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Ein Dach über dem Kopf

Matea Grgurinović erhielt den Journalismuspreis "von unten" für ihre Story über die Frage, ob es ein Grundrecht ist ein Zuhause zu haben.

19. Februar 2018
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„Die acht Monate, bevor ich von der Obdachlosenunterkunft (des Ordens der Barmherzigen Schwestern) in der Jukićeva ulica erfuhr, verbrachte ich die meiste Zeit in Nachtstraßenbahnen und Nachtbussen. Bis Donnerstag ist alles OK, aber dann, herrje! Freitags und samstags, da sind alle betrunken, alle laut um einen herum. Du kannst es nicht erwarten, dass wieder Sonntag ist, damit du dich ausruhst.“

Željko verbrachte in Zagreb drei Jahre als Obdachloser. Jetzt verkauft er den Ulični fajter (Street Fighter), eine vom Verein Fajter (Fighter) für Obdachlose und über die Obdachlosigkeit herausgegebene Zeitschrift. Ein Teil des Verkaufserlöses geht an den Verkäufer und ein Teil für den Druck der nächsten Ausgabe. Die Zeitschrift finanziert sich zur Gänze selbst, ohne Projekte, allein aus dem Verkaufserlös, humanitären Ausstellungen und Kooperationen sowie aus Spenden, die vom Vorsitzenden des Vereines, Mile Mrvalj gesammelt werden.

Željkos und Miles Geschichte ist typisch für Menschen, die auf der Straße landen. Mile besaß eine Galerie in Sarajevo, die er schließen musste, während Željko nach zwanzig Jahren Arbeit in einem Ziegelwerk in Vinkovačko Novo Selo im Zuge eines Personalabbaus gekündigt wurde. Aufgrund des Jobverlustes, einer nie erhaltenen Abfindung, eines davor aufgenommenen Kredites, den er nicht mehr zurückzahlen konnte, ungeordneter Familienverhältnisse war er gezwungen, seinen Geburtsort zu verlassen.

Der Studie Ein Portrait der Obdachlosenunterstützung in Kroatien, einer ersten zu diesem Thema in Kroatien durchgeführten Untersuchung zufolge sind unter den Obdachlosen überwiegend Männer (81%), mit einer mittleren Berufsausbildung (63%) in meist industriellen oder gewerblichen Berufen, die als Ursachen für ihre Obdachlosigkeit strukturelle Bedingungen – Langzeitarbeitslosigkeit, eine unzureichende Unterstützung seitens der Gemeinschaft und finanzielle Unsicherheit angeben. An der Umfrage nahmen 72% aller Obdachlosen teil, die zum Zeitpunkt der Umfrage in Obdachlosenunterkünften und Notschlafstellen in ganz Kroatien untergebracht waren.

Journalismuspreis „von unten“

Der Journalismuspreis „von unten“ wurde 2010 von der Armutskonferenz entwickelt. Mit dem Ziel einen Journalismus zu fördern, der den vielen Facetten von Armut gerecht wird, Betroffene respektvoll behandelt, ihre Stimmen hörbar bzw. sichtbar macht und Hintergründe ausleuchtet. Die Jury setzt sich ausschließlich aus Menschen mit Armutserfahrungen zusammen und auch deshalb ist die Würdigung für die bisher 53 ausgezeichneten JournalistInnen etwas Besonderes.

Seit 2015 wird mit Unterstützung der ERSTE Stiftung und des EAPN (Europäisches Armutsnetzwerk) an einer internationalen Verbreitung des Preises gearbeitet und dafür internationale Austausch-Workshops organisiert. Zuletzt wurde der Journalismuspreis für respektvolle Armutsberichterstattung erstmals auch in Ungarn, Kroatien, Finnland und Island verliehen. Dieser Artikel wurde von Matea Grgurinović in der Kategorie Print ausgezeichnet.

