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Standpunkte

„Gebt den Roma ihren Stolz zurück!“

Die beiden Künstler Oto Hudec und Emília Rigová im Dialog über Roma-Geschichte, Identität, kulturelle Produktion und etablierte Stereotypen.

14. Dezember 2017
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Die Tatsache, dass ein Museum der Roma-Kultur, einer so bedeutenden Minderheit in der slowakischen Gesellschaft mit einer reichen und lebendigen Kultur und Tradition, nicht in Bratislava oder Košice zu finden ist, spiegelt nicht nur die Missachtung dieser Minderheit durch die Mehrheitsbevölkerung und Politiker wider. Es zeigt auch die Angst vor der vollen Anerkennung und Gleichheit einer Minderheitenkultur, die Anerkennung der Existenz des „Anderen“ im eigenen Herzen. Dieses Museum könnte ein Instrument zur kulturellen und sozialen Emanzipation der Roma sein und die Mehrheit der Bevölkerung von stereotypen Vorstellungen über die Roma-Minderheit befreien. Es könnte ein Mittel sein, um zu demonstrieren, dass die Roma-Kultur ein bedeutender Teil der Geschichte und zeitgenössischen Kultur der Slowakei ist.

Nadikhuno muzeumos / Unsichtbares Museum ist eine Ausstellung bei tranzit.sk iniziiert von Oto Hudec. Es ist ein Entwurf für die Gründung eines Museums der Kultur der Roma und präsentiert die Arbeiten mehrerer Künstlerinnen und Künstler, die die Geschichte und Kulturproduktion der Roma thematisieren und oftmals auch die eingelebten Stereotype problematisieren. In verkürzter Form streben diese Werke danach, die Sicht auf die Geschichte, Kultur und zeitgenössische Kunst der Roma zu erweitern. Im Rahmen dieser Ausstellung unterhalten sich Oto Hudec und die an diesem Projekt beteiligte Künstlerin Emília Rigová über die Identität der Roma heutzutage.


Oto Hudec: Lass uns zu Beginn über deine Meinung zur romantischen Darstellung von Roma-Folklore und Roma-Geschichte sprechen. Viele intellektuelle Roma kritisieren die Stereotype über Roma, seien es nun negative oder positive. Die im Kolonialismus verwurzelte und exotisierende Ansicht der Forschung beschränkt sich oft auf die Hervorstreichung gewisser attraktiver oder falscher Aspekte des Roma-Lebens oder Teilaspekten davon, z. B. ihre nomadische Lebensweise, ihre Musik, Unabhängigkeit oder der damit einhergehende Zauber. Viele der Roma-Intellektuellen wuchsen in Familien auf, die der Mehrheitsbevölkerung in der Slowakei stark ähnelten. Wenn sie sich auf die Suche nach ihrer (verlorenen Roma-)Identität begeben, hat es für mich den Anschein, dass sie nach etwas Ursprünglichem und Elementarem suchen, und vielleicht auch nach etwas, das sie von der Mehrheit unterscheidet und zu etwas Besonderem macht. Du hast diesen Prozess selbst durchgemacht. Wie würdest du aufgrund deiner eigenen Erfahrungen die kulturelle Identität der Roma beschreiben? Wo gibt es Ähnlichkeiten und wo gibt es Unterschiede zu den genannten Stereotypen?

Nadikhuno muzeumos / Unsichtbares Museum

Die Ausstellung ist bis 27. Januar 2018 bei tranzit.sk in Bratislava zu sehen.

Zu Beginn des Projekts Nadikuno muzeumos / Unsichtbares Museum entstand die Idee, ein Museum zu schaffen, das die Roma für andere darstellen sollte, ein Museum, das das Selbstvertrauen der Roma-Gemeinschaft stärken würde, und ein Museum, das auch die slowakische Kultur bereichern würde mit Werken einer Minderheit, die seit Jahrhunderten dem Land angehört.

Die Grundidee war, die extrem enge Sichtweise der Roma, die wir aus den Medien oder sogar von Aussagen von Politikern kennen, durch die Präsentation herausragender Bestandteile der Roma-Kultur und des Roma-Lebens zu korrigieren. Das Projekt zielt darauf ab, diesen Wandel damit zu erreichen, indem Roma und Nicht-Roma zusammengebracht werden, um sich selbst und die Slowakei auf neue Art zu repräsentieren.

