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Die Titanic geht nicht unter.

Günter wohnt auf der Straße. Eine mehrfach ausgezeichnete Reportage über das Leben als Obdachloser in Wien.

4. Januar 2020
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Warum lebt in Wien ein Mensch auf der Straße? Hilft ihm niemand oder lässt er sich nicht helfen? Ein Jahr mit Günter

„Mit der Nacht kommen die Krämpfe. Wie Feuer brennt das. Schmerzen in den Armen. Schmerzen in den Beinen. Ich krieg keine Luft. Das ist das Schlimmste. Am Himmel such ich den Abendstern. An dem halt ich mich fest. Ich bete, dass mich Gott vom Leid befreit. Am liebsten würd ich rauf in den Himmel. Zur Mutter. Sie ist damals an Krebs gestorben. Geschrien hat sie vor Schmerzen Tag und Nacht. Besser wär, ich wär auch schon weg. Wenn die Krämpfe kommen, muss ich aufstehen. Hat mir der Arzt erklärt. Arme und Beine gerade biegen. Atmen. Zigarettenstummel hab ich noch und Zeitungspapier für den Tabak. Ich mag den Geschmack von Druckerschwärze. Ich weiß auch nicht, warum. Sticht in der Lunge und im Magen. Egal. Ich muss gehen.“

Winter

Günter Josef Lechner wohnt am Wiener Donaukanal in einem Wäldchen nicht weit vom Pferdeleberkäsestand. Im Winter verbringt er viel Zeit im Liegen, er döst auf einer Bank einfach vor sich hin. Eine Decke umhüllt den Körper. Ein Bart bedeckt viel vom Gesicht. Eine lange Narbe ziert die Nase. Mehr sieht man von ihm nicht. Die Schuhe stehen parallel unter seinem Lager, eine Krücke lugt hervor, ein Koffer, Plastiksäcke und Papier. Ein Feuerzeug entzündet eine Zigarette. „Servas“, sagt er mit rauer Stimme, er ist mit jedem gleich per du. Am Ende eines Satzes lacht Günter oft in sich hinein. Zum Sitzen bietet er Besuchern – in Abstand einer Armlänge – einen Baumstumpf an. 59 Jahre ist Günter alt, seit fünf Jahren lebt er auf der Straße. Er stammt aus Enzenreith am Schrammelteich, einer kleinen Gemeinde in Niederösterreich. Früher hat er gern gebastelt und Modellschiffe gebaut. Er schwärmt von der Titanic und davon, wie er in ihrem Innenraum Lämpchen installierte mit der Pinzette. Seine Zähne zog er mit der Zange. „Nur einen hab’ ich noch.“ Das neue Jahr zählt keine drei Wochen. Das Thermometer misst zehn Grad Minus. Kalt, sagt Günter, sei ihm nicht.

© Nina Strasser
Günter Josef Lechner im Jänner 2017 auf seinem Bankerl am Donaukanal. Foto: © Nina Strasser

Wie viele Menschen auf Wiens Straßen leben, weiß keiner so genau. Im Winter 2016/17 bieten die Notquartiere rund 1.100 Betten an, die laut Fonds Soziales Wien meist ausgelastet sind. Die Caritas rückt nachts, von Passanten alarmiert, mit Kleinbussen aus, um viele dieser Menschen einzusammeln. Manche steigen dankbar ein, andere nehmen nicht einmal einen Schlafsack an. Günter kennt man ohnehin. Bis zum Herbst hat er oft die Gruft, eine Wiener Hilfseinrichtung, besucht. Dort können täglich bis zu 400 Menschen gratis essen, für rund 70 Obdachlose stehen Stockbetten bereit. Günter wusch für andere die Wäsche, putzte Fenster, kochte gern. Mit der Dämmerung war er stets dahin. „Die vielen Leute halt’ ich nicht aus.“ Dann kam er auch untertags nicht mehr. Als ihn die Sozialarbeiterinnen im Jänner am Donaukanal wiederfinden, nimmt er nur die warme Suppe an. Mitkommen will er keinesfalls. „Ich bin gern in der Natur.“ Günter redet sich die Welt gern schön. Notfalls hilft ihm Alkohol.

