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Feature

Europa im Keller

Die moldawische Theatermacherin Nicoleta Esinencu sucht nach der Identität ihres gespaltenen Landes.

21. Februar 2019
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Im Ausland wird Nicoleta Esinencu für ihre kritischen Theaterstücke geschätzt, in ihrer Heimat löst sie damit Skandale aus. Darum bleibt sie. Und sucht für ihre Texte nach der Identität ihres gespaltenen Landes.

Feuchtkalte Dunkelheit füllt den Raum, in dem gleich die Proben beginnen. Stromausfall, und das zur Mittagszeit. Mit einer Taschenlampe leuchtet Nicoleta Esinencu auf ein abgeklebtes Fenster, wo durch einen Spalt ein Kabel in den Keller führt. Mit drei Schauspielern und einer Assistentin versucht sie, für Licht und Ton zu sorgen. Hochbetrieb auf zwanzig Quadratmetern. Ein Darsteller verlegt Kabel quer durch den Raum, der andere bastelt an der Bühne herum, Esinencu bespricht sich mit einer Kollegin. Es scheppert, quietscht, ruckelt, dann ein Klick und eine Lampe taucht den Raum in fahles Licht. Notstrom vom Hauptgebäude der Theaterakademie Chişinău.

Betonwände kommen zum Vorschein, die tiefe Decke, der abgekratzte Putz. Dieser Ort heißt, wie er aussieht: Bunker. Hier zeigt Nicoleta Esinencu derzeit ihr aktuelles Stück Recviem for Europe, Totenmesse für Europa. „Wenn wir bei der Aufführung auch keinen Strom haben, müssen wir improvisieren“, sagt sie. Ihre 39 Jahre alte Stimme klingt kratzig, ein ironischer Unterton schwingt mit. Die Schauspieler lachen. Sie kennen das schon, Räume, in denen der Strom und im Winter die Heizung ausfällt. Theater made in Moldova.

Die Dramatikerin gastiert regelmäßig in Deutschland, Österreich, Frankreich, Schweden, das Publikum schätzt sie für ihre kritische Haltung, ihre zornig-ehrlichen Texte. In ihrer Heimat, der Republik Moldau, ist Esinencu froh, wenn sie überhaupt einen Raum für ihre Arbeiten findet. Den Bunker muss die Gruppe sofort nach den Vorstellungen um Punkt 21 Uhr verlassen, für den Applaus kehren die Schauspieler nicht auf die Bühne zurück, es kostet zu viel Zeit. „Die Akademie mag uns nicht besonders“, sagt Esinencu, die selbst hier studiert hat, wieder mit Ironie. Vielleicht ist es schon Zynismus.

Aus einer Kiste kramt sie einen Hammer hervor und schlägt einen Nagel in die Sitzfläche eines kaputten Stuhls. Vierzig Zuschauer finden im Bunker Platz. Esinencu stellt sich vor der Bühne auf, ihre stechend blauen Augen mustern die drei Kästen, auf denen Nähmaschinen stehen. „Die müssen eine Linie ergeben, genau unter dem Licht“, sagt sie und zeichnet mit ihrem Arm einen senkrechten Strich in die Luft. Die Schauspieler rücken die Möbel zurecht, nur wenige Zentimeter. Es folgt ein Test der Nähmaschinen, die wie Gewehre losrattern. Esinencu schaut skeptisch, der Klang der mittleren gefällt ihr nicht. Der Perfektionistin entgeht kein Detail.

Europa galt in Moldau nach dem Zerfall der Sowjetunion als Heilsbringer. Die Hoffnung war nicht mehr russisch, sondern europäisch, das Alphabet lateinisch statt kyrillisch.

In ihren Stücken dagegen beleuchtet sie das große Ganze, Moldau, seine Probleme, Europa. Ihr Stück FUCK YOU, Eu.ro.Pa löste 2005 einen Skandal aus. In diesem Monolog rechnet sie mit Europa ab, das in Moldau nach dem Zerfall der Sowjetunion als Heilsbringer galt. Die Hoffnung war nicht mehr russisch, sondern europäisch, das Alphabet lateinisch statt kyrillisch. „Mir scheint, ich hatte in meiner Kindheit kein Land“, heißt es in dem Stück. Die Autorin schreibt ihre Wut so auf, wie sie sie fühlt, harsch und direkt. „Was hat mein Land für mich getan? Papa, ich hab’s nicht gerne in den Arsch. Das erinnert mich an mein Vaterland. Wenn du liebst und es weh tut.“ Für die Aufführungen in Moldau musste Esinencu das Stück umbenennen. Stopp Europa wurde ab 16 Jahren freigegeben. Gedruckt wurde der Text in ihrer Heimat bis heute nicht.

Für ihre Geschichten gräbt sich die Autorin durch ihr Heimatland, sucht entlegene Orte und ihre Bewohner, verwebt die Biografien ihrer Landsleute mit ihrer eigenen Vita. So nähert sie sich der Identität eines zerrissenen Landes, greift Themen auf wie Homosexualität, Nationalismus, Ausbeutung.