„Als ich gekündigt wurde, konnte ich meinen Kredit nicht mehr zurückzahlen, in der Familie gab es Streit, also entschied ich mich zu gehen; Ich ging nach Mali Lošinj, um als Bauhelfer zu arbeiten, verbrachte dort acht Monate, ging vier Mal hin, erhielt keinen Lohn.“

Die Karte für den Katamaran von Rijeka nach Mali Lošinj kostet 40 HRK. Željko hatte gerademal so viel und musste von Vinkovačko Novo Selo bis dorthin mit Schnellzügen schwarzfahren. Aber auch die Arbeit auf Mali Lošinj endete nicht gut; wieder kein Lohn. „Also beschloss ich, nach Zagreb zu gehen, um dort ‚mein Glück zu versuchen‘. Als ich jedoch hinkam, hatte ich der Umstände halber keinen Platz zum Schlafen.“ So verbrachte Željko die ersten acht Monate draußen, im Freien und nachts in Straßenbahnen und Bussen. „Zwischen Črnomerec und der Save-Brücke. Du hast da eine Straßenbahnstrecke, auf der du ständig hin- und herfährst.“

Zumindest ist es warm…

„Ja, es ist warm, aber am meisten, weißt du, leiden deine Füße. Weil du deine Schuhe nicht ausziehen kannst. Du traust dich nicht, dir die Schuhe auszuziehen.“

Der Wiederaufbau eines sozialen Netzes

Nino Žganec, außerordentlicher Professor am Studienzentrum für Sozialarbeit und Vorsitzender des Kroatischen Netzwerkes gegen Armut, bestätigt, dass meist tiefe Einschnitte im Leben eines Menschen, wie in Željkos Fall – der Verlust des Arbeitsplatzes, eine Scheidung, die Unmöglichkeit der Rückzahlung von Krediten, zerrüttete familiäre Verhältnisse, aber auch der Verlust der Wohnung aufgrund von Naturkatastrophen und dergleichen zur Obdachlosigkeit führen. In den seltensten Fällen ist die Obdachlosigkeit eine persönliche Wahl.

Bei solchen einschneidenden Veränderungen sind es gerade die sozialen Netze – Familie und Freunde -, die maßgeblich verhindern können, dass jemand auf der Straße landet. Žganec schreibt den sozialen Netzen „eine ausgesprochen wichtige präventive Funktion“ zu und meint, dass alle „potentiellen Risiken und Ursachen der Obdachlosigkeit mit der Hilfe von Mitgliedern des sozialen Netzes, dem wir angehören und das bereit ist, uns in Krisenzeiten aufzufangen, leichter bewältigt werden können“. Der Gemeinschaft kommt eine enorm wichtige Rolle zu, selbst dann, wenn eine Person einen Obdachlosenstatus hat; das Stigma, mit dem Obdachlose konfrontiert sind, ist enorm, denn sie befinden sich in einer Lebenslage, „welche die Gemeinschaft eher verurteilt und nicht versteht oder zu verstehen versucht, und leider ungerechtfertigterweise der Unfähigkeit eines Menschen zuschreibt, sein Leben in entsprechender Weise zu meistern“, fährt Žganec fort.

Gerät man einmal in diesen Teufelskreis, ist es äußerst schwer, aus diesem wieder herauszukommen, so dass manche auch über Jahrzehnte in diesem System bleiben. Das Gefühl der Ausgrenzung ist groß. Eine der größten Aufgaben, vor die sich Obdachlose und diejenigen gestellt sehen, die mit ihnen arbeiten, ist in der Tat der Wiederaufbau eines sozialen Netzes. Wie wichtig das ist, zeigen auch die in der Studie Portrait der Obdachlosenunterstützung in Kroatien erhobenen Daten, aus denen hervorgeht, dass Obdachlose die Unterstützung seitens des Staates und der Gesellschaft als ausschlaggebend für den Ausstieg aus der Obdachlosigkeit sehen. Željko konnte dank eines sozialen Netzes und der Bekanntschaften, die er in Zagreb knüpfte, von der Obdachlosenunterkunft der Barmherzigen Schwestern erfahren und so von der Straße wegkommen, um mit dem Notwendigsten versorgt und einem Dach über dem Kopf schließlich einen Job suchen zu können.