Ein Gespräch beginnt Günter stets mit dem dringlichsten seiner Probleme. Im Winter sind das stets die Ratten. Sie kommen aus vier Löchern – in jeder Himmelsrichtung eines. Günters Parkbank bildet den Kreuzungspunkt ihrer Trampelpfade. Die großen Viecher seien halb so schlimm, sagt er. „Beißen tun nur die kleinen.“ Jeden Brösel holen sie sich, selbst wenn er die Pizza am Körper trägt. In der Nacht besucht ihn oft sein Freund, der Fuchs. Der Biber ist ein seltener Gast. Schlecht ist, wenn er sich an Günters Baum zu schaffen macht. Am Tag flattert das „Zwetschgerl“, das Rotkehlchen, vorbei. Auch die Menschen kommen nahe: Frauen, die in die Büsche pinkeln, ab und zu ein Liebespaar. „Sehr oft schaut die Polizei vorbei.“ Rund um Günters Lager schleichen Drogendealer. Einer dieser jungen Männer schenkt Günter nebst Zigaretten hier und da auch einen Euro. Er ist illegal im Land, zu arbeiten ist ihm hier verboten. Die Geschäfte laufen dennoch gut, eine Wohnung, sagt er, könne er sich locker leisten. Dass in einem reichen Land wie Österreich ein alter Mann auf der Straße schläft, versteht der Dealer nicht.

Obdachlose in Wien

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAWO) ging Ende 2017 von etwa 6.000 Obdach-und Wohnungslosen in Wien aus. Diese Angabe beruht auf der Anzahl von Menschen, die mindestens eine Nacht in einer Notunterkunft oder sozialen Einrichtung verbracht haben.

Doch jene, die diese Angebote nicht in Anspruch nehmen, scheinen in der Statistik nicht auf. Laut dem Fonds Soziales Wien (FSW) wurden im Jahr 2016 im Beratungszentrum Wohnungslosenhilfe 4.640 Anträge gestellt, 780 dieser Anträge betrafen Familien.

Manchmal besitzt Günter genügend Geld, um sich eine Nacht im Hotel zu leisten. Dort will er vor allem duschen, denn er geniert sich, wenn er stinkt. Ein Zimmer zu buchen, ist sehr schwierig, weil er keinen Ausweis hat. Vor Wochen hat ihm ein Räuber alle Dokumente abgenommen. Ein Sozialarbeiter der Caritas überredet ihn, die Probleme anzupacken. Das bedeutet Zettelwirtschaft, und Günter muss auf von ihm verhasste Ämter gehen. Streetworker begleiten ihn. „Doch überwinden muss ich mich allein.“ Für die Duplikate braucht er Bares. Vom Sozialamt werden ihm rund 840 Euro Mindestsicherung vorgestreckt. Für drei Euro kauft er Schuheinlagen, für vier besorgt er eine Lesebrille. Dann holt er sich ein Stück Identität vom Pfandverleih in Wiener Neustadt zurück: die alte Uhr, den Siegelring, die Goldkette mit dem G-Anhänger. Die 50 Kilometer zurück zu seinem Donaukanal-Bankerl legt er zu Fuß zurück. Die Laune ist kurz beschwingt. „Den Ausweis hab’ ich halt noch nicht.“

Als der Winter langsam endet, kommt der Fuchs nicht mehr vorbei, die Ratten werden trächtig, und das Zwetschgerl lässt sich nicht mehr blicken. Plötzlich ist auch Günter fort. Die Decken und die Kleiderhaken hängen noch zwei Wochen auf den Ästen, dann entsorgt sie die Müllabfuhr.