Oder Feminismus, wovon ihr nächstes Stück handelt, an dem sie gerade schreibt. Inspiration dafür sucht sie in Străşeni, einer Kleinstadt eine Stunde von Chişinău entfernt. Das Theaterteam und ein paar Freunde sind mitgekommen. Zu acht sitzt die Gruppe in einem Kleinbus verteilt, draußen herrschen dreißig Grad, drinnen gibt es keine Klimaanlage. Esinencu wischt sich mit einem Taschentuch über die Stirn. Und erzählt. Von den drei Jahren am staatlichen Eugène-Ionesco-Theater in Chişinău, wo sie nach ihrem Studium als Dramaturgin anheuerte. Dann Finanzkrise. Der Intendant strich Inszenierungen vom Spielplan, weil das Geld fehlte, vor allem für Kostüme. „Die sind das Wichtigste für einen Schauspieler, haben wir an der Uni gelernt.“ Auf ihren Lippen ein argwöhnisches Lächeln. Für Esinencu gab es nichts Unwichtigeres, ihr kam es schon immer auf den Inhalt der Stücke an.

Sie begann, gegen das etablierte Theater zu rebellieren, wollte nicht mehr auf staatliche Subventionen angewiesen sein, gründete 2010 mit Kollegen das alternative Teatrul Spalatorie, übersetzt: Theater Wäscherei. Sieben Jahre betrieb sie eine eigene Bühne. Hierarchien wie an großen Häusern kannte sie nicht, alles entschieden die Mitglieder des Kollektivs gemeinsam. „Wir haben uns jahrelang ein Publikum aufgebaut, doch die jungen Leute sind weggezogen, also mussten wir immer wieder von Neuem beginnen.“ Vergangenes Jahr sperrten sie die Bühne zu. Zu mühsam die Organisation, zu hoch die Kosten, für das kleine Team nicht zu schaffen. Esinencu wollte sich auf das Wesentliche konzentrieren, auf ihre Stücke, auf das, was sie den Menschen erzählen will. Seitdem vagabundiert die Gruppe von einem Spielort zum nächsten.

Mit ihren Begleitern verlässt Esinencu den Bus und marschiert zu Fuß weiter durch Străşeni, vorbei an einem Park und dem Rathaus, das seine Gäste durch sechs mächtige Säulen empfängt. Esinencu zieht eine grüne Kappe aus ihrem Rucksack, setzt sie auf ihre hellbraunen Locken, schnauft laut aus. Auf sandigem Untergrund stapft die Gruppe einen Berg hinauf, der an einem eisernen Gartentor endet. Dahinter ein Häuschen, aus dem eine Frau mit kleinen, lächelnden Augen heraustritt. Die 60-Jährige, die alle nur Maria nennen, umarmt ihre Besucher und bittet sie in einen Garten mit dutzenden Kirschbäumen. Mittendrin ein großer Tisch, vollbeladen mit moldauischen Spezialitäten: Fleischbällchen, eingelegtes Gemüse, Teigtaschen. Maria hat für ihre Besucher groß aufgekocht. In einer Voliere im Garten flattern und gurren Tauben, aus einem Lautsprecher schallt traditionelle Musik. Das Treffen ist eine Mischung aus Gartenparty und Recherche, es wird gegessen, gelacht, dazwischen erzählt die Gastgeberin ihre Geschichte.

Lange ertrug Maria die Exzesse ihres ständig besoffenen Ehemanns, seine Schläge, die ihr zeigten, was er von ihr hielt. Als die Dorfbewohner munkelten, er habe eine Geliebte, war es Maria der Demütigung zu viel. Sie reichte die Scheidung ein und begann, in einer Fabrik zu schuften. Alleinerziehend im Moldau der neunziger Jahre, das kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion in Armut und Frustration versank. Die Mütter verließen das Land, um Geld zu verdienen. Auch Maria ließ ihre Kinder zurück und fuhr Richtung Italien. Ihre Flucht endete im ungarischen Gefängnis, nach zwei Wochen kehrte sie heim.

Nicoleta Esinencu, das Kinn auf den Arm gestützt, saugt Marias Worte auf. „Was würden Sie Ihren Töchtern auf keinen Fall wünschen?“ Maria antwortet, ohne zu überlegen: „Dass sie von einem Mann geschlagen werden.“

© Martin Zinggl
Im Ausland geschätzt, in der Heimat skandalisiert: Dramatikerin Nicoleta Esinencu ist eine der kritischsten Stimmen Moldawiens. Foto: © Martin Zinggl

Während ihre Begleiter nach dem Essen im Schatten der Kirschbäume ruhen, schreibt die Dramatikerin Notizen in ein kleines Buch: Patriarchat, Gewalt, harte Arbeit, Armut. „Für Maria und viele Frauen ist das Alltag, auch wenn es das nicht sein sollte“, sagt Esinencu, ihr Blick wandert nachdenklich durch den Garten.