Nadikuno muzeumos / Unsichtbares Museum ist ein von Oto Hudec initiiertes Projekt, realisiert in Zusammenarbeit mit Pavla Ďurinová, Marcela Hadová, Oto Hudec, Daniela Krajčová, Emília Rigová.

Mit der Unterstützung von Judit Angel, Petra Balíková, Eliška Mazalanová.

Emília Rigová: Aufgrund der Vielzahl an Umständen, die zur Entstehung der Identität der Roma beitrugen, ist es äußerst schwierig, eine einheitliche kulturelle Identität der Roma zu beschreiben oder zu einer Annäherung zu verhelfen. Jeder Rom und jede Romni hat zwei Identitäten: eine, die sich auf die Staatsbürgerschaft und eine zweite, die sich auf die Volkszugehörigkeit bezieht. Doch es ist schwierig festzulegen, wo die eine endet und die andere beginnt. Aus diesem Grund sehe ich die Bezeichnung „Roma-Kunst“ kritisch. Sie nimmt dem Künstler/der Künstlerin seine bzw. ihre nationale Identität (z. B. als slowakischer Staatsbürger/slowakische Staatsbürgerin), obwohl er oder sie sich als Staatsbürger oder Staatsbürgerin der Slowakei oder eines anderen Landes sieht. Ein Aspekt, für den wir uns interessierten, als wir eine monothematische Ausgabe der Zeitschrift Enter auflegten, war, wie die politische oder soziale Dimension eines Künstlers/einer Künstlerin zur Einstufung seines bzw. ihres Werks als „Roma-Kunst“ führen kann und worin die politische Motivation und die Folgen einer solchen Klassifikation bestehen.

Das Ziel, das die Roma-Intellektuellen mit ihrer Kritik verfolgen, ist es, den vorherrschenden stereotypen Einstellungen und der negativen Darstellung von Roma in den Medien ein Ende zu setzen. Derzeit findet ein sehr wichtiger gemeinsamer Diskurs darüber statt, wer wir sind und was genau unsere kulturelle Identität ausmacht. Diese Frage kann man auch nicht in einem einfachen Satz beantworten. Wie soll ich meine Identität als Romni erklären? In der aktuellen Phase versuchen wir Stereotype aufzubrechen. Diese Phase halte ich für extrem wichtig, denn sie könnte für beide Seiten eine heilende Wirkung entfalten. Und ich meine dabei nicht nur Stereotype, die den Roma durch die Mehrheitsbevölkerung zugeschrieben werden, sondern auch die der Roma selbst. Weil es Assimilation gab, können wir nun den Prozess der Auslöschung oder – drastischer formuliert – des Diebstahls unserer kulturellen Identität untersuchen.

Die überwiegende Mehrheit der Roma, die zu Zeiten der Tschechoslowakei ebendort lebte, „entschied“ sich gegen ihre eigene Muttersprache Romanes, weil sie den im Assimilationsprogramm für die „allgemeine Arbeiterklasse“ gegebenen Versprechen Glauben schenkten. Die meisten von ihnen glaubten, dass sie ihrer Familie damit eine bessere Zukunft ermöglichen würden. Was steckt in dem kulturellen Konstrukt der Roma-Identität? Mit der Beantwortung dieser Frage verhält es sich wie mit einem zerbrochenen Spiegel: Man müsste erst die einzelnen Glasscherben einsammeln und sie wieder zusammenfügen versuchen, um das ursprüngliche Bild sehen zu können.

Oto Hudec: Dieses Bild des zerbrochenen Spiegels finde ich interessant. Die Zersplitterung der Roma auf ihrem Weg von Indien nach Europa kann mit einem Spiegel verglichen werden, der in viele Teile zerbrochen ist, wobei jede der abwandernden Gruppen einen Teil für sich behielt. Man müsste diese Teile nun wieder zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Wenn ich versuche, die Roma in ihren unterschiedlichen Gemeinschaften zu verstehen, habe ich manchmal das Gefühl, dass es diese Zersplitterung ist, die sie verbindet, und nicht Einheit. Immerhin ist es den Roma bis jetzt nicht gelungen, sich auf eine gemeinsame politische Vertretung zu einigen, durch die sich alle Gruppen repräsentiert sehen. Die Zersplitterung zeigt sich auch in den Bereichen Geschichte und Kultur sowie in den Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen hier in der Slowakei. Ein typisches Beispiel sind die kulturellen Unterschiede zwischen den Vlach-Roma und den Romungro.

