des Siwerskij Donez nach Osten bis an die russische Grenze.

Sie verläuft quer durch Dörfer, halt Menschen von ihren Arbeitsplätzen in den Kombinaten fern und verunmöglicht das Bestellen der Felder. Die rund 450 Kilometer lange Linie trennt die Gebiete unter Regierungskontrolle von den sogenannten ORDLO: den „Einzelnen Regionen des Donezker und Luhansker Gebiets“, ein neutraler Expertenbegriff für die selbsterklärten Donezker und Luhansker Volksrepubliken (im Buch abgekürzt als DNR und LNR) mit ihren von Moskau unterstützten Statthaltern. Geschätzte dreieinhalb Millionen Menschen leben in den Separatistengebieten, die etwa ein Drittel des ursprünglichen Donezker und Luhansker Gebiets ausmachen.

Den Verlauf ihrer Grenze merklich zu verändern, wäre derzeit für beide Seiten politisch riskant und militärisch nur mit viel Blutvergießen zu verwirklichen. Dennoch haben das Waffenstillstandsabkommen und die laufenden Gesprächsrunden in Minsk, zu denen sich Ukrainer, Russen und die Separatistenanführer von Luhansk und Donezk regelmäßig treffen, keine richtige Beruhigung gebracht. Die Beobachter der OSZE registrieren Tag für Tag schwere Verstöße gegen die nur auf dem Papier existente Waffenruhe. Schusswaffen, Artillerie und Raketen werden regelmäßig eingesetzt; die Zahl der Toten hat die 10.000er-Marke längst überschritten. 1,8 Millionen Menschen sind in der Ukraine als Binnenflüchtlinge registriert.

Irgendjemandem nutzt dieser Krieg. Wem, bleibt ungesagt und oft der Imagination überlassen.

Ein Plan zur Konfliktlösung liegt auf dem Tisch, doch es fehlt der politische Wille zur Implementierung: In der Ukraine ist die Kompromissbereitschaft enden wollend, da das Minsker Abkommen in einem Moment militärischer Bedrängnis zustande kam. Je länger der Schwebezustand zwischen Nicht-Krieg und Nicht-Frieden andauert, desto mehr wächst der Unmut über das Papier. Für Moskau wiederum ist der Krieg ein Vehikel, um die Ukraine am politischen und wirtschaftlichen Fortkommen zu hindern. Der Kreml hat wenig Interesse an der vollständigen Beilegung des Konflikts. Und die Separatisten? Sie wollen am wenigsten Abstriche machen, schließlich bangen sie um ihr sprichwörtliches Überleben.

Foto: © Florian Rainer

In der Sprache der Experten gibt es noch ein anderes Wort für die Front: Kontaktlinie. Doch viel mehr ist sie eine Trennlinie. Sie trennt Nachbarn und Familien, keine feindlich gesinnten Gruppen. Wer sich auf welcher Seite befindet, spiegelt nicht unbedingt die politische Verortung wider, auch nicht die Zugehörigkeit zu einer gewissen Sprach- oder gar Volksgruppe. Eines ist den Menschen auf beiden Seiten jedoch gemein: Die Mehrheit identifiziert sich nicht mit ihren Machthabern. Auf überzeugte Ukrainer oder Russen im Geiste trifft man im Donbass selten. Doch je länger Menschen in getrennten Realitäten leben, desto mehr machen sich diese zur gelebten Wirklichkeit. „Die auf der anderen Seite“ ist eine Wendung, die man im Donbass häufig zu hören bekommt.