Frühling

Am Gaußplatz, wo der zweite und der 20. Bezirk aneinandergrenzen, sitzt Günter frühmorgens auf seinem Lieblingsbankerl. Er wartet auf die Reinigung der öffentlichen Toilette. Nach manchen Nächten liegen Spritzen drin, manchmal findet sich ein Mensch. Aus einer Plastikflasche trinkt Günter Löskaffee, kalt, schwarz und ohne Zucker. Dazu raucht er Zeitungspapier-Zigaretten und liest in einem Gratisblatt. Er lauscht Radio Niederösterreich, das ist sein Lieblingssender. Das Empfangsgerät, sagt er, habe ihm ein Einbrecher geschenkt. Über ihm hocken Krähen, neben ihm sitzt „die Gefesselte“. So nennt er eine Taube, die Drähte um die Beine geschlungen hat. Eine Frau winkt ihm jeden Tag nackt vom Fenster. Ein Mann passiert ihn stets zur gleichen Zeit – im Mund eine Zigarette, die nie brennt. Günter kennt jeden Hund, der in dieser Gegend Gassi geht. „Doch am liebsten mag ich den Chow-Chow.“ An den Tischen versammeln sich Kartenspieler, den Spielplatz bevölkern Kinder. Im Frühling bezieht Günter hier sein neues Nachtquartier.

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"Mit der Nacht kommen die Krämpfe." Foto: © Nina Strasser

An den Donaukanal traut er sich nicht zurück. Zu schlimm war das Erlebte. Es war Nacht, er hörte nichts, den Schlag, sagt er, habe er nicht kommen sehen. „Am schlimmsten hat es die Hand erwischt.“ Auch am Kopf habe es gescheppert. Eine Tasche stahl der Mann, den Goldschmuck hat er übersehen. Die Frau, die Günter fand, rief sofort die Rettung an. Nur kurz blieb er im Krankenhaus, dann zog Günter in ein Hotel, das ihn ohne Ausweis nahm. 75 Euro zahlte er pro Tag, so war das Geld schnell aufgebraucht. Dann legte er sich am Gaußplatz auf die Bank und fror sich durch die Nächte. Als ihn die Streetworker finden, hat ihn die Lungenentzündung fast erledigt. Jetzt liegt er im Krankenhaus und bekommt in dieser Zeit, seinen Ausweis zugestellt. Ein Mitarbeiter vom Fonds Soziales Wien reicht einen Antrag auf eine feste Unterkunft für ihn ein. Günter will nicht in ein Heim. „Nur Ausländer und Scherereien.“ Trotzdem beginnt er zu hoffen, dass er ein Zimmer zugewiesen kriegt. Im Krankenhaus kann er nicht bleiben. Er muss wieder in die Eiseskälte. Die Beine können ihn kaum tragen. Zum Gaußplatz hinkt Günter am Rollator.

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Ich muss gehen. Foto: © Nina Strasser

In Mattersburg liegt Günters letzte Wohnadresse, dort lebte er mit einer Frau. Betrogen habe sie ihn, sagt er, da habe er die Stadt verlassen. „Nur weit weg, egal, wohin.“ Schon in Wien war Endstation. Von da an lebte er im Freien, ohne Job, mit wenig Geld. Die Freunde riefen ihn noch an, bis jemand ihm das Handy klaute. Beim AMS schaute Günter zwar vorbei. „Doch die wollten viel zu viel von mir.“ So blieben Zahlungen an ihn aus. Die Stadt Wien konnte nichts für ihn tun – zuständig ist das Bundesland, in dem man zuletzt hauptgemeldet war. In Günters Fall das Burgenland. Um jemanden, der weder Geld noch Anspruch darauf hat, kümmert sich die Caritas. Das hält den Menschen zwar am Leben, wohnen kann er trotzdem nicht. Um Sozialleistungen zu erhalten und eine Unterkunft der Stadt gilt es Staatsbürger zu sein oder Österreicher-Status zu besitzen. Allerdings gilt es zu belegen, dass Wien der Lebensmittelpunkt ist. Seit fünf Jahren lebt Günter in der Stadt, seit zwei ist er bei der Gruft gemeldet. So bleibt es im Ermessen der Beamten, was sie ihm gewähren. Günters Stimmung wechselt je nach Wetterlage. Dann wird er wieder überfallen. „Um die Halskette tut es mir leid.“

Wer gilt als obdachlos?

Als obdachlos werden Menschen bezeichnet, die auf der Straße oder auf öffentlichen Plätzen wohnen. Als wohnungslos gilt, wer in einer Einrichtung mit begrenzter Aufenthaltsdauer lebt, etwa in einem Übergangswohnheim, einer Schutzeinrichtung oder in einem organisierten Quartier.