Die kulturelle wie auch die nationale Identität ist ein Konstrukt, das mich daran zweifeln lässt, ob man die Glasscherben des Spiegels überhaupt wieder zusammenfügen kann. Und treffen die Begriffe „nationale Identität“ und „(einheitliche) kulturelle Identität“ auf die Gemeinschaft der Roma überhaupt zu? Wie siehst du die Funktion eines Museums als Institution der Geschichte und seine Bedeutung für einzelne Mitglieder der Roma? Kann ein Museum im Sinne des Konzepts der europäischen Kultur und ihres Kolonialgedankens den Bedürfnissen der Roma überhaupt dienlich sein?

© Adam Šakový
Oto Hudec, Reflexionen über ein Museum, 2017. Foto: © Adam Šakový

Emília Rigová: Die institutionelle und diskursive Dimension der Politik hatte und hat einen starken Einfluss auf die Entstehung der Roma-Identität, und daher wäre ein Museum der Kultur der Roma äußerst erstrebenswert. Ich stelle mir dabei ein Museum der Kultur der Roma als Institution vor, die die kollektive Identität der Roma in Bildern präsentiert. Ihre Kultur hat einen gemeinsamen Ausgangspunkt, den wir in den Wurzeln von Romanes wiederfinden, das geografisch gesehen zu den indogermanischen Sprachen gehört. Die Metapher vom zerbrochenen Spiegel versinnbildlicht das Fundament unserer gemeinsamen Geschichte hervorragend, als ob wir unser eigenes ursprüngliches Bild suchen würden. Der spezifische soziokulturelle Status der Roma, die in ganz Europa verstreut sind (Vlach-Roma, Romungro, Sinti, Bergitka-Roma, Serbika usw.), ist eng verbunden mit der Nichtakzeptanz gewisser besonderer kultureller Unterschiede der Roma durch die Mehrheitsbevölkerung und umgekehrt. Aus diesem Blickwinkel betrachtet ist die Darstellung spezifischer kultureller Unterschiede und ihrer möglichen Auswirkung auf die europäische Kultur gleich wichtig.

„Indem wir eine gemeinsame kulturelle Identität schaffen und präsentieren, geben wir den Roma ihren Stolz zurück.“

Ein gutes Beispiel ist der Tanz der Roma, der sich in manchen Ländern Europas mit der Volkskultur der Mehrheitsgesellschaft vermischt hat (z. B. der spanische Flamenco). Ein weiterer Stolperstein auf dem Weg zu einer Kultur der Roma und ihrer Interpretation ist, dass die ursprünglichen Traditionen nur mündlich weitergegeben wurden. Ich glaube nicht, dass ein Museum der Kultur der Roma als eine Institution gesehen werden soll, die nur für die Bedürfnisse der Roma errichtet wird. Indem wir eine gemeinsame kulturelle Identität schaffen und präsentieren, geben wir den Roma ihren Stolz zurück. Ich denke, dass der Minderwertigkeitskomplex als Symbol dessen gesehen werden kann, was die Roma eint. Wenn wir von grundlegenden Identifikationselementen ausgehen, die eine kulturelle Identifikation im Sinne von „Wer bin ich?“ erlauben, können wir eine lange Liste von daraus entstehenden Problemen erkennen, mit denen sich Roma gegenwärtig auseinandersetzen müssen. Bei den Roma in Tschechien und in der Slowakei können wir feststellen, dass ihnen in den vergangenen zehn Jahren der Unterschied zwischen den Bezeichnungen „Rom“ und „Zigeuner“ immer bewusster wurde. Viele verstehen aber immer noch nicht, dass [das slowakische] „Cigan“ ein von der Mehrheitsgesellschaft abwertend verwendetes Wort ist. Dies führte zu vielen skurrilen Situationen, wenn sich Roma selbst mit dieser Bezeichnung identifizierten. Was bedeutet das? Für mich bedeutet das, dass es für Roma extrem wichtig wäre, endlich ihre eigene Geschichte zu schreiben. Die Intellektuellen unter den Roma der heutigen Generation sind in allen künstlerischen Bereichen präsent: Literatur, Film, Theater. Hier hat sich im Vergleich zur Vergangenheit sehr viel getan.