Für ein früheres Stück über den Holocaust bereiste sie Dörfer, aus denen Menschen während des Zweiten Weltkriegs deportiert wurden. Sie sprach mit Angehörigen, lauschte ihren Geschichten. „Der Holocaust wird in Moldau verleugnet.“ Kein Wort davon im Schulunterricht. In Berlin erfuhr sie im Gespräch mit Theaterkollegen zum ersten Mal, dass es auch in Moldau, damals Teil Rumäniens, Deportationen gegeben hat, dass dort während des Zweiten Weltkriegs Abertausende ums Leben kamen. Zurück in der Heimat begann sie zu recherchieren, schrieb alles in einem Stück nieder, das für Aufruhr sorgte: Clear History. „Die Politik manipuliert uns, spaltet die Gesellschaft, in der sich sehr viel Hass entwickelt. Wir stecken in einer großen Identitätskrise. Das Problem ist, dass wir einen gestörten Zugang zu unserer eigenen Geschichte haben.“

„Die Politik manipuliert uns, spaltet die Gesellschaft, in der sich sehr viel Hass entwickelt. Wir stecken in einer großen Identitätskrise. Das Problem ist, dass wir einen gestörten Zugang zu unserer eigenen Geschichte haben.“

– Aus dem Stück Clear History

Weil sie genau das thematisiert, eckt sie an, provoziert, vor allem in Moldau. Und sie findet Gefallen daran. Für einige Monate lebte die Dramatikerin dank Stipendien in Deutschland und Frankreich. Während viele Künstlerkollegen längst im Ausland geblieben sind, zieht es sie immer wieder zurück. Sie will ihr Theater weiterentwickeln, in ihrer Heimat etwas verändern, trotz der widrigen Bedingungen. „Hier gibt es kaum Möglichkeiten, Werke zu präsentieren, weder finanziell noch ideell. Es interessiert sich einfach niemand für unsere Kunst.“ Esinencu spricht über die Misere ihres Landes nonchalant, abgebrüht. Manchmal klingen ihre Worte fast verbittert. „Ich bin nicht mehr so naiv zu hoffen, dass Politiker etwas ändern.“ So verhasst ist ihr das politische System Moldaus, das immer wieder unter Korruptionsverdacht steht, in dem Gelder in Millionenhöhe verschwinden, während die Bevölkerung in Armut lebt. „Von diesem Staat würde ich kein Geld für meine Arbeit annehmen.“

Finanzielle Unterstützung erhält Esinencu vor allem von Stiftungen aus dem Ausland. Doch sie nimmt sie nicht um jeden Preis. Eine deutsche Stiftung hat die Gelder für ihr aktuelles Stück Recviem for Europe gekürzt, erzählt sie. Darin geht es um ausbeuterische Arbeitsbedingungen in moldauischen Fabriken, die günstig für die EU produzieren. Moldau, das neue China: Versace, Armani, Nike, Zara und auch der deutsche Autozulieferer Dräxlmaier. Mit Esinencus Kritik an dem Unternehmen war die Stiftung nicht einverstanden. Sie habe verlangt, dass die Autorin den Text ändert. Für Esinencu ausgeschlossen. „Die Stiftung gibt vor, demokratisch zu sein, und dann behandelt sie uns so.“ Nicht die kritische Darstellung des Unternehmens sei Grund für die Ablehnung gewesen, rechtfertigt die Stiftung heute. „Es war allein die pauschale anti-europäische Grundausrichtung des Textes“, heißt es in einer Stellungsnahme. Esinencu verzichtete komplett auf die Förderung, Recviem for Europe brachte sie trotzdem auf die Bühne.

Eine Woche nach dem Ausflug präsentiert sie das Stück vor 35 Besuchern im Bunker. Hinter dem Publikum lehnt die Regisseurin am Ausgang im Türrahmen und überblickt den Raum mit Argusaugen. Die drei Schauspieler im Blaumann erheben sich hinter ihren Nähmaschinen. Betont freundlich sprechen sie in Richtung Publikum auf Englisch, Rumänisch und Russisch:

Danke, Chef, dass wir Uniformen tragen müssen, die wir selbst zahlen.
Danke, Chef, dass du uns beibringst, wie wir hart arbeiten.
Danke, Chef, dass du überall Überwachungskameras installiert hast.
Danke, Chef, dass du mir erlaubst, drei Schichten zu arbeiten, 24 Stunden lang.
Danke, Chef, dass du dich darum kümmerst, dass mein Lohn nie das Minimalgehalt überschreitet.

Zum großen Finale spielen die Fabrikarbeiter auf ihren Nähmaschinen die Europahymne Ode an die Freude. Mit den Händen drücken sie auf die Pedale, beschleunigen, bis das Stück außer Kontrolle gerät und in ein anderes übergeht: Verdis Totenmesse.

Erstmals publiziert auf Reporterreisenmoldau.de, sowie am 30. Juni 2018 auf spiegel.de und am 7. August 2018 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Christina Fleischmann. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: Europa, Moldawien, Chişinău,“Der Bunker“. Theater-Generalprobe des Stücks „Requiem for Europe“. Nicoleta Esinencu ist eine der kritischsten Stimmen Moldawiens. Sie macht Independent Theater. Die Schauspieler (von links nach rechts): Doriana Talmazan, Kira Semionov, Artiom Zavadovsky. Foto: © Éric Vazzoler / Zeitenspiegel