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Für eine Handvoll Lek

Über die Grauzone in Albanien's Medienlandschaft

29. Mai 2019
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Albaniens Medienszene ist mehrheitlich im Besitz einiger weniger Oligarchen, die bestimmen, was in der Öffentlichkeit zum Thema wird. Journalisten, die gegen den Strom schwimmen wollen, brauchen da viel Rückgrat.

Bunte Schaufenster, leuchtende Reklamen und das warme Licht von Straßenlaternen verdrängen die Dunkelheit des frühen Abends. Vier junge Männer stehen einem fünften gegenüber, sie diskutieren miteinander. Plötzlich kommt Bewegung in die Runde. Einer von ihnen geht zu Boden, die anderen treten auf den Liegenden ein. Immer wieder. Blendi Salaj erzählt diese Geschichte bei einem Kaffee auf der Terrasse des Rogner Hotel Tirana nicht zum ersten Mal, auch in seiner Radiosendung war sie Thema. Als er über den kaltblütigen Mord berichtete, habe es ihm die Stimme verschlagen, sagt er. Zu nahe sei es ihm als Familienvater gegangen, nachdem er die Eltern des Opfers wenige Tage zuvor in einem Fernsehinterview über ihr getötetes Kind reden gehört hatte.

Der 22-Jährige war von Gleichaltrigen auf offener Straße umgebracht worden. Mitten im Stadtzentrum von Tirana. Durch mehrere Stiche mit einem 18 Zentimeter langen Messer und Tritte gegen den Kopf. Die Gewalttat ereignete sich im August 2017. In den albanischen Medien war jedoch erst Monate später davon zu hören, zu sehen und zu lesen. Schlagzeilen machte nämlich nicht der Mord an sich, sondern die Begleitumstände und die Folgen für die Täter. Der Grund für die Auseinandersetzung sei ein schlichtes Smartphone-Ladekabel gewesen, erzählt Salaj. Das habe sich während des Gerichtsverfahrens herausgestellt, bei dem einer der Jugendlichen wegen Mordes verurteilt wurde.

Der Fall wurde erneut Thema, als Reporter des privaten Fernsehsenders Top Channel aufdeckten, warum drei der vier Täter ohne Haftstrafe davonkommen konnten. Die Journalisten hatten herausgefunden, dass deren Eltern Bestechungsgelder an den zuständigen Staatsanwalt bezahlt hatten. So wurde aus Mord die Vertuschung einer Straftat. In seiner Morning Show, die wochentags auf dem Privatsender Radio Club FM ausgestrahlt wird, greife er regelmäßig ernste Themen wie dieses auf, sagt Salaj, der in den USA studierte und arbeitete, bevor er vor einigen Jahren zurückkam, um hier Radio zu machen. Auch, wenn er eigentlich eine Unterhaltungssendung moderiert, sei es seine journalistische Aufgabe, wichtige Inhalte zu vermitteln, sagt er. Zeit für Quiz und lustige Witze bleibe trotzdem noch genug.

© Michael Sommer

3 Fragen an Remzi Lani

Gibt es freie Medien am Westbalkan?
Man könnte es so sagen: Wie in vielen anderen Regionen weltweit ist die Medienszene am Westbalkan frei, aber nicht unabhängig. Das bedeutet, dass etwa in Albanien viele Verlage, Radio- und Fernsehsender eher wirtschaftlichen oder politischen Zwecken dienen als dem öffentlichen Interesse. Hinzu kommen jene Herausforderungen, die Medien derzeit überall sonst genauso beschäftigen. Die dunkle Seite des Internets zum Beispiel: Hate Speech greift auch hier die Glaubwürdigkeit journalistischer Arbeit an. Außerdem scheint die Wahrheit immer unwichtiger zu werden, sie ertrinkt in einem Meer aus Desinformation.

Fake News ist das bestimmende Thema?
Heute kann jeder alles als Fake News bezeichnen. Es gibt kein ultimatives Instrument, um die Wahrheit freizulegen. Dieser Umstand spielt vor allem jenen in die Hände, die über Meinungsmacht verfügen, insbesondere den Regierungen. Die Wahrheit ist: Medien verlieren ihre Macht – und scheinen ihren Bedeutungsverlust nur allzu bereitwillig hinzunehmen. Es heißt, mit dem Aufstieg der Sozialen Medien sei jeder zu einem Journalisten geworden. Das stimmt so aber nicht, Journalismus ist eine Profession. Und diese gilt es zu verteidigen. Den Menschen muss klar werden, welche Rolle unabhängige, professionelle Berichterstattung in einer Demokratie spielt.