In die Kategorie des ungesicherten Wohnens fallen Menschen, die von einer Delogierung bedroht sind, sowie Obdach- oder Wohnungslose, die vorübergehend bei Verwandten oder Bekannten unterkommen. Ungenügend zu wohnen, bedeutet, in einer notdürftigen Behausung zu leben. Dieser Gruppe gehören u. a. Hausbesetzer an.

Günter wünscht sich eine Bleibe. „200 Euro soll sie kosten. In der Nähe soll sie sein.“ In Wien stehen rund 35.000 Wohnungen leer; eine davon beim Gaußplatz um die Ecke, im Parterre. Durch die verdreckte Fensterscheibe wirft Günter täglich einen Blick hinein. Der Boden ist herausgerissen, Kabel baumeln von der Decke. Als er bei der Immobilienfirma anfragt, heißt es, die Miete könne er sich eh nicht leisten. „Geld“, sagt Günter, „ist mir sowieso egal.“ Vom AMS bekommt er inzwischen Unterstützung, sein Anspruch ist noch nicht verjährt. Das Sozialamt hat ihn als Wiener akzeptiert, so kommt er mit der Zusatzzahlung auf insgesamt rund 840 Euro – die Höhe der Mindestsicherung. Gerne kauft er Frauen Rosen oder lädt sie auf Getränke ein. Er will eisern auf ein Luftbett sparen. Und in einem Geschäft hat Günter ein Titanic-Modell entdeckt. Der Frühling geht in den Sommer über, als ihm der Fonds Soziales Wien den Antrag auf Förderung einer Leistung der Wiener Wohnungslosenhilfe genehmigt. Zur Feier zwitschert er im Park ein Bier. Nun noch bei der Post das Geld abholen, die letzte Nacht unter freiem Himmel will Günter noch genießen.

Doch tags darauf zieht er nicht in das für ihn reservierte Zimmer ein. Er nächtigt auf der Parkbank und spuckt Schleim. Das Geld sei weg, sagt er, geklaut. „Schöne blaue Augen hat sie gehabt.“ Sein Blick sucht den Abendstern. „Besser wär´, ich wär’ schon weg.“

„Die beste Zeit ist um vier in der Früh. Da kommen die Betrunkenen aus den Diskos im ersten Bezirk. Denen fällt das Geld einfach aus der Tasche. Betteln tu ich nicht. Wie die damals den Stephansdom gebaut haben, würd ich gern wissen. Am Schwedenplatz verkaufen sie Pizza. Was übrig bleibt, wird weggeschmissen. Ich hol die Pizza eben aus dem Müll. Egal. Schmeckt besser als die Armensuppe am Praterstern. Nur die Linsensuppe kann man essen, die ist nicht nur mit Salz und Pfeffer. Im Prater findet man am meisten. Ein Standbesitzer wickelt die Würstel in Alufolie ein, bevor er sie in den Kübel haut. Meistens war der Dachs vor mir dort. Der geht die gleiche Runde. Im Brunnen hab ich schon viel gefunden. Die Touristen hauen Münzen rein wie wild. Aber nur Kupfergeld. Das zieht beim Gehen die Hose runter. Am Donaukanal bleibt viel liegen. In der Früh sammelt eine alte Frau die leeren Flaschen ein. Das täte ich mir nicht an.“

Sommer

Zwei Kilometer hinter dem Hauptbahnhof, in einer grauen Gasse, befindet sich eines der Übergangswohnhäuser für Obdachlose der Wiener Wohnungslosenhilfe. Schon 1887 beheimatete die Gänsbachergasse eine Armenanstalt, 1989 eröffnete die Stadt Wien das Haus auf Nummer sieben. Rund 280 Menschen leben hier. Im Keller befindet sich ein Bewegungsraum mit ein paar Hanteln, für mehr Geräte fehlt es an Geld. Auf der Terrasse rauchen die Bewohner, die Gartenmauer ist bunt bemalt. Hier leben Frauen, Paare und im fünften Stock Single-Männer. Eine Glastüre trennt den Wohnbereich vom Stiegenhaus, sie ist immer abzuschließen. In jeder Etage gibt es Duschen und Toiletten, einen Aufenthaltsraum und eine Küche. Das Zimmer füllen ein Einzelbett, ein Kasten und ein Tisch. Im Sommer wohnt Günter hier.

