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Standpunkte

Folgenreiche „Achter-Jahre“

Jacques Rupnik über die Wendepunkte in der tschechoslowakischen Geschichte

5. Juli 2019
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Die tschechoslowakische Geschichte des 20. Jahrhunderts bietet eine Fülle komplexer Ansätze, auf der Suche nach einer brauchbaren Vergangenheit und einem Narrativ für das 21. Jahrhundert Verbindungen zwischen den folgenreichen Achter-Jahren herzustellen. In seiner Eröffnungsrede am IWM wies Jacques Rupnik darauf hin, dass diese historischen Daten – von der nationalen Unabhängigkeit und der Gründung der Tschechoslowakischen Republik 1918 bis zur Samtenen Revolution 1988/89 – Wegmarken in der nationalen und europäischen Geschichte darstellen.

Jubiläen wie das Jahr 2018 können Anlass oder Vorwand sein, auf die Vergangenheit der tschechischen (und slowakischen) Gesellschaft zurückzublicken und über ihre Gegenwart nachzudenken. Das gilt umso mehr, wenn wir es – wie im Fall der tschechoslowakischen „Achter-Jahre“, also den Jahren, deren Zahlen auf eine Acht enden – mit einer Kombination aus verschiedenen historischen Wendepunkten zu tun haben, die es gilt, gleichzeitig zu analysieren und Fragen über ihre Wechselbeziehung einander gegenüberzustellen. Jede Generation, die sich der Debatten der vorhergehenden bewusst ist (oder darauf reagiert), neigt dazu, diese Fragen im Lichte neuer Erkenntnisse und aktueller Interessen neu zu formulieren.

Wie wir wissen, geben Gedenkfeiern üblicherweise mehr über diejenigen preis, die gedenken, als über die tatsächlichen Ereignisse, an die erinnert werden soll. Die tschechoslowakischen Achter-Jahre geben Regierung und staatlichen Institutionen Anlass, ihre „Erinnerungspolitik“ zu formulieren und zu definieren, wie diese in das vorherrschende historische Narrativ passt. Den in diesen Prozess involvierten HistorikerInnen bietet sich dadurch die Gelegenheit, sich erneut rückblickend mit dem Thema zu befassen, als wäre es „ein fernes Land“ (Jean Racine). Manchen werden so mitunter die von Warhol prophezeiten fünfzehn Minuten des Ruhms zuteil, sollten sie von den Medien dazu aufgefordert werden, kurze und klar umrissene Einschätzungen abzugeben, was auch einige Risiken birgt. Es mag sich lohnen, diese Risiken einzugehen, solange zwischen Geschichtsschreibung und gegenwärtiger Erinnerungspolitik unterschieden wird, d.h. solange die Notwendigkeit öffentlicher Debatten vom Ge- und Missbrauch historischer Argumente im politischen Wettstreit abgegrenzt wird.

1918 – 1938  – 1948 – 1968 – 1988/89

Gedenkfeiern geben üblicherweise mehr über diejenigen preis, die gedenken, als über die tatsächlichen Ereignisse, an die erinnert werden soll.

Die Ambivalenz der TschechInnen darüber, wessen sie als Nationalstaat, dem mittlerweile durch seine Verflechtungen innerhalb der Europäischen Union gewisse Grenzen gesetzt sind, eigentlich gedenken, offenbart gewisse, mit den Krisen der Vergangenheit und zukünftigen Szenarien verbundene Ängste – was man in einem friedlichen, relativ wohlhabenden und ein wenig egozentrischen Land im Herzen Europas eigentlich nicht erwarten würde.