Konflikte laufen wie von selbst

Wenn die Begeisterung für den Krieg nachgelassen hat, warum wird dann weiter Munition verschossen? Im Donbass ist der Fall, was für viele Brennpunkte zutrifft: Konflikte laufen nach einiger Zeit wie von selbst. Einfacher, als sie zu beenden, ist weiterzukämpfen, auch wenn es nicht viel zu gewinnen gibt. Waffenlieferanten profitieren, Soldaten und Kämpfer erhalten ihren Sold, Business Männer verdienen am Schmuggel, Taxifahrer an den Zwischen-den-Fronten-Reisenden und Hotelbesitzer an den billigen Betten, die sie den Pensionisten vermieten, die für den Empfang der Pension und zum Einkaufen auf die andere Seite reisen müssen.

Foto: © Florian Rainer

In den Separatistengebieten wächst die Abhängigkeit von Russland. Moskau füllt die Lücke, die die Ukraine hinterlassen hat, und bindet so die Bevölkerung an sich: mit humanitärer Hilfe, der Anerkennung von Universitätsabschlüssen, Nummernschildern und Geburtszertifikaten. Die verzweifelte ökonomische Lage und der sinkende Lebensstandard lassen vielen keine Wahl. Zudem regiert die dortige Führung mit harter Hand, baut auf Feindrhetorik und beschwört die ständige Bedrohung von außen.

In der Sprache der Experten gibt es noch ein anderes Wort für die Front: Kontaktlinie. Doch viel mehr ist sie eine Trennlinie. Sie trennt Nachbarn und Familien, keine feindlich gesinnten Gruppen.

Auch auf der ukrainisch kontrollierten Seite werden widersprüchliche Schritte gesetzt: Einerseits bemühen sich lokale Behörden im regierungskontrollierten Donbass um Bürgernahe und die Instandsetzung von Infrastruktur; sie unterstützen zivilgesellschaftliche Initiativen. „Die Ukraine, das sind wir!“ heißt es. Andererseits hat Kiew Schritte gesetzt, die die Spaltung der Konfliktregion befördern: Die seit Frühling 2017 wirksame Wirtschaftsblockade, bürokratische Hindernisse und unmenschliche Bedingungen an den Checkpoints haben viele Menschen verstört. Und schließlich finden in der Politik Stimmen zunehmend Gehör, die die Verantwortung für das Wohlbefinden der ukrainischen Bürger vollständig dem Aggressor, der Russischen Föderation also, überantworten wollen. Eine politische Lösung, Versöhnung und territoriale Reintegration wären damit in weite Ferne geschoben, noch weiter weg, als sie heute schon erscheinen.

Foto: © Florian Rainer

Der Konflikt ist ein ständiger Begleiter im Alltag, wie die Geschosse, auf die örtliche Bewohner fast schon warten, wenn sie einmal länger ausbleiben. Der Donbass gilt vielen als gesetzloses Gebiet, als schwarzes Loch oder weißer Fleck. Viel mehr noch ist er jedoch ein Provisorium, in dem man sich notgedrungen einrichten muss, eine temporäre Lösung, die für unbekannt lange Zeit halten muss. Ein fragiler Schwebezustand, stabile Instabilität.

Das Gebiet zwischen den festgefahrenen Stellungen wird im Kriegsjargon „Graue Zone“ genannt: In einer sprichwörtlichen Grauzone leben die Menschen im engen und weiteren Konfliktgebiet, ohne zu wissen, was der nächste Tag bringt, in welche Richtung sich ihr Leben entwickeln wird.

Foto: © Florian Rainer

Über die Lebensrealität der Menschen in der Grauzone ist nicht viel bekannt, für ihr Leid interessieren sich nur wenige, ihre Erfahrungen finden selten auf internationalen Konferenzen Gehör. Doch entlang der Frontlinie leben und arbeiten Hunderttausende. Das Gebiet zwischen den verfeindeten Militärstellungen ist am stärksten von den Kriegshandlungen betroffen. Hier stecken Minen im Asphalt, Wasser- und Stromleitungen werden immer wieder notdürftig repariert, die Gasversorgung ist eingestellt. Gemeindeämter sind unbesetzt und Schulen und Kindergärten oft geschlossen. Hier harren nur noch wenige aus – oft die Schwächsten, die keine anderen Optionen haben. Und diejenigen, die, mutig und lebensmüde zugleich, einfach nicht weichen wollen. Doch mitten in der Ausgesetztheit gibt es (wenn auch eingeschränkte) Alltagsroutinen. Kinder gehen in die Schule, Frauen zur Maniküre, Bauern bestellen das Feld, Paare verlieben und entlieben sich, Pensionisten überqueren die Checkpoints und telefonieren mit ihren Verwandten auf der anderen Seite der Front.

