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Standpunkte

Ein CERN für das Zusammenleben

Back on Track mit Verena Ringler

22. Oktober 2019
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Begleiten Sie uns auf unserer Zugreise mit Verena Ringler, Direktorin von European Commons und Kuratorin der Tipping Point Talks 2019, die versucht den Boden für die nächste EU vorzubereiten. Sie schlägt vor Dinge anders zu tun um andere Dinge zu tun. In der fünften Episode erklärt sie, warum Europa ein CERN zu Fragen unseres Zusammenlebens braucht.

„Im Juni 2019 reiste ich nach Genf. Unter der Stadt verläuft ein 27 Kilometer langer ringförmiger Tunnel. Und in diesem Tunnel befindet sich ein gigantischer Teilchenbeschleuniger, in dem Protonen aufeinanderprallen können. „Wie funktioniert unser Universum und woraus besteht es?“ Mit diesen Fragen beschäftigen sich Wissenschaftler und Forscher, hauptsächlich Physiker, am CERN, der Europäischen Organisation für Kernforschung. Drei Dinge haben mich dort fasziniert. Erstens, dieses Feiern menschlicher Ambition, unseres Strebens nach der Überwindung der Grenzen unseres Wissens. Zweitens bewundere ich dieses Open-Source-Ethos dort, die Überzeugung, dass dieses Wissen nicht privatisiert gehört und nicht dem Druck nach Lizenzierung und Patenten ausgesetzt ist. Drittens liebe ich den Teamgeist, den es braucht, wenn man Dinge wie das World Wide Web entwickeln oder das Higgs-Boson finden will – beides Erfolgsgeschichten aus dem CERN. Mit Blick auf unser Leben in der Europäischen Union stellt sich nun die Frage: Warum überlassen wir die Wahrung von Rechtsstaatlichkeit, bürgerlichen Freiheiten und Menschenrechten den Aktivisten oder Gerichtshöfen? Die normalerweise erst dann aktiv werden, wenn schon Feuer am Dach ist? Würden wir uns nicht einiges an Problemen ersparen, wenn wir an den Anfang eine vernünftige Forschung und Entwicklung stellen? Wenn wir fragen und forschen, wie wir Gesellschaft so gestalten können, dass wir unsichere Zeiten gut meistern? Über eine Milliarde Euro an Steuergeldern fließt jedes Jahr an das CERN. Und das ist  gut so. Was aber, wenn wir die gleiche Aufmerksamkeit und Summe an Steuergeldern darauf verwenden, um nicht nur die kleinsten und entferntesten Elemente unseres Universums kennenzulernen, sondern auch die nächsten und nähesten Elemente – etwa unsere Nachbarn? Wie wäre es, wenn wir eine Zwillingsorganisation gründen, ein humanistisches, ein zivilgesellschaftliches CERN, das dezentralisiert, multidisziplinär, kooperativ und nach dem Open-Source-Prinzip agiert? Europa braucht ein CERN zu Fragen unseres Zusammenlebens.“

Dieser Text und dieses Video ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht: CC BY-NC-ND 3.0. Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden. Autor: Jovana Trifunovic und Igor Bararon / erstestiftung.org. Titelbild:  © xenotar / Experiments Detail, ATLAS (A Toroidal LHC Apparatus) / istockphoto.com 


Back on Track

In Anbetracht der großen geopolitischen Veränderungen und Herausforderungen in unserer Welt, von zunehmendem Nationalismus über vermehrte Forderungen nach Privatsphäre bis hin zum Spannungsfeld zwischen wachsenden menschlichen Bedürfnissen und ökologischen Grenzen, gibt es zweifelsohne noch Raum für erhebliche Verbesserungen. Wir von der ERSTE Stiftung sehen die Zivilgesellschaft in diesem Prozess als wesentlichen Impulsgeber und haben daher die Videoreihe Back on Track über soziales Engagement und Aktivismus gestartet – als ein klares Zeichen der Unterstützung all jener, die sich dafür einsetzen, unsere im Umbruch befindliche Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Das Video Ein CERN für das Zusammenleben ist die fünfte Episode der zweiten Staffel von Back on Track.