Oto Hudec: Dass die heutige Generation der Intellektuellen unter den Roma in allen Bereichen der Kunst und Kultur – einschließlich Kunsttheorie und Geschichte – aktiv ist, ist ein gutes Zeichen. Der Kreis der Intellektuellen unter den Roma hat sich im Laufe der vergangenen zehn Jahre enorm vergrößert. Das verdanken sie keiner Hilfestellung von außen, sondern ihren eigenen Anstrengungen und Aktivitäten. Sogar in den vernachlässigten Gruppen dreht sich das Rad der Veränderung, wenn auch nur langsam. Kann man einen Unterschied in der Einstellung von Roma-Intellektuellen und in marginalisierten Gemeinschaften lebenden Roma hinsichtlich der Bezeichnungen „Rom“ und „Cigan“ erkennen? In diesen Gemeinschaften identifizieren sich Roma oft mit negativen Stereotypen, wenn sie sich Weißen gegenüberstellen, zumindest scheint es von außen betrachtet so. Wie können Roma-Intellektuelle Menschen dieser Gemeinschaften helfen, aus ihrer Isolation auszubrechen und ihnen ein Gefühl des Stolzes für ihr Kulturerbe vermitteln? Würdest du sagen, dass es eine der Aufgaben erfolgreicher Roma wäre, zu ihren Gemeinschaften zurückzukehren und Inspiration zu schenken oder sich als Aktivisten zu betätigen?

© Adam Šakový
Emília Rigová, Konstante Metamorphose, 2016. Foto: © Adam Šakový

Emília Rigová: Ehrlich gesagt halte ich es für wichtiger, die Einstellungen der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Roma zu ändern. So eine Veränderung muss tief greifen. Rein kosmetisch an der Oberfläche zu kratzen bringt zum jetzigen Zeitpunkt nichts. Es genügt, sich das heute vorherrschende Image der Roma näher anzusehen. Welchen Wert haben Roma in der Gesellschaft? Werden sie als gleichwertig angesehen? Mir fällt keine andere ethnische Gruppe ein, die von der Gesellschaft so lange Zeit gehasst und derart marginalisiert wurde. Wenn wir eine echte Veränderung wollen, dann muss das gesamte System geändert werden. Die wachsenden Spannungen in der Gesellschaft sind vor allem auf die zunehmende Armut und die schlechte wirtschaftliche Lage in der Mehrheitsbevölkerung zurückzuführen. Roma müssen mit dieser schwierigen Lage jedoch schon seit hunderten von Jahren zurechtkommen. Daher muss das auch irgendwo seinen Niederschlag finden.

„Mir fällt keine andere ethnische Gruppe ein, die von der Gesellschaft so lange Zeit gehasst und derart marginalisiert wurde.“

Wenn wir wollen, dass sie aus ihrer Isolation ausbrechen und sich ihres wertvollen Kulturerbes bewusst werden, müssen sich mehrere Dinge ändern. Wir müssen zum Beispiel die Gelegenheit ergreifen und unsere eigene Geschichte erforschen, die Geschichte unserer Herkunft und dabei Menschen mit Vorbildwirkung hervorheben. Das ist keine Kleinigkeit. So haben etwa Roma zum slowakischen Nationalaufstand beigetragen … und das ist nur ein kleines Beispiel. Für die Herausbildung einer positiven Roma-Identität ist für mich die Auseinandersetzung mit Roma-Persönlichkeiten und wichtigen historischen Ereignissen genauso wichtig wie eine Änderung der allgemeinen Einstellung der Mehrheitsbevölkerung gegenüber den Roma. Ich finde auch die Beschäftigung mit verschiedenen Studien über traditionelle Ausdrucksweisen der Roma sinnvoll, insbesondere, wenn ich an bestimmte in Romanes verwendete Ausdrücke denke, die ich als Kind zu Hause aufschnappte. Erst jetzt verstehe ich, was sie bedeuten, und kann gewisse Verbindungen herstellen, die mir als Kind verborgen blieben.