Auf unseren Reisen im Frühling und Herbst 2017 sind wir den Spuren der Bewohner der Grauzone gefolgt. Unser Weg führt uns die Gefechtslinie entlang, dort, wo sich diese Erfahrungen zu einer Frontexistenz verdichten – und gleichzeitig auflösen. Die Reise führt uns auf beide Seiten und zeigt, dass die getrennten Welten sich in vielem ähnlich sind. Auf eine aktive Zuordnung der Protagonisten zu den Konfliktparteien haben wir bewusst verzichtet: Mitunter ist sie offensichtlich, mitunter ist sie irrelevant. In einer Karte sind die Schauplätze geografisch verortet.

Eine Frontlinie kann man natürlich nicht entlangfahren. Man kann sich ihr aber nähern. Das haben wir getan, meistens mit der Hilfe mutiger Fahrer und lokaler Guides. Nicht immer haben wir unser Ziel erreicht: Vor manchen Dörfern wurden wir trotz vorheriger Erlaubnis abgewiesen, andere wiederum konnten wir nur kurz und in Begleitung von Armee und Milizen besuchen. Für das Luhansker Separatistengebiet wurde uns die Akkreditierung ohne Angabe von Gründen verwehrt. Das ist der Grund, warum die dortigen Städte und Dörfer in unserem Buch leider nicht vorkommen.

Foto: © Florian Rainer

Wir haben auf unseren Reisen viele Menschen getroffen, die sich ein friedliches Zusammenleben in einer vereinten Ukraine nicht vorstellen können. Oder zumindest derzeit nicht. Die andauernde Gewaltausübung versperrt den Blick auf friedliche Alternativen. Dass die Verbrechen, die im Laufe des Krieges geschehen sind, aufgeklärt werden müssen und Gewalttäter zur Verantwortung zu ziehen sind, steht außer Frage. Ebenso klar ist, dass das in einem andauernden Krieg sehr schwierig ist. Unabhängig davon ist die ukrainische Gesellschaft auch mit der Frage konfrontiert, welche vielschichtigen Folgen der Konflikt für das Gemeinwesen hat, wie Menschen auf beiden Seiten der Front in Zukunft leben wollen, was sie trennt und was sie verbindet. Ein Anfangspunkt ist es, individuellen Erzählungen zuzuhören und sie zur Kenntnis zu nehmen. Auch wenn wir nicht in allen Aspekten übereinstimmen mögen, wir sie womöglich verstörend finden oder sie gängigen (Helden-)Erzählungen widersprechen.

Während unserer Besuche in der Grauzone haben wir Geschichten gesammelt, die von Willenskraft erzählen und von Verzagen, vom Sich-selbst-überlassen-Sein und Nicht-aufgeben-Wollen, von einem Leben, das mehr als Überleben sein will. Wir haben die Schicksale von Menschen dokumentiert und wollen sie in Text und Bild weitererzählen. Wenn die großen Begriffe nicht mehr greifen, wird die menschliche Erfahrung zum neuen, alten Ausgangspunkt.

Auszug aus dem Buch Grauzone: Eine Reise zwischen den Fronten im Donbass, erschienen im April 2018 bei bahoe books, Wien. Die Recherchereisen wurden durch das Grenzgänger Programm der Robert Bosch Stiftung ermöglicht.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © bahoe books / Florian Rainer, Jutta Sommerbauer. Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Verlags. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
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