Bedroht das Internet den Journalismus?
Wir alle feiern die Möglichkeiten, die uns das Internet bietet. Sein Entstehen hat Freiheit mit sich gebracht, aber genauso die Illusion von Freiheit. Was das bedeutet? In Albanien verschaffen viele junge Menschen ihrer Meinung in Sozialen Medien wie beispielsweise Twitter Gehör. Finden allerdings Wahlen statt, gehen sie nicht zu den Urnen. Will man, dass Menschen Tweets verfassen oder, dass sie wählen? Das Thema Meinungsäußerungsfreiheit ist in Albanien ausgeufert, dabei ist auch hier weniger manchmal mehr: Wir brauchen keine 20 Tageszeitungen, wir brauchen fünf gute. Wir brauchen keine 700 Nachrichtenportale, sondern einige wenige Qualitätsmedien, die die Demokratie stärken.

Foto: © Michael Sommer

Auf den Mordfall folgte in Albanien eine anhaltende, medial geführte Diskussion über den Zustand des Justizsystems. Genau das, nämlich Missstände aufzudecken und Veränderungen hin zum Positiven anzustoßen, seien die Aufgaben der vierten Gewalt im Staat, sagt Salaj. Die Geschichte des getöteten Jugendlichen ist für den 37-Jährigen ein gutes Beispiel, weil sie ein komplexes Thema greifbar mache. Um diese vierte Gewalt in Albanien zu stärken und weil die Journalistenausbildung hier viel zu theoretisch angelegt sei, bietet Salaj mit seiner Organisation Qendra Media Aktive unter anderem Praxis-Workshops für Nachwuchsjournalisten an.

Grauzone

Als komplex beschreibt auch Remzi Lani die Mediensituation in dem kleinen Land am Westbalkan. Albanien sei in dieser Hinsicht aber nicht anders als die restlichen Staaten Südosteuropas, sagt der Direktor des Albanian Media Institute. Er selbst kann auf eine lange Karriere als Journalist verweisen, etwa als Reporter bei der spanischen Tageszeitung El Mundo. Das 1995 gegründete Albanian Media Institute arbeitet an Studien und Projekten, um die Entwicklung der albanischen Medienlandschaft voranzutreiben und dient als Ausbildungszentrum für Journalisten. Sein Leiter bezeichnet die Mediensituation am Westbalkan als Grauzone.

„Und genau das ist das Problem”, sagt Lani. Mit einer Schwarz-Weiß-Situation umzugehen, sei in den meisten Fällen einfacher. Was er damit meint, erklärt der Experte im schlichten Konferenzraum seines Instituts in Tirana. Als Beispiel wählt er das Thema Zensur. Schwarz bedeute, dass diese von der Regierung ausgehe und Weiß, dass es keine gäbe. In der Realität zensieren sich viele Journalisten in Albanien jedoch selbst. So entsteht jene komplizierte Grauzone, von der Lani spricht.

Halten Medienkonzerne ihre Redaktionen in finanzieller Abhängigkeit, ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Journalisten die Hand, die sie füttert, manchmal auch beißen, eher gering. Das schränkt die Meinungsäußerungsfreiheit ein. So liegt Albanien aktuell auf Platz 75 von 180 in der von Reporter ohne Grenzen herausgegeben Rangliste der Pressefreiheit. Als besonders problematisch sehen sowohl die NGO als auch die Europäische Kommission die ausgeprägte Medienkonzentration in dem Land. Das zeigt auch der von Reporter ohne Grenzen gemeinsam mit dem Balkan Investigative Reporting Network (BIRN) im März 2018 veröffentlichte Media Ownership Monitor für Albanien.

Einige wenige Eigentümerfamilien verfügen demnach durch ihre Verlage, Radio- und Fernsehsender über mehr als die Hälfte der Publikumsanteile – und teilen damit rund 90 Prozent der Umsätze unter sich auf. Dennoch: Auch hier gibt es kein eindeutiges Schwarz oder Weiß. So ist etwa Top Channel, der Kanal, der den Justizskandal aufdeckte, Teil des Medienimperiums von Vjollca Hoxha. Ihr Mann, der Gründer des Imperiums, hatte zunächst Geld mit dem Import von Kaffee gemacht, vor zehn Jahren raste er mit seinem Ferrari 599 in den Tod.