Ich wäre aber auch interessiert zu erfahren, für wie wichtig du es hältst, dass sich die Kunst und Kultur der Roma emanzipieren. Wie erklärst du dir – als Nicht-Rom – dass die echte Emanzipation noch auf sich warten lässt? Wenn ich mich über solche Dinge mit anderen Menschen, die keine Roma sind, unterhalte, sind sie oft sehr erstaunt. Als wir Enter am LIKE-Festival in Košice präsentierten, konnte niemand glauben, dass dies die erste Publikation von Roma-Kunst war, die nicht von einer Roma-Vereinigung oder im Rahmen eines ethnisch orientierten Forschungsprojekts veröffentlicht wurde, sondern von einem Verlag, der sich der Gegenwartskunst widmet. Allerdings habe ich ein Problem mit der Bezeichnung „Roma-Kunst“. Was für ein Bild sollte dabei in den Köpfen der Menschen entstehen? Ich fürchte, dass es momentan noch notwendig ist, mit diesem Begriff zu arbeiten. Gleichzeitig glaube ich, dass wir ihn eines Tages nicht mehr brauchen werden – und Roma-KünstlerInnen einfach Kunst machen werden. Ohne Etikettierung. Ich betrachte ihre Teilhabe an dieser Diskussion als Künstlerin, die ihre Meinung zu Themen abgeben, die sie interessieren. Die sich zu allem und jedem äußern, wann immer und wie immer sie möchten. Wie siehst du – als Nicht-Rom – deinen Beitrag zu ihrer Emanzipation? Meiner Meinung nach wird es ohne gemeinsamen, aktiven Dialog nicht funktionieren.

© Adam Šakový
Oto Hudec, Reflexionen über ein Museum, 2017, Detailansicht. Foto: © Adam Šakový

Oto Hudec: Ich würde es nicht wagen, ein Urteil über irgendetwas abzugeben, das mir fern liegt. Ich denke, dass die Roma-Kultur seit geraumer Zeit auf Ebene der Volkskunst wahrgenommen wird. Viele talentierte KünstlerInnen – Musiker, Tänzer, Maler, Geschichtenerzähler, Schauspieler usw. – hatten keine klassische Bildung und die akademische Welt blieb ihnen komplett verschlossen, ebenso alle Kulturinstitutionen. Ihre Kultur lebte aber. Meiner Meinung nach ist die Welt der kulturellen Normen und Organisationen zum Großteil eine Welt der Eliten, die gewöhnliche Roma bis heute als die typische Welt der Nicht-Roma betrachten. Eine Intellektuellenschicht hat sich unter den Roma erst nach dem Krieg herausgebildet. Weil Roma oft aus einem sehr schwierigen sozialen Umfeld kamen, engagierten sich diese gebildeten Roma, die ihren Gemeinschaften Unterstützung zukommen lassen wollten, vor allem im sozialen Bereich.

„Die Welt der kulturellen Normen und Organisationen ist zum Großteil eine Welt der Eliten, die gewöhnliche Roma bis heute als die typische Welt der Nicht-Roma betrachten.“

Die Verschriftlichung von Romanes war vielleicht der erste Schritt hin zu Kultur und Emanzipation. Der nächste Schritt war die Gründung einer Roma-Zeitung. Dass dieser Prozess so lange dauerte, lässt sich auf die Rollen von Nicht-Roma sowie eine diskriminierende Politik zurückführen. Der Rassismus brachte es mit sich, dass sich manches zuvor nur untergründig Existierende und auch das Gefühl der Minderwertigkeit unter den Roma manifestierten, und aufgrund des gewaltigen Drucks eine andere Lebensweise anzunehmen, wurden die Roma jenseits ihrer eigenen Gemeinschaften als unzuverlässig wahrgenommen. Die Roma-Kultur selbst blieb eine Randerscheinung und wurde als minderwertig gegenüber der Mehrheitskultur angesehen.