Die Entscheidung einzuziehen, ist am Gaußplatz mit den Regentropfen gefallen. Manchmal hat selbst Günter Glück. Und so kam in dem Moment der Trafikant vom Eck vorbei und verständigte auf Günters Bitte die Sozialarbeiter von der Gruft. Ein Zwischenstopp für neue Kleidung, schon saß er am Heim-Empfang und hörte sich die vielen Regeln an. „Das Zimmer kontrollieren die jeden Tag.“ Er muss pünktlich Miete zahlen. Für eine Unterschrift auf dem Vertrag zitterte die Hand zu arg. Der Arzt verabreichte ihm Pulver gegen Krämpfe und um den Magen zu beruhigen. Drei Tage schlief Günter im Bett fast durch, dann war er wieder fit. Inzwischen kann er mit nur einer Krücke gehen. In der Küche seines Stocks kocht er gern Eierspeise mit mindestens acht Eiern. Er duscht sich jeden Tag dreimal, sein Gesicht schmiert er nach der Rasur mit Nivea-Creme ein. Ob er bleiben will? Kann er nicht sagen. „Die Natur ist mir halt am liebsten.“ In den Nächten zieht er weiter seine Runden, manchmal gustiert er Parkbankerl.

Wer lange auf der Straße gelebt hat, muss manches wieder lernen: In der Gesellschaft gelten schließlich Regeln, die ihre Tücken bergen. Darum will die Sozialarbeiterin Günter regelmäßig sehen. Er bemüht sich redlich, die Vorgaben zu erfüllen. „Bei Ämtern bin ich morgens schon vor sieben dort.“ Die Überweisungen des Sozialamts lassen mitunter auf sich warten. Vielleicht fehlte irgendwo ein Zettel, vielleicht verstrich irgendeine Frist. „Das verstehe ich nicht.“ Oft kann sich Günter Pizza kaufen, selten holt er sie aus dem Müll. Bei der Pensionsversicherung stellt er im August einen Antrag auf Frühpension. Gearbeitet hat er sein ganzes Leben. Im Stahlwerk hat er begonnen, am längsten war er Kohleträger. Günter schuftete als Fassaden-Putzer. Hochspannungsmasten hat er bestiegen, bis ein Kollege brannte, hinunterfiel und starb. Als Schwerarbeiter hat er gut verdient und sich sein Kreuz ziemlich ruiniert.

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"Im Brunnen hab ich schon viel gefunden." Foto: © Nina Strasser

Als Günter die Titanic kauft, nimmt er nicht die oberste Schachtel, sondern zieht eine mittig aus dem Stapel. Den Fehler bemerkt er zu spät: Er nahm die Queen Elizabeth. Das sei ihm jetzt egal, sagt er und karrt mit dem Rollator die Einzelteile zum Lackieren in den Augarten. Dort sitzt er oben ohne an einem Tisch und geht wieder seinem Hobby nach. Es dudelt aus seinem Radio. Nur: „Elvis spielen sie so selten.“ Günter redet sich die Welt gern schön. Dabei bemalt er Einzelteile eines Schiffsmodells. Eine Reise will er machen, in seine Heimat Enzenreith. Günter hatte neun Geschwister. Zu den sieben, die noch leben, hat er vor Jahren den Kontakt verloren. Er spricht oft von seiner jüngsten Schwester, die er ganz besonders mag. Ob ihre Angorakatze noch lebt, fragt er sich oft. Ob sie ihn sucht, fragt er sich nicht.

Die Sonne möge scheinen, wünscht sich Günter, bei seiner spontanen Wiederkehr. Kaum ist der Beschluss gefasst, scheint es immer nur zu regnen. Und als die Wetterprognose endlich passt, passiert die nächste Katastrophe.