Die Zahl Acht passt recht gut zu dieser Mentalität: Horizontal betrachtet gilt sie als Zeichen der Unendlichkeit, erinnert aber ebenso an ein Möbiusband, also eine Fläche, die nur eine Seite und eine Kante hat. Ein solches Band entsteht, wenn man einen Streifen Papier einmal verdreht und dann beide Enden ringförmig zusammenklebt. Die Drehung ist in beide Richtungen möglich; es gibt also zwei verschiedene (spiegelverkehrte) Möbiusbänder. Ein Käfer, der die Mittellinie der Schleife entlangkrabbelt, würde zweimal rundherum wandern, bevor er wieder zum Ausgangspunkt gelangt. Jacques Lacan[1] – sofern mir ein Verweis auf die Psychoanalyse in diesem Kontext gestattet ist – hat hierzu aufschlussreiche Überlegungen angestellt. Die Quintessenz daraus ist, dass die Doppelschleife, die einen zurück an den Ausgangspunkt bringt, für das Verständnis der „Angst vor Wiederholung“ von Bedeutung ist.

Diese Angst vor der Vergangenheit ist zweifelsohne auch eine Angst vor der Zukunft.

Diese Angst vor der Vergangenheit ist zweifelsohne auch eine Angst vor der Zukunft. Sie hat mit der Vorstellung von Zyklen, von „ewiger Wiederkehr“, zu tun und steht in den tschechoslowakischen Narrativen jenen Momenten der Hoffnung und Euphorie (wie 1918, während des Prager Frühlings 1968 oder der Samtenen Revolution zwanzig Jahre später) gegenüber, denen tragische Rückschläge, Niederlagen und selbstverschuldetes Scheitern folgten, was zu kollektiven Depressionen und Überlebensstrategien führte.

Lassen Sie mich dazu zwei Einwände vorbringen: Erstens handelt es sich um einen tschechoslowakischen Entwicklungsverlauf im 20. Jahrhundert, und jeder Wendepunkt wurde von PolitikerInnen, HistorikerInnen und generell in der Öffentlichkeit in Prag und in Bratislava unterschiedlich wahrgenommen. Wir sprechen hier über die Geschichte eines Landes, aus dem zwei wurden. Umfragen der Nachkriegszeit, in denen TschechInnen und SlowakInnen in regelmäßigen Abständen nach der glorreichsten Zeit in der Geschichte ihres Landes gefragt wurden, offenbarten recht widersprüchliche Auffassungen.

Zweitens – und das ist nicht minder bedeutsam – verändert sich die Wahrnehmung im Laufe der Zeit. Unmittelbar vor 1948 (1946) maßen die TschechInnen der Zeit der Hussiten (15. Jahrhundert) am meisten Bedeutung zu, an zweiter Stelle folgte die Regentschaft von Karl IV. (14. Jahrhundert). 1968 war es die Erste Republik (1918-1938), gefolgt von der Hussitenzeit und Karl IV. 2008 stand schließlich die Ära Karls IV an erster Stelle, gefolgt von der Ersten Republik und der „nationalen Wiedergeburt“ im 19. Jahrhundert.[2] Dies ist wohl auch heute noch die vorherrschende Wahrnehmung.

© IWM

The Momentous “8”: Rethinking the “Philosophy of Czech History”

Das Jahr 2018 lädt dazu ein, die symbolträchtigen Momente der tschechoslowakischen Geschichte des 20. Jahrhunderts – The Momentous “8”, die folgenreichen „Achter-Jahre“ – Revue passieren zu lassen: die nationale Unabhängigkeit und Gründung der tschechoslowakischen Republik 1918, das Münchner Abkommen 1938, das es Nazideutschland erlaubte, das Sudetenland zu annektieren und anschließend das ganze Land zu besetzen, die totale Machtergreifung der Kommunistischen Partei 1948, die von der ganzen Welt mitverfolgte Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 und schlussendlich die Samtene Revolution 1988/89. All diese historischen Daten sind nicht nur von symbolträchtiger Bedeutung im nationalen Kontext, sondern kennzeichnen auch Wendepunkte in der europäischen Geschichte.

Besonders deutlich wird diese europäische Dimension, was das Jahr 1918 betrifft, als die habsburgische Herrschaft endete, was einer grundlegenden Umgestaltung der europäischen Machtkonstellation gleichkam. Das gilt auch für die Ereignisse von 1968, die die europäischen Gesellschaften grundlegend veränderten, jedoch verschiedene Botschaften implizierten und im Osten und Westen völlig unterschiedlich wahrgenommen wurden.