Aus den von BIRN zusammengetragenen Daten geht außerdem hervor, dass alle fünf Sende­lizenzen für das kommerzielle digitale Fernsehen des Landes im Besitz von nur drei Familien sind. Besorgniserregend an diesem Umstand ist, dass auch in Albanien das Fernsehen als mit Abstand wichtigstes Medium gilt. Gefolgt vom Radio. Und auch dort entfallen etwa zwei Drittel der Höranteile auf nur vier Eigentümer – von denen zwei wiederum gleichzeitig zu den reichweitenstärksten Fernseheigentümern zählen.

Die meisten Zeitungen erscheinen hingegen nur in geringen Auflagen und spielen insbesondere im ländlichen Raum kaum ein Rolle. Trotzdem verfügen auch hier die vier führenden Eigentümer über mehr als 40 Prozent der Leseranteile.

Chance

Auch, wenn die Freiheit der Presse seit dem Jahr 1998 durch die Verfassung des Staates formal garantiert wird, nutzen Medienunternehmer ihren Einfluss und geben in Bezug auf die Berichterstattung eine klare politische Linie vor. „Die beste Chance für unabhängigen Journalismus ist das Internet”, sagt Besar Likmeta. Er ist der Leiter der BIRN-Redaktion in Tirana. Plattformen wie das Balkan Investigativ Reporting Network, für das der albanische Journalist arbeitet, haben in den letzten Jahren nicht nur an Ansehen, sondern auch an Reichweite gewonnen.

BalkanInsight.com, das Flaggschiff des als NGO organisierten Medienunternehmens, wird laut eigenen Angaben in 200 Ländern weltweit gelesen. In den unscheinbaren Redaktionsräumen in Tirana, die beim Betreten mehr nach einer Privatwohnung aussehen, erzählt Likmeta, dass Qualitätsmedien in Albanien gefragter seien denn je zuvor: „Die meisten Menschen sind weniger beeinflussbar als noch vor einigen Jahren. Sie können ganz einfach selbst überprüfen, ob das, was sie lesen, hören oder sehen, wahr ist.“ Davon profitieren Plattformen wie BIRN, die ihren Fokus insbesondere auf investigative Recherchen legen und mithilfe von Social-Media-Plattformen wie Twitter und Facebook Aufmerksamkeit auf sich und ihre Webseiten ziehen. Die Qualität der Berichterstattung sei entscheidend, dabei komme es auf zwei Faktoren an: regionale Präsenz und gut ausgebildete Reporter, sagt Likmeta.

BIRN setzt an seinen Standorten in Albanien, Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Rumänien und Serbien deshalb nicht nur auf klassische journalistische Arbeit, sondern auch auf regelmäßige Workshops, um Redakteure weiterzubilden – und Lesern, Zuhörern und Zusehern einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen. Journalisten und die Empfänger ihrer Arbeit zusammenzubringen, sei ein guter Weg, um beiden Seiten den Wert von unabhängiger Berichterstattung immer wieder ins Gedächtnis zu rufen, sagt Likmeta. Treffe man jene Menschen persönlich, auf die sich Probleme wie beispielsweise Selbstzensur auswirken, könnte man diese am ehesten aus dem Alltag verbannen.

Rund 80 Prozent der befragten Journalisten in Albanien gaben in einer Umfrage für den Media Ownership Monitor 2018 an, sich selbst zu zensieren, um sich vor einer Kündigung zu schützen. Lieber steckt man die paar Lek Gehalt ein und schreibt, was die Blattlinie vorgibt. Neben dem Kontakt mit Lesern, Hörern und Sehern sollen nun ein spezieller Online-Kodex sowie über sämtliche Medien hinweg gültige Ethik-Richtlinien diesem Umstand entgegenwirken. Diese wurden erst kürzlich vom Albanian Media Institute erarbeitet. Im Hinblick auf einen Beitritt Albaniens zur Europäischen Union gilt es laut dem Progress Report 2018 der EU-Kommission zudem bei den gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Arbeit von Journalisten nachzubessern – juristische Mittel sollen ein ökonomisches Umfeld schaffen, das eine unabhängige Berichterstattung gewährleistet.

Eine solche ist für das Aufdecken von Korruptionsfällen wie jenem, der auf den Mord des 22-Jährigen folgte, absolut notwendig – darin sind sich der Moderator Blendi Salaj, der Medienexperte Remzi Lani und der Reporter Besar Likmeta einig. Genauso, wie in der Ansicht, dass, was die allgemeine Entwicklung der vierten Gewalt angeht, sich derzeit durchaus auch hellere Grautöne abzeichnen.

Erstmals publiziert im November 2018 in der Printversion von Postcards from Albania

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