Herbst

Am Schrammelteich, dort, wo Günter als Jugendlicher auf die Boote aufpasste, vermodert jetzt das alte Gasthaus, das dem See seinen Namen gab. Im neuen gleich daneben trinken Einheimische öfters ein paar Achterl Rot. 1.942 Einwohner zählt Enzenreith. Günters Familie wohnte einst zwischen Feuerwehr und Gemeindeamt. Inzwischen sind alle weggezogen, doch, wie die jüngste Schwester, nicht sehr weit. Sie lebt in Gloggnitz, ein paar hundert Meter weiter, und pflegt den Vater, 93 Jahre alt. Die Schwester hat vier Kinder, Günter kennt nur drei davon. Seit 13 Jahren hat sie nichts mehr von ihm gehört. Inzwischen ist sie Großmutter. Bei jedem Kirtag in der Nähe hat sie nach ihrem Bruder gesucht, denn als junger Mann hat Günter auf Jahrmärkten das Autodrom betreut. Als sie erfährt, dass er noch lebt, bricht sie in Freudentränen aus. Sie erbittet seine Nummer und ruft ihn auf seinem neuen Handy an – und fragt warum er nicht bei ihr sein könne.

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"Wie die damals den Stephansdom gebaut haben, würd ich gern wissen." Foto: © Nina Strasser

Günter hat vor der geplanten Reise einen Sprung ins Nachtleben getan. Am Heimweg in den Morgenstunden habe ihn, sagt er, ein Auto angefahren. Der Lenker sei aufs Gaspedal getreten und verschwunden. Günter schleppte sich auf einer Krücke in sein Zimmer und schlief sich die Promille weg. Jetzt, ein paar Röntgenbilder später, kühlt Eis das schwer geprellte Knie. Nach dem Anruf seiner Schwester tut ihm der Unfall auch im Herzen weh. Immer, wenn er Großes plant, scheint sich das Schicksal gegen ihn zu wenden. Die Schwester schickt per WhatsApp Fotos aus seinem alten Leben. Über eines von der Mutter freut er sich, ihr Grab will Günter bald besuchen. Dass der Vater lebt, sagt er, „ist mir egal.“ Der habe ihn, behauptet er, ohnehin nie richtig wollen. Die meisten der Kinder blieben lange im großen Haus, Günter zog als Erster aus.

Hilfe in Wien

In Wien stehen rund 300 Nachtquartiersplätze und sechs Tageszentren der Wiener Wohnungslosenhilfe ganzjährig zur Verfügung. Zwischen 30. Oktober 2019 und Mai 2020 erweitert die Stadt das Angebot über den Fonds Soziales Wien um 870 zusätzliche Übernachtungsplätze und drei Wärmestuben. Die Mitarbeiter der Caritas sind mit dem Kältebus unterwegs, um Menschen in Notquartiere zu bringen oder Schlafsäcke zu verteilen. Das Kältetelefon ist 24 Stunden am Tag besetzt: 01/480 45 53. Seit 2019 gibt es außerdem die KälteApp für Android- und Apple-Geräte. In Notfällen gilt: 133 (Polizei) oder 144 (Rettung).

Warum er auf der Straße lebt, kann sich Günter nicht erklären. Alkohol, sagt er, sei jedenfalls nicht sein Problem. „Harte Sachen trink’ ich nicht, nur hier und da ein Jägermeister.“ Täglich trinkt er Kaffee, dann tut ihm der Magen weh. Die Angst vorm Scheitern hat er überwunden, wie genau, kann er nicht sagen. Beten helfe, sagt er, ganz sicher. Die Heiligenstatue auf der Marienbrücke, die die Passanten meist übersehen, hat er oft angefleht, wenn er nichts zu essen fand. Günter schmiedet plötzlich Pläne. Zähne will er wieder haben, doch erst will er sich den letzten reißen. Er leidet unter Grauem Star, den will er sich entfernen lassen genauso wie die Krampfadern. Bei der Nationalratswahl im Oktober macht Günter bei jener Partei ein Kreuz, die sich „um die Tiere kümmert und etwas für die Umwelt tut.“. Die Queen Elizabeth hat er vollendet und mit der Titanic angefangen. Als sich der Herbst dem Ende neigt, fährt er erst an den Schrammelteich dann besucht er die Familie. Die Schwester weint Freudentränen, der Vater umarmt den Sohn.