Wie Milan Kundera es einmal so schön formulierte, wurden die Pariser Proteste von 1968 als faszinierender Ausbruch eines „revolutionären Lyrismus“ wahrgenommen, während der Prager Frühling – zur gleichen Zeit und doch im gegenläufigen Sinn – den Beginn eines „postrevolutionären Skeptizismus“ signalisierte.

Der 50. und 100. Jahrestag dieser beiden historischen Zäsuren und die magischen „Achter-Jahre“ laden dazu ein, die „Philosophie der tschechischen Geschichte“ zu überdenken, die Jan Patočka als ein ebenso einzigartiges wie faszinierendes Phänomen in der europäischen Geschichtsschreibung betrachtete. Aus diesem Grund lud das IWM von 8. bis 9. März 2018 zu einem Workshop mit dem Titel The Momentous “8”: Rethinking the “Philosophy of Czech History”.

Die vom Permanent Fellow des IWM Ludger Hagedorn konzipierte und im Rahmen eines vom tschechischen Außenministerium unterstützten Programms organisierte Konferenz brachte führende internationale Experten für zentraleuropäische Geschichte zusammen. www.iwm.at

Foto: © IWM

Ich werde an dieser Stelle keinen Versuch einer Kurzfassung der Geschichte der Tschechoslowakei des 20. Jahrhunderts anhand der wichtigsten Ereignisse, auch bekannt als die „Achter-Jahre“, anstellen. Auch werde ich nicht das Gegenteil versuchen und die tschechoslowakische Erfahrung in eine „globale Geschichte“ einordnen, d.h. ein kleines mitteleuropäisches Land im 20. Jahrhundert aus der Perspektive des globalen Jahrhunderts, in dem wir leben, betrachten. Patrick Boucheron hat vor Kurzem einen Sammelband über die Weltgeschichte Frankreichs (Histoire Mondiale de la France) veröffentlicht, der eine breite Diskussion über Zweck und Verhängnis nationaler Narrative auslöste sowie Versuche, diese zu dekonstruieren, zur Folge hatte.

Ich begnüge mich stattdessen mit einem Ansatz, der irgendwo dazwischen liegt und für Historiker und die breite Öffentlichkeit hoffentlich von einiger Relevanz ist: die Verbindung bzw. Wechselbeziehung zwischen den tschechischen (tschechoslowakischen) und europäischen Dimensionen. Anders ausgedrückt: die tschechoslowakischen „Achter-Jahre“ als Barometer, Seismograf bzw. „révélateur“ für die missliche Lage Europas an entscheidenden Wegmarken des 20. Jahrhunderts.

Ich werde mich auf das 20. Jahrhundert beschränken, obwohl man ein weiteres „Achter-Jahr“ hinzufügen könnte – und vielleicht auch sollte: den Völkerfrühling 1848, als das tschechische Volk sich nicht mehr nur kulturell, sondern auch politisch betätigte und zum ersten Mal ausdrücklich mit der Frage der Beziehung zwischen Nation und Demokratie auseinandersetzte. Man entschied sich (wohlweislich) für Palackys Version des „Austroslawismus“ in sicherem Abstand zum autokratischen und panslawistischen Gedankengut des russischen Zaren und dem Frankfurter Parlament, dessen treibende Kräfte den Fortschritt der Demokratie mit dem der Germanisierung verwechselten. Oder sollten wir sogar bis 1618 zurückblicken, als der Dreißigjährige Krieg – ein wahrhaft europäischer Krieg! – in Böhmen mit dem Prager Fenstersturz seinen Ausgang nahm …?

Die berühmten tschechoslowakischen Achter-Jahre sind untrennbar mit allen wichtigen Wendepunkten der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden und offenbaren die großen Konflikte Europas: zwischen Ost und West, zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Demokratie und Totalitarismus. Wenn man sich ansieht, wie sich diese Themen im tschechischen Kontext ausgewirkt haben, lassen sich Erkenntnisse über die tschechische Zugehörigkeit zu Europa und, ganz allgemein, ein Verständnis für die europäische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts gewinnen.