Zimmergenossen aus einem Abbruchhaus

Beide, Željko und Mile waren obdachlos; eigentlich kennen sie einander, weil sie gemeinsamen die Obdachlosenzeitschrift Ulične svjetiljke (Straßenlaternen) verkauften und sich in einem Abbruchhaus „ein Zimmer teilten“. Bevor es ihnen gelang, durch den Verkauf der Zeitschriften Ulične svjetiljke und Ulični fajter einen Weg aus der Obdachlosigkeit zu finden, verbrachten sie drei Jahre lang auf der Straße. Die durchschnittliche Obdachlosigkeit beträgt in Kroatien fünf Jahre. Obwohl die Obdachlosigkeit in Kroatien als ein temporäres Problem gesehen wird, betont Nino Žganec, dass gerade die langfristige Obdachlosigkeit „leider eine Regel und keine Ausnahme ist. Den Ergebnissen der Studie zufolge dauert die durchschnittliche Obdachlosigkeit etwa 5 Jahre, doch diese Zahl verzerrt nur das wahre Bild, denn eine große Anzahl ist auch über mehrere Jahrzehnte obdachlos“.

Mile Mrvalj weist auf das Stigma hin, mit dem Obdachlose behaftet sind. Diejenigen, die sich seit Jahren außerhalb jeglicher Unterstützungssysteme befinden, kehren schwer in ein normales Leben zurück. Der Verein Fajter versucht, ihnen zu helfen. Täglich melden sich bei ihnen Hilfesuchende. Mrvalj unterstreicht, dass das größte Problem, die schweren depressiven Zustände seien, in die diese Menschen verfallen, denn eine Vielzahl von ihnen führte früher ein normales Leben – sie hatten eine Familie und ein Zuhause, eine Arbeit, doch dann verloren sie wegen Bürgschaften, Krediten, die sie nicht mehr zurückzahlen konnten oder bloß einer falschen Entscheidung im Leben alles, was sie hatten. Er weist auch darauf hin, dass eine Vielzahl von ihnen aufgrund von Depressionen zum Alkohol greife. Demnach sei Alkoholismus eine Folge und keine Ursache der Obdachlosigkeit. Diese Menschen werden dann zusätzlich stigmatisiert. Man meint dann: „Der ist nun mal so!“

„Bevor ich obdachlos wurde, konnte ich mir nicht vorstellen, etwas zu essen, ohne mir vorher die Hände zu waschen. Und nun, was bringt mir jetzt das Händewaschen? Früher hatte ich auch einen Bart mit Schnurrbart, aber der war immer ordentlich und zurechtgestutzt, und was bringt mir das jetzt? Nichts.“

Re-start – die Kurzfristigkeit von Projektaktivitäten

Gerade eine umfassende psychosoziale Unterstützung ist das, was Obdachlose benötigen, denn die Probleme, denen sie gegenüberstehen, sind weitaus größer als das bloße Fehlen eines Daches über dem Kopf. In Kroatien gibt es insgesamt 14 Obdachlosenunterkünfte und Notschlafstellen in 11 Städten, die zwar Hilfe leisten, jedoch sind ihre Kapazitäten begrenzt und nicht ausreichend. Olja Družić Ljubotina, Professorin am Studienzentrum für Sozialarbeit und Autorin der Studie Ein Portrait der Obdachlosenunterstützung in Kroatien meint, dass es nicht ausreichend Hilfsangebote für Obdachlose gäbe und „es einen Bedarf nach einer stärkeren Unterstützung und Bereitstellung von Dienstleistungen gibt, die vor allem darauf abzielen sollten, arbeitsfähige Obdachlose bei der Arbeitssuche zu unterstützten, da es sich um Langzeitarbeitslose handelt, die über ihre erworbenen beruflichen Fertigkeiten teilweise nicht mehr verfügen. Darüber hinaus bedürfen sie einer intensiveren psychosozialen Unterstützung mit einer kontinuierlichen Begleitung durch Fachleute, die sie befähigen und ihnen bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft helfen sollen“.