Im Übergangswohnheim machen manche Wirbel, obwohl das in der Nacht verboten ist. Sie klopfen zum Zigarettenschnorren an Günters Tür. „Das sehe ich nicht ein.“ Der Mann im Zimmer nebenan schreit und trommelt an die Wand, sodass Günter kaum schlafen kann. Unlängst hat einer seinen Müll auf einen geparkten Wagen geworfen und ihn damit ramponiert. Die Polizei, sagt Günter, habe zwischenzeitlich ihn verdächtigt. Ein Nachbar kotze in den Gang, ein anderer wasche sich nie und stinke. Die Züge quietschen hinter dem Haus, Flugzeuge setzen zur Landung an „und tun überm Haus die Radln raus“. Ständig muss Günter auf etwas warten, auf einen Termin oder sein Geld. Sein Antrag auf Frühpension wird nicht genehmigt. Trotzdem muss er röntgen gehen. Günter schluckt viele Schmerztabletten. „Besser wär’, ich wär’ schon weg.“

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Im Jänner 2018 wohnt er in einer festen Unterkunft der Caritas und hat ein Titanic-Modell gebaut. Foto: © Nina Strasser

Die erste Chance auf eine dauerhafte Bleibe lässt er ungenutzt verstreichen. Eine Entscheidung über Nacht, sagt er, sei seine Sache nicht. Dann kommt der Winter zurück und mit ihm die Kälte. „Egal“ sagt Günter nur noch selten.

„Am Gaußplatz wart ich auf den Sonnenaufgang. Die Würstel in der Alufolie sind warm. Die Gefesselte ist schon da. Die Krähen schlafen noch, die Menschen auch. Bald kommt die Frau mit dem Chow-Chow. Die Wohnung steht noch leer. Im Klo liegen wieder Spritzen. Den Dealer erkennt man fast nicht mehr. Der trägt jetzt Bart und Sonnenbrille. Verkaufen tun nur noch seine Neffen. Das Sackerl sind Zigarettenstummeln. Vier Euro hab ich heut gefunden. Das Kupfergeld hab ich der Bettlerin auf der Brücke geschenkt. Heute soll die Sonne scheinen. In der Gratiszeitung ist ein Foto vom Fuchs. Das haben sie am Donaukanal gemacht. Das würd ich gerne in meine Wohnung hängen. Darunter stell ich die Titanic.“

Erstmals publiziert in am 19. Dezember 2017 in der Printausgabe 51/17 des FALTER. Diese Reportage ist eine adaptierte Langfassung der Erstveröffentlichtung.

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt: © Nina Strasser. Bei Interesse an Wiederveröffentlichung bitten wir um Kontaktaufnahme mit der Redaktion.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern, Grafiken und Videos sind direkt bei den Abbildungen vermerkt. Titelbild: „Besser wär, ich wär schon weg.“ Foto: © Nina Strasser


Journalismuspreis „von unten“

Der Journalismuspreis „von unten“ wurde 2010 von der Armutskonferenz entwickelt. Mit dem Ziel einen Journalismus zu fördern, der den vielen Facetten von Armut gerecht wird, Betroffene respektvoll behandelt, ihre Stimmen hörbar bzw. sichtbar macht und Hintergründe ausleuchtet. Die Jury setzt sich ausschließlich aus Menschen mit Armutserfahrungen zusammen und auch deshalb ist die Würdigung für die ausgezeichneten JournalistInnen etwas Besonderes.

Seit 2015 wird mit Unterstützung der ERSTE Stiftung und des EAPN (Europäisches Armutsnetzwerk) an einer internationalen Verbreitung des Preises gearbeitet und dafür internationale Austausch-Workshops organisiert. Zuletzt wurde der Journalismuspreis für respektvolle Armutsberichterstattung erstmals auch in Ungarn, Kroatien, Finnland und Island verliehen. 2018 wurde dieser Artikel von Nina Strasser in der Kategorie Print ausgezeichnet.