Während des Prager Frühlings 1968 wurde Hauptakteuren der Reformbewegung in einer Umfrage einer Studentenzeitung folgende philosophische Frage gestellt: „Woher, wohin, mit wem?“ Worauf der Philosoph und das Enfant terrible des Jahres 1968 Ivan Sviták die präziseste Antwort lieferte: „Von Asien nach Europa, und zwar alleine!“ In diesem Gefühl der Eigenständigkeit und Abschottung liegt womöglich der größte Unterschied zur Samtenen Revolution zwanzig Jahre später, als die tschechoslowakische „Rückkehr nach Europa“ in hohem Maße Teil eines kollektiven mitteleuropäischen Bestrebens war. Timothy Garton Ash fasste es so zusammen: „Polen zehn Jahre, Ungarn zehn Monate, Ostdeutschland zehn Wochen, Tschechoslowakei zehn Tage!“

Anlässlich des 100. Jahrestages der Gründung der Tschechoslowakei präsentierte die Tschechische Akademie der Wissenschaften eine Sammelstudie mit dem Titel Cesko na Ceste[3] („Tschechien unterwegs“). Sie war nicht als eine von Jack Kerouac inspirierte Erzählung der tschechoslowakischen Reise gedacht, die über verschlungene Pfade nach Tschechien führt.

Der Titel deutet vielmehr auf die Aufbruchsstimmung im Land hin, auch wenn es den Anschein hat, dass die meisten AutorInnen es unterließen, Europa oder den Westen als das Ziel dieses Weges tatsächlich anzusprechen, als wollten sie andeuten, dass einige der Fragen bezüglich der geopolitischen Orientierung des Landes noch offen sind. Und das sind sie auch, ebenso wie Fragen, die seine Grundprinzipien betreffen.

HistorikerInnen, die sich mit diesem Thema befassen, sollten sich deshalb davor in Acht nehmen, in eine Falle zu tappen: die der romantischen Geschichtsschreibung nach dem Vorbild der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Idee des tschechischen demokratischen Exzeptionalismus, der mit der neuen Ersten Republik (1918 bis 1938) Form annahm. Ebenso zu vermeiden ist die Falle des Präsentismus, sprich eine Beurteilung der Vergangenheit aus der Perspektive gegenwärtiger Interessen, und da der tschechoslowakische Staat sowohl 1938 (vorwiegend auf Druck von außen) als auch 1992 (aus internen Gründen) unfähig war, sich zu behaupten, war er von Anfang an dazu verurteilt, als Staat „zu scheitern“.[4]

[1] Jacques Lacan, Le Séminaire, livre X, Paris, Seuil 2004. lien entre réel, symbolique, imaginaire.

[2] Stepanka Pfeiferova, Jiri Subrt, ‘Verejné mineni o problematice ceskych dejin’, Prag, Naše společnost 2 (2009) S. 16-23.

[3] Pavel Baran und Petr Drulak (Hrsg.) Cesko na ceste, Academia, 2017.

[4] Mary Heimann, Czechoslovakia the state that failed, New Haven, Yale UP, 2009.

Original auf Englisch. Erstmals publiziert in der IWMpost Nr. 122 (Herbst / Winter 2018). Der vorliegende Text ist ein Auszug aus der Einleitung seiner Eröffnungsrede anlässlich des Workshops The Momentous “8“: Rethinking the “Philosophy of Czech History“ im März 2018.
Aus dem Englischen von Barbara Maya.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Jacques Rupnik. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Offizielle Zeremonie am 4. Mai 2019, zum 100. Todestag des Gründungsvaters der Tschechoslowakei, Milan Rastislav Stefanik, am Berg Bradlo, wo die sterblichen Überreste des Slowaken bestattet wurden. Foto: © Dalibor Gluck / CTK / picturedesk.com