Milena Hübschmannová verwendete zur Beschreibung der kulturellen Assimilation unter dem Sozialismus den Begriff Ethnozid: „Wie ich bereits sagte, hatte ich – noch bevor ich Gewissheit haben konnte – das Gefühl, dass der Verlust der Sprache, die unsere mündliche Ausdrucksweise im Alltag bestimmt, die Beibehaltung dieser menschlichen Werte und der Zusammenbruch der Gemeinschaft, die über sie wachte und die Einhaltung von Respekt und ethischen Regeln sicherstellte, die Roma in ein kulturelles und ethisches Vakuum treiben würde und dieser Weg nirgendwo anders hin als ins Gefängnis führen konnte. Die Abwendung von einem Wertekanon bedeutet nicht automatisch die Zuwendung zu einem anderen, wie es sich die sozialistischen Ideologen vorstellten. Mit der Zeit erkannten Ilona [Elena Lacková, Roma-Schriftstellerin, ergänzt O.H.] und ich, dass die Ignoranz der Nicht-Roma gegenüber der Roma-Kultur nicht eine Frage der individuellen Unwissenheit war, sondern dass sie das ideologische Ziel des Systems, des sozialistischen Programms, also der von öffentlichen und geheimen Weisungen regulierte geplante Ethnozid war.“*

Meiner Ansicht nach fand dieser Ethnozid nicht nur während der sozialistischen Ära statt. Manchmal ist er versteckter, manchmal offener – aber da ist er immer. Die Veränderung im sozialen System fand auf der wirtschaftlichen Ebene statt. Selbst wenn man den versteckten Rassismus außer Acht lässt, befinden sich die in einem Umfeld von Armut und Vernachlässigung Aufgewachsenen hinsichtlich ihrer Chancen auf finanzielle Sicherheit und einen Platz in der Gesellschaft nicht in derselben Ausgangsposition wie die Mehrheit. „Gleiche Chancen für alle“ ist nur ein illusorisches Mantra der oberen und mittleren Gesellschaftsschichten. Aus Armut und Vernachlässigung auszubrechen erfordert vom Einzelnen unglaubliche Anstrengung. Es ist wohl kein Zufall, dass viele gebildete Roma aus Familien stammen, die in einem urbanen Umfeld inmitten der Mehrheitsbevölkerung leben. Zumeist sind es die zweite oder dritte Generation integrierter Roma-Familien, die sich erstmals mit ihrer eigenen kulturellen Identität und Emanzipation befassen. Du erwähntest, dass ein Dialog zwischen der Mehrheitsbevölkerung und den Roma nötig wäre. Mir gefällt der Begriff „Dialog“, denn er bedeutet, dass zwei Seiten miteinander kommunizieren, einander zuhören und respektieren – ohne Hierarchie. Wie stellst du dir einen Dialog über Kultur und Kunst vor? Welche Art von Dialog kann den Roma zu ihrer kulturellen Emanzipation verhelfen?

Emília Rigová: Diese Frage ist wirklich schwer zu beantworten. Ich stelle mir diesen Dialog als gemeinsamen Akt zweier Aktivisten vor. Synergetisch.

Oto Hudec: Die Frage betrifft die Präsentation von Arbeiten zeitgenössischer Roma-KünstlerInnen in Institutionen, die sich ausschließlich mit der Kultur der Roma auseinandersetzen. Ich weiß, dass du dich darüber mit anderen KünstlerInnen in Enter ausgetauscht hast. Mich interessiert aber deine persönliche Meinung. Ich verstehe es absolut, dass Roma-KünstlerInnen sich dagegen verwehren, den „Roma-Stempel“ aufgedrückt zu bekommen, der ihnen nur zu einer Unterkategorie von Kunst verhilft, obwohl sie sich oft mit viel umfassenderen Themen beschäftigen, nicht nur als Roma, sondern als Bürger und Bürgerinnen ihres Landes. Andererseits huldigen Institutionen, die Roma-Kunst ausstellen, aber auf zeitgenössische Kunst verzichten, der Vergangenheit.

Wie kann man sich mit dem Bild von Heute aus kritischer Distanz auseinandersetzen, ohne zeitgenössische Kunst zu berücksichtigen? Wie kann man über die Probleme und Schwierigkeiten, denen junge Roma ausgesetzt sind, sprechen? Wie kann dies geschehen, ohne zu einer Kulturinstitution beizutragen, aus der zeitgenössische Kunst (aller Kunstformen) ausgeschlossen wird und die nur auf dem Stereotyp der Roma als soziale Außenseiter und schlecht bezahlte Arbeitnehmer aufbaut?