Eines der Projekte, das Obdachlosen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern sollte, war Re-start. Obwohl das Projekt erfolgreich war (sieben Obdachlose fanden durch dieses Projekt eine Anstellung), unterstreicht Frau Professor Družić Ljubotina, dass das Problem in der kurzen Dauer einer solchen Projektaktivität liege und „es notwendig ist, dass eine solche Maßnahme, die auf eine bessere Vermittlungsfähigkeit von Obdachlosen abzielt, „systematisiert“ wird, beziehungsweise zu einem integralen und kontinuierlichen Bestandteil der Unterstützungsangebote für diese Gruppe von Menschen werden sollte“. Der erste Schritt sei die materielle Unterstützung – die Lösung des Wohnungsproblems – und dem sollten alle anderen Formen der Unterstützung, die sie benötigen, folgen: Eingliederung in den Arbeitsmarkt, psychosoziale Hilfe und Ausbildung.

Rechtliche und institutionelle Hürden

Sechzehn Prozent der Obdachlosen haben keine Krankenversicherung. Weder Mile noch Željko sind krankenversichert. Dies würde bedeuten, meinen sie scherzend, dass sie gesund seien, da nur chronisch Kranke, die Sozialhilfe beziehen, Anspruch auf eine kostenlose Krankenversicherung haben. Mile führt noch aus, dass bei ihm oder Željko, würden sie zum Arzt gehen, weiß der Himmel was alles festgestellt werden könnte, so dass es so vielleicht auch besser sei.

Dies ist nur eines der Probleme, mit dem sich Obdachlose (aber auch andere Sozialhilfeempfänger) konfrontiert sehen. Bis 2012 konnten obdachlose Personen keinen Personalausweis bekommen, weil sie nach dem damaligen Meldegesetz einen gemeldeten Wohnsitz nachweisen mussten, den Obdachlose (ganz offensichtlich) nicht haben. Durch das neue Gesetz (NN 144/12) wurde dies geändert und sie können sich nun an den Adressen der Obdachlosenunterkünfte und ähnlicher Einrichtungen anmelden, doch stoßen sie nichtsdestotrotz immer noch auf viele Hürden. Wenn es bei der Anmeldung eines Wohnsitzes Probleme gibt, „können sie keine Personaldokumente erhalten, haben keinen Anspruch auf eine Krankenversicherung, können sich nicht beim Arbeitsamt anmelden und auch all die anderen ihnen zustehenden Rechte nicht geltend machen“, unterstreicht Prof. Družić Ljubotina.

Sie weist auch auf eine Bestimmung des Sozialfürsorgegesetzes aus 2013 hin, wonach Obdachlose, die sich in Obdachlosenheimen befinden, keinen Anspruch auf eine garantierte Mindestleistung haben. Der Gesetzgeber ist nämlich der Ansicht, dass alle grundlegenden Lebensbedürfnisse (Unterkunft, Essen, Schuhe und Kleidung) in den Aufnahmeeinrichtungen gesichert sind, so dass eine garantierte Mindestleistung von 800 HRK nicht erforderlich sei. Das erschwere es beispielsweise Personen, die in Obdachlosenunterkünften untergebracht sind, aktiv nach einer Arbeit zu suchen (weil sie kein Geld haben, um sich die Autobuskarte zum Arbeitsplatz oder Kleidung für ein Vorstellungsgespräch zu kaufen) oder ihre Angehörigen, die in einem anderen Ort leben, zu besuchen.

All das weise darauf hin, in welchem Maße die Obdachlosigkeit von den Institutionen als echtes Problem verkannt wird, was auch die Tatsache zeige, dass Obdachlose erst vor wenigen Jahren als soziale Kategorie in das Sozialfürsorgegesetz aufgenommen wurden, womit die Obdachlosigkeit „formell als Tatsache und Phänomen anerkannt wurde“, meint Žganec. Er kehrt hervor, dass „die gesamten Mittel, die zur Lösung dieses Problems benötigt werden, einfach zusammengerechnet und mit den zahlreichen anderen Ausgaben verglichen werden müssten, die sicherlich keine solchen sozialen Prioritäten darstellen, wie es das nackte Überleben eines Menschen ist, der all jene Grundrechte, wie das Recht auf Wohnung, Essen, Kleidung und Schuhe und alles, was ein menschliches Wesen definiert, entbehrt“. Die Mittel seien demnach vorhanden, aber nicht auch der Wille, dieses Problem zu lösen.

Original auf Kroatisch. Erstmals publiziert am 13. November 2017 auf MAZ.hr.
Aus dem Kroatischen von Susanne Oroz.

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