© Adam Šakový
Nadikhuno muzeumos / Unsichtbares museum, tranzit.sk, Ausstellungsansicht; rechts: Marcela Hadová, Ohne Titel, 2017/2017; links: Paula Ďurinová, Baro Mariben, 2014. Foto: © Adam Šakový

Emília Rigová: Das stereotype Bild wird nicht von einer Kulturinstitution geschaffen, sondern von irgendwelchen einzelnen Autoritäten, die den Inhalt der Institution interpretieren. Dies geschieht auf allen Ebenen; die KuratorInnen und die KünstlerInnen selbst tragen dazu gleichermaßen bei. Selbst im Falle von Kulturinstitutionen, die soziologische, anthropologische und ethnische Studien vereinen, kann es statt zu einer Interpretation zu einer Fehlinterpretation kommen. Das kommt bei KünstlerInnen vor, zeitgenössischen bildenden KünstlerInnen, die mit ihren eigenen Blickwinkeln und Arbeiten in diesen Dialog gehen. Etwas drastisch ausgedrückt: Es verhält sich wie mit einer Landmine.

Zu Beginn des Sommers fand im Volkskundemuseum Wien die Ausstellung Millionaires of Time statt, ein fotografisches Essay der Künstlerinnen Anja Schäfer und Elisabeth Putz. Zu der Ausstellung gab es das unabhängige Ausstellungs-Add-on Glücksmuster des Künstlers Robert Gabris, kuratiert von Amelie Brandstetter. Obwohl die beiden Ausstellungen klar voneinander getrennt waren und alles deutlich gekennzeichnet war, wurde Robert in einigen der Reviews als Künstler komplett ignoriert bzw. als Teil des Millionaires of Time-Projekts angeführt. Nicht als Autor oder Künstler, sondern im Sinne eines beispielhaften Lokalkolorits für Luník IX und seine Bewohner und Bewohnerinnen. Diese Art von Fehlinterpretation und Unterdrückung von KünstlerInnen und ihrer Arbeit stellt das größte Problem für Roma-KünstlerInnen dar. Und selbst wenn sie ein Bild erschaffen oder über die Probleme der Roma in einen Dialog treten, werden sie nur Teil eines vordefinierten Kontexts und der Ansichten einer anderen Autorität oder eines Mittlers.

Ich möchte noch einmal zum Museum der Kultur der Roma zurückkehren. Mir ist erst heute aufgefallen, dass das englische Akronym MRC für zwei Dinge stehen kann, was zwar bedeutungslos, aber doch interessant ist: „Marginalized Roma Community“ und „Museum of Roma Culture“. Das eine Akronym kann der Stigmatisierung von Ghettos wie Luník IX und Brnox (Brünner Bronx) nicht entkommen, das andere nicht der institutionellen Interpretation von Roma-Kultur. Du fragst, wie man die Probleme und Schwierigkeiten der jungen Roma ohne zeitgenössische Kunst portraitieren kann. Mir schien es auch wie eine vordefinierte Strategie oder Aufzeichnung des Lebens der heutigen Generation. Dieses Interview ist für mich auf mehreren Ebenen schwierig. Ich würde gerne betonen, dass ich meine Positionen und Meinungen zu den von uns diskutierten Themen vorwiegend bildnerisch zum Ausdruck bringe. Ich arbeite dabei mit Motiven, die auf Roma und ihre Interpretation Bezug nehmen. Ich will damit nicht nur provozieren, aber das gehört schon dazu. Ich sehe mich nicht in der Rolle einer Roma-Anführerin oder einer Aktivistin, die alle Probleme versteht und die Lösungen kennt.

* Milena Hübschmannová, In: Lacková, Elena: Narodila jsem se pod šťastnou hvězdou. Prag: Triáda, 2010.

Der Dialog wurde auf Slowakisch abgehalten und aufgezeichnet.
Erstmals publiziert am 11. Dezember 2017 auf Multikulti.sk.
Aus dem Englischen von Margit Hengsberger und Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Oto Hudec und Emília Rigová. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: © Mit freundlicher Genehmigung von Oto Hudec und der Gandy Galerie. Bild im Infokasten: Oto Hudec, Reflexionen über ein Museum, 2017, Detailansicht. Foto: © Adam Šakový.